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Jüdische Rundschau · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 Seite 533 J UI; LH SCH I; RUNDSCHAU Früher hielt es, »lall die Juden selbst räudige;;elinfe in ihrer Mitte unter Schutz und Schirm nähmen, leb aber erlebe, dall ich allein stehe, wenn ich, ,!er alte Antisemit, für einen luden eiutrete, der schwer bestraft worden ist und diese Strafe des• tialb hat ertragen müssen, weil er Jude ist! Ein derbes Wort schwebt mir auf den Uppen. Wenn bei diesem Anlali nichts von jüdischer deinem• hiirgschaft sich regte, wenn nichts von meinem innern Aufruhr wegen des Tenden/urteils von Hrieg bei den luden sich verbreitete, — dann wüßte ich kein Wort der Oeringschätzung, das für eine solche Stumpf• heit hart genug wäre. Denn die Solidarität der Juden gegen Unbill und 1 'nrccht, die einem Juden als solchem zugefügt wird, «t nicht nur recht und gut, sondern der!Mangel dieser Solidarität würde die Juden sogar zu einer ganz verächtlichen Art von Menschen degradieren. Das Organ der Zionisten hat «len Aufsatz für die Opfer von Hrieg abgedruckt. Ich halte den /iotiis•!uns für eine Utopie, aber für eine sehr anständige uul respektable Utopie, die Charaktere erzogen und gesammelt hat. Die Zionisten sind im Leben auch noch etwas anderes, sind hier und da beteiligt an der Politik, lesen Zeitungen und haben ein Recht, von diesen zu fordern, «lall sie auf «lern Posten siml, nenn ein Unrecht gut gemacht wchlcn soll. Versamm• dingen, Briefe an Zeitungen, Unterredungen geben täglich Gelegenheit, einen I lerd zu Itililen für «las Vcr• langen, dall die Opfer von Hrieg ebenso rehabilitiert werden, wie die v«m Essen. Diese Rehabilitation ist eine Ehrensache für tlic deutschen Juden, auch für die ״deutschent Staats• hiirgcr ji'ulischen Glaubens“, die ihren Patriotismus ebenso wie ihren jüdischen Korpsgeist, «len sie «loch gewill nicht verleugnen wollen, auf keine glänzendere Art beweisen könnten, als durch energisches, selbst• bewußtes Hervorlreten für die Vernichtung tles anti• semitischen Fehlurteils eines deutschen Gerichts. Versagte in diesem Falle die jüdische Solidarität, so wäre das eine Rechtfertigung jedes Verächters «ler Juden. Eine glänzende und mutige Aeulterung jüdischen Zusammenhalts wäre es aber, Respekt würde es heischen un 1 einflöllen, •wenn bei so gerechtem und schönem An’aß die Juden aller Berufe zusammen• ständen in «lern Entschlull, «len unsiiiilhligeu Opfern in Hrieg einen Tag der Ehre zu bereiten.“ Manches, was uns da gesagt wird, klingt recht bitter. Man wird ihm aber nicht widersprechen können, bevor das deutsche Judentum und seine Presse tut• zweideutig bewiesen haben, dall Herr Hans Leull zu schwarz, gesehen hat. Peinlich wäre es, wenn es, wie Leull gleichzeitig anregt, der deutschen Arbeiterschaft allein Vorbehalten bleiben sollte, auf den Plan zu treten, wenn J u d e n ihres J u d e n t n m s wegen leiden. Israelitischen /׳Vzzzz 1 lien blaff, Ifatubur(/ Das Blatt tritt für die Schaffung einer ״Reichs• taufliste** (Amtliche Verlautbarung aller Täuflinge im Deutschen Reiche) ein und schreibt: ״Es sind jetzt zehn Monate, seitdem die Berliner Gemeinde regelmäßig alle Monate eine Liste der aus dem Judentum Ausgetretenen veröffentlicht. Das da• durch geschaffene Zahlenmaterial ist, obwohl es nur einen verhältnismäßig knappen Zeitraum umfaßt, dennoch recht lehrreich. Diese authentischen Zahlen, die eine beredte Sprache reden, besagen für die größte Gemeinde des Deutschen Reiches, in der ja der Ab• fall am stärksten grassieren soll, das Folgende: Die Zahl der Austritte in Berlin betrug: itn Monat Dezember 1010 31 tt || Januar 1011 סוtl Februar ל! |t l| März Ib tt 11 April 24 tt l| Mai 22 «t 11 Juni El »» It Juli 5 tl II August 12 It It September 