Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 534 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 45 ach - die verheiilungsvollc Notiz der Agcuce Stefaui war von A bis Z Schwindel, wie fast alles, was aus dem italienischen Lager kommt. Nur ein!1111111* percr als gewöhnlich. Wenn mau schon lugt, sollte man es doch wenigstens geschickt niiYaugcn, sonst kommt man nicht auf seine Kosten. Und diesmal hatte man seihst die gewöhnlichsten Vorsichtsmal!• regeln ander acht gelassen, die notig sind, tun eine solche Eilte wahrscheinlich zu machen. Mao hatte vergessen sich zu erkundigen, oh cs zurzeit über• liaupt einen Grolirabbiner in Tripolis gibt. Und es gibt keinen Grolirabbiner in Tripolis oder Ueiighasi! Vielmehr sind, wie der Grolirabbiner der Türkei mit• teilt, diese Stellen trotz, eingehender Verhandlungen zwischen dem Grollrahhinat und den Gemeinden der beiden Städte schon seit langem unbesetzt. Ist also wirklich ein derartiger Brief, wie der in der Agencc Stefar.i veröffentlichte, geschrieben worden, so muH er das Werk eines gewissenlosen Betrügers sein. Aber selbst das ist nicht wahrscheinlich. Die Vorteile, die llnlicii aus dieser Nachricht liiitle ziehen können, wenn man ihr in der Türkd und in Europa G'ntibcn gc־ schenkt hiittc, sind zu groll, als ilali mau nicht auf absichtliche Irreführung der öffentlichen Meinung schnellen mülite. Denn sollte mau iiichl daran ge• dacht Italien, hei den Türken ein Millirauen gegen die jüdische Bevölkerung in Tripolis zu erwecken, dafl diese notwendig den Italienern hatte in die Arme treiben müssen? Oder sollte doch noch etwas an* deres dahinter stecken? Die Agcnee Stefaui schreibt von beunruhigenden Gerüchten, die über das Schicksal der tripolitanisclicn Juden verbreitet sind. Niemals hat man vor dieser Meldung etwas davon gehört. Und man denkt mit Schaudern an die blutigen Körper von Frauen und Kindern, die vielleicht schon unter den Salven der italienischen Soldateska zusammenbrachen .... Ein Lichtblick in all dem Dunkel ist die Begeisterung der Juden der ganzen Weit für die Sache der bedrohten Türkei. Ueherall Sympathie• kundgebungen, Sammlungen, Eintrittsgcsuche in das türkische Heer. Auf ottomanischem Boden selbst ist eine jüdische Abteilung des türkischen 1'loUcnvcrcins in Bildung begriffen; fast täglich entstehen neue Orts gruppen. Im Groilrabhinat tagt schon seit längerer Zeit eine Kommission, die alle Einzelheilen der Organi• sation zu beraten hat. Man gedenkt das grolle Werk der so nötigen Verstärkung der türkischen l־*lolte aufs energischste anzugreifen und plant eine sozial abgestufte Besteuerung der gesamten türkischen Jude״luit. Auf diese Weise darf man hoffen, dal! das Zentralkomitee in Konstautinopel in kurzer Zeit wirklich bedeutende Summen in die Hand bekommen wird. Das Dementi der I.ügenmelduug der Agenda Stefaui durch das Grollrahhinat mul der Pudert, den der MedjlilbOermaui an die Presse gerichtet hat, haben übrigens dein Taniii, dem bekannten Organ der Jungtiirkisclien Partei, Gelegenheit gegeben fest• zustellen, elall er nie an dem Patriotismus, der Opfer• Willigkeit und der Anhänglichkeit der Juden au das Reich gezwcifelt habe. Wenn er die Meldung der italienischen Agentur abgedi uckt habe, so sei es ge• schehcn, um den Juden Gelegenheit zu geben, ihre wahre Gesinnung aller Welt klarlegen, und der• ' artige Beschuldigungen gegen ihren Bürgersiuu mit Entrüstung zurück weisen zu können. Wie der’Tauin