Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 520 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44 » der Arier gesucht, beides ahne Erfolg. Die Annahme einer ,,indogermanischen" oder ״arischen“ Hasse sei ein wissenschaftlicher Nonsens. % Nach dem Sdiädclindcx kann man die wedle Menschheit in drei Kassen /erlegen: die langscliadligc blonde Nordrasse, die brcitschadligc, brünette Alpine• und die langsciädlige, brünette Miltelmccrrassc. Da sieh blondhaarige Elemente auch unter den sudlüudi• sehen Völkern finden, hat man angenommen, da» dieselben von prähistorischen grollen Wanderungen der Nordrasse hei rühren. Die ethnologische lor• schung ergab j.ducli, da» sieh solche depigmentierte Elemente auch unter solchen feinen Völkern linden, zu denen aus geographisch-geologischen Giunden eine vorgeschichtliche Wanderung dieser Nordrasse nie liatlc stattlnulen können. Der Seli.idclüides seihst aber ist eine variable Grolle. Er ist bei allen piinii• tiven Hassen dolicbokeplial mul hat überall die Tenden/, im Laufe langer Zeiträume die bracbykepl1.de Horm au/uneluiien. Den objektiven Tatsachen nach scheinen dabei Uebirgslcbeii und stärkere Cichirntälig• keit einen fördernden Eiufluli aiis/uubeu. Ilei cimvieklungsgescliichtliehci Üctraihtimgsweise und bei Berücksichtigung der seit dem Quartär erfolgten geographischen Umwandlung der Erdober• fläche ist es aber trotzdem möglich. Einheitlichkeit in die Vielheit der einander ausclicineuu widersprechen• den Kasseutntsaehen zu bringen. Wesentlich sei dabei die in der ganzen organischen Natur herrschende I cn• den/, zu Variaiiteiibildiingen, die aber durch Selektion und i11/11cl(t infolge geographischer Trennung ein* geengt werde. Vor Iteginn der Selektion und Inzucht ist noch eine derartige Hreite der Variierimgsmöglich• keit vorhanden, da» alle spatcien Verschiedenheiten noch daraus abgeleitet werden können. Nachher aber sind stets die einen oder die anderen Charaktere ein* seitig progressiv weiter entwickelt. Vortragender führt nun an der Hand des Sirat/sclieu Stammbaumes aus, dah Wir Anhaltspunkte dafür haben, da» es e ilst eine solche primitive menschliche Urrasse gegeben hat. Die Funde von fossilen Menschen, ebenso wie das Aussehen primitiver heutiger Hassen sprechen dafür. In den Isolationslierden, wo der Kampf ums Dasein ausgeschaltet war, haben siel» solche primitive pro• loinorplic Rassen erhallen, während sie im Zentrum durch die immer höher sielt entwickelnden, dem Kattinf ums Dasein besser Angepallten, verdrängt wurden. Heute können wir neben den in verschiedenen Sta• dien des Entwicklungsganges abgedrängten proto• morphen Hassen drei I latipirassen unterscheiden. Die Neger (Mclanoilerme) ,Mongolen (Xanthodcrmc) und die Kaukasier (Leukoderme) und in der letzteren, der leukoderiueii weilten Hasse zwei genealogische Unter• eiuheitcu. Wählend einer früheren Eiszeit wurden die nördlich der Alpen wohnenden Teile dieser Hasse durch die Vergletscherung derselben von den übrigen Teilen ihrer Mutterrasse abgedrängt und entwickelten hier unter der exzeptionellen Hedingungcii des nordi• sehen Himmels, da diese Mutterrasse bezüglich der Pigmcntverlüillnissc noch eine grolle Variahilitatsbreite besah, die Pigmeutarmut, die Bloudheit, den Xauthochroismus. während die südlich der vcrglct• scherten Alpen gebliebenen Teile der Hasse solche helle Varianten auch weiter mir in geringer Zahl auf• wiesen und vorwiegend die dunkle Komplexiou bei• behielten. Heide Gruppen haben Zclmtauscmlc von Jahren hindurch eine gesonderte Entwicklung ge• minimen. Man kann sie daher in genealogischem Sinne als Untereinheiten betrachten, die man als Xaiilho• throc und Mclamichroc einander gegeiuiberstellen kann. Was die