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Jüdische Rundschau · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 532 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45 unsere Väter, ich, du, er, ihr, sie . . , Hehlen und Märtyrer!" f:'in drittes gibt es nicht. Brant-Scro ist ein gelehrter Mann. Seine Actilk•• rungen gehen nicht naive Empfindungen wieder, sondern sind durclidacht. Hätte ein Weilkr diesen Bericht geschrieben, so wäre die persönliche Nach• Wirkung dieser Tatsache wohl in Anklage und Vcr• teidigung, Lob und Tadel zum Ausdruck gekommen, doch hätten die starken Worte nicht vermocht, dem Bericht den Staub der Kuriosität zu nehmen. Der Bericht des Indianers hat keine lauten Worte; aber Blut und Nerv. So spricht einer, der sieh mit seinem Volke eins weil!. Er wertet sich selbst, wenn er sein Volk wertet. Diese Empfindung gibt seinem Bilde Linie und Licht. So darf edle Männlielikeit sicli selbst loben, wie Braut-Sero sein Volk lobt. Er schreibt seinen l'euersteinieuten den Oe• mcinsinn der Deutschen und den starken Person• lichkeitstrieb der Engländer zu. Er beweist es nicht unmittelbar. Was er aber später über den Oemcin• sinn des Stammes mul über das politische und soziale Verhältnis von Mann und Erau sagt, rechtfertigt die stolze Charakteristik. Die Kriegstüchtigkeit wird nicht im Rcklamestil geschildert. Edle Krieger kämpfen 200 Jahre laug in englischen Diensten und erhalten als Lohn reservierten Boden in Canada, an den Ufern des Grand River und der grollen Seen. Der Krieger gewöhnt sich an die Feder und an den Pflug. Hundert Jahre dauert nun dieser wirtschaftliche und kulturelle Assimiiationspruzell. Aber er hat den Volkscharakter nicht verändert. Die Ideale der alten Stammeskultur werden vom Kriegspfad in die Ackerfurche verpflanzt. — Der grolle Geist verblallt vor dein Gotte der Christen. Aber noch immer winken die Jngdgrümle der Seligen dem, welchem sich die Tore der Ewigkeit öffnen. In diesem Zusammenhänge sagt Brant>Scro, ohne unmittelbaren inneren Zusammenhang, aber gerade darum, aus dem allgemeinen heraus, um so empfin• . dungstiefer: ״Ich bin natürlich sehr stolz auf mein Volkstum und mit Recht. Wir alle sind stolz darauf.“ Brant־Sero feiert die Frau. So will es die Tradition seines Stammes. Im sozialen und politischen Mittelpunkt steht die Frau und Muttcrrccht gilt. Die Frau bestimmt die Sippe, die Sippe den Rat, in welchem die Frau dominiert. ״Wo ein solches System .praktisch Jahrhundert auf Jahrhundert in Kraft stand,!null das moralische Niveau der Rasse natürlich sehr hoch stehen.“ Man versteht das erst, wenn man den vorausgehenden Satz hinzunimmt: ״Es ist der Stolz, und die Aufgabe jeder Mutter unseres Stammes, wenn nötig, einen würdigen Sohn in den Dienst unseres Stammes stellen zu können,“ Ich breche ab. Es kam mir nur darauf au, der plumpen, fettigen, nach Hegcisterungsschwciß riechen• den Art, die das Denken und Sprechen über die jüdische Vergangenheit in weiten Kreisen beherrscht, die stille Grolle entgegenzuhaltoii, welche in dem Berichte des Indianers liegt. Der Aufsatz schließt: ״So, ein Camengahaka hat gesprochen.