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Jüdische Rundschau · 1911-11-24 · Heft 47 (24.11.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 556 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 47 ״Juden, vergesset nicht, was Spanien uns in veraener Zeit und was die europäischen l.iimler, insbeerc Rußland, uns in allerjüngster Zeit getan haben und noch heule tun! Wir haben in derTiftkei ein Asyl gefunden, möge es üott schützen! Helfen wir der Türkei, denn sie war es, die uns mit offenen Armen־ empfing! ... Denket au die Leiden in Spanien, denket an die organisierten Judenschluchtercien in Rußland und au die Gräber eurer Brüder, Opfer russischen Barbnrismus. Denket an all das Unglück, das uns getroffen und das seihst unsere Feinde gerührt hat und denket schließlich daran, daß der einzige Ort, der uns als Schutz, gewährt wurde, die Türkei warl" Zum Schlüsse fordert der Aufruf die ottomnnischcu Juden aut, Gut und lilnt für das Vaterland zu opfern. KORRespoNDenzeri Par!« *0,17®"1 י<at die Agitation gegen die 1 a! 13 hier anssiisigen osteuropäischen Juden von neuem eingesetzt. Die aus Rußland, Galizien und Rumiinien eingewanderten Juden bewohnen meist einige Straßen im •I. Arrondissement, in der Nähe des Ratliauses. Hier ist im Laufe der Zeit ein eigenes Ghetto entstanden, wie man cs in vielen wesleuro. piiisclicu Großstädten keimt. Diese ausländischen luden sind meist Handwerker und Kleinhändler und leben in recht ärmlichen Verhältnissen. Einzelne unter ihnen haben cs jedoch zu einigem Wohlstand gebracht und infolgedessen den Konkurrenzneid der christlichen 'Geschäftsleute wachgerufen. Schon vor zwei Jahren sind in einzelnen nationalistischen Blättern gehässige Angriffe aut die ״ausländischen Einwanderer“ erschienen. Damals trat die Christliehe Schriftstellerin Severine diesen antisemitisehen Ausfällen in dankenswerter Weise entgegen, während eine Abwehr von jüdischer Seite nicht erfolgte. Neuerdings hat nun der Verband der seihstständigen Kaufleute und Gewerbetreibenden im vierten Bezirk eine Eingabe an den Ministerpräsidenten C a i 11 a u x gerichtet, worin die Regierung ersucht wird, Maßnahmen gegen die Einwanderung unerwünschter Elemente zu ergreifen. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß unter den ״unerwünschten Elementen“ in erster Reihe die armen osteuropäischen Juden zu verstehen sind, die im freien Frankreich eine Zufluchtsstätte und Gelegenheit zu redlichem Brotersyerb suchen. Merkwürdigerweise stehen die ״offiziellen“ Kreise der Pariser Judenheit dieser ganzen Hetze, deren antisemitischer Charakter doch klar zutage liegt, völlig gleichgültig und untätig gegenüber. # E* geht docii nichts über die Zu- 1 eiersuurg stände im heiligen Rußland. Da ist ein allmächtiger Minister, der Vertrauensmann seines Kaisers, der einzige Staatsmann von einiger Bcdculung im weilen Zarenreiche •— und er bringt cs beim besten Wellen nicht fertig, auch nur dem kleinsten Mißstande abzuhelfen, in seinem Kampfe gegen Barbnrei und Rassenhaß auch nur einziges Mul seinen Willen durehzusetzen. — Der Manu, uer einst gesagt hat, er könne nicht verstehen, wie das Glück seines Vaterlandes sich auf der Unterdrückung aller Nichtrussen begründen solle, der noch vor kurzem versicherte, gegen diese Unterdrückung bis an das Ende seines Lebens kämpfen zu wollen, sieht sieh durch höfische Einflüsse gezwungen, seine Zu- Stimmung zu den ärgsten üewalismallregeln zu geben. Sind doch rings um Hui nur Feinde und nicht zum mindesten im eigenen Lager. Während der Justizminister ScUcglovitoft alle Gegner des Premiers um sich sammelt, versucht Minister K a s s o, sieh die Gunst des Hofes durch antisemitische Maßregeln zu erobern, die dom Willen