Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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\( m \ f" Abonnements ן I,״( dir wödirnllidi »m Kreits? er• | ״),,,nrnilf ״Jüdische Kuiutschnu“ I I!״,um M der K«t>r11ilior1 und bei * 1 ,llrn viertrljlhrlidi 1,75 M, I 1 | ׳u0r>it»U’ Drutsdilnmli »ml Ontrr• I ■ rr1d1-U11|S׳ns 2,~ M.i lur Mil;ltrder I!»dxrlirr Vrteine im SamiiKlbcrug ■ I diirdi den Verein I,- M, | . ■ VorlaK Jttillscli• Rundarimu I , ן K. 0 m. 11. II. * I lir.HllN W. 15, SHrhslirhe Str.Oe 8. I i Trlepbon! Amt Uhltml 845. ן J tirschällMlundrnt 9 -1 «nd 4—7 Uhr, ■ | «uUer Sunnsbrnd und SonnUg. c~n ר־ ר״ - 1 1 , , .־ r ריח יץ ־־״r wJ .v LJ L > 1 n f\n i ז ן j 1 L ü j V, n n ר•• ־) n n /־•׳ I / 3־' ו J ץr ך r y S Anzeigen I kneten lüf die »r<h'?M[.1dtene t*elil• 8 rrile oder *!r,rn Hju»i ,1U I’f.J Stellenm Aevrlnde »nd •( irtutbr •owir Verein»• ״ MiUrilimgeii und .Kli'i״• Anrrlgen* IO□ nur .0<׳ l'tennig.' O 0 | Msnirtkrii'le wrrdrn, Kenn I'ortobediegt, ,1 ■trte iiKu.kgre.endt. 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Oktober 1 Schekel: 59 Mk., Landesbeilrage: 75 Mk., Org.uiisationsloiids: 77 Mk. Gesamtclngangi Schekel: MS Mk., I.amlesbei• träge: 5753,05 Mk., Orgaiiisationsfonds 0003,9S Mk. Adresse für Geldsendungen 1 Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sächsischc Str. 8. Machtkonservatismus und Kulturkonservafisimis I. Wenn das Geschrei von der Zerschmetterung des schwatz-blauen Blocks, von llungorwahlon und Aenderung unserer Wirtschaftspolitik längst verhallt sein wird und — die einen resigniert, die andern mit breitem Schmunzeln - registrieren werden: ״Es bleibt alles heim alten", dann wird manchem noch eine kuriose Episode im Gedächtnis haften, die sich dem Eremule politisclier Paradoxe mit der Walilzei! lull 12 verknüpft. Sie bezieht 'sich auf jenen verblüffend einfachen Gedanken, der zur schönen Sommers־ zeit in der Redaktionsstube der ״Preullischcu Kreuzzeitung“ das licht der Welt erblickte: Man sollte aus dem Tivoliprogramm den antisemiti- , selten Passus streichen, worauf die deutschen Juden, ihre Wahlstimmen und ihr schätzenswerter Mammon in Sektionen zur konservativen Partei marschiert kommen würden. Die Argumente waren andere, aber w i r waren schon damals so verrucht, den Zeitpunkt vor den Wahlen als ungeeignet für die Verbrüderung ab/ulelmen. Auch die parteiamtliche ״DeutscheTages/eihmg", die in enger finanzieller und See'engemeinsehaft mit dem Berliner Antisernilenbl.itt Jehl, hakte abgewinkt, aber immerhin, als ein Passus der Lichthehnschen Broschüre, der sieh mit der zwie* spältigen Lage der vielen deutschen Juden 1k•• faßte, die im Innersten konservativ empfinden, die Runde durch die konservative Presse machte, da enthielt man sich wie auf Verabredung der gewohnten unflätigen Kommentare. Wir sind nicht so töricht, zu glauben, daß ein jeder politisch konservative Manu in Deutschland ein brutaler und skrupclfreier Antisemit sei. '•• Wir Zionisten im besonderen wissen, daß wir in diesen Kreisen besweiien ein wohltuendes Verständnis für unsere Ideale gefunden haben, das wir Dci den patentierten Demokraten fast immer vermissen mußten. Aber die überwiegende agrarische Mehrheit dieser Partei wird nie und nimmer aus ihrer antisemitischen Haut herauskönnen. Die Aversion des Altcingcsessenen gegen den stnnimeslremdcn Zuwanderer, bedeutet hier eine Familientradition, die sich durch keine Partciparole wird aus der Welt schaffen lassen und nach wie vor werden wir die Kosten des humoristischen Schlagers auf der Jaliresvcr- ״Der *.iorlrnr.ia crc-.ircbi für t!03 jüdlnchoVor־, diurfErub::»״cC»»eui• Hcb-rcchC” גלד nc-:Ic!