hinzufügt, hat er zahlreiche Proteste von zahlreichen jüdischen Privatleuten, Juristen und Medizinern gegen die Unterstellungen der Agcncia Stefaui erhalten. Hält man sich alle Einzelheiten der patriotischen Begeisk• rung der türkischen Judenbeit vor Augen, so kann man wohl sagen, dal) diese mit Erfolg bemüht ist, wenigstens einen Teil ihrer Dankesschuld au das ottomanische Volk abzulragen, und man lernt Mit• teilungen, wie die der täglichen Rundschau, daII die jüdischen Lastträger in den türkischen Häfen dem Boykott der italienischen Waren mit scheelen Angen ansehen, weil er ihren Verdienst schmälere, auf ihren wahren Wert einschätzen, in der Türkei glaubt sie ja doch kein Mensch. Ausweis Landesbcitrügoi Fulda 111 M., Leipzig 115 M., Koschinin 10 M. OrgonlsaUonsfondst H. Dülken, Köln, 20׳ M,, Dinl.-Ing. Joseph Locwy, Eisenach, 5 M., Apotheker Albert Bernstein, Schneidemühl, I. Rate, 5 M., Rel. Herrn. Hirsch, Hamburg, 6 M., Dr. Fritz Müllcrlieim, Stolp, 5 M., Karl H. Uacr, Köln, 6,—, Rechtsanwalt Dr. Löwenstein, Aachen, 10 M. Eingang vom 1.—8. November! Landesbeiträge: 236 M., Drganisationsfonds: 57 M. Gesamteingang! Schekel: 118 M., Landeshei•!rage: 5089,05 M., (Drgnnisationsfoiids: 9720,98 M. Adresse für Geldsendungen! Zionistische VcrclnUung für Deutschland, Berlin W. 15, Säch• sischc Sir. 8. Postscheckkonto.! Berlin 8091, Bankkonto 1 A. H. Hoymann & Co., Berlin NW., Unter den Linden 59. ג: AUS ALLER WcLT :: DcufarMenni Das soeben für die bayerische Rcichsratskammcr im Druck erschienene Referat des bekannten Führers der deutschen Zentrumspartci im Reichstage, Exzellenz Baron von Bertling, zu dem von der Kammer iler Abgeordneten «liircliheralenen Entwnrfc der neuen bayerischen Kireliengeiiicimleordiiung enthält bezug* lieli der Revision des Judenediktcs folgende bc* merkenswerte Ausführungen: ,.Nicht cinbezogcu im Entwurf sind ferner die Verhältnisse der jüdischen Kultusgeuieimlcii, die sieii wegen ihrer völligen Wesciisvciseliiedeiiheii zur Ile• riicksieliligimg in einem für die drei grollen Christ• liehen Konfessionen berechneten Gesetze nicht eigne• len. Es ist aber leicht begreiflich, dall in dem Augen• blick, in dem den Katholiken mul Protestanten die Erfüllung des lange gehegten Wunsches nach einer zeilgemälleit Regelung des örtlichen Kirelieiifinan/• Wesens zuteil werden . soll, auch in den Kreisen der jüdischen GlaiibensgesellsehafI das Bedürfnis nach einer Revision der laugsl veralteten und nicht mehr zu• länglichen llcsliiiunuiigeii des Judenediktcs von 18E1 mit besonderer l.ehhafligkeit laut wird. Dali in der jetzt allein möglichen einheitlichen jüdischen Kultus• gemeinde die zwei in der israelitischen Glaubens* gesellsehaft bestehenden verschiedene» religiösen Rieb• Hingen notgedrungen vereinigt sind, kann mir zu leicht zu einer Vergewaltigung der innerhalb der Kultus• gemeinde in der Minderheit befindlichen Richtung führen und dadurch zu einer Duelle arger Gewissens• hedräugnis werden. Diese Millst.imlc sind von dem Herrn Staatsmhiister vollauf anerkannt worden, der auch in anderer Richtung das jetzt für die Israeli• tischen Kiiltusgemeiitdeii geltende Recht als revisious• bedürftig hc/cicluict hat, so Iliusiclitlicit des auf schwankendem Boden stehenden Bestcuerungsrcchts, der ungeklärten mul unsicheren Stellung der Rah* biner, der erlisten Notlage vieler kleiner Kultusgemein• den mul der iin/tircidiemleii Fürsorge' für die israeliti• sehen Religionslehrcr. An den Herrn