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Jüdische Rundschau · 1911-11-03 · Heft 44 (3.11.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 518 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44 Es ist zur Rccl1tfcrti|״׳ung von Rußland cingcworfcn worden, es wäre, da cs ja seinen eigenen Juden nicht dieselben Bürgerrechte, wie den echten Russen gibt, nicht verpflichtet, nun den amcrikani&hcn Juden andere Rechte, als den russischen einziiruumcn. Amerika aber kann und will sich nicht mit einer solchen Auffassung zufrieden geben. Wir wollen einmal andere Bedingungen annehmen und Zusehen, wie wir dann Vorgehen würden. Mehr als einmal hat die Türkei versucht, einen Behänd• lungsunterschied zu Ungunsten amerikanischer Missionare zu machen. Einer dieser Versuche fiel in die Periode, in der Herr Strauß Gesandter bei der Pforte war. Herr Strauß erklärte sofort, daß sich die Vcrcingtcn Staaten derartiges nicht gefallen lassen würden, obwohl sich in unserm Vertrag mit der Türkei kein Passus, wie in dem mit Rußland bcfand; und unsere Regierung bestärkte ilu! in seiner Haltung. Nun gab cs in der Türkei Perioden, zu welchen Juden größere Achtung genossen, als wenigstens gewisse Klassen von Christen. Aber auch unter diesen Umstanden hätten die Vereinigten Staaten niemals die Schlußfolgerung zugegeben, die ameri• kanischct! Christen dürften schlechter, als die amerikanischcn Juden behandelt werden. Und die Zeit ist gekommen, wo man es laut und deutlich sagen soll, daß die Umkehrung dieses angenommenen Falles, was Rußland betrifft, Tatsache ist, und daß wir cs nicht länger dulden können, daß Rußland Willkür• lieh nach eigenem Belieben den Vertrag dahin intcr• pretiert, es sei ihm erlaubt, einen Behandlungsuntcrschied bei Bürgern Amerikas, im speziellen zu Un• gunsten amerikanischer Juden zu machen. Es war richtig, jede übereilte Handlung In dieser Beziehung zu vermeiden und, wie cs geschehen ist, alle er• denkliche Mühe aufzuwenden, Rußland ohne Zwang zu überreden, aus freien Stücken zu handeln, wie wir cs verlangen. Aber jetzt sollte doch noch etliches mehr getan werden. Es stellt uns selbstverständlich frei, den Vertrag von 1832 zu kündigen, und, falls eine Einigung auf anderem Wege nicht erzielt werden kann, wird und muß ein solches Vorgehen nach meiner festen Ueberzeugung unvermeidlich sein. Es ist sonnenklar, daß wir uns auf die Dauer nicht einem Vertrage unter• werfen dürfen, der ein Prinzip erschließt, das, wäre cs bei der Abfassung deutlich bekannt worden, verhindert haben würde, daß unser Volk überhaupt nur die Möglichkeit, solchen Vertrag einzugehen, in Betracht gezogen hätte. Unter keinen Umständen würden wir heute mit Rußland oder einer andern Macht einen Vertrag absclilicßen, der ausdrücklich Unterscheidungen, wie Rußland sie gewissen Klassen amerikanischer Bürger gegenüber macht, erlaubt. Da dem so ist, darf der Vertrag so, wie Rußland ihn auslcgt, nicht bestehen bleiben: er kann cs nicht. Aber bevor wir von unserin vertragsmäßigen Recht Gebrauch machen, die Aufhebung des Vertrages auf Orund der Uneinigkeit, die zwischen uns und Ruß•!and In der Interpretation jener Stelle besteht, bc• kanntzugeben, erscheint es ratsam, bei einer uuparteiischen neutralen Körperschaft eine autorative Auslegung der Klausel nachzusuchen. Oewöhnlich ist gerade die Abfassungsform eines Vertrages, wenn die betreffenden Parteien in der Lesung auseinandergehen, ein geeignetes Untersuchungsobjekt für ein Schiedsgericht. Oewöhnlich handelt cs sich dabei um Fragen rein juristischer Natur, die sic wiederum besonders geeignet macht, durcli ein Schiedsgericht y————■— ———י ...