Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 530 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45 Sitzung vom Dienstag, den 7. November Dr. Hantke berichtet über die Verhandlungen mit der Föderation Misrachi, % die zu einem Einigtmgsbcschluß zwischen dein E. A, C. und der Misrachi-Föueration geführt haben, der dem A. C. zur Bestätigung unterbreitet wird. Nach einer längeren Debatte, in der die Herren Motzkitt, Fischer, Stand einige gröbere oder geringere Bedenken gegen manche Funkte dieses Abkommens äußern, während das E. A. C, Herr Dr. Franck als Vertreter des Misrachi, sowie die Herren Wollfsohn, Hülini, fclcl• solin und Friedemann die vurgeiehlagenen Anträge befürworten, werden die Anträge des E. A. C. In folgender Weise angenommen: 1. Es wird mit dein Misrachi ein Abkommen dahin getroffen, dal) der Vorsitzende der Fötle• ralion Misrachi, Herr Dr. i-'ranck, zu den Sitzungen des grollen A. C. regelmäliig mit beratender Stimme binzugezogen wird, und dal! der Misrachi in dem Kulturansscluill, der zur Vorbereitung aller von der Ziouidischen Organ!• saiion unternommenen kulturellen Arbeiten dienen soll, eine gebührende Vertretung erhält. 2. Zur Ausführung der kulturellen Arbeiten be• schließt das A. C, die Wahl eines Ausschusses von (> Mitgliedern. In diesen Ausschuß soll ein Mitglied des E. A. C. den Vorsitz {(ihren. Von den 6 Mitgliedern des Kulturnusschusses sollen 3 Mitglieder gemäß den Pcrsunalvor. schlügen des Misrachi gewählt werden. - Das E. A.C. gibt dem A.C. die Erklärung ab, daß cs zur Ausführung des Koitgroßbeschlusses, wo• nach die Zionistische Organisation nichts unter• nehmen darf, was dem Rcligionsgesetz widerspricht, in strittigen Fragen eine rabbinische Autorität zuziehen wird, die dem A. C. Ratschläge oder Gutachten unterbreiten soll. Die Entscheidung liegt in allen Fragen bei dein A. C. Hierauf wird der Kultur• ausschuß gemäß den Vorschlägen des E. A. C. und der Misrachi•! oderation in folgender Zusammen• setzung gewählt: , S o k 01 o w (Vorsitzender), Dr. Buber, M o t z k i n. Dr. Heinrich Löwe, l)r. Wilhelm Levy, Dr. Pick, Dr. Bert 1 n. Hierauf erstattet Dr. Hantke Bericht über die Frage der Anerkennung des Order of Anclcnt Maccabenns. Der 0. o. A. M. teilt in einem Briefe mit, daß er seine Anerkennung als Federation beantragt, da er den erforderlichen Bestimmungen des Statuts genüge. Er verfüge über 3000 Schekelzahler und vertrete eigene Anschauungen innerhalb der Organisation. Ferner hätten die englischen Delegierten auf dem Kongreß mit einer Ausnahme erklärt, daß sie dem neuen Statut unter der Voraussetzung z.ustimmen, daß der Passus des Statuts, wonach eigene Sonderverbünde existieren dürfen, aut den Order of Aucient Maceaheans in dein Sinne augewendet würde, daß seine Anerkennung erfolge. Herr C o w e 11, der Vorsitzende der English Zionist Federation, widerspricht dem Anträge des Orders, weil er die Interessen des englischen Zionis• nms schädige und weil der Order gar keine eigenen Anschauungen vertrete. Dr. Hantke erklärt, der Order müsse anerkannt werden, da er tatsächlich fast alle Befugnisse besitzt, die einer Federation zukoinmen und man einen schon!Hngst anerkannten Zustand nicht willkürlich ändern könne. Eine definitive Regelung sei unbedingt not• wendig. Es werden von verschiedenen Seiten Be• denken gegen die Anerkennung erhoben, weil noch Rezitationsabend Josef Ambrunn Weiß Gott, von Rczitationsabemlen gehe ich selten zufrieden hach Hause. Denn entweder ist so ein Vortragender vom Fach, und dann pflegt er mich zu einer Stunde