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Jüdische Rundschau · 1911-11-17 · Heft 46 (17.11.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 JUEDISCHü RUNDSCHAU Seite 543 wenigsten» einen Teil unserer Urinier zu neuem jii• (tischen Leben zu erwecken . . Wir wünschen unserer Kollegin, die ihrem Pro• gramii» mit so hewuiKlernsweriem Erfolg treu ge• I>liehe11 ist, fürs erste weitere 7U Jahrj• frohen < iedeihensl Palästina Die letzte Soiulermmmier der Zeitschrift ״Palä• :üma" erschien zum Kongreß und brachte dement• •prechcnd eine Reihe von für die Baseler Tagung berechneten Aufsätzen. Wenn wir die verdienstvolle Publikation einer ■enaueren Durchsicht unter/iehen, so fällt da mancher•!n auf. Schon der erste Satz, des von Adolf Höhnt .׳c/eiehneten einleitenden Artikels ״Zum X. Zionisten• Kongreil״ fordert einen Kommentar heraus. Ls heilJt dort: Seit die Richtung der ״praktischen Palästina• Arbeit״ in der zionistischen Organisation so ziem• lieh auf aller« Linien gesiegt hat ... Das stimmt wohl, aber doch fast nur ״im Prinzip״ und ״pro• grammatisch״. In der Hauptsache aber, mim• | lieh in der Praxis, waren die praktischen Pat.i• I stineuser bisher nicht praktisch gc mg, durch He• set/ung der maltgcbenden Stellen sic ו den ihnen zu• kommenden Uinflul! auf die Oesehäfte der Orgauisa• tiou zu sichern. Oder wie es Hugo Schachtel in seinem sehr instruktivem Aufsatz ״ZionisieioKon• gresse und Palästina-Arbeit״ ungefähr sagt: die Tak• liker der ״politischen" Richtung waren in diesen Dingen den ״Praktischen" immer noch überlegen. Ls klingt wie ein Vorwurf, wenn Schachtel den ״Palästi• nensern" ihre Unfähigkeit (bis zum IX. Kmigrcli) vorhält, sich eine entsprechende Leitung zu schaffen. Es dürfte aber nicht so gemeint sein, denn dem Autor sind — wie kaum einem andern - auch die Methoden des Kampfes bekannt, und bei solchen Vcr• l»ältnis<cn zu unterliegen, ist — für eine Zeit wenig• stens nicht unrühmlich .... Was der X. Kon• grefl in dieser Hinsicht geändert hat, ist immerhin ein sehr wertvoller Anfang. Die Arbeiten, die sich mit der Kolonisation selbst beschäftigen* *), bieten atillerordentlich viel wertvolle Materialien und Anregungen, zeigen aber die herkömmliche Einseitigkeit, dall Kolonisation und landwirtschaftlich e Kolonisation fast als identisch gilt, und das, obwohl die lamlwirtschnflliclic Kolonisation In ule nur etwa ein Zwölftel der jüdischen Eittwohi.c-.cliafl des Landes umfallt. Seihst wenn wir nur die erwerbende Einwohner• schafl in Betracht ziehen, ist die lamlwirtschaft• liehe Kolonisation gegenüber den städtischen Ile• rufen weit ins Hintertreffen geraten, trotzdem diese städtische Entwicklung noch sehr jungen Da• tums ist und nie die grollen Kapitalien zur Vor• füguiig hatte, mit denen die Sympathie der iiidi• selten Welt (und Rotsdiilds) das landwirtschaftliche Ansietllungswerk ausgestattet hat. Dabei ,.schreit" gerade der Inhalt dieses Palä• stina-llcftes an zahlreichen Stellen nach stärkster Hervnrkehrung und Betonung der städtischen (imlti• *) Bodenheimcr: Was bedeutet uns der National• fonds? Warburg: Die Arheitsmöglichkeiten des Na. tionalsfomls. Boris Oolilberg: Was am meisten not tut . . . Kuppin: Die landwirtschaftliche Kolonisation unter den Juden. Bergmann: Bemerkungen zur arahisehen Frage. Reihe Priester, sondern Laien standen. Aber auch als Kolonisten blichen sic bei ihren Fahnen. Unter *Ich Funden befindet sich ein hölzerner Stempel, den ״die Kompagnicgcnosseii dem I losea" dcdiziv.t haben. Für die patriotische Gesinnung der wichtigen Grcn/triippcn sorgte anscheinend die Zcntralregierung durch eine Art Geschichtsunterricht. So erklärt cs sich, dall unter den Urkunden sich auch eine aramäische