י--————■»«—« יי■ Die Juden und die Aesthetik Von Mathias Achcr, Berlin. I. Vor kurzem las ich in einem Nachrufe auf Israels, daß er gerne Juden gemalt habe, weil sie, wie er sagte, ״malerisch'1 seien. Dieses Urteil des berühmten Malers bringt mir wieder einmal ein großes Problem, das eine Fülle von Tciifragcn in sich birgt, zum Bewußtsein: Das Problem der Aesthetik des Juden. Nur möchte ich, che ich des Näheren darauf eingehe, das Urteil selbst mit einer Einschränkung ver• sehen, die wohl auch im Sinne Israels liegt und im Grunde genommen gar keine Einschränkung ist. Es ist nämlich selbstverständlich, daß ein malerisches Volk sein Malerisches nur dort beibehält, wo es sein Volkstum, die Unterlage des Malerischen, bewahrt. Nicht alle Juden sind also malerisch, son• dern nur jene, die noch unter der Anziehungskraft eines jüdischen Milieus stehen, in denen sich daher noch der Genius des jüdischen Volkes mehr oder weniger objektiviert. Mehr als einmal hatte ich in Vor• trägen Gelegenheit, darauf aufmerksam zu machen, daß sich die Maler, jüdische sowohl als nichtjüdische, jüdische Stoffe nur aus dem Altertum, dem mittel• attcrlichcn Ghetto und denjenigen jüdischen Gruppen der Neuzeit, die ein stark betontes jüdisches Gruppenleben aufweisen, so ganz besonders aus der ostjüdischen Kulturgcmcinschaft holen, niemals‘ aber dort• erledigt zu werden. Wieder und wieder ist dies bei Verträgen von allen Mächten anerkannt worden, und auch Rußland h.it dies zwiefach ausdrücklich und stillschweigend anerkannt, als es die Haager Kon• ferenz mit cinbcrief und au der Konstituierung des internationalen Haager Tribunals teilnahm. Wir sind berechtigt, von Rußland zu verlangen,' daß cs in diesem Spezialfallc die Prinzipien nnwendet, die cs unzweideutig durch seine Teilnahme an den zwei Haager Konferenzen anerkannt hat. Es existiert keine bessere Gelegenheit zum Eingreifen eines intcrnationalen Schiedsgerichtes, als die hiermit gebotene. Bevor wir die Frage der Vertragsaufhebung in Angriff nehmen, soll erst genau erforscht werden, was der Vertrag besagt. Ganz sicher: Rußland kann sich dem nicht entziehen, und tut es cs dann doch, würde cs natürlich nur klar vor Augen führen, daß wir keine andere Wahl a ls die Aufhebung haben. Es wäre ein Akt der Vernunft, wenn die Vereinigten Staaten vor einer Diskussion über Lösung des Verträges Rußland klar machten, wie wünschenswert cs wäre, den genauen Sinn des Vertrages zu er• mittcln, und zwar dadurch, daß man dem Haager Schiedsgericht die fragliche Stelle nebst einer Anfüh• rting aller Begleitumstände unterbreitet und das Urteil des Schiedsgerichts über den Sinn der Stelle verlangt. Altes und Neues von der zionistischen Vereinsarbeit Von Felix A. Theilhabcr. ״Am Anfang war die Tat.1' Bernstein, der bekannte jüdische Sozialist, prägte das schöne Wort, daß die Bewegung alles, das End• ziel nichts sei. Nun, diese auf die Sozialdemokratie gemünzte Anschauung hat viel für sich. Der Kampf um die Ideale stellt eine der schönsten Phasen in der Entwicklung dar. Jedes errungene Gut verliert an Wert. Die jüdische Note der zionistischen Bewegung im Abendland hat denn auch schon eine Reihe von Werten geschaffen, vor der selbst ein Mann wie IM1 llippson Achtung hat und von denen er in8־ci11cr neuesten Geschichte der Juden rcspektvollst spricht. Die Golusarbdt ist aber vor allem Selbst• zweck. Diese alte Weisheit hier zu repetieren, erscheint einzelnen unnötig. Bei der Verwirrung über das System der Arbeit in einzelnen