anthropologische Stellung der Juden he• trifft, so gab es bisher darüber die widersprechendsten Meinungen. Jedenfalls stellt fest, da» sie seit zwei• tausend Jahren miveriniseht geblichen sind, und im Sinne der Definition von Hasse als Inzuchtsgruppe seit genügend langer Zeit — als rein gebliebene Hasseiieinlteil bezeichnet werden dürfen. Sie gehören aber nicht, wie mau bisher infolge ihrer Hrachykc* pliaiie irrtümlich amialnn, der alpinen Hasse zu, tarn• deru sie sind ebenso wie die Inder, Griechen und Hörner ein Teil der nielauodiromen Gruppe der leuko• dermeu Hasse. Mit dein I linweis darauf, da» die Feststellung dieser anthropologischen Tatsachen jede Behandlung des Problems der Kasscuwcrttmg, der er sich erst in dem nächsten Vortrage zuwenden wolle, vorangchcn müsse, schlicht der Vortragende unter reichem Befall seine gehaltvollen Ausführungen. Vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund Der am 7. Juni staligehabte atilierordenlliche (1c• meimlctag des Deutsch-Israelitischen Gcmcimlchuiulcs hat bekanntlich den ihm vnrgclegten Entwurf eines neuen Statuts, nach heftigen Kämpfen, einer IS• gliedrigcn Kommission zur Beratung überwiesen. Un• scrc Leser werden sielt entsinnen, da» es sieb darum handelte, den GroIPGcmeimleu eine vermehrte Stiiinncn/ahl zu geben, und da» weiter beabsichtigt gewesen ist, das passive Wahlrecht für die de• meindetage ciuziischrniikcu, derart, da» nicht jede (lemeiude den Mann ihres Vertrauens zu wählen in der Lage sei, sondern lediglich ein Mitglied delegieren kann, das der Gemeinde selbst augehürt usw. Die crMc Sitzung der Kommission fand am 22. Ok*!ober in Berlin stall. Den Vorsitz führte Professor Martin I* h i I i p p s o n , der ztmäclist die zum ersten• mal anwesenden Aii.ssebtillniitglieder, die I lenen Rahhiucr Professur G u 11111111111, Breslau, und Gabriel Hirsch, I lalberstaelt, welch letzterer an Stelle seines verstorbenen Oheims, des Kommerzienrats Benjamin Hirsch, eingetreten war, willkommen hie». Interessant waren die einleitenden Bemerkungen des Vorsitzenden. Er wies darauf hin, da» das Budget des (icmcindclumdcs sich 11, a. lolgciulmuallcn zusammen• setze: 33 Gemeinden, die jede über 2(10(1 Seelen zählt, zahlten au jährlichen Beiträgen 3$ (Hilf Mark. Die übrigen 1000 Gemeinden zaldtcu zusammen 20 (MIO Mark. Der Jahresbedarf beziffere sieh auf etwa 10 000 Mark, au Zinsen standen II 000 Mark zur Ver• i'üguug. Würden die Gro»-(1emei1uleu also ihre Drohung wahr machen und aus dem Gcmciudchumlc ausscheideu, lulls ihnen nicht ein erhöhtes Stimm• recht gewährt wird, so würde der Bedarf von 40000 Mark nur zu decken sein aus den 20 000 Mark der Gemeinden unter 2000 Seelen und den 11000 Mark Zinsen. Es entstünde also ohne die Beiträge der Groll•( icmcimlen ein Defizit von 0000 Mark. Diese Mitteilung wirkte uatiirgeimill auf diejenigen Kreise, denen damit klargemacht werden sollte, wieviel au der Mitgliedschaft der (irolPUeiueindeu in finanzieller Be/ielumg liegt, wenig. Die nach dem Austritt der Groll•( icuiciudcu und ein geschlossener Austritt sämtlicher Groll•(iemeindeu ist natürlich unter allen Umständen sehr zweifelhaft entstehenden 0000 Mark Defizit wären selbstverständlich durch die kleinen Ge• meimlen und durch Beiträge amler.swoher unschwer zu decken. f> wurde z.unäclist beschlossen, gegen den Wider• sprach des Herrn Louis Sachs, in eine generelle Debatte cin/titreleu und vorerst den hei» umstrittenen § 13 des neuen Statutencutwurfs zu behandeln. Der 8 LJ des Entwurfs lautet: G e tu e i n d e tag. 8• a Der Gcmcimlctag besteht aus Abgeordneten, welche die ordentlichen Mitglieder aus ihrer Mitte wählen (ordentliche Mitglieder sind alle Gemeinde« und Gememdcverbändc mit dem Sitz im Deutschen Reich). Das Stimmrecht der otdcullichcn Mitglieder verändert sieh in folgender Weise: 1. Jedem Gemeinde verbände stehen Bl Stimmen zu. 2. Jeder Gemeinde bis zu 100 Seelen I Stimme, jeder Gemeinde von JUI bis 1000 Seelen 2 Stimmen, jeder Gemeinde von mehr ab 1000 Seelen für je angefangeue 500 Seele« eine weitere Stimme, jedoch einer einzelne« Gemeinde nicht mehr als zusammen HO Stimmen. Mallgcbend ist die letzte bekannte Volkszählung. 