Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 555 Nr. 41 U11 i v c rs c 11 e“ In ein ״Comil^ pari sich I i»ancicl“. Das mag sie ruhig und ungestört bleiben. Wir und sie! Sie werden Millionen l\anken verwalten, wir werden Millionen Menschen fuhren. Sie werden hinschwinden, wir werden aufblühen. Sie sind ein Schatten aus der Vergangenheit, wir sind ein Snahl in die Zukunft. Es ist gut, dnll es so gekommen ist. Es ist gut, »fall der tmtcrschied sehlielllieh so säuberlich klar, leuchtend-deutlich wird. Dtp Hilfe, Schünt'bvt'(/ Es ist für uns deutsche Juden seit langem eine lenugluung, zu sehen, wie die öffentliche Meinung mseres Landes und die Staatsrcgierung in ihrer tellung zur jungen Türkei den gleichen frenndsehaft-;!dien Standpunkt cinuinunt, der uns durch die Tra- :ilion der geschichtlichen Ereignisse und durch ein 1in1;ires Rcchtsgefühl geboten ist. Es ist. deshalb ..nscr Wunsch, dal! die gegenwärtige Abirrung von er lange Zeit geübten Politik des Reiches — deren ,ctzte Beweggründe und Absichten zu durchschauen .•der zu beurteilen wir uns nicht vermessen, nur ine vorübergehende sein möge. Dal! wir in dieser 1 loffmmg eins sind mit weiten Kreisen des deutschen Volkes, bezeugen die folgenden Satze aus dem Nattinaiinscheu Blatt: . l£!1 maeht eineu peinlichen Eindruck, zu M'hcn, wie die deutschen amtlichen Stellen es vermeiden, der Türkei in einer nach außen spürbaren Weise das Wohlwollen Deutschlands in der Krisis zu erkennen zu gehen, die sie betroffen hat. Es versteht sieh von selbst, dal! wir keine bewaffnete Intervention zu ihren Gunsten vornehmen können, aber cs ist in Jicscm Palle nicht nötig, mit dem Empfinden der Nation in Widerspruch zu treten, «las in dem Kriege um Tripolis die Türken im Recht und die Italiener in flagrantem Unrecht sieht.“ Israi fittsc/trs FtnnUiru blatt, /lutnfnn!/ Wir sind gewohnt, alle jene Symptome auch die kleinster. - , die auf den allmählichen Wechsel zum Besseren, der sieh innerhalb des deutschen Judentums vollzieht, schlichen lassen, mit besonderer Sorgfalt und freudiger Anerkennung zu registrieren. Das Hamburger Blatt bespricht in s.iner letzten Ausgabe das provokatorische Verhalte n d er Regier u n g gegenüber dem deutschen Jmlentag in einem 'lonc, den man noch vor zwei oder drei Jahren in diesen Spalten vergeblich gesucht hätte: ״. . . . Man wird auch wieder mit der ״Paritat‘* operieren und duraut verweisen, dal! die Ucgierung zu den jährlichen Katholikentagen keine offiziellen Vertreter entsendet. Dann mülhc man aber auch den Tagungen des Evangelische n Hundes gegenüber die gleiche Zurückhaltung üben. Aullerdem ist ein Grund zu einem Wechsel zwischen dem Verhalten auf den Verbaudslagen in Breslau und Berlin nicht erkennbar, cs sei denn der, daII man die in Berlin lauter erhobenen politischen Staatsbürger- | lieben Forderungen der deutschen Juden nicht erfüllen, sie schon durch den ״ah wesenden Geheim rat“ als nicht akzeptabel kennzeichnen will. . . .“ Siraz PotHka Die Leiter der Lügenkampagne, die von polnischer Seite gegen Judentum und Zionismus eingeleitet wurde, haben jetzt zu einem zweiten Schlage ausgeholt. Unsere Leser entsinnen sieh der Tarlarcnnachricht, die vor einigen Monaten auch durch die wahrheitslielieiule deutsche Antisemitcnprcssc die Umule machte. Wir Zionisten hatten danach keine näherliegenden Pläne als die österreichischen Kronläuder jUEDlSCHE RUNDSCHAU_ Ungarn und Galizien zu erobern. Heute weill inan wieder sehr gefährliche Dinge zu berichten. ״Auf dem jüngst statlgehnbten Zionistenkongreß in Lemberg“ (wann? Wir sind nicht so genau orientiert) hielt ein Rabbiner eine Rede, die so recht die