Staatsministcr müclile ich die dringende Bitte richten, die Frage der von ihm seihst als Bedürfnis anerkannten Revision des Judenediktcs von ISI'l nicht aus dem Auge zu verlieren und den in dieser Beziehung in der Israeli• tischen Glnuhcnsgcsctlschaft bestehenden Wünschen, sobald es die Verhältnisse irgend gestalten, durch Vorlage eines Gesetzentwurfs zu entsprechen." Eng fand ln London wurde kürzlich eine von christlicher Seite gegründete Pnliistlna-Aussle’luug eröffnet. Aus der Rede, die der erste Lord der Admiralität bei ihrer Eröffnung hielt, sei folgciulc für die Juden sehr sehmcielielliafte Stelle erwähnt: ״Aus den Ausstel• h״״:sohjektcu kamt man leststellen, wieviel sich von den Sitten und Gebräuchen des bewunderuugswerten, liochlugabUii jüdischen Volkes lernen liilit. Dieses Volk, dessen Wiege in Palästina steht, ist vielleicht das interessanteste der Welt.“ /iuss/aud 'iS Personen haben in Warschau, 30 in Odessa ihre Religion gewechselt, um die Erlaubnis zum Ile• such der dortigen Universitäten zu erhalten. Ohne laufe keine BildungI Ein Beispiel davon, wie man gegen jüdische Kulturarbeit in Rultlaud vorgeht, zeigt folgende Mittcilmig aus Odessa: Der Vorstand der Odcssaer Ab• teilting der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden wurde von der Polizei aufgefordert, 7 Tage vor jeder Versammlung der Polizei samt• liehe Namen und Adressen der geladenen Mitglieder mit/iilcilcn. Türkei Die jüdische Gemeinde in Konstautinopel hat den Tml eines ihres markantesten Mitgliedes, David EffemU fAolVio's zu beklagen. •ID Jahre lang hat David Ef/cmli den Posten eines ersten Ucbersetzcrs im Kaiserlichen Diwan innegelinbt und hat alle seine Funktionen mit bcwumlerungswcrtein Pflichteifer er* füllt; nur sein Alter .und seine Bescheidenheit haben seine Ernennung zum Botschafter und Senator ver* bindert, die unter dem Ministerium Hakki Pascha ernstlich in Frage kam. Die Verwandten David Effeudis, der u. 11. Ritter des üroltkordons des Osmanije• und des Mcdjidic-ürdcns, sowie des Groll* kretizes, des prcuftischen Kronenordens, des St. Stanis• laus*Ordens und des Ordens isabellas der Katholischen, sowie Kommandant der Ehrenlegion war, nehmen alle holte Posten im Staatsdienste ein: Sein Sohn Tcwfik-hev ist Botschaftssekretär in Wien, sein Sohn Said-bcy ist Vortragender Sekretär im ürofivesirat, sein Bruder ist seine Exzellenz Isaak Pascha Mollto. lieh und geistig verkümmerten, beschlolt die Unter• ncIiKvcrwalluiig, «len Besuch derartiger Schulen verbleien. Es hat sieh daher ein Komitee gebildet zur Errichtung eines grollen, nach modernen (iriiml• satzeii eingerichteten Glieder», der jene ״Winkel• schulen“ ersetzen soll. Vom Ililfsverein der Deutschen Juden gehl uns die folgende Mitteilung zu: Einige Zt itmigcu brachten die Meldung, dall der Konst;,״. loplcr Stadtteil Galata, wo ein grober Teil der ui inen jüdischen Bevölkerung wohnt, nicdvrgcbrannt sei. Nach Erkundigungen, die der Ililfsverein der Deutschen Juden der in Galata auch eine grolle Selmle unterhält sofort in Konst,mtinopel v1״״c. zogen hat, ist die Nachricht von einer Brandkala• stroplie in Galata unrichtig. Tunis \ Bei dem Aufruhr, der kürzlich in der Stadt Tunis als mittelbare Folge der italienischen Grau, samkeiten auf dem tripolilatiischen Kriegsschauplatz,,, entstand, wurden im llazarvicrtel die Lüden vieler jüdischer Händler geplündert. Acf/i/pfen ln Alexandria ist ein Sportklub ״Makkalu" ge. gründet worden, dein