Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Seite 545 Peusions-Hilfs• mul Uiitei'stiit/uiigskasscii nach dem Gesetz darf später erfolgen, Ls lasse sich auch niemand durch Erwägungen, dall er bereits einen "höheren Pensionsunspruch, als das Gesetz Vorsicht gegenüber seiner Gemeinde «der aiulorcn besitze oder sonst aus einem ()runde von der Versicherung!•- pflieht befreit sein durfte, davon abhalte* *11, die Beitritts• vrktäruug seiner Gemeinde zu unserer Somterkassc zu veranlassen. Die Bestimmungen bczgl. der He• freiung von der gesetzlichen Vcrsiclicrungspfliclil sind!.ehr ungenau, sie •lassen in dieser Hinsicht nichts sicher vprherschen, Die eventl. spatere Befreiung von der staatlichen Versielierungsptlicht befreit auch von der Zugehörigkeit zur geplanten Sonderkasse. ’ Ein Schaden kämt also nur cintrcfcn, wenn der Hei• •‘tritt׳;:ur SonderkaSse nicht rechtzeitig erfolgt ist. Die •Beitrittserklärung der Gemeinde gilt auch stets zu• gleich für ihre künftigen Beamten. Wird sie zur* zeit versäumt, so schlicht sie auch den künftigen Beamten von der •günstigen Versorgung aus. So Ir•• denke jeder, was für ilm und unsere jüdische Beamtenschaft in Deutschland gegenwärtig auf dein Spiele steht und tue schleunigst, was die Stunde gebietet. Rabbiner*Verband in Deutschland: Professor Rabbiner Dr. Guttmann. Verband der jüdischen Leb rervereine im Deutschen Reiche: Rektor J. Feiner. , Allgemeiner Deutscher Kantoren• Verband: Oberkantor M. Henle. יי Turnerisches aus trez Israel Das• Okloberfest der ״Jüdischen Turpi•• zeitung“ bringt die folgende lebensvolle Schilde• rung turnerischen Lebens in Palästina: * Gar selten ist in diesen Blättern von der jüdi* "י sehen Turnbewegung in Palästina die Rede, und so •'•kommt es, daß die meisten von uns' nur wenig oder gar nichts von ihr wissen; denn unsere Freunde in Jaffa und Jerusalem lassen selten etwas von sich hören. . Schreiber dieser Zeilen, der in diesem Sommer Ge• legenheit hatte, einige Wochen in Jaffa zu verweilen, "war daher freudig überrascht, als er bei seinem ersten Besuche des schon totgeglaubt eil Jaffaer J. T. V. die ־ stattliche Zahl von mehr als •10 Turnern vorfaud, eine in Anbetracht der gerade damals schwierigen Um• stände recht erfreuliche Zahl. Wenn die jüdische Turnerei in Palästina auch noch ••keine großen־ äußeren Erfolge aiifzuweisen hat, so zeichnet sie doch eins aus, was in den Ländern der Diaspora seltener und auch dann nicht in der gleichen• Intensität zu finden ist. Der nationale Jude I Palästinas, der.sein ganzes Leben und Wirken in den , Dienst seines Volkes gestellt hat und der täglich Opfer für den Gedanken der nationalen Renaissance des jüdi•, f sehen Volkes bringt, er hat auch unsere Idee der Re*, gcncration des jüdischen Körpers voll und ganz be•. griffen. Daher turnt er mit ganz anderem Eifer, ■׳•inan könnte fast sogen mit Enthusiasmus. Weiß er, ,••doch, daß cs gilt, jüdische Kraft •zu erwerben, um ׳ das Land der Almen, das durch jahrtausendelange Miß•, Wirtschaft verödet ׳und verwüstet liegt, zu neuer, ungeahnter‘Blüte-zu bringen. Vielleicht hat er auch 1 'den heute erlernten Mut, die erworbene Geschick• . lichkeit' und ' Geistesgegenwart morgen oder über• morgen nötig, um jüdisches Leben und Eigentum gegen feindliche Angriffe von Beduinen zu.schützen. So ist für ihn das Turnen das, was den anderen Sprünge machen, wenn die Situation nicht eine etwas männlichere Haltung verlangen würde. Was hat er aber auch für schöne Sachen be* kommenI Nansens ,־,In Nacht• und Eis“, eine dicke Weltgeschichte, das ״Buch der Entdeckungen" mit Goldschnitt, die ״Kaiser־Eriedrich-Biographie" von ״׳• Philippson, •״Deutschlands Seemacht“ von Wisliccnus, ,dann Goethe, Schiller, Klopstock,' Herder, Kleist, zwei , ,1,Körners“/Hebbel sogar dreimal (der war kurz, vor• 1 ,'her' frei, g( worden und iu billiger Ausgabe erschienen) ,!,״und noch piänches andere Schöne Buch. Auch ein, .;״',Jüdischer Almanach“ hat sich eingefunden — von •Vetter Josef, dein Zionisten -;• und nicht gelindes ׳ Entsetzen hervorgerufen. Tante Sara zischelt gar. Arthurs Mutter aufgeregt ins Ohr: ״Das Buch mußte verschließen, das־ darf der Jung״ nicht in die Finger JWegen.