Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Seite 519 J U E DIS C11 li R U N DSC M A U j-ljubi'11 (in dein Augenblick, wo sie vom Vorstands• tisch verschwinde», sinkt auch das Interesse am /.ionisntu* um äl) ״,» — eine Beobachtung, die wohl schwer zu bestreite» ist). Diese persönliche Beteiligung am /iouismus lallt uns eben de» Ziuuismus als einen harunmisilieu '1 eil unseres Wesens erseheinen. Wir erleben die (Je• schichte der nationalen jüdischen Umwicklung höchst• persönlich mit. Sie ist dann unsere Arbeit, unsere eigene Lcbcnsgaschichte. So lallt sich der Zionis• mus nicht mehr von unserer Persönlichkeit trennen. Gewiß, wir können nicht alle Menschen mit einem Aniilehen atisstatten, wenn wir jetzt auch emseben, warum die passive Tätigkeit in den Vereinen (An• t.oren der Vortrage, Spenden von lleitrageu) höchst .iiilieiriedigend ist. Auch deshalb, weil ja viele sich nid 4 zu Vorständen 'usw. eignen resp. die Wald nicht k/rpticic», Auch wirkt auf abgebrühte oder in• ■iibercute Personen diese Taktik nur auf die Zeit der Amtsperiode. I las wirtschaftliche Erfasse» der jüdi• 'dien Massen, welches auch von dieser Seite her, das Interesse am Zionismus festigen und sichern kann, ist nicht leicht. Man kann sieh nicht gut vorsteilen, daII ein reicher Jude ein HaiipUcil seines Vermögens in Palästinawcrtcu anicgt. Man wird mir •her zugeben, daü, wenn er es tun würde, nein ganzes Interesse an der Hclcbung und der jüdischen Ent• Wicklung des Landes hangen würde. Und damit haben wir den besten beweis, dall die grollen Massen, die geistig indifferent sind, auf die Wirtschaft• liehen Reize am besten reagieren. Der Jude, der Kaufmann ist, muH auf realer Basis sein Ziousinter• esse entwickeln. Er muH durch eigene geschäftliche Beziehungen mit der Palästinaaktio» verwachsen. Dem Armen muH der Zionismus in Zeiten der Not ein Rettungsanker sein können. Nur Märtyrer zielten sieh das eigene Hemd aus, um der guten Sache zu dienen. Aus diesen Erwägungen ergibt sich die Not- Wendigkeit, wirtschaftlich die Zionisten und Juden zu interessieren. In bezug auf Vorhandenes kann ich mich kurz äußern. lX־r Versuch, weitere Kreise für jüdische Geldwerte zu interessieren, könnte durch eine geschickte Zusammenfassung über die Entwick• lung der jüdischen Koloniatbank nebst Tochterinsti• tuten usw. heute propagiert werden. Uei dem kleinen Preis der Aktien könnte man auf größeren Absatz wohl sicher rechnen. Ich mochte übrigens hier meine Verwunderung nicht unausgesprochen lassen, daß eine zionistische Dank, wie die Kredit-Union in Lemberg, die m. E, sehr gut verwaltet wird, in deutschen Landen auf kein Interesse stößt. Auf die licdcutuiig dieser Hank kann ich hier nicht cingehen, ich möchte aber darauf hinweisen, daß sowohl ihre Dividende als auch die Hcleihungsmöglichkcit der Aktien jedem besitzenden Zionisten den Erwerb eines Anteils zur Pflicht machen, wogegen sich kaum ein ersichtlicher Grund anführen ließe. Nun aber zurück zur wirtschaftlichen Einkrci• itmg! Der alte Jude, der sielt auch in der .,calen Welt im Ghetto zu Hause wußte, konnte so nicht leicht die Beziehungen zum Judentum verlieren. Der Jude, der freudig alles für die Zugehörigkeit hingibl, ohne sie zu verlassen, hat auch die Berechtigung, Hilfe und iticlit erst durch die Ucbcrwamlcrnng nach Amerika oder durch eine Uchersiedclung nach Palä• stina zu erwarten. Der jüdische I l.tiidwerkerverelii in Berlin, der jüdische Ve rein Bruderbund in München, die gioücii zionistischen Orden in Amerika haben Tciiiii 11/cu wie gegenseitige t!ntersliit/.nng im Wiilscliafldchcu, haben eigene Kmlitka*;sen auf geno^enscliaftlicber