die Gcmcindcschulvcrwdtung eine grolle Turnhalle zur Verfügung stellte. Man darf Herrn Ben Yehmla Dank wissen, (lall er die Gründung angeregt und alle nötigen Vorbereitungen getroffen hat. Wir wünschen dieser Schöpfung der erwachenden jüdischen Jugend Alexandrias holen Erfolg. PALAESTINA-RUNDSCHAU Die Kolonie Porcah, die im vorigen Jalm von Mr. S. Gold ma 11 n , dem Präsidenten der Palestmc Land Development Co. zu St. Louis gegründet wurde, macht, wie man uns schreibt, ausgezeichnete Fort• schritte. Nachdem man im Januar d. Js. UHF) Dunain Fand erworben hatte, begann man seit dem Mai den Boden für die Anpflanzung von 10 Oll Ocl• bäumen, IlHMUO Mamlelbäiimcn und 50000 anderen Bäumen herzurichtcn. Es gibt dies Gelegenheit zu dauernder Beschäftigung zahlreicher jüdischer Arbeiter, Die Kolonie wird in ca. נ Jahren vollendet sein. Porvah liegt in Unter Galiläa inmitten eines Kranzes von jüdischen Kolonien, und ist mir zwei Stunden von Tiberias mul dein herrlichen See entfernt. * Der Direktor des hebräischen Gymnasiums In Jaffa teilt mit, (lall die Klasse ״Ucrzla“ (Um r• Tertia) soeben eröffnet wurde. Aus Jaffa berichtet man uns über das Simchas• Thora-Fest In Tel-Awiw. Die Feier fand statt in der Aula des hebräische» Gymnasiums, wo eine Kapelle patriotische Lieder spielte. Da das Fest zufällig auf den Geburtstag des Sultans fiel, waren alle llau-er in der Kolonie mit türkischen Flaggen geschmückt. Nach der Schulfeier zog die Kapelle durch die Stralt n, begleitet von den Kimlern, die hebräische Li( kr saugen. Bis vor kurzem existierte in Saloniki eine grolle Anzahl kleiner jüdischer Cbcderim, die im ganzen von ca. •1000 Kindern beiderlei Geschlechts besucht wurden. Da in׳diesen Anstalten die Kinder körper• AUS DCHG<SMSIMD6Fi Berlin, lieber die Austeilung jüdischer l :r• hräftc an den Berliner Gemeiiidcscbulen .u•'. •11 sich die ״Blätter für Erziehung mul Unterricht''•. An den 300 Berliner Gemcimleschiilcii wirken untei .ns• gesamt (!250 Echikiäfleii 13 jüdische, 11a iuh 5 Lehrer mul 38 Lehrerinnen. Dieses sind •יי während der Anteil der jüdischen Bevölkernי><• ״ der Berliner Gvsamthevölketnng etwa )'*"•י b׳ >ägt. Die ohnehin schon geringe Zahl der jüdischen l ehr• kralle an den Berliner Geincindcsehulvn ist dabei seit etwa. einem Lilir/clinl in ständigem Rüc’.ga״K begriffen. Wenn die pnliEselHebcr.ilen Fanafik'r der Berliner jüdischen Gemeinde gegen die Errjcahnig jüdischer Volksschulen eifern, so berufen sie sich gewöhnlich auf die Parität hei der Anstellung von Lehrkräften au den städtischen Schulen. Die v ran• gestellten Ziffern zeugen jedoch von einer sole’ ״ angeblichen Parität sehr wenig. Freilich, wie wir erst jüngst in diesem Blatte ausgefiihrt haben, wenn es sich um jüdische Schul• und Lehrvrfragcn handelt, da ist man in unseren mallgehemlcn Berliner jüdischen Kreisen von einer ganz aulicrordcntlichcn Bescheiden• heit nml 'Zurückhaltung. Wollten jene fanatischen Gegner, die die jüdische Volksschule unter dem Ge• sichtspunktc bekämpfen, dall sie unsere Glcieliberccli• tignng gi Uhrde, wiiklich li:r diese Gleichberechtigung cuitrctcr, so inüflten sie zum mindesten als Ber• liner Stadlrätc und Stadtverordnete dahin wirken, dal» seitens der!stadt etwa weitere 20t) jüdische Lehr• kräfte angestcll« würden. Das wäre wenigstens ein Stück Koiiseijuciiz, und daun würden wir gern ihrem angeblichen Eifer für unsere Gleichberechtigung auch aut dem Gebiete des Schulwesens Glauben schenken.“