'J. Jede Gemeinde und jeder Geincimleverbaml kann mehrere Vertreter entsenden, mu» aller einen dieser Vertreter mit der Erfüllung des Stimmrechts beauftragen. Sie können hierfür einen Stellvertreter ernennen, der bei Ab• Wesenheit des stimmfulireiideii Vertreters dessen Stimmrecht atisubt. •I. Die Vertreter jeder Gemeinde müssen voll• jährige Mitglieder oder Beamte der betreffen• den Gcniciudc sein; jedoch können mehrere Gemeinden gemeinschaftlich einen Vertreter aus den Mitgliedern oder Angestellten der einen von ihnen für den Genieindetag In•• stellen. Kein Vertreter darf die Stimmen von mehr als 10 Gemeinden führen. Die Mitglieder des Ausschusses des Cie. mcindehuiidcs sind stimmberechtigte Mil• glieder des Ciemeindetages.“ Als erster Redner ergriff Herr Rabbiner Dr. Wcrncr*Muncl1e11 das Wort. Das Verlangen der Groll Gemeinden ii.icIi Stimmcn/alilvcrmchrung sei an sieb diskutabel, selbstverständlich aber durle dadurch keine Erdrückung der Klein•(jemeinden st.ittfinden. Unnachgiebig aber müsse man in bezug auf die Einschränkung des passiven Wahlrechts dem AiissclnilPVorschlag gegen• überstellen. Er zeige Entgegenkommen, erwarte aber atieli Entgegenkommen in dieser letzteren Beziehung von der anderen Seite. Der Absatz •I des I I sei völlig unannehmbar. Er stelle auf dem Standpunkt, den ihm sein Liberalismus diktiere, da» mau keine Gemeinde zwingen könne, nicht diejenige Persönlichkeit zu wählen, die sie wolle. Sei die Klage ober den lebhaften Ausgang der letzten beiden Gemeimlct.igc berechtigt er sei nicht anwesend gewesen , so müssen andere Kautelcn getroffen werden, etwa Be• Schränkung des Alters auf 30 Jahre lind darüber. Auch das Rciehstagswahlrcclit kenne eine Bcsehraii• kling wie die vorgcsehlagene nicht. Feilchcnfuld'Köln wünschte einen grüllereu Ein• flu» der Groll•(jemeinden auf die Geschäfte, da die (iroli-Gciiieiiulen im wesentlichen für die Klein•('«• meindeii, also ftir andere, wirkten und schafften. Immerhin wolle er entgcgeiikoinmeii; er halte eil«■ Anregung des Herrn Sanitatsrats Apfel-Köln, wonach der Absatz I des § li dahin erweitert werde, da» Gemeinden auch Mitglieder einer Gemeinde derselbe« Provinz delegieren können, für akzeptabel. Dr. Werna habe noch den Absatz bekämpft, wonach die Mitglied», des Ausschusses des (iciuciiideluimlcs stümnhcrcclitigte Mitglieder des Gemciiidehiges sein sollten, w• »I eigenen Person selbst. Doch soll hier vor allem einer Verwechslung des Acsthctischen Empfindens mit dem Reinlichkeitsgefühl gewarnt sein. Es kan« nicht geleugnet werden, da» die l ugend der Reinlich• keil der Acsfhclik zugute kommen kann, indem '« vor allem die Dauerhaftigkeit ästhetischer Erschein«»• gen garantiert. Aber im Grunde sind beide Eigen• schalten ganz unabhängig voneinander. Es ־ן• »t Völker, die ausgesprochen schmutzig sind und tl• *ch einen starken ästhetischen Sinn haben, ja jeder• manu durch eigenen Stil mul feinen Geschmack Inzaubern. Und es gibt Völker von ausgesprochener Reinlichkeit, deren Aesthetik viel zu wünschen übrig lallt, die ihre Wohnungen und sieh selber atils Ge• jchmaekloseste ausstatlen, auch sonst dem Sehoiiai gegenüber ziemlich stumpf sind. Wenn mau ab״ auch finden wollte, da» die Juden ii.iincntlicli dml, wo sie in Massen zusaiimiciiwohiicii, nicht reinlich leben, — ein