zionistischen Gruppen möchte ich aber, auf die Gefahr hin, zu langweilen, kurz das Wesen der Organisa• tion berühren. Die Organisation des Zentrums in Deutschland beruht nicht so sehr allein auf der geschicktest ver• teilten Verbreitung zehntausender Agitatoren, für deren Unterhalt und autoritativer Stellung der Staat auf• kommt (der Geistlichen), ais vielmehr in der vom Zentrum ausgeschlachteten Macht des religiösen Gedankens. ___ ' Die Sozialdemokratie basiert in ihrer Größe nicht auf der politischen Partei, sondern besitzt ihr Mil• lionenheer infolge ihrer gewerkschaftlichen Organisa• lion. Diese repräsentiert für den Arbeiter die Sicher• heit der Existenz, die Möglichkeit der Verbesserung her wo das Judentum zu einer Reminiszenz isolierter Ein/.etmcnschcn geworden ist. Das schwere, tiefe Pathos des Bibclvolkes, die scheustolzc insulanerartige Sclbstsicheriieit des mittelalterlichen Ghettojuden, die breite, altertümlich moderne, aufgeregte Volkstümlichkeit der heutigen Ostjuden, zur Not auch noch die nationalen Beharrlichkeitsmotive gewisser kleiner Gruppen des jüdischen Stammes, wie z, B. der hollämlischcn Juden — die sind es, die den bildenden Künstler Anziehen, An den Juden des Westens und den ihnen Nachgebildeten im Osten geht er achtlos vorüber. Sie sind ihm nicht mehr malerisch, höchstens einzelne von ihnen als einzelne. Dies vorausgeschickt wollen . wir uns mit der Frage, ob malerische Wirkung.notwendig auch eine ästhetische ist, nicht lange aufhalten. Ucbcr die Bedcutung des Wortes ״malerisch" im Munde des Volkes kann kein Zweifel sein. Und wer nicht durchaus klügeln und fachsimpeln will, dem ist cs klar, daß auch der Künstler nichts malerisch findet, was er nicht ästhetisch bejaht, und alles was er ästhetisch bejaht, auch malerisch findet. Bedeutsamer ist für uns die Frage, inwieweit vom Hervorbringen malerisch-ästhetischer Wirkungen auch ohne weiteres auf ästhetische Eigenempfiiidung geschlossen werden kann. Ein absolut notwendiger Zu• sammenhang besteht da jedenfalls nicht. Man braucht ja nur äslhetisch wirkende leblose Gegenstände —־ die ja von vornherein jede ästhetische Eigcncmpfmdüng ausschließen — ins Auge zu fassen, um dies cinzusehcn. Andererseits bleibt aber angesichts eines seiner Lage. Die sozialdemokratische Bewegung nutzt also die wirtschaftlichen Momente der Massen. Nun möchte ich auch einer falschen Gcschirhts• auffassung über das frühere Judentum entgegentreten. Die jüdischen Gemeinden repräsentierten bis zum XIX. Jahrhundert nicht allein religiös-nationale Ver• bände. So war vor allem das Wirtschaftliche die Basis der Existenz, des Juden. Nicht nur weil bc• stimmte Erwerbszweige den Juden und mir diesen rc• serviert waren. Auel» nicht, weil, wie z. B. in Polen, das Recht durch die Juden untereinander ge* sprochen wurde, und weil auch die Stcucrvcrtcilung usw. durch die Kahal-Oligarchic erledigt wurde. Vielmehr das ganze wirtschaftliche ‘Leben spielte sich im Verkehr mit Juden ab. Der verarmte Jude, der fremde Jude, jeder batte ein Recht darauf, von der Gemeinde zu einer Existenz verhelfen zu bc• kommen. Religion, Nation und Wirtschaftsleben waren stets so verquickt, daß nur ganz exzentrische und kräftige Individuen außerhalb dieses Kreises ein Leben führen konnten. Die Bedeutung des einheitlichen wirtschaftlichen Lehens für die Erhaltung eines geschlossenen Juden• tumes nachzuweisen, wird späteren Untersuchungen Vorbehalten bleiben. Aba• das eine muß hier eben kräftig unterstrichen werden, daß nicht die Einheil der religiösen und nationalen Zusammensetzung, daß auch ein