4 Die Zahl der Austritte aus «lein Jttilei Berlin, die in den ersten beiden Monaten dt kation der Taufliste — als diese Veröffentlichungen noch nicht zur allgemeinen Kenntnis gelaugten noch .durchschnittlich 37 pro M«>nat betrugen, gingen im 'Durchschnitt des folgenden Vietteljahres auf Bl pro Monat und im folgenden Vierteljahr durchschnittlich an) zirka TO pro Monat zurück, tun dann im letzten Monat sogar auf 4 zu sinken. Im Laufe von drei• viertel Jahren ist also die Anzahl der Austritte aus dem Judentum in Berlin um durchschnittlich .300 Prozant gefallen. Mag man immerhin auncluiicn, dih a'if diese auffallende Erscheinung noch eine ganze Anzahl anderer, sich zum Teil der Feststellung ent• ziehender Beweggründe eingewirkt haben, nur «lie spintisierende Rechthaberei wird stell dem Zuge• stiindnis und der Erkenntnis verschließen, daß auf dieses Zurückgehen der Ausfritte die Veröffentlichung der Tauflisten von segensreichstem Einfluß gewesen ist. Die eklatant rückläufige Bewegung der Aus• trittc aus dem Judentum, gerade in Berlin, wo «ler Bo«kn für das Renegatentum nach der allgemeinen Meinung ja besonders günstig sein soll, widerlegt aufs schlagendste die Argumente gegen die Ver• ölfentlichung der Tauflisten. Folgten alle Gemeinden des Deutschen Reiches «lern von Berlin und einigen andcKn Gemeinden gegebenen Beispiele, «laim würde die Tauflust und die Zahl der Austritte aus «fein Judentum sicherlich überall eine rückläufige Bcwe• S zeigen, wie es hier für die rcichshauptstäiltischc eJndc unwiderleglich festgesleilt ist.“ Audi «11111־ häufig erhobenen Unwaml wäre ent - gcgcnziitictea, «lall es um jetti', die mir durch solche ,Wittel «lern Judentum erhallen werden können, nicht schade sei. Denn wenn wir an die Zukunft unseres Volkstums glauben, daun werden wir auch «lie Zu• versieht haben müssen, dall die Nachkommen dieser Taiifkanilülatcn eine würdevollere Stellung zum Judentum finden werden als ihre Vorfahren, die die ״Taiifliste“ so geschreckt hat. ,fr wish P/t iladefphia * I )io Auslassungen Tlicmlorc R 0 o s c v e 11 s über «lie Kündigung des amci ikauiscl1־r11ssisclK*11 Hamlelsvertrage:«, die wir in «ler vorigen Woche Wiedergaben, haben in «ler jüdischen und nicht jüdischen I ,resse Amerikas einen verschiedenartigen Kojumeiitar ge• fmnlen. Neben einigen /nstiimueiiileii Erklärungen scheint die Ansieht vor/iiwiegcn, «lie «las genannte zionistische Organ wie Mgl präzisiert und der sich «1. a. ״The Nation" und ״The American ls• r a e I i t" auschlicllcn: ״Der gute Wille Rooscvelts ist über je«le11 Zweifel crhahim, aber «lie Nützlichkeit seines Pianos ist nicht so einleuchtend. Auch er wird sich wohl kaum «ler Besorgnis darüber verschließen können, «laß ein Staat, «ler «len I lamlelsvertrag gebrochen hat, wahrschein• lieh sich nicht allzu genau an «lie Bestimmungen «los Haager Tribunals halten wiir«le. Außerdem wider• spricht es dem Empfinden und der Tradition des nmeri• klinischen Volkes, die Entscheidung über die wich• tigsteu Fragen der Verfassung, «lie «loch ganz allein die innere Politik angehen, einem Gerichtshöfe von Ausländern zu überlassen. Es wäre zum Beispiel ein Urteil «lenkbar, das dem Mauptgruiulgesetz «ler amerikanischen Konsti• Union, der Gleichheit aller vor dem Gesetz, strikt /uwidcrlicfe und «len Schutz amerikanischer Bürger durch die Regierung der Vereinigten Staaten illu• soriscli machen würde. Einem solchen Spruche aber könnte sich «las Staatsdepartement unmöglich unterwert■ n, da in solchen Fragen eine Annäherung an den russischen Standpunkt undenkbar ist. Das Ur־ teil würde also völlig unwirksam bleiben und nur Grund zu unnötiger Verstimmung geben." viTcmTuns auch dieser Standpunkt amerikanischer Bürger durchaus verständlich ist, so könnte eine Ent• Scheidung im Sinne