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Jüdische Rundschau · 1911-11-10 · Heft 45 (10.11.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 Seile 531 J U E D IS i j::ט c 11A u Von den drei Reicraton war das des Herrn Piof. ti 01 <1 s I e i » »!her ״Das deutsche Geistesleben mul jic Jiulen“ bei weitem das fleißigste. Hie Versammlung wiibUe lotgcnde!lenen in den Musselin ID Justi/rat Dr. Hot wit/*Berlin, Professor Dr. |j|,j|jnps»)|1*Herlin, Justi/rat Breslauer-Berlin, l.aml* 1>er1entsrat Loewe-Berlin, Justi/rat M.ikower-Bciliu, hisli/rat Dr. Unheil Fiiehs-Beilin, Jusii/rat UlaK-l rank• jurt •1• ־"׳, Rechtsanwalt Dr. Golm-Dessau, I and• aerielilsrat Wöllstein-Breslau, lieh. Regienmgsral Aronllcrlin, Stadtrat tlomhurger-Kailsrulic, Bankier lioldsclinudtd’osen, Jusli/jat Steinhardt-Dan/ig, Sanitats• rat l>r. Apfel-Kohl, Oeh. Jusli/.rat Gcigcr-I rankfurl 31 M, lieh. Jusli/.rat CusscLBcrlin, Stadtrat AronsölinBroinherg, Kominer/ieurat Elb-Dresden, Uektor i-'ci1:tr־Hamb11rg, Dr. Abraham I lirseh-l lalberstadt, J1iv!t/r.1t Bergcr-Köiiigshülle. 1 Der Vorsitzende eröffnet hierauf die Diskussion yh r den Vortrag Colin-Dessau, konnte sie aber aus M igel an Meldungen' sogleich sehliellen. IN (.:ejat, te nunmehr zur einstimmigen Annahme die lol*!11׳ le Resolution Der Verband der Deutschen Juden wiederholt ,!• Entschließungen seiner ersten mul /weiten atiptveisnminhuig und erhebt erneut dagegen Ein- .rueli, dal! die den deutschen Juden verfassungs- '!;illig gewährleistete Gleichberechtigung in wcseiit• .heil f'unklen durch die Verwaltung in ihr liefen• . 11 verkehrt wird. So werden jüdische lleamte in ,eit staatlichen Verwaltungen und an den Uni• ■ ersitiiteu zurückgesct/t, werden Juden von der .lelhnig des Offiziers und Ueserveofii/iers allste• ihlossen, erfolgt durch Gewährung staatlicher Voreile eine Belohnung des lilaubeusweebsels. Ausländische Jiulen werden nur weil sie Juden •iiul, bei Gewährung des Aufenihaltsrechts und der Naturalisation schlechter als andere Ausländer ge- Mellt. Der Verband erwartet von allen rechtlich denkenden Mitbürgern Unterstützung im Kampfe 11111 das Hecht, der zugleich Kampf ist für das tiedeihen des deutschen Vaterlandes. Vor allein fordert der Verband die d e u t s c 11 e 11 Juden selbst zu tatkräftiger Arbeit an der Ile• sciligung des Unrechts auf: zu voller F.iiimiiligkeil und Disziplin in den Abwelirbcstrcbuugcn, zu euer• bischer Betätigung im politischen Kampf für die Gleichberechtigung, Abends fand ein Festmahl im Hrüdervercin statt, das die hiesige jüdische Gemeinde dem Verband gab. Dabei wurden Tischreden gehalten von Saniiatsra. Dr. Stern, Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, Justi/rat Dr. Eugen. Fuchs, Geheimen Justizrat Ti in e ndo r f c r, Geheimen Justi/rat Cassel, Rabbiner Dr. li 1111111 a 11 n Breslau, Frau* lein Pa p pc n h 1* im , Justi/rat H 1.111 Frankfurt a. M., Geheimen Rcgierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger, Rechtsanwalt Dr. Klee u. a. Das lest «־nahm einen höchst harmonischen Verlauf. Der Alliancetag Ucher ־UM) Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands hallen sich am Sonntag zu dein angekündigten Alliancetag eingefmulen. Der Pariser Zcntrnllcitung wurde in der Versammlung vorgeworfen, grobe U 11 g e 11 ü r i g k eiten bei der letzten Ersatzwahl /.lim Zen t ra lk o in i t c v 0 r ge 1t o 111111 e 11 z u h a b e n. Besonders scharf aber wurde der am 18. Oktober d. J. gefällte Beschluß des Zen• tralkomites kritisiert, an Stelle der bisherigen a 11 g e m e i 11 0 11 VE :1 h I d c r Ko ui i t 0 e ־ M i tg I i cd ei d11;c!1 die Gcsnuiloeit der Angehörigen der Alliance die Kooptation ztt set/en. 1111 Namen de1׳, dcud clien Komitees referierte (ielieiinrat I.amlau ule׳:• die erwähnten Vorgänge« IJ. a. führte er aus: IUi ihr le!