Uchersctzung der berühmten Hchistun• Inschrift befindet. Auf der Felsenwand hei Bchistun auf der Strafte von Babylon nach Lkbatana hat näm• lieh Darius I. nach der Niederwerfung aller inneren Feinde eine große Sicgesinsdirift in drei Sprachen einmeilleln lassen, eine Inschrift, die deshalb so herühmt ist, weil sich an sie die, Lntziffermig der Keilschrift durch Rawlinson knüpft. Abschriften mul Ueherset/ungen dieser Urkunde ließ Darius unter seinen Völkern verbreiten, und der Zufall hat uns nun einen Teil der aramäischen Fassung beschert. Ciegen Ende des fünften Jahrhunderts brachen mit dem Erschlaffen der persischen Zcntralrcgicmng böse Zeiten über die jüdische Kolonie herein. Die ägyp. tischen Priester des (lottcs Chunb bestachen den persischen Obersten und plünderten und verwüsteten unter seinem Beistand den jüdischen Tempel, dessen Wiederaufbau auch lange Zeit verhindert wurde, bis die Juden sich an den Hohenpriester in Jerusalem, den persischen Statthalter von Judäa und die Söhne des samaritanischcn Statthalters wandten und die letzteren intervenierten, während der Hohepriester nicht» von »ich hören ließ. Damals wurde wohl stiTeilen ikw.) Möglich!.eiten! So schließt 0 o | d he r g seinen vorzüglichen Artikel mit den Worten: ״Bis wir nicht die Aufnahmefähigkeit Palästinas auf Zehntauseiide pro Jahr gebracht haben, können wir nicht hei der großen Masse als ernster, realer Faktor des jüdische» Lehens zur Geltung kommen, und da liegt der Punkt, wo der pnläntiucuslsclic Schuh 1111s am meisten drückt." — Aber die klar zutage liegende einzige Lösung des Problems wird hier nicht einmal augedeutet. Nur Berg mann, der die Frage zu beantworten sucht, wie die Juden — ohne mit den Arabern in Kollision zu geraten —• das numerische Uebergcwielit im Lande gewinnen könnten, Weist hierbei in einigen Sülzen auf die Wichtigkeit der industriellen mul kommerziellen Kolonisation hin mul legt im Zusammenhang hiermit einige der fällst• dicksten Irrtümcr der zionistisch-üblichen Auffassung von Palästina bloß. Aber auch er behandelt weitaus in der Hauptsache die landwirtschaftliche Seite des Ansiedluugswcrkes, für die er Verbesserungen vor• schlägt, was au sich gewiß sehr verdienstlich ist. Warburg ptoponiert sozusagen die Schaffung einer Art Lamlwirtscliaftsamt (resp. von Muster• betrieben) durch den N a t i o 11 a I f o » d s. Sehr gut, und dem Sinne der Gründung gewiß durchaus entsprechend. Nur ist cs blamabel, dall man in den 30 Jahren der bisherigen Kolonisation versucht hat, ohne diese erste 11 n d w i c 111 i g s t c G r u n d lagt׳ ntiszukominen. Ls heißt in dem Artikel: ״Will der N.•!•'. ein nicht verlnslreiclies Betätigungsfeld für die Zukunft finden, so muH er erst diese ruinösen Zustände*) verbessern; tut er das nicht, so wird der Fonds seinen Hauptzweck nicht erfüllen können.״ Sehr merkwürdig ist hierbei, daß der Autor (als Beleg für die getadelten Zustände) sich auf einen Artikel von Pasmanik beruft, der sich auf ״Zahlen eines Kolonisten" stützt. Lin sehr indirekter Weg, der liier zu einer Verallgemeinerung führte, die allenfalls vor Jahren einmal den wirklichen Zuständen entsprach. I I Icute sind wir viel weiter. Aber die Forderung eines | L.iiidwirtschafts.imts ist doch das Positivste, was | wir auf dem Gebiete der agrarischen Kolonisation seit langem gehört haben, und cs sollten alle Kräfte mobil gemacht werden, um eine diesbezügliche Aktion des Nationalfonds zu beschleunigen. Sehr informativ ist — neben vielem anderen ־ der Artikel über den Nutzen der jüdischen Koloui• saiion für da» türkische Reich. Danicli lieferten die beiden Kolonien Rischon lc*Ziou und Pethach-Tikwal» der tüikisclten Staatskasse HO000 Fr,nies in einem Jahre. Die