Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1911-11-17 · Heft 46 (17.11.1911) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651711-2651757--08084-2665298
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 546 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 46 in Rcchnboih si.iltfiiidcu und die eine All jüdischer Olympia zu werden versprechen. Au!, allen Kolonien I'ol.istinas komnien dann die Kolonisti-usi'ilmc und Arbeiter zusammen, mit im Wettkampf ihre Kräfte zu messen. In der /lim IV. Tiirntag heraiisgcgcbeucn Festschrift ״Körperliche Renaissance der Juden" findet sich eine Schilderung dieser Wettkämpfe, auf die liier nur!angewiesen sei, aus der Feder zweier jetzt in Palästina ansässigen Har Koehhaner. Eine erfreuliche Nachricht kommt auch aus Jeru• salem. Dort ist nach langem Bemühen endlich wieder ein jüdischer Turnverein gegründet worden und der Makkabiorganisation beigetreten. Es ist zu hoffen, daß der gut geleitete Verein, der einen regelmäßig guten Besuch von über 20׳ Turnern auf/.mveisen hat, weitere Fortschritte macht und sein Bestehen da• mit gesichert wird. Dem neuen Verein in der ewigen Stadt, wie der jungen Tiirnbewegung im allen Ahnen• lande ein kräftiges lledad! Nathan Kaminski. Pogrome in Sicht? Professor So m hart hat in seinem lehrreichen Vorträge in der Singakademie davon gesprochen, daß die russische Judcnhcit eigentlich in einem Zustande ständiger Pogrome zu leben hat. Aus einer zuver• lässigen (,)!teile ist vor kurzem tlie Nachricht nach Berlin gelangt, dall es nicht ausgeschlossen erscheint, daß wieder Pogrome vorbereitet werden. Der Neue Jüdische Ci e m e i n d e v e r e i n veranstaltete des• halb eine große Massenversammlung, in der Dr. Th. Zlocisti über ״Pogrome in Rußland?!.ehren und Mahnungen für die Gegenwart" referierte. In unserem Schrifttum würde uns oft ein ״Gedenke (Soeharli) lies Leids" zugerufen, als hätten die Ahnen gewußt, daß der Jude Leid schnell vergißt. Wir gedächten beinahe schon jetzt nicht mehr der furchtbaren Vcr• folgungcn in Rußland, die noch vor wenigen Jahren uns das Blut in den Adern erstarren machten. Dr. Zlocisti gab dann eine temperamentvolle Schil• derung der Entwicklung der russischen Judenpolitik und der Maßnahmen, welche die Bureaukratic zur Unterdrückung der Juden traf, in einem Jahr mehr und strenger, im anderen weniger und milder, aber vcr• stiunmt ist darum der Pogrom nie. Er schloß daran eine Betrachtung der Ursachen und der Schuld der Pogrome (nicht in Rußland er• funden, ״Die Berliner Bewegung": Stöcker, Diiliring, “ Treitschke usw.). Mit dem Hinweis, daß, wenn selbst in fortschrittlichen Ländern wie in England ein Pogrom möglich sei, noch heute der allgemeine Judenpogrom nicht erloschen sei, und daß nur Treue zum Judentum, Einigkeit und organisatorischer Zusammenschluß eine Gewähr gegen eine Verschlimmerung bieten könne, schloß dcL Vortrag, Langanhaitender, nicht enden wollender Beifall dankte dem Redner, der zum ersten Male seit 7 Jahren wieder vor eine große öffentliche Versammlung trat, für seine Ausführungen. Der Vorsitzende des N. J. G. V., Herr Rechtsanwalt Dr. Klee, sprach im An• Schluß an den Vortrag Dr. Zlocisti* eingehend über die Aufgaben, die der großen Berliner Jüdischen Gemeinde angesichts solcher Dinge zufielen. Wenn in ״Ost und West" der ״Ruf zur Tat" erschollen sei, also eine Weiterbildung des Gedankens, der Wolff• 801m zur Einberufung der Brüsseler Konferenz seiner• zeit veranlaßt habe, 80 sei niemand mehr geeignet als die Große Jüdische Berliner Miittergeineimle, ein solches Werk in die Hand׳ z.u nehmen. Ihr Ansehen und ihre Autorität müßte sie in die Wagschalc werfen. , um den Zusammenschluß der grollen jüdischen Gr• ganisntionen zur gemeinsamen Arbeit im Dienste der Gesnmtjudcnhcit