innersten Gedanken der Zionisten enthüllt: ״Meine Brüder! Schon seit I‘) Jahrhunderten kämpfen die Israeliten tim die Weltherrschaft, die Gott seihst dem Patriarchen Abraham versprochen halte. Trotzdem hat das Kreuz den Sieg errungen und die Juden besiegt. Diese, in alle Weltteile zerstreut, bildelcii lange Zeit den Gegenstand der heftigsten Verlobungen. Aber hoffen wir jetzt! Die Tatsache, dal! die Juden filier alle Kontinente zerstreut sind, beweist, dail diese Länder ihnen gehöre». Wir wohnen einem imposanten Schauspiele iici: Israel wird von Tag zu Tag mächtiger. Das Gold, vor dem sich die Menschheit beugt, das so verehrte Gold ist fast vollständig in den I landen der Juden und das Gobi ist die Zukunft Israels. Die Zeilen der Verfolgungen sind längst vorüber. Der Fortschritt mul die Zivilisation der christlichen Völker bilden mächtige Wälle, welche die Juden decken und die Verwirklichung ihrer Pläne unterstützen. Uns, den Juden, ist es gelungen, der wichtigsten Zentren der welthörse uns zu bemächtigen: die Börsen von Paris, London, Wien, Berlin, Hamburg, Amsterdam simi unser. Ueherall, wo sich die Juden befinden, verfügen sie über enorme Kapitalien. Alle Staaten sind verschuldet. Diese Schulden nötigen die Staaten, den Juden alle Bergwerke, Eisenbalmeii und Staalsfabrikeii als Pfand zu gehen. Es erübrigt nun noch, dal! sich die luden der Grundstücke bemächtigen, besonders der Latifundien. Wenn die grollen Besitztümer in die Hände der Juden übergehen, werden die christlichen Arbeiter, die dortselbst arbeiten, den Juden enorme Einnahmen verschaffen. Wir waren P) Jahrhunderte unter dem Joche gebeugt; jetzt sind wir aber mächtiger geworden, als unsere Gegner. Es ist wahr, dnll sieh manche Juden tauten lassen, aber selbst diese Tat trägt dazu bei, 1ms mehr Kraft zu verleihen; denn ein getaufter Jude hört nie auf, Jude zu sein. Es wird die Zeit kommen, in welcher die Christen Juden zu werden wünschen weiden, aber das Volk Juda wird sie mit Abscheu zurückstoflen. Der llaupüeiml der Juden ist die katholische Kirche. Deshalb haben wir auf diesen Baum den Geist der Freiheit und der Disziplinlosigkeit gepflanzt. Wir haben auch den Kampf und die Uneinigkeit /wischen den verschiedenen christlichen Konfessionen grollgezogen. In erster Linie werden wir mit der grollten Erhitteriing gegen den katholisehen Klerus kämpfen. Wir werden gegen ihn den Spott, die Verwünschung und Skaudalgesehichtcn aus ihrem l.chcu schleudern, um sie dem Abscheu der Welt auszusctz.cn. Wir werden uns der Schule bemächtigen. Die christliche Religion mul! verschwinden. Die Kirche wird ihren Einflull verlieren, wenn sic arm wird, und ihr Reichtum wird die Beute Israels werden. Die Juden werden alles in ihre Hände nehmen; besonders die Macht und die Stellungen. Der Richterstand, die Behörden, die Doktoren müssen jüdisch werden. Ein jüdischer Arzt hat die beste Gelegenheit, in vertraute Beziehung mit christlichen Familien zu treten. Die Juden müsse» der Unlöslichkeit der katlmlischeii Ehe ein Ende machen mul überall für die Einführung der Zivilehen agitieren. Frankreich ist schon unser, gegenwärtig ist Oesterreich an der Reihe. Sehlielllieh müssen wir uns der Presse bcmiiclitigen. Dadurch wird unsere Regierung vollständig und gesichert sein,“ strebt, jener Einheit, die auch Gottes Erlösung ist. Gottes Erlösung durch die Kreatur; erschütterndste, grollte Vorstellung von der Liehe des Schöpfers, der sich seihst hingibt, um aus der Hand des Geschaffenen sieb selbst wieder zu gewinnen, und erhabenste Konzeption des GoUcsgedankcus überhaupt. Den Einlieilsgott gäbe 11 die Juden dem Menschen, die AHgcreditigkeit, die Alliebe; immer wieder brachten sic die Forderung der Einheit an alles Geschaffene heran, ״es war die religiöse Synthese in den Zeiten der Proplicten und des Urchristentums, es war gedankliche Synthese in der Zeit Spinozas, es war gesellschaftliche Synthese in der Zeit des Sozialismus.