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Jüdische Rundschau · 1911-11-03 · Heft 44 (3.11.1911) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 522 Nr. 44 Die Gemeinden müßten das Recht haben, zu wählen wen sie wollen. Das sei nicht immer eine bestimmte Person, und so läge durchaus noch kein Mißbrauch vor, wenn eine Gemeinde jemand wähle, «kr pcrsoiilieh zu ihr keine I* iihlunj׳ habe. Die Gemeinden wählen häufig nach sachlichen Motiven, und es handle sich für sie darum, einen Mann ihrer Anschauung zu Italien ohne Rücksicht darauf, ob er persönlich in Beziehungen zu der betreffenden (iemeinde stünde. Uebrigeus seien die Interessen der Gemeinden nicht so grundverschieden mul es handle sich nicht um die Kirchturms-Interessen irgendeiner bestimmten (iemeimle auf dem Geineimletagc, somlern meistens, wie die letzten Tage zur Evidenz. bewiesen haben, um grolle prinzipielle Fragen. Auf einen Zwischenruf des Kouunerzienrats (i a Ilinder, dall er sich bei den Szenen auf dem Gemeiiuklage geschämt habe, Jude zu sein, repliziert Klee ,,ich Italic mich noch niemals in meinem l.ebeit geschämt, Jude zu sein". Dr. Klee schlicllt damit, dall er die I laltung der liberalen I ierreii hier nicht begreife. Sie gehen vnt ihren Forderungen nicht um ein haarhrcit ab. Wozu daun die Kommissimis- Sitzung, die ja doch einen gemeinsamen Weg finden sollte! Er sei mit seilten l'rettinlen entgegengekonmten. Sie wollten den (irallgemeimlen ein gröberes Stimmrecht ziihilligcn, falls das passive Wahlrecht unangetastet bliche. Für «las Scheitern der Verbandhingen seien die intransigenten liberalen Kreise vermit wörtlich zu machen. Die Abstimmung ergab die Annahme des An* träges des Ausschusses mit 17 Stimmen, der mildere Antrag Apfel war ins Wasser gefallen. Das Ergebnis der Verhandlungen ist danach ein durchaus negative s. Es erscheint nach Lage der Dinge völlig ausgeschlossen, dall für den angenommenen Antrag des Ausschusses die •;3־ Majorität eines üemeindetages zu haben sein wird. Es ist tief bedauerlich, dall durch das egoistische, vom Parteiinteresse diktierte Vorgehen der Majorität nun weiter eine llcunruhigung in die Gemeinden ge* tragen werden wird, denn es ist selbstverständlich, dall die Kleiii-üeiiieiuden in gröllter Sorge um ihr Recht, die moralische Pflicht haben, alles zu tun, uin eine Annahme der Aussclmllauträgc zu verhindern. ן Hoffentlich wird der Versuch, geistige Mcinmigs* kämpfe durch reaktionäre Maliiiatunen knebeln zu wollen, dauernd verhindert. A. I. U. Unmittelbar vor der jüngsten Zentralkomitee- Sitzung der Alliance Israclitc Universelle vom IS. Ok* »ober d. J. hat Salomoii R e i 11 a c 11 seine Stelle als Vizepräsident der Alliance niedergelegt. Dies war wohl ein taktischer Schacli/ug seitens der Pariser Herren, um durch ein scheinbares ״Entgegenkommen" die nichtfraiuösischen Mitglieder des Zentralkomitees für die Abschaffung der allgemeinen Wahlen und Einführung des Kooptalionssysteins gefügiger zn stimmen. Wie wenig sich die Pariser Machthaber in Wirklichkeit um die öffentliche jüdische Meinung, die einmütig den Rücktritt Rcinaehs forderte, kümmern, beweist die Tatsache, ü ח II R c i 11 a c 11 w e i t c r h i 11 Mitg I i c d des Zentralkomitees «l e r A 11 i - ancc bleibt. Am 29. Oktober fand in Berlin eine Sitzung tles Berliner Lokalkoniitccs der Alliance statt, die sehr stark besucht war. Die Herren Justizrat l'iiehs und Oehciiurat Landau berichteten über den Verlauf der Sitzung des Zentralkomitees in Paris, die bekanntlich mit dem BcfchUdt auf Einführung des Ko;»ptati«ms- Systems und Ablehnung aller seitens der Deutschen Konfcrenzgenieinsehaft gestellten Anträge endigte. Es wurden' dabei einige interessante, von Herrn Rciiiacli in der Pariser Sitzung getane AeuHcrungeii bekannt, so z. H. der Satz: ״Le suffrage univcrsel 11'etait- «pi'uii jeu, finissions la conwd.c.