zu erreichen. Wir brauchten eine Organisation der Organisationen, um nicht nur bei katastrophalen Ereignissen, sondern immer bereit zu sein, die Machtmittel des Judentums in die Wag• schale zu werfen. Gegen die Pogrome gäbe es nur eins: Rechtzeitig die europäische OcffcntUchkcit aufzu• klären und dafür zu sorgen, daß die Regierung, die die Pogrome veranstaltet, nicht finanzielle Unter• Stützung aus dem übrigen Europa erhält. Darüber luuaus aber h rauchten wir eine Zentrale, die liebevoll alle kulturellen Ansätze des Gesaintjudcntuins über• wacht, unterstützt und entwickelt, Einigkeit, nicht Zersplitterung I Aus der Diskussion heben wir die treffende Ant• wort hervor, die Flerr Dr. Isaak Zwirn auf die An• frage des Herrn Segall, wie die Pogrome aut das Seeicnleben der Juden gewirkt haben, gab. In wunderbaren Worten, ständig unterbrochen von rauschendem Beifall, sprach zum Schluß Herr Motz• k i n. Er dankte dem?Neuen Jüdischen Gemeindeverein, daß er, dem Grundsatz treu, daß nichts Jüdisches ihm fremd sei, die Frage zur Erörterung gestellt hat. Eine solche Erörterung habe nicht nur Wert nach innen sondern auch wert nach außen, denn es sei richtig, wenn Dr. Klee hervorgehoben habe, daß das Aufrütteln der europäischen Kulturwelt das einzige Mittel sei, diese scheußlichen Greuel zu verhüten. Herr Motzkin gab ein lebendiges anschauliches Bild von den Ursachen und der Entwicklung der russischen Juden• frage in den letzten 20 Jahren und skizzierte ins• besondere die Ursachen, den Verlauf' und die Wir• kung der letzten großen Pogrome. Die Versammlung stand sichtbar unter dem tiefen Eindruck seiner Aus• fimrungen. Dr. Zollschan in Königsberg 1. Pr. Eine illuutrc Persönlichkeit halte die Königs• b e r g e r Z 1 o 11 i s t i s c 11 e Vereinigung zur Er• Öffnung ihrer Wiiitcrkampagne ciugeladcu. Dr. J. Z 11 ״ s c 11 a n war für einen Vortrag über das Thema ״Der Kultur wert der jüdischen Rasse" gewonnen worden, der am November st.ittfaml. Bereits einige Woehen vorher machten vorbereitende Notizen in dem lokalen Teil der Tageszeitungen auf den hohen Wert der Veranstaltung aufmerksam; in den Auslagen der größeren Bmlihandliiiigcii konnte man Zollsehans werk ״Das Rasseunrolilem". umspannt mit breiten Reklaniestrcifen, erblicken und tage• lang vor dem Vortrag wiesen auch Plakate auf den Anschlagsäulen auf den Vortrag des jüdischen Ge• lehrten naclidrüeklichst hin. Wenn trotz allem der etwa fünfhundert Personen fassende Saal der ״Deutschen Ressource" nicht bis aut den letzten Platz gefüllt war, so lag das eben daran, daß der Bedeutung der Veranstaltung entsprechend die Eiiilrillspreisc relativ hoch bemessen waren, und diejenigen Leute daher fehlten, die Vorträge nur he• suchen, wenn der Linlrilt unentgeltlich ist. Fcst/u• stellen war, daß weiteste Kreise an dem Vor• trag Interesse gewonnen hatten, denn unter den Lauschenden bemerkten wir manchen Stamme*• genossen aus den Schichten derer, die aus sogenannter Antipathie den zionistischen Veranstaltungen lieber fcrn/nhlcihcn pflegten. Die Gcdaiikcugange Dr. Zollsehans über den ״Ktihlirwerl der jüdischen Rasse" sind schon gelegen!• lieh früherer Vorträge in diesen Blättern ausführlich wiedergegebeii worden, auch ist seine eindringlich• •subjektive Art zu sprechen, die seihst dem Laien die Erfassung der nicht leichten Materie ermöglicht, scIhiii öfters glücklich charakterisiert worden. ־ Die Beifalls• kiindgebimgeit zeugten dafür, wie verständnisinnig die Hörer dem Vortragenden gegeniibcrstandcn, mul so manchen Zweifler wird die wissenschaftliche Begründüng des Zionismus, wie sie Zollschan in seiner Theorie bietet, zum stillen Nachdenken angeregt haben. Der ״Verein jüdischer Stundenten" batte es sich nicht nehmen lassen, Dr. Zollschan zu Ehren einen Kommers