Plätscherns in einem Schwall tra• gischer Ton- und Oebärdckünstc zu verurteilen. Oder er ist blutiger Dilettant, und ich laufe über• haupt Gefahr, in seiner trostlosen Ulanei zu ertrinken. Zum ersten Male seit langer Zeit war es wieder anders, — gestern am Rezitationsabend von Josef A nt b r u n n. Kein bloßer Fachrezitator, kein Zünftiger, kein Opfer und Opfcrheischcr irgendwelcher Scluilübcrliefe• rung, sondern ein wirklich freier, unbeeinflußter, Stil־ gebender, erlösender Künstler. Er hat seine Aus• bildung in München genossen, wie ich höre, aber, das, was er kann, lernt man nirgends, selbst in München nicht. Das muß man mitgebracht haben, um cs in der Schule ordnen, noch mehr aber, um cs dort wahren zu können. Vor allem diese Stimme, die sich dir, man weiß nicht, soll man sagen, einverleibt oder cinverseclt. Sic klingt mit dir. Du klingst mit ihr. Ihr klinget dann beide zusammen den Klang des inneren Lebens, seiner Tragik, seines Humors, seiner Angst und seines Jubels, seiner Ekstase undseiner Ermattung. Ganz natürlich braucht sie kein äußeres Zeichen, keine aufdringliche Geste. Alles nur Farbe, nur Klang, nur Seele, die sich gibt, — bescheiden und doch könig* nicht fcstsiche, oh der Order tatsächlich eigene An- I schaumigen vertrete. Die überwiegende Mehrheit des A. C. ist der Ansicht, der sich das E. A. C. nnschließt. daß eine frcumllichc Zusammenarbeit der mm einmal bestehenden beiden Gruppen im englischen Zionismus erstrebt werden müsse. Es gelangt daher folgender Antrag zur Annahme: ״Der O. o. A. M. soll als Federation anerkannt werden, sobald dem E. A. C. sowohl von dem Order wie von der English Zionist Federation die schriftliche Erklärung /»gegangen ist, daß beide sich einen geincinsameu Council bilden wollen. Dieser gemeinsame Gouiicil soll *der Organisation gegenüber den eng* iisehen Zionismus vertreten, unu das E. A. C. soll mit ihm verkehren.1‘ Die Frage der Anerkennung des Orders Knights of Zion wird gemäß dem Anträge des E, A. C. vertagt, da das notwendige Material zur Klärung der Sachlage erst beschaff( werden muß. Das F, A. C, beantragt, das Grolle A. C. möge ihm Vollmacht erteilen für das Ehrengericht der Organisation ein Statut fcstziistellcn. Das A. C. stimmt diesem Antrag zu. Zur Frage der Organisation und Propaganda werden eine Reihe von Anregungen vorgebracht. I lerr M o t z k i 11 begründet die Notwendigkeit, die Organisation für hebräische Sprache mul, Kultur zu unterstützen. Das E. A. C. teilt mit, welche Pläne es in der nächsten Zeit für die Ausdehnung der Propaganda durchzuführeu gedenkt. Die Herren aus Rullland wünschen, daß der ״Haolam“ nach Berlin übernommen wird. Das A. C. beschließt, für die Zwecke der Ausbreitung der hebräischen Sprache 2000 M. nuszusetzen, lieber die Modalitäten der Vcrwciuhmg entscheidet das E. A. (נ. Nach einem kurzen Schlußwort schließt der Vorsitzende Prof. Dr. Warburg die Sitzung. IV. Deutscher Judentag Mit einem F e s t g o 11 e s d I e 11 s t, zu dem eine grolle Anzahl der Delegierten aus allen Teilen Deutsch• lamls erschienen war, eröffnetc die Berliner jüdische Gemeinde am •1. November die diesjährige Haupt• Versammlung des Verbandes der Deutschen Juden. Die F'eier fand in der großen Synagoge in der Oranien• Burger Straße statt, und Herr Rabbiner Dr. Wars c h a u e r hielt eine überaus eindrucksvolle Fest• predigt. Er stellte dar, wie der Kampf ums Recht, den der Verband im Namen aller deutschen Juden führe, sittlich gerechtfertigt und religiös geweiht sei. An der Hand der Bibel tat er dar, wie ein Kampf ums eigene Recht