“ Der Held des Tages aber kümmert sich : Iu erster Linie nur um seine Klassiker und stellt in , ' Gedanken : fest, ״wer“ 'noch fehle und von wem •er etwa-noch Bücher erhalten könnte. Am Schabhos, :.•kam dann auch tatsächlich u. a. ein ״Grillparzer“ ׳• und ein zweiter ״Schiller“ an. Am Montag* ging es'dann ans Umtauschen. Für den zweiten Hebbel nimmt mau ־ Mörike, für den ׳zweiten Schiller die •gesammelten Werke von Lenau,. für den zweiten , Körner wird י• Uhland erstanden, den dritten Hebbel endlich tauscht nun gegen Otto Ludwig , ein; und glückstrahlend .verkündete .Arthur seinen Kameraden, wie er nun v,all״ Klassiker“, beisammen, ׳4!׳hätte, — — 1 ihr. gebt mir wohl zu,! lic^.Lqser» ,daß ich Euch Nationen der Dienst hei der palmc ist: die Vcrberei• tung für die Verteidigung der Ehre und de»'Besitzes■ der Nation. Der ■Araber soll •'auelv׳■nicht mehr vom Juden als vom ״toten Kinde** sprechen. Der Clinluk.v jmle hat ihm keinen Respekt einflölicn können; der jüdische Turner, der den stärksten Lastträger nieder• wirft und der sieh bei Ueberfällen energisch zu Wehrt» versteht, erweckt sein Erstaunen und seine Achtung. Selbstverständlich steht der jüdische Turner in Erez Israel in den ersten Reihen der Vorkämpfer für unsere nationale Sprache. Eine andere Sprache als die hebräische könnte mich nicht zu der eines Vereins gemacht Werden, denn sie ist die einzige Sprache, die von allen dortigen Juden, Asclikcnasiin und Sephardim, gemeinsam verstanden wird. So hat sich denn durch den Gebrauch des liebräi• scheu heim Turnen in Verein und Schule eine he• iräisehe Turn• und Koimuandospraelie entwickelt, die iidiselie» Turner in Erez Israel fühlen sich darum als Träger einer großen, uralten Tradition, die von Jostia und David ihren Anfang nimmt, die aber seit den Tagen der Makkabäer und Bar Kochbas bis auf unsere Tage eine unendlich weite Lücke läßt. Seit dem Tode Bar Kochbas, der als letzter ,jüdische Krieger unter hebräischem Kommando in die Schlacht führte, hat man in der ganzen Welt keinen hebräischen Befehl •gehört, der Juden zu mutigem, willeusstarkeii Handeln für ihre nationale Ehre aufrief. Der jüdische׳ Turner hat als erster diese uralte Tradition wieder aufgenommen und stählt seine Muskeln, prüft seinen Mut und seine Energie nach he• bräischcm Befehl des Turnleiters. Und das Hebräische hat bis heute, da es, nach 1800 jährigem Todes• Schlummer zu neuem Leben erwacht, seine volle Geschmeidigkeit mul den alten Wohlklaug behalten, Es wird allen Anforderungen gerecht, die an ein turne• risches Kommando zu stellen• sind, und läßt, ohne seinen Regeln Gewalt anzutun, die Bildung cinwand• freier Kommandoworte zu. Das hebräische Kommando erscheint uns als etwas‘ überwältigendes Neues und Grolle*, obwohl wir es schon lauge zur offiziellen Turnspraclie unseres Verbandes gemacht haben. Aber dies* war bis jetzt nichts als eine leere Denioustra* liou und würde cs auch geblieben sein, wenn nicht in Palästina der Anfang gemacht Worden wäre, der im ganzen Orient begeisterte Nachahmung gefunden hat. Das ist eine ■Kulturtat von hohem ideellem Wert für die gesamte Jiidenheit, die wir allein dem neuen Jischuh in Erez Israel verdanken. Wir sind berechtigt, weitere, Erwartungen von Palästina zu hegen. , Leider hat die jüdische Turnerei in Palästina