beiden Kolonien zählen zirka '1500 Seelen., Der Tribut des Fürstentums Samos — ca. 55 000 Seelen beträgt 50 000 Francs oder etwa einen Franc per Kopf! ״- Aber auch von einem anderen ״Tribut" berichtet das Heft, Nämlich von einem Subventions-Konto von zirka 125 000 Mark, das der ״Hilfsvcrciu der Deutschen Juden" für seine Tätig• keit in Palästina pro l<)!0 answeist! Mit diesem Getde werden in der Hauptsache 30 Schul- und Erziehungsanstalten im Lande unterstützt resp. unter• halten. Von Interesse sind schließlich die Notizen über die Verbesserungen der Verkehrswege, die günstigen Lrnteherichte mul Angaben über Erwerbsgelegen• *) Ocmeint ist die geringe Ergiebigkeit des סח• ilcns infolge extensiver Kultur mul hohe Kosten der l.ehenslialtung der jüdischen Arbeitskräfte und der Viehhaltung, der Aulhau des Tempels geslattet, aber als bald darauf Acgvplen sich von Persien losriß, scheint in einem ähnlichen Krawall die Gemeinde vernichtet otler wenigslens schwer geschädigt worden zu sein. Die Vorfälle beweisen, auf welch exponiertem Posten die kleine jüdische Kolonie stand. Obwohl im Vor• kehr mit anderen ägyptischen Juden, die ihnen manchmal Warnung vor Gefahren zugehen ließen, befand sie sich inmitten einer stammfremdcii Bevölkerung, die von Priestern wahrscheinlich aus nationalen Gründen verhetzt wurde. 1111 allgemeinen war der Verkehr friedlich. Als Zeugen fungieren bei den geschäftlichen Transaktionen Heiden und Juden durcheinander. Die Juden gaben sogar bisweilen ihren Kindern heidnische Namen, die mit Götzen• iiamen zusammengesetzt sind, während andererseits einmal ein Proselyt, der von seiner jüdischen Gattin bekehrt worden war, den Namen Nathan aimimmt. Sich seihst hezeichuclen die Juden bald als Arainäer, bald als Juden. Ihre Sprache war die damalige Weltsprache, das Aramäische, ein dem Hebräischen ־ nahe verwandter semitischer Dialekt. Unter all den Urkunden kommt kein hebräisches Wort zum Vorschein •י abgesehen von den guthebrüischen Namen während in Palästina noch kurze Zeit zuvor Nelte• mia seine Memoiren in einem klassischen Hebräisch »bfassen konnte. Außer heidnischen Namen drang aber auch manches andere Heidnische ein. Unbedcnk• lieh gebrauchen die Juden die Grußformel: ״Die Götter mögen nach deinem Heile fragen", und sie schwören bei der Göttin Sati. Aber von diesen beiten. Alles in allem bietet die Publikation eine Art Chronik der jüdischen Fortschritte iin Lande. ־— * Das lieft wird mit einem der besten Worte Theodor ller/ts cingelcitct: ״In allem Ii.iIh•» wir »ms bemüht, Unpersuu liebes einzurichten. Nur das hat Dauer." Leider Italien diese Bemühungen - bis auf den heutigen Tag — noch viel zu wenig Erfolg gehabt, und ich möchte das Zitat (sicherlich im Sinne des Ur• lieber») dahin variieren: ״In allem haben wir uns noch viel zu w e 1» i g bemüht, Unpersönliches cin/iirichten. Nur das aber hat Dauer." Davis Trictscl». Werner Sombart über die Zukunft der Juden Die Vortrage des bekannten Berliner National- Ökonomen Werner Sombart über Judentum und Kapitalismus waren im voriger» Winter in der Reichs• hauptstadt auf ein überaus reges Interesse gestoßen, das sich auch auf das jüngst erschienene, ähnliche Fragen bch.iiitlelmle Buch des Gelehrte» übertragen hatte. So war es nicht weiter verwunderlich, daß am vergangenen Montag ein außerordentlich zahl• reiches Publikum, in den» neben bekannten Vertretern der Wissenschaft auch die Spitzen der jüdischen Ge• ineimle bemcrkl wurden, den Saal der Singakademie füllte, in dem Werner Sombart über die ״Zukunft der Juden״ einen Vortrag niigckiimligt hatte. Für die Kreise, die Sombarls Vorträgen im vorigen Jahre und auch der Deduktion seines Buches mit Ver* stäiidnis gefolgt waren, hot die