Basis, Versiebet mig gigen Stulculo.Jgkcit, Tod usw. And» die niclilziuiii.shsdien Logen vier Bue Brill ver• lülgen den Zweck, ihre Mitglieder Wirtschaft* lieb zu fördern. Es kann also keine Erage sein, daß die ־/io• uistisehe Parteiarbeit darauf gerichtet sein muß, diese reale Erfassung und Organisation der jüdischen Massen zu belreibeii. Schon soll eine Lehens• Versicherung der Pdl zionistischen P.iileiunge• stellten diirehgefiihrt werden. Diese Abteilung wird den Hau e i 11 e r g r o Heu 7 i o 11 D t i s 111 ׳ e 11 I. e b e 11 s v e r s i e 11 e r » 11 g wesentlich inaugurieren. Man schätzt die Imponderabilien, die von einer solchen Versicherung auf die Beeinflussung der Massen aus• gehen, nicht zu gering. Mit jeder Beteiligung an Dingen, die vitalen Interessen dienen, wird das Inter• esse für den Zionismus neu verankert. Ich kamt auch nicht die Gründung von Kreditkn s seit, wie sie jetzt in Berlin im Gang ist, im Detail besprechen. Voianssiehtlich weiden wir durch die genaue Mitteilung unserer Statuten demnächst den besten Einblick in diese Materie gehen. Die bekannte Prager Jüdische Voiksvorschultkasse, bekanntlich von den Zionisten gegründet, hat heute einen Umsatz von 10 Millionen Kronen, wobei Prag mir 11 Teil Juden wie Berlin besitzt. Ob die p c r s ö 111 i c 11 e g c g e n s e i t i g c w i r t s c h a f 11 i c 11 e U n t c r s t ü t z u n g in den Logen sich abspielen soll, ist eine offene Frage. Sic wird uns im Laufe der Zeit noch oft interessieren. Ich glaube aber, daß die vorhandene» B,!).•Logen eigene zionistische Logen erübrigen. Sie leisten de facto denselben Dienst, wenn sie auch nur allgemein jtiili• sehe Organisationen sind, die mit der Zeit noch nationalen Charakter bekommen werden. Ich resümiere: Die wirtschaftliche Erfassung der Massen ist ein Problem das uns viel mehr noch Inter* cssicrcn muH und zu dessen praktischer Durchführung neue Wege gesucht werden sollen. Zum Schlüsse möchte ich ausdrücklichst betonen, 11.10 ich sehr wohl die Arbeit, die aus reinem Iden• lisitms geleistet wird, schätze, und daß ich diese nie missen möchte. Aber in mancher Beziehung würde ich auch hier nitraten, die Methode zu;indem, Die deutsch-österreichische» Alpenvcrctne bauen sich Häuser nach ihren Sektionen, die au Quantität und Qualität unser» zionistischen Vereinen nachstehen. Jede Schut/hütte, auf hohen Berggipfeln gelegen, kostet nicht weniger als die Anlegung einer Kolonie. Nun, was ist leichter als in einer Gruppe wie Berlin, Hamburg, Wien usw. 200 Personen zu finden, die zur Begründung einer Kolonie versprechen, zwei Jahre einen Beitrag (pro Monat je 5 Mark durchschnitt• lieh) zu leisten. Kleinere Gruppen brauchen bei geringercr Beteiligung natürlich einige Zeit länger. Aber ich hi» fest überzeugt, daß gerade für solch ein De• gimti'it auch reiche Geldmittel von Nichtzinnistcn zu• Hießen würden. Denn was könnte nach nullen «gila• torisch wirksamer sein als die Begründung einer jüdischen Kolonie?. Zollscliaus erster Vortrag in Berlin Am Montag eröffnetc in Berlin Dr. Ignatz Zoll• s e h a n die Reihe der Vorträge, die er in urschiedenen Städte» Deiituiilamls zu Italien gedenkt. Der äußere Rahmen der Veranstaltung war ein durchaus würdiger, und der vornehme, geräumige Saal der Philharmonie fast bis auf den letzten Platz besetzt. Bei dem dem Laien verhältnismäßig wenig zugänglichen Gebiet, das der Vortragende behandelte, ist das gewiß ein Zeichen für den bedeutsamen Ruf, dessen sieh Dr. Zollsclian heute bereit; erfreut, und fnr den Ernst, mit dem weite Kreise unseres großstädtischen Judentums den letzten mul schwierigsten I i.igen ihrer jüdischen Existenz zu