Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651757--08079-2665293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
t ן m; r~——ן——־־ I Abonnements ן I auf di« wöchentlich מוי Frei)«!; er• | I* icheincnd• ״JUdlache Kutulicli•׳!" g koitrn bfl *ler K1|1«li(ion und M ■ |!Ilm l’0«Umt<1rn vinlrijiihrlirh I.'.’JM , | Iau6««halb DeutathUnili und 0״'<r• I reich.Unftina 2,— M.! für MiUdirder « I iQditchrr Vereine im SammelUciuff | | durch den Verein J,— M. | | Verlag JUdlach» Rundaciiau I ן E. G. m. b. II, ן ן BERLIN W.15, SBchal.cht Straffet. I ■ Trlri’honl Ami Uhiand IMS. g! GeJchnlUilunilrni 9—I und 4—7 Uhr, ן aufttr Sonnabeml und Sonntag. r »4/ כ י r ר״> h \ ע ן*־”״ן ן-•ן ץ־ J l J V %*־־t—1 r <•־־׳/ ד!! \ t ... .*J i n? ■ר- ר'״־ U y J v,1 (.. ,rr, p ץ־• O f K ') ־• p ר ר/, ף ר ז , < . יי U t--1 f Anzeigen J I ku«i1׳n für dir «nl1tjr'|>*llrne Pclll* i 1 irile oder ■Irren Kaum 40 l'f. j Stellen• | An^elmle und •Ge»u*l1c a׳.wie Verein«• I ■ MtUeilu11!rn und .Kleine Anreigen* > I □ □ nur .10 l'fennig. CO* | Manuel ri|de wrrilrn, wenn Porto bailiegt, I | alcla luriiilgreandi. KrdaltionaathluBl | ן Mittwoch vormittag*. ן ן Redaktion JUdi.cJi• Rundacha■ 1 I BERLIN W. iS, SUchalatlia StraO« •. I j ן Tele|>hom Amt Uldand WS. | 1 g Sprachitunden Dieaita; und DonntraUf j J 5-6 Uhr nadimittaga. cר־׳־/ 7־ n crp3 6(it “ Nummer 46 Berlin, den 17.N0V fs <-* f ך ■*m 2S.CI1cschwan 5672 r״\ J XVI. Jahrgang Ausweis Schckclt EbcrswaUlo 18,—, Halberstaüt 10,—, Quttstadt 1,—. Landcsbcitrügc 1 Mannheim 3,—, Wrcschen •14,—, I3c?sut1 3(״“* Organisationsfonds 1 l). Schwarz-GuUsimlt 5,־ , Leipzig (s. .,Verschiedene Spende»1*) 1, , J. 1.. Goitcin-Frankfurt a. M. 5,—, Hermann Erteschick• Frankfurt a. M. 5,—. Eingang vom 9. bis 15. Novemberj Schekel: 29,— M., La ndesbeiträge: 50,— M., Org an i• sationsfonds: 16,— M. Gesamteingangt Schekel: 177,—, Landes* beitrüge: 6039,05, O rga n i s a t i o n s f o nd s: 9736,98 M. ־ Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin ■W. 15, Siichsisdie Sir. 8. Sein oder Nichtsein? Schon in den ersten Jahren der zionistischen Bewegung hat Max Nord au einmal auscinandergesetzt, daß die Juden im 20. Jahrhundert sich vor die Hamletfrage ״Sein oder Nicht* sein“ gestellt finden würden und hat die Ant* wort darauf gegeben. Damals wollten freilich noch allzuvicle Juden von irgendeiner Verbin• düng ihres Volksnamens, den sie am liebsten durch ״mosaisch4* oder ״israelitisch44 um* schrieben, mit einer Fragestellung am liebsten gar nichts wissen. Nur kein Aufsehen machen, nur sich nicht als Juden regen — das war da* mnls die alleinseligmachende Parole. Und wer sich noch aller der offenen und heimlichen Widerstände erinnert, die sogar eine in ihrem Programm so zahme Organisation wie der Zcutralvcrcin dazumal fand, der doch wahrhaftig nicht zu viel Bekennermut von seinen Mitgliedern verlangte, der wird sich über den Fortschritt, über den Umschwung der Gesinnung ehrlich freuen dürfen. Wäre cs noch vor fünfzehn Jahren wohl möglich gewesen, daß ein elegantes Publikum von einundcinhalbtausend Personen in Berlin den Vortrag eines Hochschulprofessors über die ״Zukunft der Juden44 — ganz einfach ״der Juden“ anzuhören kommt und dafür noch ein Entree zahlt, für das man ein Nikisch-Kon/.crt hören kann? Das sich sogar zwei Seiten aus einer zionistischen Broschüre — wahrhaftig, aus einer zionistischen Broschüre — vorlescn läßt, ohne anders dagegen zi protestieren als durch einiges unruhiges HerumruLschen auf den Stühlen? Es ist das Glück Sombnrts, von dessen letztem Berliner Vortrag*) die