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Jüdische Rundschau · 1911-11-24 · Heft 47 (24.11.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seil«• 54ל JUEDISCHE KUNDSCHAU Nr 47 Zum Brieger Fall Die Angelegenheit ist nunmehr auch in einigen jüdischen Blattern besprochen worden. Das ״israclitischc Fainilienblatt in Hamburg“ und mit ihm andere hatten den ״Z e n t r a 1 v e r e i n Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaube ns“ auf seine Verpflichtung hingewiesen, hier cinzugrcifvn. Wir hielten einen derartigen Hinweis für überflüssig, ja beinahe beleidigend. Das wird uns erfreulicherweise durch folgende Notiz, im Dezemberheft der Vereins* Zeitschrift bestäligt: ״Weiter Kreise hat sich eine begreifliche Autregung bemächtigt angesichts der von einigen Ilerliner Blättern verbreitern Nachricht über einen augeblichen Justizmord aus antisemitischen Beweggründen, der allerdings etwa 20 Jahre zurückliegt, insofern auch uns in diesen Zeitungen der Rat erteilt wird, wir sollten uns in Zukunft ebenfalls mit dieser Angelegenheit beschäftigen, kommt dieser Rat freilich zu spät. Cs ist selbstvcrständlieh, daß wir der Angelegenheit im gleichen Moment nachgegangen sind, in dem wir von ihr die erste Nachricht erhielten; dies war bereits im März 1911. Insbesondere hat unsere Breslauer Ortsgruppe eine rührige Tätigkeit entwickelt, was wir hiermit besonders anerkennen. Ebenso selbstverständlich ist cs aber, daii wir erst dann in dieser Angelegenheit an die O e f f e n 11 i c h k eit treten werden, sobald sic in irgendeiner Weise spruchreif sein wird." Wir müssen es natürlich der Voreinstellung überlassen, zu beurteilen, wann die Angelegenheit für sic ״spruchreif“ ist. Der Erfolg ihrer Aktion wäre aber gewifi im vorhinein in Frage gestellt, wenn nicht die Presse, der eine ganz andere Aufgabe zufällt, die Angclegenhcit schon viel früher zur redaktionellen Behandlung reif erachten würde. W i r wollen den Verein nicht drängen, sondern uns bemühen, in Gemcinschaft mit der übrigen Presse und den Organen, die sonst berufen sind auf die öffentliche Meinung cinzuwirken, den gehörigen Resonanzboden für die *Ton so langer Hand vorbereitete Aktion des Zentralvereins 2u schaffen, in diesem Bestreben ist uns die Hilfe eines jeden Streiters fürs Recht und für die Ehre des Judentums willkommen. Noch ein kleiner Beitrag zur Beurteilung des Falles: Otto Erich Hartlcbcn berichtet aus seinen Refcrendarerfahrungen in seinem ״Tagebuch“: ״Ich habe da ein Urteil zu machen in einer Sache, in welcher der Angeklagte des Betrugs für nicht schuldig befunden ist, weil die belastenden Zeugen —• Juden waren. ״Ich glaube keinem Juden gegen einen Christcn“, erklärte der Herr Landgcrichtsrat ü., als der Gerichtshof sich zur Beratung zurückgezogen hatte.“ Der Vermerk ist vom 19. Juni 1800 datiert. Das ist ungefähr die Zeit, in die das Brieger Urteil fällt: Die Zeit der Berliner Bewegung. Nicht jeder Refcrendar führt Tagebücher und nicht jedes Tagebuch wird der Ocffentlichkcit übergeben. ,.Ich glaube keinem Juden gegen einen Christen.“ Wer verbürgt sich dafür, daß diese ״Rechtsnorm“ nicht noch licute für manchen preußischen Landgerichtsrat Geltung besitzt? 