in kleinem Kreise zu veranshl• teil. Im Verlauf desselben würdigte Dr. Pelz die Vcr• dicustc des Gelehrten tun den modernen Zionismus: in Zollschan - lind Ruppin — seien uns die Lehrer erstanden, auf die wir gewartet hätten, da sie uns die lückenlos-systematische wissenschaftliche Theorie des Zionismus geschenkt hätten, die uns bisher fehlte mul die besonders für die Erziehung des Nachwuchses von unschätzbarer Bedeutung sei. L, ur GL0ssen פג־ Die Stärke der Türkei. Es ist in diesen Blattern seit Jahren wiederholt darauf hingewiesen wor• den, wie sehr die jüdischen Interessen in Palästina und anderen Teilen des Orients mit denen der Türkei Hand in Hand gehen, und wie ungleich günstiger un* serc Lage in einer starken Türkei sein muß gegen• über den ungewissen Zuständen, die aus jeder irgendwie gearteten Schwächung des osmani• scheu Reiches sich ergeben müßten. — Aus diesem Grunde ist in unseren Reihen das Vorgehen Italiens sicherlich viel schärfer verurteilt worden, als schon in der übrigen (am Wohlergehen der Türkei tnituler iiiffrcssiertcn) Kulturwelt. Dies hat nichts damit zu tun, daß wir es andererseits wohl zu würdigen wissen, welcher Stellung die Juden in Italien sich erfreuen. Es kann sogar auch als möglich angenommen werden, daß die tripolitanischen Juden unter italienischer Vcr• waltung mancherlei Vorteile gegenüber ihrer heutigen Stellung genießen würden. Es ist ja bekannt, daß Juden in manchen derjenigen islamischen Länder, die nicht unter einer wirksamen Kontrolle der Konstante uoplcr Zentralregierimg stellen, es nicht sonderlich gut haben. Aber keine Erwägungen dieser Art können gegenüber den 11 ö 11 e r 0 n Gesichtspunkten in Frage kommen, die sich für die Lage der gesamt e n ) u d e n heit aus einer starken und sich friedlich entwickelnden Türkei ergeben. — Im osmani• sehen Reiche (nicht in Palästina allein, obgleich dies den Kernpunkt unserer Bestrebungen bildet) sehen wir die einzige umfassende Möglichkeit einer neuen Konzentration der jüdischen Auswande• rting mit allen Garantien einer ungestörten kulturellen unu nationalen Entwicklung. P u 111 z c r. ״Forcver unsatisfied with merely printing news" — oder auf Deutsch (dem Sinne nach): ״Der Zweck der Presse ist mit dem Publizieren von Neuigkeiten nicht erschöpft." Das ist das stolze Motto der New Yorker Zeitung ״World", deren Schöpfer und Besitzer soeben ge• starben ist, und was man auch sonst von der Zu• vcrlässigkcit der ״gelben" Presse sagen und Halten mag •— Pulit/cr und seine ״World" führten das Motto zu Recht. £lnch Pulit/cr, dem ungarischen Juden deutscher Sprache und amerikanischer Adop* tion, war die Zeitung dazu da, Taten zu tun, Politik zu machen, nicht nur zu berichten, — soziale Werke nicht nur anzuregen, sondern selbst aus/iiftihren, — kurz ein wirklicher Faktor des Lebens zu sein. Der seit langen Jahren erblindete Zeitungsmann war einer der gcfürchtetstcn und unerschrockensten Politiker seines an Berufspolitikern nicht eben armen Landes, und oft hat er auf die Geschicke der nord• amerikanischen Union einen maßgebenden Ein• f'iiß genommen. — Es liegt nahe, sich bei dieser Gelegenheit des Einflusses zu erinnern, den jüdische Zciluiigsniagnnlen auch in der alten Welt geltend marlicn oder doch geltend machen könnten und sollten. Gewiß, ■- wenn die Mächte der Reaktion überall im Weichen begriffen sind, so ist das mit in erster Linie das Verdienst jener ״jüdischen" Presse, aber wenn irgendwo, so hat Sombart hier Recht, wenn er beliauptet, je mehr die Juden sich selbst e n t j nd c n, um so mehr v e r j u d e 11 sie ihr Milieu .... Pulit/cr war als Jude geboren, scheint aber aus der religiösen Gemeinschaft atisgesehicdcn, ohne zum Ghristciituui übergetreten zu sein. Die amerikanisch• jüdischen Blätter erwähnen