“ Dieser Schlußsatz hat, wie das ganze, einen bestimmten, ruhigen und festen Tonfall. So mag wohl ein Häuptling schließen, der im Rate spricht. Bei uns wird viel gepredigt und wenig gesprochen. Aber wir sind erst am Anfang! Drei Tage, nachdem ich diese Zeilen niedergeschrieben hatte, stand in den Zeitungen, daß Braut- Sero wegen Zechprellerei verhaftet worden ist! Daraufhin las ich seinen Aufsatz noch einmal. Er war gut, nach wie vor. Fazit: Komödie oder Tragödie? Ein Saubengcl, der einmal in Literatur macht, oder ein Litera», der einmal saubengclt? Einer, der auf dem Boden der Berliner Kultur wurzellos geworden ist, oder eine Giftpflanze, die liier ihren Boden fand? Ich komme in Gefahr! mich Parallelen zu nähern. Der KuHunndianer hält als sittliche Persönlichkeit nicht stand. Aber fast beginnt er, als Kulturmisch• ling mich zu reizen: der eigenartige Mann, der in der Welt der Erinnerung, in der Heimat seiner Ocdanken in modernen Formen von dem Werte seines Volkes spricht, wie ein Häuptling, der im Rate spricht, und gleichzeitig in der Welt des .anderen, des erlernten Seins, im Wigwam des Weißen in modernen Formen die Kriegslisten seines Volkes übt. Die Zeitungen nannten ihn einen Schwindler. Der arme Schelm. — Uebrigcns ~ man kann nicht wissen. Wegen den zahlreichen, bedeutsamen Tagungen und Vorträgen, über die in dieser Woche zu berichten ist, mußten der 1L Teil unseres Artikels ״Machtkonscr• vatismus und Kulturkonscrvatismus", sowie einige weitere wichtige Beiträge zurückgestellt werden D. Red. Die Zoilschan-Voriräge in Berlin Der zweite Vortrag des Wiener Gelehrten versammelte wiederum ein äußerst zahlreiches und ge• wähltes Publikum, das den bedeutsamen Dadeguugcn mit gespannter Aufmerksamkeit folgte. Zoilsclian sprach diesmal frei, und so konnten seine rednerischen Fälligkeiten weit besser als am ersten Abend zur Geltung kommen. Seine temperamentvolle und scharf akzentuierte Vortragsweise vermochte den wissenscliaftliclien Stoff auch dem krassesten Laien zu beleben, und keiner wird den Saal verlassen haben, ohne wertvolle Anregungen mit nach Hause genoinmeii zu haben. Hoffen wir, daß sie recht viele zu fruchtbarem, wirklich konsequentem Nachdenken veranlaßt haben, dann wird der Zionismus, der vom Vortragenden auch nicht andeutungsweise erwähnt wurde, mehr Vorteil ziehen, denn aus mancher seiner PropagaiulavcrnnstalLmgen. Die beiden Vorträge in der Metropole des Reiches werden zweifellos vieles dazu beitragen, die judenfeindlich׳ n Theorien ins Wanken zu bringen mul Zoiischniis hoher und doch nicht unbescheidener Mei• iiung vom Rassen wert der Juden, die auch die unsere ist, zum Siege zu verhelfen. Die Presse, die jüdische und sogenannte jüdische sowohl wie die antisemitische, haben au den Vorträgen nicht vorübergehen können und widmen ihnen lange, teilweise spaltenlange re• lerierende oder kritische Berichte. Nur das ״Herliner Tageblatt“ macht den unzulänglichen Versuch des Totschweigens. Hoffen wir, daß Dr. Zollschans weitere Reise der Sache in gleicher Weise dienen möge, wie sein Berliner Aufenthalt. Kapitalismus und Judentum Bericht über den Vortrag Dr. Franz Oppenheinicrs im Zcnlralvcrcin Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens, am 2. November Pili. Ein ganz interessanter Abend durch die an• schließende I)chatte, in der Sachkenner, wie Werner S o m h a r t, Z o II s c 11 a n , zti Worte kamen. Nach einem Ucberblick über <1011 Inhalt des bekannten. SoinbaiTscheii Buches wandte sieh Oppenheimer gegen die Anschauung dieses Autors, dal) die Juden vermöge besonderer Rasseeigenschaften den Kapitalismus, aus/.ubihlcn vermocht hätten. Was sei denn überhaupt Rasse? Entweder verstehe man darunter, wie die I Ivgieuiker, besonders vorzügliche Exemplare einer bestimmten Art. Oder man stelle sich Leute vor, welche durch einen Akt des Schöpfers von Anbeginn ihres geschichtlichen Daseins an bestimmte geistige und körperliche Eigenschaften mit auf den Weg he* kommen