im Geiste unserer Religion immer zugleich als ein Kampf um die Gerechtigkeit ge• würdigt worden sei und wie in Sonderheit jener Kampf, den der Verband führe, kein Kampf um äußere Güter, sondern um die Elire und Bewahrung der jüdischen Idee sei, und deshalb sicli ganz be• sonders mit dem Schrift wort decken dürfte: ״Einen Cj 011 e s k n in p f habe ich g e k ä m p 11“. Auf diesen erhebenden Auftakt folgte am Abend des •I. November nach Sitzungen der A ti s s c 11 ii s s c des Verba n d e s die nicht-öffeiitliehu Vorversamm• hing im Rcprüsciitantensnal der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Herr C. L. Netter konnte hier Im Namen des üemeindevorstaudes bereits etwa 200 Delegierte be• grüßen. Am Morgen des 5. November fand in einem Nehensanl des Neuen Königlichen Operntheaters eine Versammlung der Korrespondenten statt, au der mehr als 50 Korrespondenten des Verbandes lieh, absichtslos und deshalb heiligend und üherwältigernl. Und Atuhrmm gehütt nicht zu denen, die dürren Herzens durchs blühende Lehen wandeln, und dann doch glauben, daß irgendwer ihre Rampenschminke ernst nehmen und sie wirklich für mitblühcndc, mit• knospende, initschaffcnde, mitglüheiidc Zweige am grollen Lcbcnshattmc halten könnte. Nein, nicht einet von diesen Armseligen ist er, sondern reich, herrlich reich. Diese Stimme, die so beten und beten machen, vor Grolle so erschauern und Größe so erschütternd ahnen lassen kann, diese diskrete und doch so bc• wegte Haltung verraten seinen Reichtum, seine leiden• schaftliehe, fühlende Lebenscrfülllheit. Das soll nicht nur allgemein, sondern ganz speziell mit Beziehung auf da» jüdische Leben gesagt sein. Demi mit seiner ganzen grollen Kunst würde er jüdische Dichtungen gewiß nicht so vortragen, wie cr’s eben kann, — gehörte er nicht zu den in der deutschen Jtidciihcit immer seltener werdenden Erscheinungen, die noch in Fühlung mit den! alten Judentum stehen, Die ״Jiidischkeit" steigert seine Kräfte. Sie ist es, die ihn des Nichtjuden Bürrles von Münchhausen tief dichterische Bibelpocme für unser Gefühl verjüdischen, die ihn innere Stege zu der ostjildischen Volksseele finden und auch für die anderen wegsam machen läßt. Es wäre ja zu wünschen gewesen, daß sich die Berliner Jüdisclmationalcn, etwas mehr um den Rezi• tationsabend dieses Künstlers gekümmert hätten. Der Besuch ließ einiges 2u wünschen übrig. Doch sind die, die nicht da waren und cs jedenfalls hätten sein (cilnahmen. Darauf nahm kurz vor 12 Uhr im großen Theatersaal des Hauses die eigentliche Hauptver* s n m m l u » g ihren Anfang. Zu den mehr als 500 Delegierten Kamen mindestens 1000 Zuhörer Männer mul Frauen aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung von Berlin. Aus der großen Zahl unserer Gesinnungsgenossen, die der Tagung beiwohnten, bemerkten wir u. a.: |)r. Klee-Berlin (Mitglied des Ausschusses), Dr. Ban!, h e r g e r Schönlankc, Dr. II o d e u 11 e i in e r Köln, I )r. F r i e d e m a 11 u ־ Berlin, Dr. Moses- Mann• heim, Dr. T a 11 n e n w a I d I lamhurg, Dr. Victor. Wandsbek, Prof. Warburg •Berlin. 