“ (Die allgemeine Wahl war nur ein Spiel, machen wir der Komödie ein Ende.) Als Oeheimr.it Landau in der Pariser Sitzung äulSertc, die Leitung der Alliance scheine es auf die I liuaiisdränguiig der niehtfraiizösisehen Elemente abgesellen zu haben, wurde seitens der Pariser Herren nicht widersprochen. t Die Deutsche Koiiferenz.gemeinsclialt der A. I. U. versendet ein Rundschreiben, das gleichzeitig mit der Einladung zum deutschen Alliancctag eine Darstellung ihres Standpunktes zur Kooptationsfiagc und des Ver- Haltens der deutschen C.-C.-Mitglieder in der Pariser Sitzung vom 28. Oktober enthält. U. a. erfahren wir daraus, dall Bigart, der angeslellte Generalsekretär der A. I. U., bei den Zciitralkoniuceniitgliederii herum ge reist ist, um sie zur Abgabe ilner Stimmen für den Pariser Vorschlag zu veranlassen. Die deutschen Mitglieder des C. C. hatten in der Sitzung dringend gebeten, die so wichtige Angelegenheit wenigstens nicht zu überstürzen, sondern sie zunächst einer Kommission zur Prüfung zu überweisen. Wie alle übrigen Anträge der deutschen I lerren wurde auch dieser mit 19 gegen 5 Stimmen nhgclclmt. Nach Ansicht der Majorität bedarf cs nur noch einer J'UEDISCH E RUNDSCHAU Abstimmung, die bereits Mitte November «stattfinden kann und ferner der Genehmigung einer dcmiiüch'.t nach Pari' zu berufenden (leiiera!Versammlung, um den Anträgen «ler Majorität definitiv Kraft zu’ ver* leihen und die bisherige Grundlage der A. I. U. umziistürzen. Im Sehhilipassiis iles Schreibens lieiltt es: ״Die Mitglieder der Alliance Israclitc Universelle werden einen solchen Heseliltill nicht ruhig liimiehmeii können. Sie werden nicht dulden dürfen, «lall man uns 11(10:1 deutschen Mitgliedern das einzige erbebliehe Recht, das wir bisher gehabt haben, die leitenden Männer durch unsere Wahl mit/ubeslimineii, entzieht, mul uns solche Männer als Vertreter der Allianceülce aufoktroierl, die lediglich der Pariser Majorität gefallen. Demi tatsächlich Ist diese allein in der Lage, die Kooptation vorzuneliincii, die nach den Beschlüssen vom 18. Oktober in Paris durch zweidrittel der in der Sitzung anwesenden M'itgüciler aiisgciilit werden soll." Auf «ler Tagcsoidninig des Allianceiagcs, der am Montag, den (1. November um 12 Uhr mittags (nicht 11 Uhr, wie angegeben) im Saal der ״üescllschaft der Freunde", Berlin W. 9, Potsdamer Str. 9, statt* findet, stehen folgende Punkte: 1. Protest gegen die Beschlüsse der Pariser Sitzung vom IS. Oktober. 2. Antrag wegen Begründung eines deutschen Landesktmiitees. '}. Verschiedenes. Es ist zu hoffen, daß diese Tagung wiederum die so erfreuliche Einmütigkeit der deutschen Mit* glieder und ihr Vertrauen zur gegenwärtigen Leitung der Koiifercnzgeiiieiiiscliaft dokumentiert, und so der Aktion gegen den Gewaltstreieh der Pariser Leitung eine gehörige Stollkraft verleihen wird. Alle Freunde der A. I. U. sind her/liehst geladen! bTOLOssen 3\־ Eine brave z i o n i s t i s c h e T a t. Es gilt eine Versäumnis nachzuholen: Der Neudruck des Protokolls vom I. Zionistcnkongrcß, den die Prager ״Barrssia" zur Feier ihres lä, Semesters veranlaßt mul dem X, Zioiiistenkoiigreß als Gabe dargereiclit hat, hätte schon längst eine Würdigung in unserem Blatte verdient. Denn die Korporation hätte sich seihst und den Kongrcl! kaum In sinnvollerer Weise ehren können, als durch diese pietätvolle Tal. Das ״fühlbare Bedürfnis‘׳ die verbrauchte Phrase trifft