׳.־nvy1\״ S'cr.n!׳;L:**lto fa Pftiliclln«1.״* D:!״c!cr Pro~rnrma. Sammlung der deutschen Landwirte zu tragen haben. Das hindert nicht, daß wir ein Wahlabkommen gutheißen können, etwa wie cs 1907 in vorbildlicher Weise /.wischen dem konservativen Grafen Westarp und seinen jüdischen Wählern geschlossen wurde. Gerade im Hinblick auf die S c h ä c h t f r a g e, die den ,nächsten Reichstag beschäftigen wird, dürfte sich eine derartige Möglichkeit öfters bieten, und wir win den uns freuen, wenn auf diese Weise recht viele konservative Abgeordnete durch jüdische Wnhlhilfe ihren Weg ins Reichshaus finden würden. 1111 allgemeinen aber sehen wir, wie gesagt, für die deutschen Juden wenig Aussichten, die zweifellos in ihnen ruhenden konservativen Euergieu in der deutschen Parteipolitik zu betätigen. Hatte uns damals die durchsichtige Insz.enicrung der Komödie verhindert, ernsthaft auf den Gegenstand cinzugeheii, so bietet doch eine Beschäftigung mit jener Anomalie, die Tausende von im (irtmde stockkonsm1;׳tiv<־n deutschen Bürgern in das r:...lik.de Lager gedrängt hat, einiges Interesse. Nur daß sich, wie die Dinge liegen, fürs erste keine Konsequenzen für das deutsche Parteileheu daraus ziehen lassen. Wir bedauern das, müssen uns aller damit abiinden. Für uns Zionisten hat die Sache nämlich noch eine besonders ernste und verflucht praktische Seile. Wir wollen nämlich alle jiidisehen Energien, demokratische und konservative, in den Dienst unseres Volkstums stellen; und für das, was wir dort unten in unserer alten ] Siammesheiinat schalten wollen, brauchen wir eine Mischung, in der die letzteren wahrhaftig nicht die minder wertvollen sind.. Auch hier streben wir von der Anomalie des Golus zur Normalisierung unseres Volkslebens. Wie sind da die Aussichten? — Wir wollen ' uns das Recht nicht kürzen lassen, bisweilen auch aus dein zu lernen, was einer der ״Anderen“ über uns zu sagen weiß, Nicht in andächtiger Verzückung wie die sattsam bek.u1nten Veranstalter von Enqueten, sondern immer mit der gehörigen Kritik. Nur daun kann uns dieser Spiegel nützen. Da hat jüngst die ״Zeitschrift“ einen Artikel l)r. Adoll G r a b o w s k y s über ״Kulturkonservatismus und Antisemitismus“ gebracht, der uns eines näheren Eingehens wert erscheint. Wie die Verhältnisse in Deutschland liegen, sind die Theorien und frommen Wünsche dieses Ideologen zur Unfruchtbarkeit, verdammt. Für uns aber, deren jüdischer Horizont weit über die Rcichsgren/.en hinausragt, bilden sie ein überaus wertvolles Material. Grabowsky schwebt das Ideal eines Kulturkonservativen vor, den er dem heutigen Konscrvativen, dem treuen und starknervigen Hüter seines eigenen Portemonnaies cntgegenstellt. Eür diesen Typ scheint ihm auch der Jude geeignet. Um dies darzulegen, sagt er vieles Richtige und manches Anfechtbare, bringt viele feine Beobachtungen und übersieht doch manches. Er meint’s aber ehrlich; und schon deshalb verlohnt sich's, in der iiächstwöchigcn Nummer auf seine Ausführungen eiiizngchen. Ein geeigneter Fall für das Haager Schiedsgericht Von Theodore R o o s e v c 11. Die Frage der Pässe jüdischer Reisender in Rußland scheint nun doch in Fluß zu kommen. Die Bewegung zugunsten einer Kündigung ties amerikanisch-russischen Haudclsvcrtmges, über deren Einsetzen wir in voriger Nummer berichten