Rooscvelts «loch auch für die Gesamtjmicnhcit ihre besondere Bedeutung haben. Denn während beispielsweise Deutschland durch eine Kündigung des amerikanischen Vertrages kaum zu einem gleichen Schritt veranlaßt werden «liirfle, könnte eine Haager Entscheidung «lud« als endgültige und prinzipielle Lösung «ler *Frage in he/ug auf alle jüdischen Reiseiulen Geltung gewinnen. KORRespoMDenzen At40f)«1S*r/ A״s Petersburg wird uns unter dem 1 ClvI dUUI 2. November geschrieben: Unter den Interpellationen, welche betreffs «ler Ermordung Stolypins mul «ler Gelunna in «ler Duma zur Erörterung kamen, erregte diejenige «ler Oktobristen durch ihre Frivolität he• solideres Aufsehen. Wie die judeiihctzerisehen russi• sehen Behörden in früheren Zeiten, begannen dies• mal die angeblichen Junger «les Verfassungsmnnifests ilire Interpellation mit den Worten: ״Der Jude Mordko Bagrov.׳ .** Diese Betonung der jiidi• selten Abstammung Bagrows war im ganzen Zu• sainmenliang an und für sich ganz unverständlich uiul stellte offenbar ein so niedriges demagogisches Mitleichen dar, daß selbst einzelne Parteigänger der Interpellanten beim Verlesen ein gewisses Scham• gefiihl überkam, Allein es war zweifellos kein lapsus linguac, sondern ein \v oh IU u reh d a clt t c s M n növer. Denn kaum hatte sich der jüdische Ah• geordnete N i s s e! o w i t s c it dagegen gewehrt, als «icr O ktob r i s t e n f ü hre r Gutsohkow, aller seiner programmatischen Versprechungen micingcilcnk, voll Wut ihm eiigegentrat und ihm warnend zurief, er möchte doch lieber seine ■Stammesgenossen lehren, daß sie von der Revolution siel« (ernhieUen. Ganz, die Sprache der chcinulijrcn Gouverneure in den Zeiten drohender Pogrome! Outschk«nv stellte sich in der Form seiner Ausführungen offenbar auf den Stand• Punkt, dall die gesamte Jiuleuheil für die Tat Ba• gr«m־s die Schul«! trüge, und «lie Pogromauhängcr jubelten ihm zu. Wer schuldig ist, muß doch auch bestraft werden! Und gibt es «leim ein besseres Mittel gegen die Juden als Pogrome? ln der Tat hören «lie M e n s c I! i k o w s und ilire Genossen nicht auf, ihr Bedauern darüber zu dokumentieren, daß der Zeitpunkt nach «lein Attentat auf Stolypin zu einem regelrechten Judcngcmet/el nicht benutzt wor• den ist. Die Uetze gegen die Juden hat überhaupt in den letzten /.eiten ganz ungeheuerliche Dimensionen angenommen. Nicht mir die berüeli* tigteu antisemitischen Blättchen von der Sorte Ruß• k״je Snainja, Semstschina Swjct, Kolokol usw. rahm eine grenzenlos gehässige Sprache, auch die curo• pä!‘schere Nowoje Wrcmja ist jetzt voll der gefähr• liebsten Invcktiven gegen die Juden. Woniber auch diskutiert oder referier» wird, immer sind es die Juden die «las Salz zu allen Betrachtungen gehen, die das Tcmpcr.micnt «Icr Nowoje Wrcmja in Wallung briu• gen, die an sämtlichen Katastrophen und Mißgiseliiiken Rußlands die eigentliche Schuld tragen. A. Stolvpin, «ler Bruder «Ich Verstorbenen, ging in seinen Rachegelüsten soweit, «laß er «lie Juden «ls außerhalb der Menschheit stehend erklärte und die Sehnsucht nach Ahschlaclitimg von Juden wachrief. Seine Ausführungen waren solcher Art, dall selbst der Politik völlig fremde Schriftsteller wie Gyppitis, Mcrcschkowski «mtl ihresgleichen gegen diese Ma• nieren Einspruch erhöhen. - Denn die Gefahren, welche ans dieser Juilenhetze resultieren, sind nicht etwa abstrakter, sondern recht realer Natur. Für Pogrome siml die echt russischen ׳Organisationert an zahlreichen Orten reif, und cs bedarf einer klaren und unzweideutigen Abwehr seitens der Regierung wie seitens «ler Gesellschaft, damit die aufgewühlten Gruppen nicht zur Tat übergehen, Mn,״ Vnrlf Besonders tiaurig macht sich in livW I Ui n letzter Zeit die skrupellose!,rose- Ivtcnin.ichcrci zahlreicher Missümsgesellschaftci! be* merkbar, die