/len Wald /um /entralkomitee seheiiieit weil mehr Stimmen ab• gegeben zu sein, als überhaupt Mitglieder vor• hamlen waren. 1)1 11111׳ etwa (10 ",<> der Mitglieder vom Wahlrecht (iebraueli gemaelit haben können, scheine die Alliance 0(1001) Milglieder zu zählen. Voiigcs Jahr seien nur 201)00 -30 000 vorhanden gewesen. Der überwiegende Einfluß Salomon Reiuachs im Zentralkomitee errege auch bei sehr linksstehenden Juden Bedenken. Für die Ein* fiihrimg der Kooptation sind völlig nichtige Gründe angeführt worden, 11. a. (lall die Homer schon die Kooplaliou gekannt haben. (Grolle Heiterkeit,) Aulicrdcm ist von dem Pariser Zen* tralkomile.e zugunsten der Selhstergiiii/.uug äuge* führt worden, <1:111 sich im Falle eines Krieges zwischen I i'nukreieh mul Deutschland keine allge• meine Wahl zum Komitee vornehmen lasse! Von seiten der Majorität des Komitees ist die deutsche Mitgliedschaft des Nationalismus beschul• digt worden. Der Vorwurf• sei völlig tm/.ii• treffend. In allen das Judentum betreflemleii Fragen lasse sieh die deutsche Mitgliedschaft lediglich von den Interessen des (icsamtjuikm• tums leiten. Die Diskussion gestaltete sich sehr lebhaft K’ahhiner Dr. Frank •Köln warnte vor allzu scharfem Vorgehen gegen die französischen Juden (!). Direktor Adler-Frankfurt a, M., oft durch Lärm unterbrochen, üulterte sich in demselben Sinne. Redner erklärte aber schlich• lieh, dall er trotz, mancher Bedenken doch der vom deutschen Vorstand vorgeschlagcnen Resolution zustimnie. D.ploniiiigcnicur Adler* Berlin tri!! zwar auch für Annahme der Resolution ein, nimmt aber unter stürmischen Protcstriifen des grölUeu Teils der Versammlung die französischen Mitglieder des Zentralkomitees gegen ״über* triebene“ Vorwürfe in Schulz. Es sei ein Unrecht gewesen, deutsche Schulen in Marokko zu ver* laugen. Dr. Adolf Friede 111 an 11 •Berlin wendet sich gegen die beiden Vorredner in längeren, oft durch stürmischen Beifall uiiterbrocheneii Ausführungen. Er weist nach, dall die D. C. Ci. alles Erdenkliche getan habe, um den Frieden zu wahren, dall aber gegenüber der namenlosen Rücksichtslosigkeit der Pariser jedes Entgegenkommen vergeblich sei. Die Alliance werde von einer kleinen Clique geleitet, die absichtlich jeder, brüskiere, der eine Kontrolle wünsche. Die Schulen seien französische Erzieliuugsüistitule und die Lehrer bis zur Willenlosigkeit abhängig. Das religiöse Empfinden von Eltern und Kin* dem werde durch das Reinachsche System verletzt, Unfrieden in die Familien getragen; Redner belegt diese Behauptungen unter grober Erregung der Zuhörer mit zahlreichen Beispielen. Die Wahlen seien durch imerhörU• Korruption gefälscht worden. Mit Lug und Trug habe man von Paris aus gearbeitet. Es sei wünschens־ wert, dall die Alliance Israelitc in Paris ihren Silz hat, aber sie <1:111־* nicht zur Vertreterin fran• zösischci׳ Interessen werden. Cjewill müsse׳ alles geschehen, um den Frieden zu erhalten; es!null aber gesagt werden•, Gelten die Pariser über eine gewisse Grenze hinaus, so ist die Soli• darität zerstört, 11ml die Pariser sind die Zer* störer. (Minutenlanger Beifall.) Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird gegen eine ansehnliche Minorität abge* lcl.nl. Nachdem noch einige Diskussionsredner, meist Süddeutsche, meist im Sinne der unverümlcrleii Annahme der Resolution gesprochen hallen, wird dieselbe mit allen gegen die eine Stimme des Rabbiners Frank angenommen. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: ״Der am 6. November IDl I in Berlin ver• sammelte Allinncelag erklärt hiermit seinen schärfsten Protist gegen den Versuch, das all• ׳ gemeine Wahlrecht zu beseitigen und an seine Stelle die Kooptation zu setzen. Die deutschen Mitglieder der Alliance 18• raelite Universelle verlangen, behufs Sicherung eines wirksamen Einflusses auf die Leitung der Geschäfte, die Vornahme entsprechender Mallnahmen. Der Alliaucetag erhebt warnend seine Stimme gegen das Vorgehen von Paris, das eine Vernichtung des Gedankens der Alliance Israelitc Universelle bedeutet und eine Ver• nichtmig der Alliance in Deutschland bedeuten kann.“ Indianerlehre Eine Geschichte, die ernst anfüngt und traurig endet V011 E. T ä u b I c r. Caineitgaliaka (Fcucrstciiileute) liciflt der führende Stamm des indianischen Fünf* oder Scchsstänimc* blindes der Irokesen. Ein Angehöriger dieses Stammes, Ojijatlieka Braut-Sero, dessen Geschlecht seit 2ttu Jahren dem Hunde die Führer gab, hatte vor einem Jahre im Zeitgeist (llcililatl des Berliner Tage* lilatls Nr. J2 vom 8. Aug. 1UI0) einen Aufsatz verölfcntlicht, in welchem er in einfachen, klaren Worten das Volkstum, die Verfassung, die soziale Gliedc• rimg, die wirtschaftliche Lage und Kulturzügc seines Stammes beschreibt. In dem Aufsatz liegt aber mehr, als ein histo• rischer Bericht. Die Art, wie Braut-Sero Stolz, Trauer, Sclhstbcwulltscin, Sclbslbesclteidung, Wünselten, Hoffen durehklingcn lallt, hatte mich, als Juden, tiel ergriffen. Der Eindruck wiederholte sich, als mir das Zcitiiugsblatt heule zufällig wieder in die llaml kam. Welcher Abslam!. Unser religiöser Genius ich spreche von den Verhältnissen in Deutschland — scheint als Klopfgeist in eine Kanzel gekrochen zu sein. ״Unsere Urahnen, unsere Ahnen, reichen moiiograpliiseheii Arbeiten abgesehen, drei Bücher wie das ״Palästina•!latidluich“, (las ״Levante• Handbuch" und die ״Bilder aus Palästina“ geliefert hat, mehr als Lob, er verdient ehrlichen zionistischen Dank. Schriften dieser gediegenen Art (wie wir ihrer leider nicht viele haben) sind die besten Propagatorc... Still, obwohl sie mit hundert Zungen reden, tun sie ihren Dienst, auf heimlichen Routen, die kein Tätig* kcitsbcriclit registriert, ziehen sie durch die Laml־.׳. ln alle vier Enden verträgt der Wind den Samen und plötzlich geht an weltcntlegener Stelle die Saat au(, und keiner weih, wer der Siivnvaim war. Wenn Trietsch in seinen bisherigen Arbeiten, soweit sie nicht auf programmatischem Gebiete lagen, seine Liebe zur Sache in Erforschungen des Tatsäeliliehen, in Statistik lind Tabellen umgesetzt hat (was nicht leicht und nicht jedermanns Satin* ist), so zeigt er sich diesmal von einer neuen Seite, die ihm nicht nur :in weiteres Lcseptiblikuin, sondern auch die Sympa• tliien derer gewinnen wird, die seine literarische