Kokowzcws strikt zuwiderlaufen. Infolge eines Streiks waren die Stil* dentinnen der hiesigen medizinischen Fakultät vom Studium ausgeschlossen worden. Nach kurzer Zeit wurden die Christinnen wieder /.!!gelassen, die Jüdinnen dagegen ans Petersburg ausgewiesen, und auf eine Beschwerde hin erklärte Herr Kasso: ״So• lange ich Minister hin, wird nicht eine einzige wieder aidgenommen, und das KontiugcnUerungsgesetz für Jüdinnen sicher nicht gemildert werden." Wenn man etwas schärfer zusieht, merkt man sehr schnell, woran diese Machtlosigkeit des Premierministers liegt. Kokowzew hängt eben völlig vom Hofe ab, wo er nur sehr wenig Freunde besitzt. Der Zar stellt völlig unter echt-russischem Einfluß; und da er eben mit einer jmleiifcimlliehen I leeresvorlage beschäftigt ist. wird der Premier auch in diesen saueren Apfel heißen müssen. — Kokowzew ist eben kein Held und hat keine Anlage, ein Märtyrer zu werden für die Saeiie der Menschlichkeit. ,,Sachte, nur sachte,“ ist seine Devise, und allzugern mochte er es mit keinem verderben. Obgleich er dem Abgeordneten Scbingarieft gegenüber versicherte, er halte die russische Judenpotitik für ״barbarisch“, obgleich er ein Gegner der Ausweisungen ist, erklärt er au anderer Stelle, er sehe sieh außer Staude, das Auswcisuugsgesetz irgendwie zu mildern; nur unnötige Grausamkeiten werde er einzuschränken suchen. — Gewiß, wenn Kokowzew׳ etwas Energie besäße und nient stets nach der Gunst der Echt-Rnsscii schielte, würde auch er für seine menschenfreundlichen Pläne Heller finden. Zum Beweise sei hier ein Briet wiedergegeben, «len der (ieucralgouverneur von Polen, Skalun, au den bekannten Schriftsteller Posse richtete: ״Mein Aufenthalt in Polen hat mich aus einem Judenfeind zun! Judenfremul gemacht. Die Juden besitzen eine edle Ocsinmmgsart und eine Menge guter Eigenschaften. Sie sind brave, wohltätige, ruhige Leute, die die Christen durchaus nicht hassen. Der Tag der Judeiiemauzipation würde der glück.iehsto meines Lehens sein; denn er würde Wohlstand und Segen dein ganzen russischen Volke bringen.“ Aber solche Worte wohlwollender Männer verklingen im wüsten Geschrei der echt-russischen Leute und ihrer Leiborgane, und der ״stille Pogrom“ herrscht weiter im ganzen Reiche. Immer scheußlichere Einzelbeiten dringen dabei an die ()Öffentlichkeit. — Indessen werden neue Pogroms aus Polen gemeldet. Wie in letzter Zeit stets, waren auch hier frisch nusgeliohene Rekruten die Urheber. Schon waren in Petrikow mehrere Juden verwundet, einige Läden erstürmt worden. Da schloß sieh die jüdische Jugend zusammelt zur Selbstwelir — und ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit gelang es, den Gegner zu zerstreuen.Herr Kokowzcw wird den Juden nicht helfen, und auch die eben gekennzeichnete Art der Selbstwehr ist zumeist nicht möglich. — Es sieht eben immer noch recht schwarz aus im Lande des weißen Schreckens. * Uic Lage in Haifa, wo seit einigen Wochen llallcl die Cholera wütet, hat sich in letzter Zeit wesentlich gebessert, Damit findet die harte aufopferimgsvolle Arbeit der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt ihre Belohnung. Als sieh die ersten Anzeichen der heimtückischen Seuche zeigten, bildete sich unter Führung von jüdischen Aerzten ein Verein, dem ausschließlich Juden nngehorlen, und der, ohne Unterstützung bei der Regierung zu finden, sofort den Kampf gegen die Krankheit und ihren gefährliebsten Bundesgenossen den Schmutz aufuahin, Mit welcher Opferfreudigkeit, welcher Energie, welche( Hingabe Tag 11ml Nacht gearbeitet wurde, das kann nur der ganz würdigen, der den Segen dieser Arbeit mit erfahren durfte. Besonders die arabische Be* vülkermig, die bisher bei ähnlichen Gelegenheiten