9 fcTGLOssen פג־ Jüdische Hilfe den Helden vor Trip o 1 i s. Kriegerische Ereignisse werden in ihrer Be* deutung für Kultur und Fortschritt der Menschheit immer eine verschiedene Beurteilung finden. Die einen 'selten im Kriege nur den Zerstörer der in Fricdcnszeiten geschaffenen Werte, die anderen meinen, daß die Aufrüttelung durch die Kriegsgeißel einer jeden Nation von Zeit zu Zeit uottue, daß im Kriegszustand wertvolle Eigenschaften, die sonst verkümmern müssen, erhalten und gehoben werden. Trotz alles theoretischen Für und Widers ist man sieh jedoch darin einig, daß auf lange hinaus die Zeit nicht gekommen ist, in der man Säbel und Kanonenrohre zu Pflugschar und Dynamomaschinen wird schmieden und gießen dürfen, Selbst bei unbedingten Friedensfreunden muß diese Uebcrzougtmg zur Resignation führen, und auch die periodische Wiederkehr des Kriegsschauspiels stumpft ab gegen den Eindruck des Furchtbaren, was sich auch immer auf dem Felde der nationalen Ehre ereignen mag. Man registriert Verlustlisten, ohne daß sich die Zahlen beleben: ״C'cst la guerre!“ — Aber da gibt es eines, das uns über diese Macht der Kricgsgcwoluilieit trösten kann. Sobald der Krieger durch Kampf- Unfähigkeit aus der Reihe der Kombattanten ausgeschieden und hinter die Gefechtslinic getragen ist, ist er für einen jeden nur Mensch, leidender Mensch und nichts weiter. Sogar der ritterliche Gegner wird ihm nach Möglichkeit Linderung verschaffen. Während eine jede, oftmals rein wirtschaftliche Unterstützung einer kriegführenden Macht als Ncutralitiitsbnich oder zum mindesten als Unfreundlichkeit angesehen wird, öffnet sielt dem Zeichen des roten Kreuzes und des roten Halbmondes die Zernierung, mancher Postenkette, soweit dies strategische Rücksichten zulassen. -- Tief erschüttert hat in der letzten Woche die deutsche Leservvelt, insonderheit die des ״Berliner Tageblatts“ von den furchtbaren Leiden erfahren, denen die verwundeten Araber und Türken vor Tripolis ausgesetzt sind. Während den türkischen Truppen aus dem tripolitanischen Hinterland immer neue Scharen todesmutiger Kämpfer Zuströmen, traf der italienische Ucberfall den Sanitätsdienst des türkisehen Heeres naturgemäß gänzlich unvorbereitet. So mangeit es auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz an allem: an Aerzten, Pflegern, Krankenträgern, Verbaitdszetig und chirurgischen Geräten. Die internationale Hilfeleistung, die sich im deutsch-französischen Kriege bewährt hat, muß angcrufen werden; und wir vertrauen darauf, daß dieser Ruf keine tauben Ohren finden wird. Am wenigsten bei uns Juden. Hier ist Hilfe nicht nur Pflicht der Menschlichkeit, sondern auch jüdische Dankespflicht, wie alles, was Juden in diesen Tagen der Not für das bedrängte Osmnitcnrcich getan haben und tun werden. .Die Kunst jüdischer Aer/.te ist in der Türkei von altersher in hohem Ansehen und seit Solimans Zeiten wurde manchem Beherrscher der Gläubigen das Leben durch Juden verlängert. Jetzt ist für unsere Acrztc die Stunde gekommen, diesen historischen Beruf in ernster Zeit mit Tatkraft wieder aufzunehmen und aller Welt zu zeigen, wie das jüdische Volk mit seinen schwachen Kräften historische Schuld zu tilgen sucht. Erfreulicherweise läßt sich schon heute von einem schönen Beispiel berichten, das unser Freund I >r. Felix T11 c i I h a b e r seinen Kollegen gegeben hat: er hat sich der türkischen Regierung als Fcldnrzt zur Verfügung gestellt und gedenkt am Ende dieser Woche die Reise nach Tripolis anzutreten. Möge es ihm gelingen, recht vielen Leidenden Linderung zu verschaffen und möge er baldige Nachfolge finden! « Könitz. Das Gespenst von Könitz geht wieder einmal um. Wir wissen nicht zum wievielten Male irgendein großsprecherischer Trunkenbold oder trunkener Prahlhans für kurze Zeit den Verdacht der Täterschaft auf sich lenkt. Wir