mit seiner allerdings etwas prononziertcii parteipolitischen Physiognomie identifizierten, Der scheinbar nur herbe und spitze Parteiniaiin, dieser hartnäckigste Unter den Kongreßzionisten, hat da ein Buch geschrieben voll Liebenswürdigkeit, Innigkeit und Wärme. Dabei ist das Buch von so markantem jüdischem Stammesstolz getragen, der sich als unaufdringliche Moral bald in ironischer Abwehr der ״Andern"; bald in über• zetigter Verherrlichung des Vergangenen, bald in schlicht-pathetischer Gläubigkeit in unsere Bestimmung äußert, daß ich diese ״Bilder, aus Palästina" als ein ״Lehr- und Lesebuch" mit an die erste Stelle unserer zionistischen Literatur setzen möchte, Vor allein aber sollten sie in die I lande vieler junger Menschen kommen. Denn in einer feinen lind klugen Art, die man beinahe pädagogisch nennen könnte, wenn sie berechnet wäre, führt sie der Verfasser über schöne Wege, indes er rechts und links Märchen, Legenden, Sagen und kleine Abenteuer aufbhiheii läßt, schweres Reisegepäck aber mit angenehmen Worten aufhürdet, allmählich ins Herz, des jüdischen Landes und der jüdischen Zukiinfl, die da liciflt: Zionismus. Palästina, wie ein Jude es sicht, mit uralten und eben verjüngten Augen - das ist dieses Buch, . . Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit. Von Jakob Wassermann. (Erschienen im Insel• Verlag zu Leipzig 1010.) In dieser an Carlyle leise gemahnenden geistvoll geschriebenen Fssaysammlung gibt der Dichter Wassermann treffende Definitionen und grundlegende Aufschlüsse über den Literaten als solchen und dessen Abarten als Dilettant, Psycholog, Tribun, Schöngeist und Apostel. Am bemerkenswertesten und tiefsten er• scheint mir, was er über den jüdischen Literaten sagt: ״Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literalen unter den Juden. 111 der Existenz, des Juden gibt sich die sehärlste Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist entweder der gottloseste oder der gottcrfüllteslc aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei cs in veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen, utopistisehen, das Alte zerstörenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selbst suchen. Ent• weder ist er ein Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, . ihre ungeheuren' wirtschaftlichen und geistigen An• strciigungen im Kampf gegen die widrigsten Um* stände, der fortwährende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines Kulturtagcs, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und Zer• Schlichtung der Tradition, all (las hat die Juden als ganzes Volk zu einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sielt hingegen der einzelne wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er, im Schulte der Geschichte, der Ueberlieferuug ruht! wo urewtge Symbole ihn tragen, urewige Blutströnie ihm Aifelsbewiißtseiii verleihen und zugleich alles Er• rungeue und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im ethnographischen, sondern im mystischen Sinne, als welcher die verwandelnde Kraft zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann Schöpfer sein.“ Es ist zu wünschen, daß sich unsere größten Dichter auf sich selbst und auf die großen Zusammenliäiigc besinnen und so das Ideal des schöpfe• rächen Orientalen erfüllen. Dr. M. Scher lag.

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