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Jüdische Rundschau · 1911-11-17 · Heft 46 (17.11.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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* Seile 542 JUEDISCH E RUNDSCHAU Nr 46 Das Opfer von Brieg Es gibt ein schönes und stolzes \X£ort, das die Stellung des freien Engländers zu seinem Volke kurz und treffend zeichnet. Es heißt: ״,Wright or wrong, my countryl“ -- ״Recht oder unrecht, cs ist mein Land“. So bejaht eine starke Nation ihre Existenz. — Und wir Juden . . .? Wir sind ein kleines, schwaches Völklein und für uns scheint oftmals die Um• kchrung des Satzes Geltung zu haben. Als wir vor nunmehr zwei Jahren in diesen Blättern zum Vorgehen des Miilhausencr Haupt• manns von Gersdorff, der einen jüdischen Einjährigen in den Tod getrieben hatte, Stellung nehmen mußten -־ denn wir suchen nicht den antisemitischen Skandal — da erreichte uns eine Anzahl von Zuschriften aus jüdischen Kreisen, die für die Handlungsweise des anti• semitischen Leuteschinders ein mildes Verstehen hatten. ״Der Einjährige hatte sich auch zu schlapp geführt . . .!“ Man denke, er war eines Tages iin Automobil auf den Schießstand gefahren, hatte die Mannschaften seiner Kompagnie mit Bier und Zigarren traktiert und sich ähnliche Vergehen zuschulden kommen lassen, die er wohl seinen feudalen Kameraden abgesehen hatte, die aber für einen Juden im Auge des Juden fluch• würdig sind. Objektivität der Schlappschwänze! Zufällig beschäftigte besagter Herr von Gersdorff auch später einmal die Oeffentlichkeit. Es war im Prozeß der Gräfin Pfeil, wo auf das Familienleben dieses Edelmanncs recht merkwürdige Schlaglichter geworfen wurden, die ihn der jüdischen Parteinahme für ihn im Müll ai.sener Fall doppelt unwert erscheinen ließen. ’ Wir haben mm kürzlich für einen Juden Partei ergriffen, der sich nicht in den Tod, ja nicht einmal zu der verzeihlichen Feigheit eines falschen Geständnisses treiben ließ, der schwere '.Zuchthausstrafe erlitten hat, weil er Jude war. Und schon melden sich Stimmen, die sorgsam fragen: Ja, weiß man denn auch ganz sicher, für welch einen Mann da Partei genom- ■men wurde? Wer kann heute das Material, das nach neunzehn Jahren dem Regal entnommen werden soll, gewissenhaft nachprüfen? Besteht ‘nicht die Möglichkeit, den vermeintlichen Anti- •semiten unrecht zu tun? Unsere Leser kennen das Material und wissen, woher es stammt. Wir glauben kaum, daß uns jemand mit Recht der Leichtfertigkeit zeihen kann, wenn wir an Hand dessen die Sache zu der unseren machten. Hans L c u ß, der hier als erster in der Presse den Kampf ums Recht aufgenommen hat — viele schreckt der Name des früheren, längst rehabilitierten Antisemiten — gibt neuerdings einiges Material, das uns in der Gewißheit bc- ־ stärkt, daß cs sich um die Sache eines aufrechten Mannes handelt.!.... . .... . ..... , r 7.;7 כל: ־ Die Bureaustunden der in unseren Räumen Wilmersdorf, Sächsische Sir. 8 vereinigten Bureaus werden für die Zeit vom Montag, den 20. November ab wie folgt festgesetzt: Montag — Donnerstag 9—x!%2 Uhr und V3^1 ־־־/f ^hr, Freitag — Sonntag wie bisher nach Massgabe des Sabbats b\w. der gesetzlichen Vorschriften. ״Jüdische Rundschauu, Verlag. — ״Die Welt", Verlag n, Redaktion. — Zionistische Vereinigung für Deutschland. — Zionistischcs Zentralburcau. — Jüdischer Verlag. *.. ״■.■י■ —«** Wir hatten früher mitgctcilt, daß an den einen der Verurteilten, Isidor C., nach Verbüßung eines Teiles der Strafe das Anerbieten der Freilassung gelangt war, für den Fall, daß er nachträglieh ein Geständnis ablege. Der Vorschlag war abgelehnt worden. Nun wird bekannt, daß die Versuchung schon vorher an den damals Sechzehnjährigen herangetreten ist, und daß er fest geblieben sei. Den neuesten Mitteilungen des Herrn Leuß in der Zeitschrift ״Im Namen des Königs“ entnehmen wir: ״Einer der Verurteilten von Brieg schreibt mir, daß der Vorsitzende ihm nach dein Urteil zugeredet liahe, ein Geständnis abzulegen und für dies Geständnis ein Gnadengesuch der Geschworenen in Aussicht gestellt hat. Isidor C. ist ein tapferer und starker Knabe gewesen, als er mit seinen sechzehn Jahren unter dein vernichtenden Druck einer harten langen Strafzeit, die vor