5 Minuten vor 12 Uhr eröffnetc Justizrat Flnruiu als erster Vorsitzender die Hauptversammlung und begrüßte neben den Delegierten die Vertreter der Stadti• scheu Behörden von Berlin, die sich in Bürgermeister I >r. R e i c k e , Stadtverordiietenvorstcher M i c h e I c t und C a s s e I und Stadtverordneten (i e r i c k e eilige• fiiuden halten, sowie den Vertreter der Gemeinde Wilmersdorf, Herrn Stadtrat llroltni und die Vcr• tretung der jüdischen Gemeinde Berlin. Die eilige• ladenen Staatsbehörden waren der Tagung fern• geblieben. Darauf wurde zur Wahl des Bureaus geschritten, und darauf unter Beifall der Versammlung ein I luldl• gungstelegraini» an den Kaiser;!!)gesandt. Darauf erhob sich Bürgermeister Dr. Reiche, um im Namen des Magistrats und des verbimler• ten Oberbürgermeisters Kirsclmcr die Versammlung herzlich willkommen zu heißen. Nach dem Bürgermeister ergriff Stadtverordneten• Vorsteher Mlchclct das Wort, um den Versammelten den Gruß der Berliner Stadtverordneten zu überbringen. Darauf erhob sielt Herr Juslizrat Breslauer, um namens der jüdischen (i e m c i tul c B e r I i tt den Verband zu begrüßen. Der Vorsitzende dankte den Rednern und ging dann dazu über, den Geschäftsbericht zu erstatten. Er gedachte zunächst der schmerzlichen Verluste, die der Ausschuß des Verbandes in den letzten zwei Jahren erfahren habe. Der Vorsitzende rühmt Wesen und Verdienst dieser Männer, mul die Versammlung ehrt ihr Andenken durch Erhellen von den Sitzen. - Nachdem der Vorsitzende dann weitere Pcrsonalvcrschichnngcn innerhalb des Verbands,ms* Schusses geschildert hat, ging er dazu über, die Tätig* keil der Kommissionen im ahgelaufcncn Zeitraum zu schildern. Besonders die Korrcspomleuzkommission luthe sich durch Vorhereitting einer im Erscheinen he• griffeneu Denkschrift über die Zurücksetzung der Juden an den deutschen Universitäten betätigt; tmd die apologetische Kommission habe durch ller.us* gäbe etlicher Kurrespoitdeitzblätter, durch Vorarbeiten für ein großes apologetisches Werk und für die I’e* griimhmg eines apologetischen Archivs wesentliche Arbeit geleistet, was nun die Tätigkeit de■; Haupt* ausschusscs angeht, so hob der Vorsitzende »che» den Diensten, die der Verband anderen jüdischen Organisationen heim Bearbeiten und Einreiehcn von Petitioiien vielfach erwiesen hat, hcsu,.־*crs die Tätigkeit hervor, die in der Schliclitfrage und in der Militärangclcgcnhcit entfaltet wurde. Des weiteren streifte der Vorsitzende die Schritte, die der Verband betreffs des Ausgleichs von Sonntagsruhe und Sahhallteiligimg, betreffs der Schöffen• und Cicschworenetifrage sowie bezüglich der Paßerteitimg für deutsche Juden, die nach Ruß* laml reisen, getan hat, Er streifte schließlich die in letzter Zeit gepflogenen Beratungen, die da bcnbsich* tigen, die Organisationen des Verbandes auf eine hrcitere demokratische Grundlage zu stellen. יוייין י■—■וויו!————n——————y—* sollen, durch ihre Abwesenheit geling bestraft. Sic sind um eine Stunde der Läuterung, der reinen Freude, der inneren Verknüpfung mit dem Judentum gc• kommen .... Die da waren, können cs ihnen bczeugen. Berlin, 6. 11. I). Mathias Ascher. Wie wir hören, wird Josef Ambrunn den in Berlin von Publikum und Presse so beifällig angenommenen Rczitationsabcnd in verschiedenen Städten wiederholen, und zwar zunächst in Breslau, am 12. November, im Saale der Lcssinglogc, in Posen, am 15. November, im Zwisclieitsaalc der Kgl. Akademie. Bilder aus Palästina*) Die ״Welt" unterzieht das neue Buch unseres Freundes Davis Trietsch einer Besprechung, die uns wert erscheint, auch an dieser Stelle wenigstens im Auszuge wicdcrgcgcben zu werden. Sclbstvcrstiindlieh behalten wir selbst uns noch eine eingehende Würdigung dieses schonen und nützlichen Werkes vor. ״Es ist mir bisher nicht aufgcfallen, daß die zionistisclic Gemeinschaft den Palästina-Schriftsteller Davis Trietsch allzu sehr durch Anerkennung verwöhnt hat. Und doch verdient einer, der, von zahl* ♦) ״Bilder aus P a I ä s t i n a.“ Von Davis Trietsch. Orient-Verlag. Berlin 1911.