folgen bemüht sind. Da z.weifellos siele, welche am Montag verhindert waren, sieh den zweiten Vor* trag, »Irr an gleicher Stelle am b. Novemlrcr statt• bildet, nicht werde» entgehen lassen wollen, so ver• lohnt cs sich schon deshalb, ihnen durch ein kurzes Referat über die beiden vorbereitenden Themen ״Die Rasz.engliedertmg der Menschheit״ und ״Die anthro* poiogischc Stellung der Juden", den Genuß des zweiten Vortrages, der auf den Ergebnissen des ersten Abends füllen wird, zu erhöhen. Die soziologischen po'itischen I olgerimgen, die Zollschans Hörerkreis an! kommenden Montag beschäftigen werden, haben natur• gemäß populäreren Charakter als die streng wissen• schädlichen Darlegungen, die sie vorbereiteten: und mancher Laie, der sich dem ersten Vorträge kaum gewachsen lüh'.te, wird seine Aufmerksamkeit durch die subjektiveren Ausführungen am nächsten Montag belohnt scheu. Der Redner, der am Anfänge sichtlich Schwierig• keilen halle, sieh in die eigentümliche Akustik de* Saales cm/nfimlen, entwickelte in aitderlhalbstiindiger, ungemein inhaltsreicher und wissenschaftlich exakt dtircligearhciteter Rede ein Bild der historischen Ent• Wicklung und des heutigen Standes des anthropologischen Teiles der Rassenfrage überhaupt und der Judenfrage im besonderen. Redner wies zunächst auf die große Wissenschaft• liebe Bedeutung der Rassenfragc als solcher hin. Sie ist in unserer Gegenwart eines der wichtigsten Pro• biente und sie macht Anspruch darauf, der Schlüssel der Welt• und Kulturgeschichte zu sein, und auf die innere und äußere Politik der Staaten gestaltenden Einfluß zu nehmen, Redner führte nun im wesentlichen folgendes ans: Der Begum der Völkerkunde als Wissenschaft liegt erst in der Neuzeit. Man hatte früher die Mensch־ heit nur nach dem hihlischcu Schema in Semiten, Chamiten und Jafctitcn geteilt. Unsere Gegenwart erst brachte durch das Studium der Schädelformen und der Sprachen Ordnung in den Wirrwarr. Die durch diese beiden Methoden erzielten Resultate he• saßen bis vor kurzem die unbeschrankte Herrschaft in der Gclehrtenwelt, und besitzen sie in der Laien• weit noch heute, für die weiße Menschlich galt ein I.dirlmmlert lang fast unwidersprochen die Einteilung in Arier und Niiht.irier, die aber eine der gewaltigsten und folgenschwersten litlümcr der Wissenschaft dar• stellte. Wir halten heule die volle Sicherheit, daß diejenigen Völker, «11c man mische nennt, den aller• verschiedensten, gänzlich unverwandten Rossen zu• geboren und mir die Sprach•, aber keine lllutsver• wandtsclialt zueinander besitzen. Ebenso hat die!Wissenschaft nachgewiesen, daß bei den sogenannten Semiten Rasse 11ml Sprache sich nicht decken. Mau iiat lauge nach dem urtypus und nach der Urheimat Oruttdplan selbst zu untersuchen und näher zu be• stimmen. Hierbei wird cs sich empfehlen, wieder von der malerisch-ästhetischen Wirkung aus/ngchen. Was läßt den Juden malerisch erscheinen, womit ruft er eine ästhetische Wirkung hervor, und wodurch unterscheidet sich dies von dem, was andere Per• sonengattungen ästhetisch wirken läßt. Nehmen wir zunächst einen Hebräer des Alterturns vor, vergleichen wir ihn mit einem Hellenen derselben Zeit und analysieren wir unser Gefallen an ihnen. Es tut dabei nichts zur Sache, wenn die beiden Bilder vielleicht etwas schablonenhaft auf 1ms gekommen sind. Auch wenn sic beide »adigedmikelt wären oder die Nachwelt beide mit leuchtenderen Farben bedacht hätte - für den Zweck unserer Be• Pachtung ist die Differenz doch nur «piantitc ncgli• geable. Wir können also ohne Bedenken konstatieren, daß uns am Hellenen der sorglos kiilme oder sorg• 108 heitere oder sorglos schlaue