“ Und was wird mm werden? Die schöpferische Periode ist vorüber, die unfruchtbare Geistigkeit des Exils lieft das Volk unerlöst; es brachte die Forderung der Einheit in die Well — wird es sich seihst erlösen? , Die dritte Rede Hubers gibt die Antwort. Er fordert Erneuerung des Judentums, Erneuerung nicht im Sinne allmählicher Evolution, sondern im Sinne einer plötzlich daherbrausenden Umkehr mul Neusetzung. Was bislang gefordert worden war, konfcssionelle Erneuerung, in Reform, in Rationalisierung des Glaubens von den eine» (Moritz Lazarus z. B.) und nationales Wiederaufleben jüdischen Geisteslebens in Palästina voii den andern, so von dem viel tiefer versiebenden Neuhcbräiker Achat) llantn, ist nicht das Wesentliche. Um zu begreifen, was not tut, heißt es, sich darauf besinnen, was das Judentum ist, eine Organisationsform, ein Volkstum oder neben diesen Formen und über sie hinaus ein geistiger Pro/ell, der die Verwirklichung dreier Ideen anstrehl, nämlieh der Idee der Einheit, der Idee der Tat mul der Idee der Zukunft. Von der Idee der Einheit hat Buber schon vorher gesprochen; sie ist in der Sehnsucht der Juden hcgründet, die aus der Entzweiung hiiivvegstreht, sie ist die Welt Daruch Spinozas. Die zweite Idee des Judentums ist die der Tat, gegründet auf die mehr motorische als sensorische Veranlagung des Juden, wie denn überhaupt der Orient zur Tal, der Okzident zum Glauben hinneigt. Die Necbahiteii waren die ersten Jünger des Tatvcrlungcns, ilie Essiier traten das Erbe au, tun es in jene Bewegung aiismünden zu lassen, die den Namen Urchristentum trägt mul doch Urjudcutum ist. Der Chassidismus des Ostens bedeutet daun vorläufig das letzte Erfassen dieser Idee von der Heilwirkung der Tal, die, in neue Gestalt nach unserem eigenen Wellgefülil gefallt, die ganze Herrlichkeit des Judentums in unserer Seele wieder erstellen lassen wird. Der Zcilsimi ist im Juden stärker entwickelt als der Kaumsinii. Dnriim hat die Idee der Zukunft, die dritte timl letzte, erst im Messianismus, dann im Sozialismus, einer Synthese platonischer Einsicht in die Wesenheit der Gesellschaft überhaupt und jüdischen Verlangens nach schöner, verständnisvoller und hilfreicher Menschenhri'iderschaft, seinen prägnantesten Ausdruck gefunden. Ucber den modernen, verkleinerten, verengten Sozialismus hinaus wird die Zukunftsidec da anknüpfen, wo die drei Gewaltigen, JariHh C/trotticfp, London Ucber die schädlichen Wirkungen der Alicnsbill, die sich schon jetzt recht bemerkbar machen, lesen wir: ״Als die Alienshill zur Verhandlung stand, wurde immer und iniiuer wieder darauf hingewiesen, daß ein solches Gesetz nur die Wirkung haben würde, ehrliche und fleißige Fremde fcrnzulialte», während es die Zuwanderung wirklich unerwünschter Elemente nicht bindern könne. Die Tatsachen bestätigen nur allztidcutlich diese Prnphezcilmng, Schon macht sich in einem Teile der Sehuliwarcnindiistrie ein drückender Mangel an ausländischen Arbeitskräften geltend. Jetzt schon ist es soweit gekommen, dal! Ordres nicht .