in den neuenlstandeueii Jtitlcnvierteü! New Yorks mul t.hicagos ein reiches Arbeitsfeld ge• limdcn haben. In dankenswerter und echt nmeri• kanisclier Weise hat Mr. Jacob Schapiro den Wider• stand besonders «Icr jüdischen Jugend gegen diese Bestrebungen organisiert. An HK! Jungen schlossen sich jüngst unter seiner Führung zum ״Young Jndaean Zion Circle" zusammen zu dem Zweck, jüdische Kinder vom Besuch «Icr Missiousanstalten zurückzu• halten. Vor jedem Missionsgebäude stehen zwei Knallen in Uniform!,osten und warnen jeden Ein* tretenden, während andere sich die Namen der jüdisehen Zöglinge verschaffen, und die Eltern über die wahren Absichten der frommen Menschenfreunde in* formieren. Uchcrhaupt haben die braven Missionare letzthin allen Grund, über «lie schlechten Zeiten zu klagen. Jetzt scheint cs einer ihrer Leuchten, dem großen Jtulcnbekchrcr Pastor Russell, der schon oftmals mit oilcr ohne Absicht durch äußerliche Miltelchcn «lie Verwechslung seiner Bestrebungen mit dem Ziotiismus ierbeifültren wollte, an den Kragen zu gehen. Diesen braven Mann ließ der Rubin des I >r. Aron Aronsohn, der den echten wilden Weizen in Palästina vntticcktc, nicht schlafen. Er setzte sich also hin mul fand «len ״Wunilerwci/.en'' der heiligen Schrilt, eine Entdeckung, die er als smarter Yankee prächtig aiiszumitzen wußte. Unter Zuhilfenahme von llihelstclleu und einer Berechnung, die den Beginn «les Millenniums auf «las Jahr P)I5 festsetzt, ver• stand er es, seinen Anhängern den Wunderweizen zu einem Dollar pro Pfund zu verkaufen. Der Rein• gewinn beträgt seit dem 1Y Juni IS()() Dollar lind steigt noch fortwährend auf die großartige Reklame hin, die Pastor Russell mul seine ״Watcli Tower Society" in die Wege geleitet haben. Glauben doch alle Frommen im Lande fest daran, daß der Wunder• weizen märchenhafte Erträge abwerfen wird. — Aber ach, auch Amerika hat seine Ungläubigen. Der Direktor «Ich Postdepartoinents, Mr. Dickson, ist einer von «lenen, die selbst den heiligsten Ver• Sicherungen seiner Hocltwiirdeu nicht trauen. Nach' seiner Meinung basiert der schwunghafte Handel der ״Match Tower Society" auf ungesetzlicher Grund* läge. Man darf also in nächster Zeit auf das Einschreiten der Behörden gegen die frommen Betrüger rechnen. Ja, ja, cs ist Zeit für das tausendjährige Reich. Konstantinopel ״£'״ £ folgt! Ihre Truppen erleiden Schlappe auf Schlappe, ihre Grausamkeiten wecken den Abscheu «ler zivilisierten Menschheit, ihre durch nichts begründete Ruhmredigkeit wirkt lächerlich, die skrupellosen Liigcnbcrichtc, mit denen sie die Welt überschwemmen, erregen Verachtung. — Aber Gott sei Dank, italienische Engen haben he* sonders kurze Beine. Dies belegt das Schicksal einer Meldung «ler offiziösen Agettce Stefani vom 2S. Oktober, die die Runde durch die Zeitungen machte und auch den Weg in den Spalten der ״Jüdi• selten Rundschau" fand. Diese wahrheitsliebende Prcliageiitur, «lie sich so wohl verdient .macht um das künstliche Hochhalten dcf~ilälicuischcn RcntcT’TTnttc die Mitteilung verbreitet, der Großrabbiner von Tripolis habe an die israelitische Gemeinde von Rom telegraphiert, er begrüße die italienische Intervention mit Freuden und wünsche den italienischen Waffen vollen Erfolg; zugleich dementiere er alle Gerüchte über «lie angeblich beunruhigende Lage der Juden in Tripolis. Zweifellos hätte die Bestätigung dieser Nachricht das Verhalten der Italiener in einem b«:• deutend günstigeren Liebte ׳erscheinen lassen, bedenkt man, welche bedeutende Rolle die Juden von jclter im türkischen Nordafrika spielten. Aber nur ganz kurze Zeit hat man sich dem angenehmen Traume hingeben können, einen Anhalt an Teilen der ein• , geborenen Bevölkerung gefunden zu haben. Denn

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