Blick, die beichte Ruhe des Gesichtes, der auch im Schweigen schwatz• hafte Genießermund und der leiclübeschaiiliche Gang fesseln, während uns am Hebräer das nach innen schauende, nach außen unsichere und unruhige Auge, die in Wildheit erstarrten drastischen Gesichtszüge, der Mund mit den vergangenen und künftigen Stürmen der Leidenschaft, der Hingebung, der Exaltation auf den sinnlichen Lippen, die mit Mühe zur Würde gebändigte Hast des Schrittes interessieren. Mit einem tüchtigen Sprunge sind wir in der Rcnaisiancczcit. Wir stellen den Rcuaissance-Euro päcr und »einen Zeitgenossen im Ghetto einander ent• gegen. Beide üben eine mächtige Wirkung auf uns: Dieser als gefangener l.öwe, der mit seinen Katzen• schritten imitier und immer wieder den Käfig durchmißt, wenn er sich nicht gerade, unbekümmert um das, was draußen vorgeht, niederkauert, um auf die Freiheit zu lauern - auf die goldene königliche Löwenfreiheit. Jener als ein merkwürdiges Problem, das Wirklichkeit geworden ist: Die geadelte ״Bestie im Menschen", Und schließlich sind wir wieder in der Gegen wart, Wir brauchen weder Ucberliefernng noch Phantasie zu strapazieren, sondern nur mit neugierigen Augen um uns zu blicken, und die Vcrglcichsohjcktc dringen von allen Seiten mit ihrer packenden Gegenständlich keit auf uns ein. Wir fühlen «len emharras de richesses: Soll•:» wir etwa das gigantische Märchen «tes Moskatter Kreml und die feierliche Legende der großen Synagoge in Wilna einander gegeitübcrstellc»? Oder das glänzende Schauspiel einer dahiiistürmeu den Kosakcubrignde und das stille Drama in einer weltvergessenen ״Klaus", in der sich ein paar cinsai Jünger die großen Augen nach der Ewigkeit aus schauen. Oder die erwachsene Jugend eines ukraini scheu Dorfes, die an schönen Frühlings-Sonntagen im lichten Sonntagsstaat fröhlichem Wiesenspicl sich hin gibt, — und lustige Chassidittt an der Tafel des Zadilik. Oder .... Doch, soviel Beispiele man auch bringen mag, sie können doch nichts anderes als immer und immer wieder denselben, im großen ganzen konstant ge bliebenen Unterschied illustrieren, der zwischen der malerischen Wirkung des Juden und des Niehtjuden bestellt. Nur das die Fülle der Beispiele es leicht« 1־ macht, ihm auch thc«*rctisch bci/ukomincn *־ soweit mau bei solchen Dingen von Theorie sprechen kann. Alle Beispiele rufen näiiilielt in uns die Empfindung hervor, «laß es hei den indischen Menschen und den jüdischen Szenerien der Biiduer nicht bloß mit den äußeren Erscheinungen als solchen, den objektiven und souveränen, zu tun bekommt, sondern auch vor- »chmVich mit einem gewissen Reflex, der offenbar in diesen Erscheinungen als ein Niederschlag uralter Entwicklungen steckt mul vom Grunde bis auf die Oberfläche dtirehsehimmert. Dieser Reflex, diese! Niederschlag ist es, welcher den jüdischen Menschen lind jüdischen Szenerien den eigenartigen Reiz eiltet Schönheit verleiht, die weit hinter «lein Gesichtsfeld« ihren geheimnisvollen Sitz. hat. Der Hellene, dei Renaissancemensch, «ler Kosak, der kleinrussisclu l'aiicr am Sonntag wirken durch eine leicht verstand licitc sinnliche Plastik. Der Jude hat eine andere reflektierte Plastik, und gerade das, diese Schönheit die aus dem praktisch überwunjlencn Widersprucl v«m Gedanken und Bild, Geschichte und Lehen, Geis und Körper resultiert, reizt den Künstler, intrigier ihn geradezu. Und dieselbe reflektierte Plastik bildet das Grünt clcnient der ästhetischen Eigeneutpfindung der Judet des ästhetischen Gehaltes des jüdischen Volke«, d« jüdischen Acsthctik. Der Jude liebt die Schönhci die er darstcllt. Es wird oft behauptet, daß d:r Jude keinen Sin V;