einfach dem Verderben geweiht war, ist voll von Lob und Dankbarkeit für das Werk der Menschlichkeit jenes jüdischen Vereins. ״ Freilich, die Lage tler Stadt ist noch immer außerordentlich traurig. Die Häuser sind größtenteils verlassen, fast die Hälft«: der Einwohnerschaft ausgewandert. Die Araber haben auf tler Höhe des Karmel ein Zeltlager er. lichtet, die Juden flüchteten sich zum Teil in die benachbarten Kolonien. — ln der Stadt selbst sind die meisten Läden geschlossen. Im Hafen ruht jedes Lehen. Europäische Schiffe meiden schon seit Wochen den verseuchten Ort, Handel und Watuld liegen darnieder, und auch die Juden haben heilen teude Verluste erlitten. Dazu kommt noch die all. gemeine wirtschaftliche Depression infolge des Krieges. Das schöne Haifa geht trüben Zeilen ent. gegen. «; AUS ALLCR Weil « Deufsc/ilftnd Als Kennzeichen der im allgemeinen gegenüb r den Juden an maßgebenden Stellen herrschenden Gesinnung kann mau in gewissem Grade die Stellun;. nähme der Behörden gegenüber jüdischen Natur.v!• sationsgcsuchcn gelten lassen. Der erste Eindmk wäre hiernach verhältnismäßig nicht ganz, so un. günstig wie früher; denn eine gewisse Anzahl Naturalisatioucn wurde im Laufe unseres Berichtsjahres gemeldet. Bei näherer Prüfung ergibt sich aber, daß es sich fast überall um junge Leute handelt, die sich zum Militärdienst gestellt habet und für tauglich befunden worden sind, eine Voraussetzung, an der mau für die Naturalisation in Preußen der Regel nach festhält. Anderseits ist die Zahl von Meldungen über Ablehnung von Naturnlisationsgesuehen lad ebenso groß wie bisher, mul fast immer hat nach unseren Nachrichten die Konfession der Antragsteller allein den Grund zur Abweisung gegeben. Es muß wiederum betont werden, daß sich unter den Ahgewieselten auch holländische Juden befinden, auf die das Schlagwort von der kulturell minderen Qualität gegenüber der christlichen deutschgeborenen Bevölkerimg der betreffenden Gegend, mit dem gegenüber den aus dem Osten eingewanderten Juden vielfach operiert wird, unzweifelhaft keine Anwendung fimlcn kann. Wie seltsam hart vielfach Behörden noch immer unseren Glaubensgenossen in dieser Beziehung bc* gegnen, kann der Fall eines jüdischen Ingenieurs russischer Herkunft zeigen, der im Rheinland zwar bei einer Staatsbehörde beschäftigt, aber gleichwohl nicht naturalisiert worden ist. — Sogar ein lall, in dem ehemaligen deutschen Juden, die durch jaltrzchntelaitgen Aufenthalt in Amerika die Staatsange- Hörigkeit verloren hatten, die Renaturalisation verweigert wurde, ist auch in diesem Jahr wieder mitgeteilt worden. Was im übrigen die Behandlung «ler ausländischen Juden in Deutschland betrifft, .so ist bemerkenswert, daß gerade in demjenigen e.-tdeutschen Bezirk, der sich sonst in unnachsichtigen Ausweisungen hervortut, in dem sogar der in Peutsc'1land gar nicht ansässig: Inhaber einer in Deutschland belogenen Geschäftsniederlnssung über die Grenze gewiesen wurde, ausländische jüdische Grubenarbeit ■r in größerer Zahl geduldet werden. Es scheint al-o, daß die grundsätzlichen ״Bedenken“, die man soi . t den Juden gegenüber ins Feld führt, hier ein«;1 wirtschaftlichen Interesse gegenub.r schweigen, also nicht absoluter Natur sein kömim. zu tun — zur Lösung der Einigrationsfrngc ein Bei* spiel zu geben. Friedmanu dachte dabei sicherlich an Palästina, aber hier gab es damals große Schwierigkeiten, und sie schienen noch größer als sie waren. Er kannte die Verhältnisse Aegyptens, wo er viele Jahre gelebt batte, und wollte versuchen, einen Teil der jüdischen Auswanderung nach einem Nacjibarlandc Palästinas zu lenken, das unter ägyptischer Verwaltung stand, und zwar nach dem Laude Midian. Midian — oder wie cs jetzt