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Jüdische Rundschau · 1911-12-01 · Heft 48 (1.12.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Spredialundrn Dien«lag und Donnerataf 5—0 Uhr n»d1milt«g«. Kislew 5672 XVI. Jahrgang Nummer 48 Ausweis Landesbeitrligc: Strabburg i. E. 70 M. Organisationsfonds: D. L. Wolfsohn, Memel, Jü M., B, Spirn, Pforzheim, 6 M., O. Frühling, (»Io* gau 5 M., Robert llermaiui, Festenberg, 3 M., B. L. Hurwitz, Dresden, 5 M. Eingang vom 22.-29. Novembers Landesbciiriige 70 M., Organisntionsfonds: 29 M. Gesamteingangs Schekel: 177 M., I.nndeshei• träge: 6193,05 M., Organisationsfonds: 6S(:8,SS M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vorelnigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sächsische Straße §. Postscheckkonto: Berlin 809t, Bank• konto: A, H. Heymann & Co., Berlin, Unter den Linden 59. Verlorene Liebesmüh’ Die Klagen um die entschwundene alte gute Zeit haben hei uns Juden nie ein besonderes Echo gefunden. Worum hätten wir mich weinen sollen, das uns iii den letzten Jahrhunderten verloren gegangen wäre? Unsere Emanzipation, unsere Geltung als sozusagen gleichberechtigte Bürger ist in ganz Westeuropa recht eigentlich kaum fünfzig Jahre alt, noch fast nirgends ist sie sehr gefestigt, für den ganzen Osten erhofft man sie überhaupt erst von der Zukunft. Also: wenn irgend jemand, so hatten gerade wir keinen Grund, vergangenen Zeilen, wo wir am Stadttore gleich dem Vieh verzollt wurden, nachz.u• trauern. Wenn irgendeine Menschengnippe, so imiBten gerade wir alles erst von der Zukunft erhoffen. Und in dem Zukunflshoffcn, in dem Sich־nicl1t־entnu1tigen־lassen, itt unserem uuerschütterlichen Optimismus liegt zweifellos ein gut Teil unserer Stärke mul Widerstandskraft. Aber auch eine Ursache unserer geradezu naiven Ver• trauensseligkeit, die schon oft unser Verhängnis ward. Der Zionismus hat für alle Zeilen das Ver• dienst, die Juden in etwas zum Skepti/isuuis er־ zogen zu haben — denn im Hinblick auf ihr eigenes Schicksal waren die Juden nie skeptisch - /.uni iniIHrauischen Betrachten der ״Errungen• schäften“ eben jener Emanzipation, von der sich eine Zeitlaug die Führer der Jiidenlipit allein das Heil versprachen. Von der die offiziellen Vertreter Israels es sich noch heute versprechen. Konnten und imiBten wir auch nachweisen, dab diese Emanzipation, in einer Zeit der Herr• Schaft liberaler Ideen gewahrt, überall dort nur höchst unvollkommen durchgeführt sei, wo irgend Juden iii gröberer Zahl sitzen, so wurde uns immer entgcgengehalten: ja, aber Frankreich, England, Italien! In Frankreich erfolgte das schreckliche Erwachen .während der Zeit des Dreyfus-Skandals, und seitdem kann nur noch, wer den Kopf nach Art gewisser afrikanischer Rieseuvögcl im Sande versteckt, den heftigen Antisemitismus leugnen, der das ganze Volk er• füllt, der unter der Decke iiubercr Zivilisation und Duldung s:hhunmerl, um bei jeder kleinsten Gelegenheit geradezu brutal hcrvorzubrechcn. Und England? Müssen wir au die zahlreichen ״judenreinen“ Lokale aller gröberen englischen Städte erinnern, an die Schlacht in Houndsditch, die niemals stattgefunden hätte, wenn es sich um englische Verbrecher gehandelt hätte, mul hei der drei — wie sich herausgestellt hat aller Wahrscheinlichkeit nach gänzlich unschuldige Juden ihr Lehen lassen mufiten, an die jüngsten Pogrome in Wales, die keiner von den echtrussischen Leuten inszenierten Judenhetzc das ״Dor Zionismus erstrebt für das Jftdiacho Volle die Schaffung einer öf Cent- Ilch-rochtllch gesicherten Ilclmntütto in Polüatlua•" Baseler Programm. Geringste nachgeben, an die kühle Antwort des 1 englischen Ministers auf den Protest einiger jiidi• I sehen Gemeinden? Nein, mit England und Frankreich als Bei• spielen der vollzogenen Emanzipation ist es nichts. Dort ist der J tt d e n 11 a b im Volke genau so lebendig wie anderswo. Und in den oberen Schichten ist er doch geradezu selbstvcrstünd• lieh. Dab die Animosität gegen Juden und alles Jüdische sich in London und Manchester nicht so üuliert wie in Kiscbiiievv und in Jassy, ist einfach im Temperament und in der Kultur der Völker begründet. Und wer sich stolz, als Bürger fühlt, wenn er einigertnaben seines Lehens sicher ist und in seinem Erwerbe nicht gar zu sehr geschädigt wird, der mag auch als Jude England und Frankreich für die Jdealländcr halten. Zum Glück aber hat der Ghettogeist nicht allzu viele Juden so weit verderbt, und der chrlicbcndc JudeJühlt sich an der Seine und auf den grob• britannischen Inseln genau so wenig wahrhaft als freier Bürger, wie das in Preubcn־Deutsch* laud oiler iu Oesterreich der Fall sein kann. Nun kommt Italien au die Reihe, das demokratische Italien, das sich vor fünfzig Jahren seine nationale Einheit errang, lind auf das alle Freiheitsfreunde mit so viel Sympathie blickten, wenngleich seine inneren