hier das Rechte dem mit diesem Neudruck gedient wunlc, ist uns allen aus vielfacher Erfahrung gegen* wärtig; mul wir machen uns gewiß keiner Geber* treibuug schuldig, wenn wir behaupten: Diese einfache hiielihäiidleriselie Tatsache, dalt das erste KougrcH- Protokoll ,,vergriffen" war, drohte zu einer ideellen Gefahr für den Zionismus zu werden. Denn wie dem Baume die Verbindung mit dein Boden, dem er ent* sprossen, eine l.ebciisnotwcmligkcit bedeutet, so imifl eine jede Bewegung soll sie nicht traditinnslos werden und gedanklich verdorren immer wieder zuriiekgreifeii können auf jene ersten feierlichen kutlistimdcii ihres Werdens, da die grollen Marsch* roiiten festgelegt wurden mul jener (seist, der noch in ferne Zeiten fortwirkt, über die erste, kleine Ge* meimle ausgegossen wurde. Uewili ruhten noch einige Exemplare der anspruchslosen gelben Broschüre in j den Sammlungen besonders gewissenhafter Liebhaber I und in den Archiven zionistischer Behörden. Aber I dem einzelnen Zionisten lind vor allem dem Neuling j m di r Bewegung wurden diese wichtigen und so klaren | (,'uellen «les Zionismus immer schwerer zugänglich. Wir gehören mm gewilt in zionistischen Dingen nicht zu den Lobrcdiicni der ״guten alten Zeit". Wir glauben, dall eine jede Epoche zionistischer Arbeit ihre Berechtigung in sich trägt mul durch Gesetze sozio• logischer Entwicklung sowie ätillere Verhältnisse bc* dingt wurde. Und wenn Max Nord au in dem | Vorwort, das er dem Neudruck beigegeben 11.1t, das j Protokoll als ein ,,Textbuch des unverfälschten Zio* | nismtis" bezeichnet, so trifft diese Wendung kaum 1 das Rechte. Unseres Wissens wurde der Zionismus bisher noch niemals verfälscht. Wer es versuchte, der hat «len Weg aus unseren Reihen heraus stets und prompt gefunden. Aber der Zionismus von 1911 will aus dem von 19 UJ, dieser aus dem von 1909 und der gesamte politische Zionismus aus dem I. KongreB verstanden werden. Und wenn heute die zionistische Arbeit sich zu differenzieren beginnt, die kleine und doch so wichtige organisatorische Arbeit immer mehr Kräfte in Anspruch nimmt und auch wer wollte es leugne»? — manche allzu kühne Hoffnung begraben wurde, dann tut es not, sich bisweilen iu jene herrlichen Tage des |. Kongresses /tiriick/.uversetzen, dessen uit* vergleichliehe Stimmung uns kürzlich Mot/kin in diesen Blättern gemalt hat. Dann, wenn wir uns immer wieder vergegenwärtigen, woher des Wegs wir kommen, dann braucht uns angesichts unserer nüchternen Arbeits-Kongresse nicht bange zu werden, denn wir werden wissen: Mögen wir äullcriich noch so ״vernünftig" und sachlich geworden sein! keusch in unserem Inneren verborgen tragen wir etwas von dem Geiste, der jene Blätter durchweht, die fast verloreu geglaubt, 1ms durch die gewissenhafte Arbeit der Prager Akademiker zuriiekgegcbeii wurden. Der I i b c r a I e R a b h i ne r v o ״ T r i p o I i s. Der Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Tripolis telegraphierte, wie die Zeitungen berichten, sofort nach «ler Besetzung der Stadt durch di׳: Italiener an den Ohcrruhhiucr in Rom und drückte diesem seine tiefe Befriedigung aus, von der türkischen Herrschaft hefreit, jetzt der Freuden des liberalen italienischen Regime* teilhaftig zu werden. Es hatte Iris jetzt nie• maml etwas davon gehört, dall, abweichend von ihnr sonstigen Art, die Türken gerade in Tripolis du Jüdin hatten leiden lassen, und es scheint das zum erstenmal aus dieser Kundgebung des Rabbiners von Tripolis liirvor/tigeheu. Aber die Sache ist auch gir nicht so. In dieser au sieh ganz unbedeutenden Episode sieht man nur wieder einmal das Beschämende und das Lächerliche