hätten, (Gobinenu.) Oder'man nehme an, daß sie diese besonderen Eigenschaften Im Laufe der Zeit erworben hätten. (Chambcrlain.) Nach Oppenheimer ist nicht die Rasse das Bestimmende für die (jcbahrimg des Individuums, sondern vielmehr die Stufe, auf der er im gesellschaftlichen Lehen steht. Der Haekhauer, der Jäger, der Krämer, haben jeder ihre eigene, durch die gesellschaftliche Stufe differenzierte Anschauung und Gebarung. Wenn auch zugegeben werden müsse, daß vielleicht der Rassen* faktor nicht ganz auszuscliallen sei. Nach O. haben drei Umstände bei der Ausbildung der kapitalistischen Wirtschaftsweise durch die Juden mitgewirkt. Einmal die Tatsache, daß die Juden überall zwei Sprachen beherrschten, die Landessprache und das Hebräische. So wurden sie nicht bloß Mittler des Welthandels, da sie überall unter ihren Glaubensgenossen Vertniuensmiinner landen, denen sie sich im Hebräischen offenbaren konnten, und die ihrerseits wieder der jewviligen Landessprache mächtig waren. Rein diese Zweisprachigkeit verlieh auch dem jüdischen Geiste eine besondere Gewandtheit. Den zweiten besinntuenden Faktor findet. O. darin, daß die Juden Städtehcwolmcr waren, als solche hätten sic schon von vornherein eine besondere Eignung für den Handel gehabt. Endlich seien die Juden iltrer ganzen CliarakUr׳Veranlagung nach die geborenen Herrenmcnschcn. Das sei darauf zurückzuführen, daß sie, soweit sie im Occidcnt wohnten, die Nachkommen von bereits vor Christi Geburt ausgewnmlerten jüdischen Kaufherren seien. Diese emigrierten Elemente hätten sich in der Diaspora (esiaueiuumler geschlossen, hätten ihre Sitte und ihre Sprache bewahrt und sich mit dem Wirtsvolk nicht vermengt. Das sei dieselbe Erschci• innig, wie sie heule die europäischen Fremdenkolo• nien in China zeigten. Als Nachkommen solcher Frcmdeiikolonisteii i״ tiu/ivilisiertcn Ländern seien wir Juden heute noch das geborene Herrenvolk. Wenn Sombnrl mit Recht von den Juden sagte, daß überall, wo sie hinkämen, die Sonne des Wirtschaft• liehen Gedeihens aufgehe und daß mit ihrem Wegz.ug der Ruin Hand in Hand schreite, so sei das nicht etwa so zu verstehen, als ob die Juden die Euphorie verursacht hätten. Ihr Erscheinen beruhe vielmehr immer darauf, daß in dem betreffenden Laude die wirt• scliaftliclien Verhältnisse schon so wie so im Auf• blühe״ begriffen seien. Das merkten die Juden, davon wollten sie profitieren, deshalb zögen sie zu. Und ebenso /ögen sie wieder weg, wenn ein Land dem wirtschaftlichen Untergange geweiht sei. Während O.’s Art sicli zu gehen etwas ausgesprochcn Berlinisches, Ungeniertes, jovial Derbes bat, ließ sich bei dem folgenden Redner, Werner Som• hart, der Ursprungsort nicht so leicht erkennen. S. hob hervor, daß es doch eine tiefere Begründung haben müsse, warum die Juden gerade Städter, Herrenmensclten usw. wären. Diese tiefere Begründung läge aller in den ihnen angeborenen Körper- und Geisteseigenscliafteii, d. 11. in ihren Kasscnqualitätct(. Um die käme man einmal nicht herum. I )er dritte Redner, Z o 11 s c 11 a 11, ist tler Typus des gali/iselien Gelehrten. Er spricht mit allen Körperteilen. Kein Gelenk bleibt während der Rede ruhig, das lebhafte Mienenspiel, die fortwährenden Heweguugeii der Hände, die sich bald zur Faust balle־!, bald weit auseinauderspreitzeu, der sieh hin und herwiegende oder sicli zusammenkrümmende Oberkörper verleihen dem Vortrag Eindringlichkeit und Gepräge. Zoilsclian machte darauf aufmerksam, daß es zwei Arten von Rasseneigcuscliaflen, variable tind konslaiiie, gäbe. Zoilsclian und Sombart streiften