bis, jetzt mit großen Widerständen zu kämpfen gehabt. Da ist vor allem der große Mangel an technisch vor• gebildeten Lehrkräften, das Fehle» von Turustätten und Geräten zu erwähnen. Nichts ist vorhanden als der gute Wille, und dieser hat schon viel erreicht und wird schon in naher Zukunft einen Teil der Minder• nisse beseitigen. Fast ganz aus sich selbst heraus ist die Bewegung, entstanden, ohne Hilfe von außen. Wer die Geschichte der jüdischen Ttirncrei kennt, wird, sich erinnern, daß vor Jahren ein Turnlehrer von Berlin nach Jaffa gesandt werden sollte und daß diese An• gclegcuheit erst erledigt wurde, als Zwy Orloff, der Sohn eines Kolonisten in Petach Tikwah, sich zu diesem Amte meldete, ln systematischer Arbeit während vier Jahren ist jetzt der‘Grundstock gelegt worden, tun eine weitere ' Entwicklung zu ermögliehen. Aber noch ist ungeheuer viel ־zu tun. Gerade jetzt bearbeitet Herr Orloff, der eine vollendete tur•, soeben *nicht etwa ein Bild aus vergangenen Zeiten gemalt habe, sondern daß wir noch sehr häufig iihn• liehe Barmiz.wob־Tischc wie den geschilderten zu scheu Gelegenheit ׳ haben; vielleicht ־ befinden sich hie und da auch noch Miscltnajaus und Hirsch״ Qiu• moschim darauf — immerhin nichts Unerfreuliches im großen ganzen aber bleibt das gezeichnete Bild ׳!eitler zu Recht bestehen. Das wird anders werden müssen. Weltgeschichten und ' lUkhev der Entdeckungen' sind an sieb recht '\Vcrtvollc Publikationen.' Das bestreite ich nicht. Und cs ist auch gewiß schön,, wenn man bereits als Dreizehnjähriger sämtliche Klassiker im Schrank hat: eine '11 n b e d 111 g t e N ot w c 11 d i g k «i t aber besteht, hierfür nie untl n Im m c r. Die Bannizwoh ist ein jüdisches Fest; cs stellt die Groß j ä h r igk ci ts e rk I är u ng des jungen Juden dar, und da ,ist es wohl,angebracht, dem BannizwöU in erster Reihe den Besitz, von Werken zu vermitteln, die •geeignet sind, ilm mit Juden und Judentum bckanntzuimchcn. So müssen auf. dem Geschenktische Bücher liegen wie der Grätz, Ruppin, Soinbart. 'Zöllschan, die Lilien•־ Bibel, die ,'Aimanaciis — um nur kurz einige der ,wichtigsten zu nennen — ja selbst Herzls und Nord aus zionistische Schriften müssen' ü b c r a II un•' gehindert ihren Platz' finden. Und wo Mischnajaus ,geschenkt werden, da ist •cs erlaubt und nützlich auch die hebräische ״Jüdische’ Ocsdilchtc“ Von Jawitz als Festgabe darzübielen. Daß jeder junge BarmLtwoh'. deinen‘,J ü U i 8 c h c n netische Ausbildung in •der Schweiz, in Dänemark und Berlin erhielt, einen hebräischen Leitfaden für das Turnen, in dein auch die hebräische Kominandosprache vorläufig festgelegt werden soll. Es wird geplant, den Turnunterricht an allen Schulen Palästina* ciuzuführcn, eine Frage, mit der sich der Ausschuß der Jüdischen Turncziehaft in allerletzter Zeit beschäftigt hat und die iu der Hauptsache rein finanzieller Natur ist. In welcher Weise diese Frage gelöst werden wird, läßt sieh heule noch nicht übersehen. Sicherlich aber dürfen war für die Turusaclie in Palästina, die sich so vielversprechend entwickelt hat, vor Opfern nicht zurückschrcckcii; denn »las ist sicher: Was wir heute für unsere Sache in Palästina tun, wird sie uns tausendfältig in ideellen Werten zurüekgeben. — Nachstehend sei ein kurzer Bericht über die turne• rischen Vorkoin1nuis.se• der letzten Zeit gegeben. In den früheren Jahren, als man im hebräischen Gym• nusium turnte, das im Tel Awiw, außerhalb der eigent• liehen Stadt Jaffa liegt, aber über eine verhältnismäßig vollkommene Turiieiiiricliluiig verfugt, kamen wegen der weiten Entfernung nur wenige* Unentwegte aus der Stadt zum Turnen. Jetzt wird aus diesem Grunde in der Mädchenschule des üdessaer Komitees geturnt. Dort sind zwar bisher noch keine