ihm lag, der Lockung widerstand, mit einem — falschen — Geständnis sein schweres Schicksal zu mildern. Wie viele Männer brechen in solchen Augenblicken zusammen und handeln feige und sinnlos zugleich. Der sechzehnjährige Judcnknabe hat cs nicht getan, auch später nicht, als abermals die Vcrs 11 e 111111 g zur Feigheit an ihn herantrat, als seine Entlassung nach längerer Strafhaft von einem ״Geständnis“ abhängig gemacht wurde. ״Ich konnte nur immer die eine Wahrheit zu I’rotokoll geben, daß ich unschuldig verurteilt bin, so wurde mir von dem betreffenden Beamten gleich bedeutet, daß ich nicht begnadigt werden könnte, wenn ich die Schuld nicht zngäbe.“ So schreibt er mir. Wäre ich nicht ohnehin und aus vielen (iriimicu entschlossen, die Sache Isidor C.'s zu der mehligen zu machen, so würde diese Bravheit des Sechzehnjährigen mich dazu bestimmen. In dem Briefe meines Schützlings lese ich weiter: ״Ich bin weder vor noch nach dieser Bestrafung bestraft. Audi habe ich bereits einige Male mit großem Kostciiauiwamle mich als Zeuge zu vernehmen verhütdern müssen, um nicht an den Pranger gestellt zu werden." Soll dieser Mann das harte Schicksal der Ungcrcchtigkcit durch sein Leben schleppen? Nein, das soll er n i eilt! Es müßte ja diese Welt ein Haus der Niedertracht sein, wenn dieser klare Fall schweren Unrechts nicht gesühnt würde!" Wir aber brauchen uns den stolzen englischcn Wahrspruch nicht erst zu eigen zu machen, um unser Bemühen in dieser Sache mit dein aller wahren Kämpfer ums Recht zu vereinen. Es handelt sich um eine Sache des Rechts, eine Sache deutschen Kulturgewisscns und eine Sache des Judentums. Wenn wir Juden es wirklich zu unserer Sache machen, dann werden vielleicht Recht und Kulturgewisscn auch noch weltcre Vorkämpfer außerhalb unserer Reihen finden. Zum Jubiläum des jewish Clironicle Am 12. November feierte die bekannte englischjüdische Wochenschrift ״Jewish Chroiticle“ iltren 70. Geburtstag. Gerade in der jüdischen Publizistik sind die Eintagsfliegen so häutig, daß ein solches Ereignis doppelt und vielfach Beachtung vcrdient. Nur ganz wenige Blätter (wenn irgendwelche) dürften in dieser Hinsicht dem führenden Organ der englischen Judcnhcit an die Seite gestellt werden, und eine solche Ausnnhmerollc in einer Anzahl von wohl annähernd 2000 jüdischen Blättern (die ״Jewish Encyklopacdia“ führt unter dem Stichwort ״Pcriodicals" eine Tabelle von nicht weniger als 1300 auf, in der aber zahlreiche Blätter fehlen, und die in den letzten zehn Jahren auch eine ziemliche Bereicherung erfahren haben dürfte) will wohl etwas sagen. Aber nicht durch ihr Alter ragt diese jüdische Zeitung hervor, sondern sic ist unzweifelhaft das Vorbild der meisten später gegründeten jüdischen Journale geworden. ״Jewish .Clironicle" war nämlich wohl da9 erste Blatt, das mit einer gewissen Reichhaltigk c i t und Vielseitigkeit des Inhalts auftrat und so weitere Kreise für sich gewann. Ein solches Umsichgreifen eines jüdischen Journals ist aber ein hohes Verdienst: ich möchte jeden einzelncn, der durch irgendein Mittel, durch eine gute Zeitung, durch persönliche Bemühung oder durch irgend etwas für jüdische Interessen gewonnen wird, eine ״gerettete Seele“ nennen, in dem praktischen Sinne, daß da ein Jude mehr für die Arbeit gewonnen ist, deren cs im Judentum so viel gibt auf kulturellem und sozialem Gebiete — besonders auf sozialem! ״Jewish Chroniclc" trat auf den Plan im vollen BewuBtsein der Größe seiner Aufgabe, und cs hat die stolzen Worte gerechtfertigt, mit denen es stell, vor nun 00 Jahren, als das erste jüdische Blatt seiner Art, bei seinen Lesern cinfiihrtc. In diesem ersten 1 leite lesen wir: ״. . . . wir wissen, die Existenz eines Organs der gegenseitigen Verständigung ist eine so große Notwendigkeit, daß derjenige, der cs zustande bringt, einen beneidenswerten Anspruch bat auf die Dankbarkeit seiner Brüder .... Wir fühlen, daß wir liier etwas getan iiahcn, das uns wohl dem allgemeinen Schicksal der Vergessenheit entreißen wird . . . Wir treten an unsere Arbeit heran mit Lust und Liebe, angefeuert zu unserem voraussichtlich mühevollen Werke durch den erhebenden Gedanken, daß cs uns hescliicdcn sein möge, 1 Das jüdische Heer in Elepliantine Von Dr. R udo 