wünschen natürlich auch in diesem Fall, daß der Täter ermittelt und Recht und Gesetz sein Lauf gelassen werde. Und wer sich einiger Fälle erinnert, in denen den fX־linquenten erst viele Jahre nach Verübung der Tat der Prozeß gemacht wurde, der wird auch diesmal die Hoffnung nicht aufgeben, daß die Sonne es an den Tag bringen wird. Als Juden kann uns der weitere Verlauf der Sache recht kühl lassen: Die Ritualmordgläubigen werden auch durch ein ernstgemeintes Gestündnis oder ein Gerichtsurteil nicht bekehrt werden. Den Demagogen, die diesen Glauben für ihr schmutziges Handwerk brauchen, ist durch alte Uebcrlieferung der Volksmähr der Boden zu gut bereitet. Sic werden auch den neuesten Anlaß nicht vorübergehen lassen, ohne ihren Schmutz über die Lande zu gießen, wir werden ein paar niedrige Beschimpfungen über uns ergehen lassen, dann werden die antiscmi'ischcn Hetzer in Könitz nach getaner Arbeit den Zug zur Rückreise nach Berlin besteigen, und es wird wieder still werden. RUNDSCHAU DER PRESSE ,, Di(* lVe//u, Ziert in Das Blatt bringt an leitender Stelle einen tem* peramentvolle» Artikel ״Wir und Sie", der den Um* Schwung, der sich im Dasein und Verhältnis der großen jüdischen Organisationen untereinander voll* zogen hat, mit starken Strichen zeichnet: ״Wir — Zionisten und sie -- die Männer der | Alliance! Wir organisieren hunderttausende Menschen und sie verfügen über Millionen Franken. Wir sind Ahnen, sie sind Enkel. Wir schaffen, sie verwalten. Wir sind Erwerber, sie sind Erben. Wir versammeln uns und wählen, sic konventikeln und — kooptieren.., Also: den Ehrenschild ah!! Andere werde» ihn erheben und hochhalten. Die zionistische Organisation allein unter allen heutigen jüdischen Vereinigungen hat das Recht, sich eine ״Universale jüdische Allianz“ zu nennen. Sie ״alliiert" tatsächlich, sic zieht zusammen und eint die grollen ludenmaüseii, und diese Einigung und Einheit ist ihr Inhalt und letztes Ziel. Sie ist ״jüdisch", jüdischschöpferisch, jiUlisch-zukunftsfroh. Und ״universal" ist sie bis in die Seele hinein, denn sie umspannt schon heute und wird es mit jedem Tage mehr tun, die Juden der ganzen ״bewohnten Erde". Wo zehn Juden sind, dort gibt es schon einen Zionisten, einen wenigstens, der sich stolz, und aufrecht zu uns und unserer Hoffnung bekennt. In diesem Sinne universal wollte die Alliance einst werden; ihre ersten Gründer haben den Anlaut dazu genommen. Aber sie ist es nie in dem Maße geworden, in dem wir es schon in der allerersten Zeit unseres Bestehens gewesen sind. Heute ist bei der einstigen Alliance schon keine Spur davon vorhanden, aur!» der Wille dazu ist geschwunden. Darum ist sie reit zu ihrer endgültigen Umwandlung von einer ״Alliance IsraSlite Buber’s ״Drei Reden über das Judentum Von Richard Hu I dsch inc r. Jener dürftige Materialismus, der dem obcrflächliehen Beurteiler oder gar dem Rassen fciiul als jüdische Besonderheit eiscUcmt, stellt, mathematisch gesprochen, nur eine Funktion des alUcstatnentarischen prophetischen Geistes dar, genährt und grollgezüchlet durch die besondere Steilung, die seinem Volke in übermenschlich Karten Jahrhunderten angewiesen worden war. Wo Hemmungen fortfallen, hebt die jüdische Seele ihre Scheraugen zum Himmel auf und besinnt sich auf ihre Kraft. Seit Spinozas Tagen war es im wesentlichen nur der Chassidismus polnischer und galizischer Juden, der, von theologischer Beengtheit freigeworden, die Versenkung in Gott, die Vereinigung des Menschen mit Gott und darüber hinaus die