Wahl dieses Themas weiter keine Ucbcrrasclumg; ihnen war es von vornherein klar gewesen, daß ein so ernster Vertreter der exakten Wissenschaft, ein so scharfer und klarer Denker wie Sombart. der mit bemerkenswertem Inter• esse und Verständnis in die Geschichte des jüdischen Volkes eingednmgen ist, nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern versuchen würde, die Ten• den/en zu erkennen, welche den Lebenslauf dieser merkwürdigen Gemeinschaft aller Voraussicht nach in Zukunft bestimme(! würden. Für uns Juden war dieser Vortrag schon deshalb so interessant, weil hier einmal ei» vollkommen objektiver mul leidenschaftsloser Gc• . lehrter zu Wort kommen sollte, der sich frei weiß von jeden» unwissenschaftlichen Antisemitismus, aber auch von jeder berechnenden Schmeichelei gegenüber gc• wissen einflußreichen jüdischen Kreisen. Haben wir doch nicht allzuoft Gelegenheit, zu hören, wie, im Liebte der reinen imkäiiflichen Wisseiiselmfl besehen, unser Gegenwartslehen sieh spiegelt lind unsere Zu• knnft sich deuten läßt. Sind es doch vielmehr in den meisten Fällen verzeihliche Leidenschaft, Vor• eiitgcnoiiimcuhcit und Intoleranz gegenüber fremden Ansichten, die den Beweisführemlen von vornherein auf ein vorgestecktes Ziel zuslcuer» lassen, uuge »cl»t״t der Sache der Wissenschaft, die dabei Schaden leidet. Dürfte es doch, abgesehen vielleicht \on so kühlen und nüchternen IK-nkcrn wie Nord a»1, wenige Juden gehen, die imstande sind, völlig objektiv und wissenschaftlich über die Frage der jüdischen Zu• kmift zu diskutieren, aus dem einfachen Grunde, weit sic für uns eine vitale und nicht, wie für den Pro• fessor der Nationalökonomie, eine rein theoretische, wissenschaftliche i't. Um so mehr darf cs uns Zionisten zur Freude gereichen. wem» wir am Montag eine ganze Anzahl verwandter Gedankeiigäiige aus den Sombart• sehen Deduktionen licraushörtcii. Sombart, der an» Montag uns gewissermaßen die erste Hälfte des Vortrages darbot, iialmi diese Zwei• toilung in der richtigen Erkenntnis vor, daß die Füllo des thirchzugchemleu Materials eine zu gewaltige sei, Kleinigkeiten abgesehen, waren sic doch Jabo treu. Sehr viele ihrer Namen sind mit Jabo rusatiuucn• gesetzt, und sie grüßen sich auch mit den Worten: Der Herr des Himmels grüße dich. Ihre Trauer bei Zerstörung ihres Heiligtums ist geradezu rührend: sie hüllen sich in Traucrklcidcr, fasten und beten, salben siel» nicht lind trinken keinen Wein, und sic geben siel» die größte Mühe, den Altar, auf den» sie unblutige und Tieropfer darbrachten, wieder auf• zuriehten, Von dem Gesetzbuch Moses, das Esra aus Habel nach Jerusalem gebracht hatte, wußten sie natürlich herzlich wenig. Schon daß sic über* haiipt eiueii Tempel Jabos außerhalb Jerusalems hatten, widersprach ja den» Deuteronomium, und sie nahmen ohne weiteres Zinsen für Darlehen, was der Pentateuch verbietet. Auch den Snhhath werden sie als Söldner schwerlich streng gehalten haben. In späterer Zeit lielk-n sich bekanntlich die Juden gerade des Sahhaths wegen vom Kriegsdienst befreien. In einer leider sehr verstümmelten Urkunde erfahren wir von einer Passahfcier, die anscheinend bchörd• lieherseits angeordnet wurde. Die Juden sollten vom 13. bis zum 21. des Monats Nissan rein sein, sich der Arbeit enthalten und nichts Gesäuertes genießen. Ob mit diesem Sendschreiben aus dem Jahre •110/8 überhaupt erst das Fest bei den Juden Jcbs cingc• führt wurde, ist fraglich. Jedenfalls beweisen diese verschiedenen Momente, daß bei ihnen von einem Polytheismus nicht die Rede sein kann. Bei irgend• einer Gelegenheit noch vor der Zerstörung ihres Tempel» entrichtete das gesamte jüdische Heer eine

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