Rede ist, daß er nicht ein Jahrzehnt früher auf die Idee gekommen ist, sich mit der Judenfrage zu be* fassen. Er wäre mit Antisemiten und Zionisten, wenn er auch sicher keines von beiden ist, msammengeworfen und von allen guten dcutsehen Juden (bezw. jüdischen Deutschen) zu dem gezählt worden, wovon man nicht spricht, Ganz entgeht er dem Schicksal auch heute noch nicht. Das ״Berliner Tageblatt“ und der ״Berliner Lokal-Anzeiger“ — um nur die Haupt* repräsentanten zu nennen — sonst gewiß nichts weniger als befreundet, sind sich beide einig darin, daß über einen solchen Vortrag nicht etwa gerade so gut berichtet werden müßte wie über eine Versammlung des Spamlaucr Kricgervcreins; Mos sc und Scherl wissen, ״), Den Bericht über den Vortrag finden die User an anderer Stelle dieses Blattes. ״Der Zlonfr.mua erstrebt für dao Jütlfr.clia Volle d!o CchaflunfT einer ofifcnfc- £cstehev'.cn nelmntiltto in Palusima* llaaolor Programm» was sie ihrem Publikum schuldig sind. Oder sollte dieses heute noch ängstlich vor jeder Berührung mit der Judenfrnge behütete Publi* kum solcher Bevormundung doch schon ent* wachsen sein? Dann sollen sich die Blätter, über deren Totsehweigotaktik seinem letzten Buche gegenüber sich Sombart mit Recht be* Sehweite — denn es haben in beiden Zeitungen, seit das Werk über die Juden und das Wirtschaftsleben herauskam, schon ein paar Dutzend Artikel über minder wichtige und ihr Publikum weit weniger interessierende Dinge gestanden! — jedenfalls nicht darauf herausreden, der Som* barLsche Vortrag habe nichts Neues geboten. Dazu haben Leute, die in der Judenfrage nach auf dem Standpunkt von 1890 stehen, auf keinen Fall ein Recht. Ebenso wie die allermeisten Zuhörer Sombarts am Montag das Recht hatten, über die Ausführungen Sombarts in leideusclinft• lieh erregte Debatten zu geraten. Debatten, über die ein Ziouis» lächeln durfte. Denn u*1S hat Sombart mit allen seinen wohl durchdachten und klar disponierten Auseinandersetzungen über die gegenwärtige Situation der Juden und die Entwicklungstendenzen ihrer heutigen Lage nichts Neues gesagt, wohl aber einiges Un* richtige. Doch hier soll heute nicht mit Sombart ge* rechtet werden. Wir wissen ihm vor allem Dank dafür, daß er uns den ersten Programm* punkt Theodor Hcrzls durchführen hilft, die Judenfrage zur öffentlichen Diskussion Europas zu stellen. Und das werden wir im Verein mit solchen ernsthaften und einigermaßen objektiven Nichtjuden erreichen. Daß wir dann in der Diskussion als Juden und als Zionisten mit Ehren bestellen, dafür werden wir schon selber sorgen. Aber gegen die ״liberale“ Politik des Totschweigens jeder Darlegung der Juden* frage müssen wir endlich mit allen Mitteln uns zu wehren beginnen. ״Mauschel, nimm dich in Acht!“ — muß unsere Losung werden, und den ״zweiten Pfeil“, von dem Hcrzl im ״Mausehe!“ spricht, müssen wir jedenfalls spitzen, wie bitter es uns auch wäre, ihn zu versenden. Bekämpfen und sogar verlachen darf uns jeder, dagegen sind wir nichts weniger als cmplind* lieh und wissen uns zu wehren. Aber sich recken und sich — im Schweigen in einigen hunderttausend Zcitungsexemplaren — groß fühlen darf Mauschcl heute nicht mehr. Das nicht zuzulassen, ist für uns geradezu eine Da* seinsfrage. Denn die ziclbewußte Assimilation, die unser Todfeind ist, braucht ja nichts als Ruhe, als Nichtgestörtwerden. Jede Aufrollung des Problems ist ihr deshalb so tief verhaßt. Deshalb — das hat Professor Sombart offen* bar noch nicht recht erfaßt — deshalb verdächtigt sie ja jeden als Antisemiten, der auf