1 f L c s zy n sky. Seit mehreren Jahren verfolgt die Wissenschaftttchc Welt nü\ wachsender Spannung die Resultate, die die deutschen Ausgrabungen auf Elepliantine, einer Nilinsel bei Assuan, gezeitigt haben. Nachdem zuerst eine englische Publikation von Papyrus-Ur- , künden geschäftlichen Inhalts das Interesse erregt . hatte, haben die deutschen Grabungen eine Reihe . überraschender Funde zutage treten lassen, die nunmehr in ihrer Gesamtheit von dem Direktor des Orientalischen Seminars zu Berlin, Geheimrat Prof. Sachau, in einem monumentalen Werke*) veröffent* licht worden sind. Es handelt sich um eine Anzahl vielfach zerfetzter Urkunden, die auf dem, im alten Aegypten üblichen Schreibmaterial, dem Papyrus, . einem Stoff aus den Fasern der Papyruspflanzc, in ־ aramäischer Sprache geschrieben und nunmehr trotz . ihres jämmerlichen Zustandes in genialer Weise zuin großen Teil entziffert worden sind. Schon die Zeit, ln die sie uns führen, ist geeignet, das allgemeine Interesse zu erwecken. Sic ') Aramäische Pony jüdischen Militärkolonic Bel Hinnclis. rus und Ostraka aus einer zu Elepliantine. Leipzig. stammen aus dem fünften Jahrhundert vor Chr., so- Zusagen aus der Zelt des alten Testamentes. Zwei Personen, die wir aus dem Buche Nehcmia kennen, der Hohepriester Jochanan vom Tempel zu Jerusalcm und der Feind Nehemlas Snnaballat, der Statt* lialter von Samarlcn, werden in unseren Fragmenten genannt. Zugleich ist es aber auch die Zeit der mächtigen altpersischcn Könige: nach den Jahren des Parins, des Xcrxcs und ihrer Nachfolger sind die Urkunden datiert. Da haben wir ein Schriftstück, das drei Jahre vor dem Siege der Griechen bei Salamis verfaßt wurde, und eine weitere Reihe, die aus der Zeit des pcloponncsischcn Krieges stammt. Weitab von diesen welthistorischen Ercignissen führen uns jedoch diese Papyri hinein in das Detail der persischen Staatsverwaltung und das Privatleben der damaligen Zeit, an die äußerste Grenze des persischen Weltreiches, nach Oberägypten, wo der Nil das enge nubischc Fclscntal verläßt und den ersten Katarakt bildet. An dieser Stelle lag seit uralten Zeiten zum Schutze gegen die wilden Stämme Nubiens eine ägyptische Grenzfestung, Sycnc, das heutige Assuan, ihr gegenüber auf der Nilinsel Elepliantine, wo sich heute neben ein paar elenden Fellachendörfcm ein elegantes englisches Hotel erhebt, lag in der alten Zeit die Festung Jeb, in die die persischen Großkönige eine eigenartige Besatzung hincingclcgt hatten. Es waren nämlich Juden, die dort für die Perser die Orcnzwacht hielten. Wahrscheinlich um die Zeit der ersten Zerstörung Jerusalems waren sic als Söldner von den ägyptischen Königen angenommen und in Sycne und Jeb stationiert worden, sic hatten dort für Jaho, ihren Gott, einen Tempel aus Quader* steinen und Zedernholz gebaut. Als dann die Perser unter der Regierung Kambyscs Aegypten eroberten, wurden alle Götzentempel von den Anhängern Almramazdas zerstört, aber das Heiligtum, das dem Gotte des Himmels geweiht war, tastete man nicht an, eine lehrreiche Parallele zu dem Verhalten des Cyrus und seiner Nachfolger, die den verbannten Juden die Rückkehr aus dem Exil und den Wiederaufbau Jerusalcms und des Tempels gestatteten. Die jüdischen Söldner in Jeb traten nun in persische Dienste, sic wurden wohl von Persern befehligt, aber sie nannten sich ״das jüdische Heer", sic waren also nicht mit den übrigen persischen Truppen vermischt, sondern bildeten ihre eigenen Truppenkörper, wir kennen noch die Namen von sechs ihrer Kompagnien oder Fähnlein, die nach persischen und babylonischen Offizieren genannt wurden. Es fehlt allerdings nicht an Andcutungen, daß auch Juden im persischen Reiche höhere Aemter bekleideten, ein Beispiel dafür ist auch Nehcmia, und in gewisser Hinsicht war ein vielgenannter Jcdonjah der Chef der jüdischen Militärkolonic in Elepliantine, aber wir wissen nicht, wie weit seine Befugnisse gingen. Vielleicht war die bürgerliche Verfassung der Kolonie von der mißtärischcn getrennt. Den Kolonisten wurden außer ihrem Solde noch Ackcrlosc zugctcilt, und so vcrwandelte sich die Garnison in eine Gemeinde, an deren Spitze bemcrkcnswcrtcrwclsc nicht in erster

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