konnten, hat inzwischen weitere Kreise gezogen. Der che• malige Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin, Andrew D. White, hat den Vorsitz des Komitees übernommen. Die Angelegenheit soll wiederum vor den Kon• grcil gebracht werden, und man hofft dem Vorstoß diesmal besondere Aussicht auf Er• folg zu verleihen, indem man den Gedanken im ganzen Lande durch Massenmeetings pro• pagiert. Dieser Tage hat nun der Exprasidcnt Theodore R ס o s e v e i t, dessen kluge Worte noch immer einiges Gewicht hei seinen Landsleuten besitzen, in seinem Blatte ״The Outlook" vom staatsrechtlichen Standpiinkt zur Sache Stellung genommen und einen Weg der Lösung gezeigt. Die Aeußc• rinigeii scheinen uns bemerkenswert genug, um sie an dieser Stelle in extenso wieder/ugeben, zumal es nicht ausgeschlossen ist, daß die vorgc'sclilagcne Art der Regelung als ״Fcrnbelun" auch auf das Vorgehen curopäiselier Staaten fortwirken könnte. Ich brauche es wohl kaum zu sagen: cs Ist nicht notwendig, daß alle zwischen den Nationen schwebenden Beziehungen schiedsrichterlich geregelt werden; ja, ich messe seihst guten, allgemein gehaltciicn schiedsrichterlichen Verträgen keinen wirk• lieh bedeutenden Wer» hei, einfach weil sic nicht seihst handelnd, selbst ausüihrcud sind, noch sein können; solche Verträge sind rein versprechender Natur und kein Versprechen kann mail gleichwertig mit der Tat cinschätzen. Aber in Rechtschaffenheit eine in Wirklichkeit existierende,־ Schiedsspruch verlangende Frage zu entscheiden, das ist eine Tat, eine Tat praktischsten Wertes; und da schwebt nun eine Frage zwischen uns inul Rußland, die von der hervor, ragemisten Bedeutung für die Würde und die Ehre der Vereinigten Staaten ist und die im ureigcntlichsteu Sinne, wenigstens im augenblicklichen Stadium, cm Untcrsucliungsobjekt für ein Schiedsgericht darstelll, 1111 Jahre 1S32 schlossen die Vereinigten Staaten mit Rußland einen Vertrag, der an einer Stelle folgcndcrmaßeii lautet: ״/.Wischen den Ländern der beiden mächtigen, den Vertrag eingehenden Parteien soll gegenseitige Handels• und Sclül'fahrtsfrcihcit bestellen. Die Bürger der betreffenden Staaten sollen wechselseitig befugt sein, überall, wo Fremdeiihaiulel ztigelasscn ist, Häfen und Platze anz.iilaufcn und Flüsse zu be• fahren. Es soll ihnen frei stehen, steh in allen Teilen der besagten Territorien auf/uhalten unu längere Zeit zu verweilen, damit sie ihre geschah• liehen Angelegenheiten erledigen können; lind aus demselben Grunde sollen sie dieselbe Sicherheit, den gleichen Schulz, wie die Einheimischen genießen, falls sic sich den dort herrschenden Gesetzen und Bestimmungen, besonders aber den den Handel betreffenden Maßnahmen unterwerfen." Das ist im Wesen das, was wir mit allen andern zivilisierten Staaten abgemacht haben. Ein halbes Jahrhundert verfloß seit der Annahme dieses Verträges, ohne daß Rußland irgendwelche Schwierig, keiten bei seiner Befolgung machte; aber seit einigen Jahren weigert es sich hartnäckig, den obigen Passui in dein Sinne zu befolgen, den unsere Verwaltung untcT jeder Regierung für den einzig klaren, einzig möglichen hielt:' Rußland bat Missionaren und Geistlichen ver. scliiedener Bekenntnisse, die durch’ Rußland reisen wollten, den Eintritt verweigert, aber, was vor allem schwer wiegt, es hat ganz, speziell amerikanischen Bürgern jüdischen Glaubens die Rciscerlaulmis in Rußland entzogen (mit ganz, seltenen Ausnahmen); das bedeutet einen Verstoß gegen die Abmachungen.