hierbei auch die Ergebnisse der neueren Blutforsclmng, welche ja be• knnn'UTcTrim'' Blutserum von Javanern und Malayen bestimmte serologische Eigenschaften, die nur diesen Rassen eigentümlich wären, aufgefunden haben will. Würden sicli diese Differenzen als konstante Mukmale erweisen, so wäre damit die Frage, ob die Juden besondere Rasseueigensehaften besäßen, leicht zu lösen. Dazu sei ja in der Biutuutersucbuug ein bequemes ,Mittel gegeben, tim zu bestimmen, ob eine Menschenrasse, im vorliegenden Fall die Juden, differeut von anderen Menschenrassen seien oder nicht. Würde aber die serologische Untersuchung nicht das leisten, .was man jetzt von ihr nach dieser Richtung hin hofft, so bliebe, meint Sombart, nichts anderes übrig, um die vorliegende Frage zu entscheiden, als daß man etwa 1000 Offi/icrskmder von der Geburt an in jüdische Kaufmnimsfamilien unterbringt und ebenso umgekehrt, um dann nach 20 Jahren die Er/ivliungsresiiltatc zu bestimmen. Ein selhstvcrständlieh unmöglicher Weg. In seinem Schlußwort zeigte sicli Oppenheimer als glänzender Dchattcr. RUNDSCHAU DER PRCSSß ״Die Wr//“, Itcrtin Das Blatt bespricht in einem Artikel ״Koope• r a t i o n unserer P a l ä s t i n a g e s c 11 - c h a f - ten“ das System der zionistischen Arbeit i» Crcz Israel, dessen einzelne Faktoren allmählich gleich einem Räderwerk ineinander zu greifen scheinen: ״ . . . Alle unsere Gesellschaften sind milzlieh und gehen von gesunden Prinzipien aus. Oppenheinicrs Siedlungslomls, die Imniohiliengesellscliaft, die WoHfsohn-Stiftmig für Arheiterhäuser -- sie alle entspringen tatsächlichen Bedürfnissen, und wenn wir fragen, ob wir noch weitere Institutionen benötigen, 'so ist die Antwort ein deutliches: Ja. Nocli haben wir kein Agrarkreditinstitut, noch fehlt uns ein Fonds zur Lösung unserer großen kulturellen Aufgaben, und speziell für größere Lamlkäufe wird sicli von Fall zu Fall die Bildung von besonderen Gesellschaften als praktisch erweisen. Durch kluge Ausnutzung der versehiedenarlige» Interessen der Jmlcnhcit in allen Ländem wird es uns möglich sein, die nötigen »Mittel zu schaffen. Dann aber müssen wir durch planmäßige Kooperation unserer Gesellschaften den größtmöglichen kolonisatorischen Fortschritt zu er• zielen suchen. In dieser organisierenden, zusammen lassenden Tätigkeit erblickt die öffentliche Meinunr des Zionismus eine der wichtigsten Aufgaben de׳ Parteileitung.“ IVc// am 3/0 ntag, Ziert in Wir haben kürzlich an leitender Stelle der ״Ji dischcu Rundschau“ die Aufmerksamkeit unserer l.es> r auf ein Vorkommnis zu lenken gesucht, das nach dem in der Zeitschrift ״Im Namen des Königs“ vorge• brachten Material mit der Spitzmarke ״Ein a n t i semitischer Justizmord“ treffend gekciinzeichnet schien. Hans L e*u I), der Herausgeber diese- Blattes, gibt nun seiner tiefen Beschämung Ausdr.u darüber, daß der Appell an das Kulturgewisscn scina Mitbürger bisher so ganz erfolglos geblieben ist. Vor allein geißelt er die schwere Pflichtversäumnis, der sicli die Tagespresse schuldig gemacht hat und ruft numnelir im Interesse seiner Schützlinge die viel gescholtene und viel gelohte Solidarität der Juden an. Er schreibt u, n.: ,,... Wie aberstell( es mit der jüdischen Solidarität, von der man so viel Fabeln erzählt? ist sic zum Teufel gegangen? Gibt es keine ״Gemeinhürgschaft“ der Juden mehr? Hat der Antisemitismus etwa das zuwege gebracht, daß Juden jetzt in das Gegenteil des ihnen nachgesagten internationalen Zusammenhalt»!ungeschlagen wären?

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