Zustände nicht gerade überall Zeugnis von hoher Kultur ablegtcn. Ge* stehen wir es: auch wir Juden hatten alle «an Italien eine reine Freude. War es doch iu der Tat das einzige Land, das einen das ganze Volk vergiftenden Antisemitismus nicht zu kennen schien. Um so schwerer trifft uns mm die Ent- (äusclumg, die ja kommen nuibte, die nun so rasch kam und bei einer Gelegenheit, die so an den Haaren herbeigezogen mul so winzig ist, dab wir es einfach als Irrtum bekennen!missen, wenn wir Italien für frei vom Judenhaü gehalten haben. Was ist denn vorgegnngen? Nicht viel, aber um so (CharakteristischeresI Italien führt, vom Orobmaehtskitzel verlockt, einen Krieg gegen die Türkei, den alle Welt mibbilligt, weil alle Welt ihn, von anderen Orüuden ganz abgesehen, für überflüssig hält, seihst wenn Italien seine Ziele iu Tripolitanicn verfolgen zu müssen glaubte. Noch niemals war die Presse aller Läוו d er und aller ParieI cn so einmütig in der Beurteilung einer Sache, wie in diesem Falle. Dab mm die italienischen Blätter deutschen und österreichischen Zeitungen den häblichen Vorwurf machten, sie handelten im Interesse he• stimmter, an der Türkei interessierter Finanzgruppen, seien also von diesen bestochen, war schon schlimm genug. Auch ist es ja uuvorsiehlig, immer gleich von den eigenen Gcwolm* beiten auf die anderer Leut« zu sehliedm. Aber dabei blieb es nicht, wenngleich unsere libe* ralcn Blätter, wie sehr sie jetzt mit Recht gegen Italien verstimmt sind, nicht mehr von den Anschtildigungen der Italienischen Presse wiedergegeben haben. A!1 gesehene und grobe Blätter 11 n 1 i c n s haben es nämlich nicht verschmäht, die Mallung der deutschen und osterreichischcn Presse, obwohl alles in englischen und französischen und amerikanischen Zeitungen genau so zu lesen stand! ~ auf eine jüdische M a c h 0 zurückzuführen und die w i d c r w ä r - t i g s t e n antisemitischen Artikel zu veröffentlichen. Eine Kleinigkeit, nicht wahr? Aber diese Blätter müssen doch ihr Publikum kennen und wissen sicher, womit sie auf dieses Publikum Eindruck machen! Es ist also nicht zu leugnen, dab wir uns auch iu der Beurteilung Italiens und des italienischcn Volkes schwer getäuscht haben, wenn wir es für -- nicht etwa jtidcnfrcundlich —־ einigermaben welliger antisemitisch als andere Völker hielten. Wem» aus solchem Anlab ein so un* verhüllter Judeuhab bei liberalen und demokratischen Blättern ausbrechen kann, wenn man auch in Italien, genau wie anderwärts, bei der ersten Suche nach einem Sünden bock, an dem mau seine Wut nuslasscu kann, auf nichts anderes verfällt, als: ״Der Jude wird verbrannt“, dann war es doch eben ein Irrtum, in dem wir alle befangen waren. . . . Wir registrieren das mit der Objektivität und der Ruhe des Historikers. Demi wir wubten es auch vorher, dab alles Liebeswcrben um die Gunst und Freundschaft der Völker vergeblich bleiben m u IS, solange wir darauf angewiesen sind. Aber den Emnnzipations-Opt'misten mag cs eine Lehre mehr sein. Für uns gilt in der Tat das Wort ״Feinde ringsum“ der Kreis ist jetzt geschlossen. Wo ist jetzt das Ideallaiui der Emanzipation? Vielleicht entdeckt man nun Australien oder Paraguay es wird immer dasselbe sein. Den jüdischen Minister oder sogar ein Dutzend jüdischer Offiziere wird sich vielleicht manches Land gefallen lassen. Die Juden, als solche, lehnt der Volksiiistiukt ah und macht sie für alles Hebel verantwortlich, weil sie Heimatlose sind. In Finnland fand mau dafür die niederträchtige, aber beileulsanu• Formel ״Juden und Zigeuner“. Und die Zukunft wird nicht anders sein, als die von uns so wenig gepriesene Vergangenheit, bis ־־; nchmt's schon hin, wenn es auch hart klingt — bis wir keine Zigeuner mehr sein werden, ib. Der Hebräertag in Lemberg (Vorläufiger Bericht.) Wer die. Verbindung jüdisch-kultureller For* dcrimgcii mit politischen, wie sic im Baseler Programm eulhaltcn sind, jemals als eine zufällige, in ihrer Natur nicht begründete gehalten hat, der kann bei aufmerksamer Beobachtung dessen, was sich iu den letzten Jahren im gali/ischcn Judentum vollzogen hat, eines Besseren belehrt werden. Er wird erkennen, wie hier neben den! Erwachen des politischen jüdischen Willens ein neues Sehnen nach jüdisch-kulturellen Werten einhergeht, und wie eines durch das andere befruchtet und gefördert wird. Erst vor wenigen Monaten haben wir erlebt, welche schöne Probe auf ihre politische Aktivität unsere gali/isehen Brüder im Wahlkampf zu bestehen vermochten, und mm hat m der letzten Woche der I. Hehräcrtag in Lemberg sinnfällig bewiesen, dab das Gesamtjudentum von dort wohl noch manche Bereicherung iu kul« tuicller Hinsicht zu erwarten hat. Hier wie dort handelt cs sich nicht um eine rein zionistische Aktion ein jeder, der auch nur eine Teilnrbeit zu leisten gewillt war, war willkommen —

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