Wesensunterschiede zwischen Juden und Nichtjuden hinweist, weil sie die Heimlichkeit für ihre Schande braucht, dringend braucht, wie der Maulwurf das dunkle Erdreich. Deshalb, wir wissen cs ja seit langem, nimmt sic, wo cs mit der Vordiiehtigung nicht geht, und wo sie sich stark genug glaubt, ihre Zuflucht zur sicheren Taktik des Schweigens. Mut und Ehre? Du lieber Gott, was fragt einer, der davonläuft, Genossen und Feinde im Rücken und vor sich dunkle Ungewißheit, nach Mut, Ehre und ähnlichen Schemen! — — Nun soll man aber nicht meinen, wir hätten etwa den besonderen Grund, uns für eine Würdigimg der Sombartvorträge einzusetzen, darin, daß wir Sombart als Zionisten oder, da er ja nicht Jude ist, als Zionistcnfreund mit Beschlag belegen wollten. Ganz und gar nicht. Wir sind sogar ziemlich überzeugt davon, obwohl wir die . Ansichten Sombarts darüber einstweilen nicht kennen, daß er in seinem nächsten Vortrage, in dem er u. a. bestimmte praktisch-politische Vorschläge machen will, sich gegen den Zio* nismus aussprechen wird — (sollte er das etwa doch nicht tun, so könnte die Singakademie leicht der Schauplatz einer jüdischen Revolte werden!) — aber diese Wahrscheinlichkeit kann uns nicht hindern, den schärfsten Protest dagegen zu erheben, daß ein Vortrag über die judenfrage, den ein namhafter Gelehrter ankündigt, und den fünfzehnhundert Leute, die größtenteils der sogenannten guten Gesellschaft ange* hören, für interessant genug halten, ihm Geld und Zeit zu opfern, von einer gewissen Presse in überheblicher Art totgeschwiegen wird. Freilich wird der holde Wahn von einst, auf diese Weise auch heute noch die Welt bc* trügen zu können, ebenso in nichts zerfließen, wie alles, was man sonst zur Rettung der ״llberalen“ Judenheit zu unternehmen vermöchte. Die J u d a i s i e r u n g der christlichen Gcscllschnf t, von der Sombart sprach, wird gewiß noch weitere Fortschritte innclicn, solange der Staat an seiner ״Erziehung zur Taufe“ festhält und für jede Charakterlosigkeit eine Belohnung nussetzt, ja, sic wird rein geistig überhaupt nicht aufzuhaltcu sein, bis der Sättiguugsgrad erreicht ist. Mit diesem Zeitpunkt ist mm allerdings für alle Länder und Kulturen in längerer oder kürzerer Zeit zu rechnen. Dann ist aber eine Krise möglich und sogar wahrschcinlich, von deren Ablauf wir uns heute gar keine Vorstellung zu machen vermögen. Denn noch leben auch wir Zionisten in der Meinung, daß die Assimilation bis zu einem gewissen Grade und für den Einzelnen möglich sei — das nennen ja manche in geschichtlicher Betrnchtung z. B. den Untergang der westlichen Juden — und daß nur für die große Masse, für das Volk als solches selbst eine gewollte Assimilation unmöglich wäre. Was wir also an Sombarts Vorträgen wie an seinem Buche (das hier gleich׳ nach seinem Erscheinen besprochen wurde) bemerkenswert und vom jüdischen Standpunkt erfreulich finden, das sind nicht so die Resultate, zu denen er gclangt, als vielmehr die Fragestellungen, die er als unbefangener Denker, vor ein Publikum bringt, das ihm eben deshalb zuhört, das aber dieselben Fragen von jüdischer Seite nicht einmal würde auhüren, geschweige denn sie beantworten lassen wollen. Und nach der Zuspitzung, die Sombart seinem letzten Vortrage gegeben hat, muß man anneluncn, daß auch er den Juden für die nächste Zukunft die Notwendigkeit einer Entscheidüng der Frage nach ״Sein oder Nichtsein4‘ prognostizieren wird. Wie er sic lösen wird, werden wir in Ruhe abwarten. Denn wir wissen, daß das Judentum auf die Schicksalsfrage nur eine Antwort geben kann.