Erlösung des Gotteswenens selbst, das heißt die Verschmelzung seiner Wesenheit mit der im All verirrt und irrend schwebenden GottcSglorie, lehrt —■ Gedanken, die dem Mystizismus aller Zeiten, dem mittelalterlichen Katholizismus sowohl wie der Lehre der Brahmancn eigen waren. Aus der Beschäftigung mit dem Chassidismus heraus ist Martin B u b c r zu einem Philosophen des jüdischen Wesens geworden, ein grüblerischer, stiller und dabei goldklarer Geist, in gedankenvolle Schwermut versenkt, die nichts mit Pessimismus und Dekadenz zu tun hat. Drei Reden über das Judentum bietet er neuerdings dar, nicht als Selbstzweck, sondern ״um zunächst aus dem Hann eines Buches über das Judentum, das er geplant hat, zu treten und wieder Raum und Freiheit zu gewinnen.“ Es ist charakteristisch für ihn, daß er den Mut bat, in diesen drei Reden von dem Gegebenen, dem Milieu und den Rcflcxcrschcinungcn ahzuschen und seine Lehre auf das zu gründen, was er als das Wesentliche der jüdischen Volksseele erschaut hat. Es ist ferner charakteristisch für ihn, daß er von ethischen Dingen, deren System bislang von den Apologetiken! des Judentums als dessen schönste Blüte gepriesen wurde, abschcn kann, und die Frage nach dem Wesen der jüdischen Religiosität (in seiner ersten Rede) dahin beantwortet, daß sic eine Erinnerung, vielleicht auch eine Hoffnung, aber keine Gegenwart ist. Nicht Religiosität in dem höheren Sinne, den Bubcr ihr gibt, ist das Erhaltende, Bezeichnende, Gemeinschaftsgefühl Gebende der Judenfreiheit, sondern ״das Blut als die tiefste Machtschicht der Seele". Nationen charakterisieren sich durch das Gefühl der Abhängigkeit von Generationen Glcichbcdingtcr, das intuitive Verstehen des Zusammenhangs, der uns mit dem Schicksal, der Freude, und dem Leid der Väter und Mütter bis in dunkle Zeilen hinauf verbindet. Andere Nationen haben dazu noch die Heimat, die eigene Sprache und Sitte, das objektive Zeugnis ihrer nationalcn Bedingtheit; der Jude muß sich seine Nation abstrakt in seinem Fühlen und Denken allein erbauen, seine nationale Intellektualität ist ״gleichsam außerorganisch", da sie des objektiven Substrakts noch entraten muß. Daraus ergibt sich für den, der sein Volk zu suchen ausgelit, die Notwendigkeit, Herr der Kulturmischung zu bleiben, der er untersteht, und ״wahrhaft von innen heraus Jude zu sein und aus seinem Ulute, mit dem ganzen Widerspruch, mit der ganzen Tragik und mit der ganzen Zukunftsfüllc dieses Blutes als Jude zu leben." Wenn das Judentum für sich selber zunächst ein Ringen mit allen den innerlichen Schwierigkeiten seiner Existenz darstellt, was ist cs dam! für die Menschheit? fragt Bubcr in seiner zweiten Rede. Daß aber eine solche Fragestellung nötig wird (denn Existenz an sich legitimiert ja schon ausreichend), das ist die Folge der ganz exzeptionellen Lage der Juden unter den Völkern. Das Bezeichnendste der jüdischen Wesenheit ist ihre Polarität, ihr Dualismus, die Statuierung des Guten und des Bösen in freier Brust, die der Mythus vom Sündcnfall, die ursprüngliche Schöpfung jüdischer Tiefsinnigkeit, so unvergleichlich stark symbolisiert hat. Aus der Zweiheit strebt der Jude zur Einheit. Und wo immer in ׳den Büchern der Bibel das Gefühl der Weltwcsenheit sich am klarsten ausdrückt, in den Geschichten des Abfalls vom Herrn der Heerscharen, in den Büchern der Propheten, in den Psalmen, im Buche Hiob — überall Ist es das Qcfühl der Zweiheit, das nach der Erlösung in der Einheit

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