־»isgefiihrt werden können und dafl die Fabrikanten entweder einen Zweig ihres Geschäfte# ganz oder teilweise aufgeben oder sich an das Aus- 1,1ml 11m Artikel wenden müssen, die bisher im Inlamle verfertigt wurden. Aut jeden Fall hat der Engländer, der bisher in der Schubwarenbranchc Besebiiftigung fand, schwer zu leiden, und auch der englische I landcl wird ungemein geschädigt. Aber diese Notlage beschränkt sich nicht auf die Schuhwarenimtustrie. Die Schöpfer *1er Aliens-Act mögen sich nur mit Stolz nach den Wirkungen ihrer Hand* Iwngsweisc, die ganz einfach aut Ireindcnbab beruhte, iimtim. Der Schaden, den Eabrikanten und Kaufleute in East-End erleiden, ist fürwahr ein eindringlicher Beweis für die Klugheit und staatsmännisclie Tüchtigkeit dieser Herren. Doch noch eins. Als die I reiiiileiigeselzgebiuig noch in der Schwebe war, wiesen wir immer wieder darauf hin, daß die Fremden ja nicht mit den Engländern konklarieren, sondern ihr eigenes Gewerbe milbringcn. Der Umstand, (lall mit dem Inkrafttreten der Alienshill eine Schädigung des Kleingewerbes Hand in Hand geht, und daß sich seit der Beschränkung der Einwanderung ein Mangel an Arbeitskräften in diesen Industriezweigen geltend macht, ist die beste Rechtfertigung unserer Auffassung.“ IJf Tfom/ta, Konstanfitiofirl Das Blatt sieht sich zur Aufnahme der folgenden Richtigstellung veranlaßt: ״Das Blatt El Tiempo brachte am 27. Oktober eine Zuschrift, die besagte, daß eine große Zahl aus Tripolis gebürtiger Juden, die in Kairo wohnen, beschlossen habe, sotort nach Beendigung des Krieges heim italienischen Konsulat um Aufnahme in den italienischen Staatsvcrband ciuzukoinmci). Man kann darauf nur erwidern, daß cs in Kairo nur sieben oder acht Juden gibt, die aus Tripolis stammen. Von diesen sind zwei Kauficutc und Iran• zösisclie Untertanen, die anderen, füllt oder sechs, armselige Bettler, leben im Harel-el-Yahouili, der Judengasse, und haben keine Ahnung, ob die ,,Eroberer“ von Tripolis eingefallen sind oder die Japaner. Infolge Jessen ist die Note, die El Tiempo aus dem ״Stanihui“ übernommen hat, purer Schwindel. gez. Alexander Bcnghiat.“ Der Zionismus scheint den Herren Fresco und Konsorten als l'vkl ihrer Verleumdungen nicht mehr zu genügen. Nun müssen die armen tripolitanischcn Juden dran glauben. Hoffen wir, daß den Frescosehen Lügen die Widerlegung stets so schnell auf dem Fülle folgen möge, wie in diesem Fall. A’Z (lrri(fun, /Catro Das arabische Journal veröffentlicht einen Aufruf au die ägyptischen Juden, dem türkischen Reiche moralisch und materiell zu Hilfe zu kommen. Der Aufruf, der überall tiefen Eindruck machte, enthält die lolgenden bemerkenswerten Stellen: Jahwe, der Einheitsgott, Messias, der Träger der Zukimft, und JIsrael, der reine ringende Mensch, aus dem t.'haos traten, wird sieh in das Absolute heben mul positives VolkshcwuHiscin, die Synthese der drei Ideen des Judentums zum Weltgeiühl des kommenden Menschen'Schaffen. ״Demi das Heil kommt von den Juden.“ Es heißt bereit sein. Eine alte, jüdische Sage erzählt uns Buhcr. ״Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet. Es ist der Messias.“ Der Knabe kam zu einem ulten Mann und fragte: ״Worauf wartet er?“ Die Antwort hat er erst später verstanden. Sic lautete: ״Auf dich.“ Madian Unter (lenen, die es in jenen Jahren der Heimsuchung drängte, etwas für die verfolgten Juden zu tun, werden wohl auch viele gewesen sein, die oder deren Väter dem |udentum abtrünnig geworden waren, bei denen jetzt aber doch außer der Stimme der Menschlichkeit and» die Stimme des Blutes mitsprach. Einer, der sich damals stark erinnerte, jüdischen Stammes zu sein, wenn auch seine Familie schon seit zwei Generationen dein Christentum angchörtc, war Paul Friedman». Er wollte sicli nicht damit begniigen, sein Teil zu den Oeldsanunlungen beizutrngen, sondern versuchte, etwas Entscheidendes *) Alts den hier mchreremal erwähnten ״Bildern aus Palästina" von Davis Trletsclt.