gewisser Konnex im Wirtschaftsleben zur Erhaltung einer organischen Einheit nötig ist. Wenn wir also den Zionismus als den Faktor an* sehen, der das Judentum niciit nur erhalten will, sondern erhalten wird, dann müssen wir die Anforde־ rungen an diese Bewegung enorm in die flöhe schrauben, leb gebe zu, die Betonung des wirtsüiait• liehen Problems ist besonders für den Westen das schwerwiegendste und wird wohl genügend ancckcn. ich möchte aber die Notwendigkeit nictit nur aus rein theoretisch• jüdischen Gründen herleitcn, obwohl auch die Ergründung der Judenprobiemc im Rahmen unseres Arbeitsgebietes gelegen ist. Auch aus rein partei-taktischem Interesse empfiehlt sich das energische Eingehen auf die wirtschaftliche M i s sion des Zionismus. Für mich stellt aber das eine fest, daß erst die Verankerung des Ideals in realen Dingen die Syn• thesc des Lebens darstell!. Die Ucbcrfiittcrung mit Vorträgen (seichter oder auch tiefschürfigstcr Natur), das regelmäßige Einfordern von Beiträgen stellen heule in der Hauptsache die Tätigkeit vieler Gruppen dar. Und wenn, wie es leider oft geschieht, zionistische Vereine cingehen, so ist es darauf zurückzuführen, daß die Lust, sich Vorträge anzuhören, bei vielen nach dem Reiz der Neuheit sich bald verliert. Die zionistischen Sonderorganisationen wie die Jugend vereine, Studentenverbindungen, Fraucnvcrcinc usw. vermochten ja schon bedeutend besser den per• sönlichcn Konnex zwischen den Mitgliedern und eine engere Beziehung der Milglieder untereinander und auch hierdurch zur Bewegung bcrzustellen, Jüdische Turnvereine, Gesciligkcitsvereine sind hier ebenso förderlich als auf der anderen Seite die jüdische Presse die nachhaltigste ideelle Bcein• flussung der Massen darstellt. Im allgemeinen muß also unsere Taktik nicht darin bestehen, einzelne Idealisten und Acsthctcn zu gewinnen resp. enragierte Vereinsmeier, die sich durch den Sitz in der Vorstands• schalt immer und immer wieder am Zionismus beteilig malerischen Menschen die Frage offen, ob an seiner malerischen Wirkung auf uns, dem ästhetischen Eindruck, den er auf uns inacht, nicht doch etwa seine Psyche, sein Geschmack irgendwie beteiligt ist. Dagegen sprechen Tausende von Beispielen, die uns förmlich von allen Seiten umringen, daß mensch• liehe Individuen höchst malerisch wirken und doch selber einen ausgesprochenen Mangel an jeglicher ästhetischen Empfindung aufweisen. Aber eben ah; Individuen, wenn man sie nur in ihrer individuellen Existenz betrachtet mit dem bißchen Empfindungsleben, das ihnen eigen ist. Dann ist es ja sicherlich wahr, daß zwischen ihrer ästhetischen Wirkung und ihrer ästhetischen Eigenempfindung keine notwendige Beziehung besteht. Anders aber, wenn man ihrem Kulturhintergrunde nachforscht. Tut man dies, so wird man finden, daß wohl nicht sic selbst, ober ihr Volk (vom Klassen-, Gruppen•, Ständetypus sei liier der Einfachheit halber abgesehen) eine positive Aesthetik besitzt, auf die sich die malerische Wirkung seiner Angehörigen zurück führen läßt. Es ist ein Zusammenhang d.1, der deshalb nicht geleugnet werden kann, weil einzelne Glieder des Volkes nur als Ergcbnissc der Volksästhetik leben, ohne sie selbst objektivivrend mit zu begründen. Betrachtet man die Sache von diesem Ocsichtspunkte, dann läßt sich mit voller Sicherheit von der malerisch-ästhetischen Wirkung und Erscheinung der Juden auf ihren inneren ästhetischen Gehalt und auf den Zusammenhang und den gleichen Grundplan beider schließen. Und cs bleibt nur übrig, diesen I

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