Geräte außer dem ־ Vercinsiiiventar (bestehend aus einem Barren eigener Konstruktion, Sprungbrett, Tau, Kugel, Gewichten und IS Paar Keulen), doch hob sich der Betrieb hier be•• deutend, trotz der Abwesenheit des Herrn Orloff, der in Europa seine Ausbildung vervollständigte, und des vollständigen Mangels eines anderen fähigen ׳ Leiters. In jeder Turnstunde (Montag und Mittwoch von 8־./י bis 9 Uhr) wird nach den Freiübungen iu drei Riegen geturnt, die fast jeden Abend an denselben Geräten üben. In der Mädchenschule ist bereits mit dem Bau einer dem dortigen Klima ungepaßte-n offenen Turnhalle begonnen worden, die im Laufe des Wintersemesters fertiggestellt werden wird. Auch das Gymnasium plant den Bau einer Turnhalle, doch fehlen hierzu noch die Mittel. Für beide* Halten fehlen ferner sämtliche Geräte, und wir würden uns große Verdienste um die jüdische Turnbewegung in Palästina erwerben, wenn wir die für die Einrichtung der Hallen notwendigen Fonds aiifhriiigen würden. Die Organisation des Vereins läßt infolge der schwie• rigeu Umstände noch viel zu wünschen übrig, doch wird sie nach dem geplanten Beitritt zum ״Makkabi" iu Koustaiitiiiopcl eine bessere werden. Leider haben die• bemittelten jüdischen Kreise in Jaffa bis jetzt nur wenig Interesse an der Sache genommen, doch ist zu hoffen, daß mit der heran wachsenden Jugend auch dieses sich׳ ändern wird. Um so erfreulicher ist das turnerische Lehen außerhalb der Turnstunden. Jeden Sabbat morgens 6 Uhr treffen sich die Turner am Meercsstrand, tun zu baden. Darauf bleiben die Turner bei allerhand Spielen, Laufen, Springen usw. bis 0 Uhr zusammen und treffen sich am Nachmittag wieder zum volkstümlichen Turnen, vor allem zum Fußballspiel. Wenn cs möglich ist. werden Turn• märsche in die benachbarten jüdischen Kolonien unter• nammen. Die Turner werden dort fremullichst auf• genommen und haben hei ihren Spielen und anderen ׳Turnübungen stets eine große Zahl begeisterter Zu• schauer. Gerade iu den Kolonien könnte inan auf eine gute Entwicklung von Turnvereinen rechnen, da dort fast jeder junge Mann für unsere Idee be• geistert ist. ' Ein besonders erfreuliches Zeichen sind die grollen Turn• mul Sportfeste, die alljährlich an den Zwischenlagern des Pessacli• oder Sukkothfcstes ßüchertisch erhält, dafür zu sorgen ist Pflicht seiner •zionistischen Verwandten mul Bekannten. Es wird so oft über Mangel an Initiative zu zionistischer Betätigung geklagt. Hier eröffnet sich für jeden Zionisten ein Arbeitsfeld, dessen Beackcrung überaus ffuchthriiigeiul und daher von größter Wichtigkeit ist. Wenn nur ein Dutzend Personen moderne jüdische Bücher schenken — und das würde schon genügen ־- bleiben überdies immer noch genug Leute übrig, die Klassiker in billigen Ausgaben und Welt* gescbichten angeschleppt bringen. Schwer ist die Arbeit nicht, nur muß man sich ihr mit Ausdauer unterziehen. Mau darf keine Briefe, keine Besuche scheuen, kurz man darf nicht eher nachlassen, als bis man das, was man beab• sichtigtc, auch ü 11 r c 11 ge f iih r t hat. Und damit cs nicht scheine, als handle cs sich bei Gesagtem nur uni tinerprobte Ratschläge, sei dem Schreiber dieser Zeilen gestattet zu bemerken, daß cs ihm jüngst geglückt ist, auf die geschilderte Art einem kleinen Barmi/woli zu einer schönen jüdischen Biblio• thek zu verhelfen. Vergessen wir noch eines nicht. Wenn wir so- .weit sind, daß wir unsere jüdischen Werke auf jedem Geschenktischc finden, können wir die Hände noch lange nicht beruhigt in den Schoß legen. Das Ziel wird erst erreicht sein, wenn wir jeden Barmizwoh• tisch mit unseren modernen hebräischen Klassikern ,schmücken werden. ׳ Allzulange Zeit darf bis dahin• nicht vergehen! Das, Freunde, führt Euch zu Qcinöte, L. Löwin.•