der Assimilation beisammelt. Das Lächerliche denn wir zweifeln nicht, dall der Herr Rabbiner bis zum Tage der italienischen Invasion nie müde geworden war, den ״guicn Türken" zu markieren; im Moment, als das Land einen neuen Herrn zu haben schien, mullte er, 11 ah berühmtem Muster, zum ebenso guten Italiener wcriieii, (Vielleicht hat er seinen militärpflichtigen Sohn schon als Ereiwilligcn zu den Bersagiieri geschickt.) Tramig und beschämend aber ist es, zu sehen, wie du• Söhne unseres Volkes gleichinäliig in aller Welt in vergeblicher Sehnsucht nach den! festen Boden suchen und immer nur wieder zum Spiel der Wellen «ler Geschichte werden, KORRespoNDenzen I/1 /*,יr.(/)״i,na/\ 1 Der üovkott der italicm* ivonstantmOpel HdR>״ Warc״ wird vinc tH.. deutende Steigerung des Konsums von Orange 11 u 11 tl Z i t r «»n e n der jüdischen Kolo• nien in Palästina, deren Erzeugnisse bisher rma! in* Ausland versandt wurden, in der Türkei selbst zur Folge haben. Wie Parvus im Tauin schreib;, Im; die Türkei im Jahre 1998 aus Italien vier»:inü.«lb Millionen Orangen importiert, dagegen jedoch 2V.z Millionen Kilo exportiert. Diese Zahl muH indessen entsprechend der Ausdehnung des Anbaues noch gewuchsen sein. Wer nun einen Augenblick gefürchtet hat, dall das Land an einem Mangel an Orangen und Zitronen wurde leiden müssen, kann sich bc• ruhigen. Di«• Erzeugnisse der jüdischen Kolomen in Palästina genügen völlig auch dem st irksten K<>!1• smn iu der ganzen Türkei. Seit dein Brande ist «lie Lage der Schulkinder in Balat wirklich erbarmenswert. An 790 Kinder beiderlei Geschlechts siml ohne Unterricht, da die Sehlde «les I lilfsvereins, tlie der Brand allein ver• schont hat, überfüllt ist. Natürlich machen sich das «he protestantischen Schulen in I laskeny zunutze und locken eine grolle Anzahl jüdischer Kinder an. In• folgeilesscn wurde auf Anregung des Sekretärs des üroilrabbinats M. Allabev eine Besprechung über die Einrichtung einer Talmml-Tlioraschulc auf de״« Grundstück der vom Braiul zerstörten Synagoge Eiiah» »!)gehalten. Auf Grund dieser Besprechung hat sich «lie Gesellschaft Alicmla in Habt verpflichtet, ICH! lurkischc Pfund für den Hau /u spenden. Ebenso stellt* die (iemeimle Dmihek 199 türkische Pfund, tlie Unter riehts-Koinmissimi 89 türkische Pfund zur Verfug«!»! Da, wie wir hören, sieh «ler Verein Ahemla auf Grmnl der Ausführungen des Herrn Altabev um 199 neu׳• Mitglieder vermehrt hat, darf man hoffen, daß «< ihm gelingen wiril, sein schönes Werk zu einem ge- «leiblichen Ende zu führen. Der ,,Impercial" meldet aus Saloniki, daß ׳h«־ Jüdische (iemeinde in ihrem Kampfe g e g e n «>1«’ Cholera vom Magistrat gänzlich hu Stich gelas-* » wurde, und so ganz auf sich allein angewiesen ייו Die (iemeinde verteilt Lebensmittel an die isolivrun Familien, greift den Juden, «lie man im Dorfe tni’c* ansiedelte, finanziell unter die Arme und iiuterstuizt selbst Niehtjuden. Daher liegt die Gefahr vor, daß die Gemeinde aus Mangel an Mitteln bald nicht mehr in der Lage sein wird, viele ihrer Institutionen auf־ recht zu erhalten. Der Impercial wendet sich ab» an die Ocffcntlichkcit mit «ler Bitte, die schwer bc drängte Gemeinde zu unterstützen. Uns scheint, «laß neben einem Appell an die jüdische Bevölkerung cm» Mahnung an die Behörden am Platze wäre, ihre Pflicht zu tun. ג: AUS ALLER WELT '•־ Dcufscft/and Bei der Landtags-Ersatzwahl für den Wahlkreis Hohensal/a -Strelno Schubin am 26. Oktoher ist der nationalliberale Fabrikbesitzer Dr. Leopold Lcvy mit UH Stimmen zum Lamltagsabgcordneten gev zählt worden. Dieser erste jüdische

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