Thema, das hier nicht zur Erörtern»»' stellt ־-, so würde das noch keineswegs beweise«, da» sie keine oder nur eine inferiore Aesthetik be• sitzen. Diese Erage miilfte noch immer besonder untersucht werden. Andererseits dürfen die wirklich ästhetischen An־ sprüelie au ein Volk hinsichtlich seiner Behausung und Kleidung nicht zu eng gehalten sein. Es genügt nicht, zu verlangen, daß die einzelnen Männer uml .Frauen dieses Volkes einen gewissen beliebigen Gc• seliniaek an den Tag legen, d. 11, eine Art persou• lichcr Aesthetik entwickeln. Sondern man darf fordern, da» diese persönliche Aesthetik nicht aus allen niög• liir Natursehönhcil hat. Das ist mm sicher in dieser Absolutheit nicht richtig. Wahr ist nur, du» die Ent• Wicklung des letzten Jahrhunderts im Westjiulentmn und in den westjiidiseli gerichteten Schichten des ()st• Judentums stellenweise einen markierten Natur• entliusiasmus erzeugt hat, der eben wegen seiner Markiertlieit nicht nur nicht überzeugt, sondern ge• radez.u lächerlich wirkt. Wahr ist andererseits, da» auch im alten Judentum nicht das direkte Naturgefnlil herrscht, wie unter den europäischen Völkern, son• dem vielmehr ein Anstamien, ein Bewundern durch die Vermittlung der Idee, ein Erschauern vor der Unend• liclikcit und Macht Gottes, die sieb in den Naturgeseliclmissen ausdrückt, Damit stellt in Verbindung — was ja auch sonst so ganz der jüdischen Seelen• Perspektive entspricht ~ da» den Juden die kleinen Intimitäten der Natur relativ kalt lassen, während ihn ihre grollen, ich möchte sagen, heroischen Züge, z. B. der slernenübersäte Himmel, der Gewitters!urm, die finstere Nacht, der mächtige Strom, der dunkle Wald mit jenen Schauem packen, von denen ich sprach, Diese Eigentümlichkeit sitzt so fest, da» sie auch noch in den chassidisebcu Naturen, die ja im gewissen Sinne auch eine ästhetische Revolution bedeuteten, einigermaßen nach wirkt. Am wenigsten wohl, In jenen Schichten der ostjüdischcn Bevölkerung, die durch die doppelte Erziehung des ehassidisehen Milieus und schwerer Arbeit in» Erden in Hinsicht auf die Liebe der Natur und ihrer Details den nicht• jüdischen Völkern dicht angenähert wurden, Alrer sind denn diese Schauer und Andachten weniger ästhetische Empfindungen, weil sie zugleich religiöse Stimmungen sind? Daun wäre ja auch das ganze christliche Mittelalter eine einzige lange Wüste der Unästhetik und wer wei» nicht, da» sie das (iegenteil ist? Und was wären dann die gewaltigen Anrufe der Natur durch die alten hchrüischcn Dichter, wenn nicht Beweise der ebenso ästhetischen wie religiösen AufrüUvUmg der jüdischen Seele durch die Natur? Auch in der ästhetischen Bewertung des Menschen bleibt sieh der Jude treu, daher die verhältnismäßige Seltenheit derberen Geschmacks, Wo er sieb doch zeigt, dann fast immer unle. der Einwirkung einer primitiven uiehtjinliselien Umgebung. Sonst haben die Julien, auch der unteren Stände, einen eigenen Instinkt für Gesichter, in welchen Kultur, Tradition, Geschichte ist. Und wohlgeiuerkt für Gesichter in erster Linie. Dieser Instinkt erhält sich auch bis zu einem gewissen Grade im I euer der Erotik — namentlich bei Frauen, die für das uiihewulitc Empfinden des Volkes viel mehr Zeugnis ablcgen als der Mann. Man kann nun wohl sagen, da» die erotische Aesthetik der Frau weniger Schönheit»• als Kraftästhetik ist, doch dadurch wird die Bemerkung erst recht unterstrichen. Denn wenn geschichtlich gesammelte Energie der Seele «Hier des Geistes als Kraft empfunden wird, -- so ist dies wohl die höchste Ausbildung dieser eigenartigen reflektierten Aesthetik. Am entscheidendsten für die Konstatierung und Bewertung ästhetischen Eigcncinpfindcu* ist die Aus• stattung der eigenen örtlichen Umgebung und der