heißt, Madian — ist der nordwestliche Teil des Küstenstreifens der arabischen Halbinsel oder etwa das Gebiet zwischen Akabah (am gleichnamigen Golfe) und dein zirka *150 km südöstlich gelegenen Küstenplatz El-Widseh. Nach den Forschungen englischer Gelehrten und eigenen Untersuchungen (Friedimuw besaß eine eigene Jacht ״Israel“, mit der er häufig in den Gewässern des nördlichen Roten Meeres kreuzte) hielt er dieses Gebiet, das damals noch ägyptisch war, für das geeignetste. Er veröffentlichte seinen Plan, der darauf hiuauslief, zunächst eine Anzahl von Männern militärisch zu drillen, damit sic sich bei den Arabern und Beduinen ihrer künftigen Heimat in Respekt setzen könnten. Tatsächlich wurden einige hundert Juden für das Unternehmen angeworben, auf Fricdmanns Kosten ausgerüstet und zunächst nach der Sinai-Halbinsel befördert. Dort sollte Ihre militärische Ausbildung vor sich gehen, Ein deutscher Baron, ehemaliger Quizlcr, hatte das Kommando, ein ausgedienter Feld* webel war für den Drill engagiert. Lagerzeltc, Waffen, Vorräte an Lebensmitteln und an Munition, alles war vorbereitet. Es gab sogar eine kleine.Mitrnillcuse. Aber leider ging die Sache bald in die Brüche. Waren die angeworbenen schlecht ausgewählt, war ihnen die Disziplin zu ungewölmt, war ihnen die veränderte Lebensweise zu schwer zu ertragen — ich weiß es nicht. Das Unternehmen löste sich auf; Friedmann, der sicherlich den besten Willen gehabt und der Sache große Opfer — nicht nur an Geld — gebracht hatte, wurde noch aller möglichen Dinge beschuldigt, wie das so zu kommen pflegt, und von der Midian-Affärc ist nichts übrig geblieben, als die Erinnerung -* und einige interessante Photographien. Bücher und Zeitschriften Ucber Heinrich FI eine In Posen ist von Geh. Archivrat Warschau er eine Schrift als Festgabe der Akademie an die germanistische Sektion.des Philologentages erschienen. Allerdings sind nur 100 Excmplarc für den.Handel bestimmt, so daß bei der großen Gemeinde der Heine-Sammler diese interessante Abhnndlung in Kürze eine literarische Seltenheit werden dürfte. Die Schrift schildert die literarische Preßfelule des Redakteurs der Zoscncr Zeitung mit Flcinc im Jahre 1823. יי Die Jublläuinsgabc des bekannten Verlages S. Fischer, Berlin, ״Das XXV, Jahr“, bringt auch uns Juden eine schöne Verheißung. Richard B c e. Hof man n veröffentlicht darin ein paar feine Prob :1 aus einem fünf Abende umfassenden Dramenzyk יי ״Die Historie vom König David“. V. e weit das Werk seiner .Vollendung nahegebracht :!, wird nicht mitgeteilt. Auf Pecr-I I o f m a 1111 s so! l so sparsames Schaffen wurde mau zuerst durch s.!׳ Trauerspiel ״Der Graf sm Qurotais“ auimerks..a gemacht. Die Gestalt des ״roten Itzig“ in dies! ■1 Stück ist mit besonderer Liebe gezeichnet, und di: große Anklage, die der alte Jude seinen christlich"! Bedrängern entgegcnschlemlcrt, wirft ein Schlaglic! t auf die Stellung des mittelalterlichen Judentums m Deutschland überhaupt. Ganz besonders nahe ויי uns der Dichter aber durch sein schlicltt-stol/'י ״Schlaflied für Mirjam“ getreten, das sich in albu Kreisen, wo man am jüdischen künstlerischen Schaff n Anteil nimmt, Hcimatrccht erworben hat. Man wir«! daher dem neuen Werke des Dichters in unsere! Kreisen mit berechtigter Spannung cntgcgcnsehen dürfen. * Im Verlage Jouvc ft Cie. ist soeben unter dem Titel ״Hisloirc de la littiSraturc juddoa 11 c m a n d e“ eine umfangreiche Darstellung der Jargonlitcrnlur und ihrer Geschichte aus der Feder von I)r. M. Pints erschienen. Dem stattlichen, 580 Seiten starken Oktavhandc ist eine Vorrede von Prof, Charles Atidler, dem bekannten Qcrinanistcn von der Sorbonne, vorangeschickt,

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