wenigstens seine jüdi• sehe Herkunft, stellen aber gleichzeitig fest, daß er weder rcligösc noch sonstige jüdische Beziehungen unterhalten habe. Trotzdem sei der Ucbergang der ״New York World" in die Reihen des ,,gelben" Jour• nalismus in den Vereinigten Staaten auf das jüdi• sehe Konto gebucht worden. Auf alle Fülle hat dieser jüdische Journalist in dein von ihm erwählten Zweige der amerikanischen Journalistik eine weitaus führende Rolle gespielt, und wenn seine Stiftung zugunsten einer Schule für Journalismus zustande kommt (für die nötigen Mittel hat l'ulit/.er ja gesorgt), so dürfte er auf die Ent• Wickelung des amerikanischen Zeitungswesens noch weit über seine eigene Zeit hinaus gewirkt, haben. RUNDSCHAU DER PRESSE fsrac/it, Frankfurt a, JA Wie zu erwarten, haben die Ausführungen Dr. Bäcks auf dem Deutschen Judentag beim Zentral• organ der Orthodoxen Widerspruch gefunden: ״. . . An Stelle des Herrn Prof. Dr. Gutmami aus ßresiau hatte diesmal Herr Rabbiner Dr. Bäck aus Düsseldorf die Aufgabe, dem Staate und der Weit die religiöse Einheit des modernen Jiulcutu ns durch ein sorgfältig ausgeklügelte* System von Worten vor/iitäusehen, und Herr Dr. Bäck hat sieh dieser Aulgabc, diesmal ohne jede oberpräsidiale Kritik, er• folgreich unterzogen. Wir protestieren im Namen der Wahrheit, im Namen des historischen J u d e n t u m * gegen diesen rcligionswisscnscliaftliclien Täuschungsvcrsiich mit derselben unermüdlichen Entschiedenheit, mit der ihn der ״Verband" in seines I ler/cns Unschuld durch seine theologischen Wortführer alle zwei Jahre wieder• holen läßt. Daß das Judentum ״tinorthodox" sei, daß es kein Glaubenssvstein kenne, ist ein Spiel mit leeren Worten. Herr Dr. Bäck weiß, muß wissen, daß die unbedingte Anerkennung der direkten Verbalinspiration der schritt• liehen lhora und des völlig gleicligeordnetcn gißt• liehen Offciihariingschnraktcrs der mündlichen Thora vom historischen Judentum ohne jeden Wider• spruch als bindende Voraussetzung alles jüdi• selten Denkens gelehrt und beansprucht wird . . ." Frankfurter Israeli/, JuntMenblatt Das Blatt unterzieht die letzte Sitzung der Statuten• ändcrungskommissioii der ״I). J. Ci. B." einer recht abfälligen Kritik und bemerkt u. a.: ״Besonders in der Beratung des Absatzes 4 des B l'i des Statuts, der die wichtigsten, umstrittensten Bestimmungen enthält, nämlich die B e schränkung des passiven Wahlrechtes atil Angehörige der helreffenden Gemeinde, hat die Majorität gezeigt, daß sie von vornherein zu keiner Nachgiebigkeit und zu keinem Kompromisse bereit, sondern rücksichtslos ihren Willen durebzusetzen entschlossen war. Diese4 ganze Verhalten trägt au sich den Stempel autokratischer Willkürlichkeit, der auch den Entwurf selbst auszcichnctc. Auf die Wünsche der Gemeinde* mitgliedcr selbst, auf die Meinungen der jüdischen Ücifcutiichkeit nimmt man einfach keine Rücksicht. Gerade jetzt, da durch die deutschen Mitglieder der Alliance ein solch energischer Kampf gegen das jüdische Autokratentum in seiner schlimmsten Form geführt wird, wirkt das Verhalten der Majorität der Kommission um so unerfreulicher. Wenn die Majorität von Anbeginn an zur Unnachgiebigkeit entschlossen war, wozu dann die Kommission überhäuf? Ist dann die ganze Sache nicht eine reine Farce? Oder wollte man dadurch Zeit gewinnen, um die nötigen Maßregeln treffen zu können, die die Annahme des Entwurfes auf dem nächsten Gemcindctag sic 11 ern? Man wird unwillkürlich zu dieser Annahme förmlich gezwungen, wenn man das Verhalten der Majorität beobachtet. Out und Wcftt, Berlin . Das Novemberheft des Blattes hält, was das Oktoberheft versprochen hat. Dieselbe starke Note des Protestes, die geeignet ist, den Leserkreis dieser Zeit•

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.