Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 510 JUEDISOHE RUNDSCHAU Nr. 43 Professor May bäum, den die Voss. Zig, iiilcr• viewle, um den jüdischen Standpunkt zu diesen «11• geblichen päpstlichen Pliinen zu erfahren, äußerte sich folgendermaßen: י ״Als deutschem Staatsbürger kann es mir ganz gleichgültig sein, ob der Papst in Rom residiert oder in Jerusalem. Der Jude kann au Jerusalem nur noch ein geschichtliches, aber gar kein politisches Interesse haben. Er hat seine Mission in Palästina erfüllt und muH, um seine Mission noch weiter zu erfüllen, treuer Staatsbürger der verschiedenen Länder bleiben, denen er angcliürt. Als Jude aber, das muß ich offen gestehen, wäre mir ein Papst in Jerusalem sehr unangenehm, wie cs meinen Glaubensgenossen überhaupt Unangenehm sein müßte. Der Grund beruht aut historischer Erfahrung. Wir haben gesehen, welch (in tolerantes Volk die Türken sind. Alle Völker sind ihnen durchaus gleichberechtigt. Sic denken nicht an Prosclytenmachcrei, Und die Päpste? Auch ihre Geschichte kennen wir. Und wenn heute der Sitz des Papstes nach Jerusalem verlegt würde, so ginge morgen die Proselytemnnchcrei an. Und käme zu diesem Wohnungswechsel gar noch territoriale Macht, dann müßte ״das Land des Papstes natürlich sofort christlich jverden“. Alle die schönen, von Juden geschaffenen, zu grollen Hoffnungen berechtigenden Anfänge industrieller und wissenschaftlicher Natur würden bald wieder ruiniert sein. Und deshalb wiederhole ich: Als deutschem Staatsbürger ist mir die Angclcgcnhcit gleichgültig; als Jude aber ziehe ich in Jerusalem den Türken dem Papste unbedingt vor. lind jeder denkende Jude wird mir beipflichten.“ Wir freuen uns, hier einmal in einigen wesent• liehen Punkten mit Herrn May bau m ühereiiizustimmen, und lassen darum diesmal den gar nicht zur Sache gehörigen und nur aus den bekannten Gründen zugefügten ersten und die Verkehrtheit des zweiten Satzes ungerügt. Was Herr Maybaum über die Vorteile der türkischen Herrschaft für die jüdische Arbeit in Palästina sagt, ist absolut treffend. Darum haben wir Juden ein starkes und aufrichtiges Interesse daran, daß Palästina türkisch bleibt. — Sc. Heiligkeit aber wird sich in ihrer Hoffnung auf den Zerfall der Türkei wohl doch getäuscht sehen. Auf keinen Fall aber darf der Papst erwarten, das für die Weltpolitik und die Weltwirtschaft so enorm wichtige Palästina von den frommen Völkern zum Ge* schenk zu erhalten. Nach Palästina gehört — gleichgültig, wer Herr des Landes ist — ein betriebsames und tüchtiges Volk. Spanien und Süd-Italien aber zeigen, was unter dem neuen ״König von Jerusalem“ in Palästina zu erwarten wäre. — Selbstverständlich, das sei noch bemerkt, gilt von den heiligen Stätten anderer Religionen in Palästina für uns immer das, was Herzl in die Worle kleidete: ״Niemandes Rechte oder fromme Empfindungen bedroht unser Gedanke. Wir verstehen und achten die Pietät aller Konfessionen für den Roden, aus dem ja auch der Glaube unserer Väter wuchs“ RUNDSCHAU DER PRESSE AMftftbnrffpr Abrnrfzvitu nt! In einem ״Briefe aus Marokko“ schreibt Rud. Zabel: ״ . . . Auch ich habe einen kleinen Isaak engagiert, einen Dolmetscherjungen. Er hat die Schule der Alliance IsracHitc in Mogador besucht, aber nur Piauzösiscli -■ dieses perfekt - und etwas Englisch gelernt. Trotzdem aus Frankfurt a. M. sehr viel deutsches Geld den Schulen der Alliance fsraelite zufließt, haben die Frankfurter Israeliten es leider bisher noch nicht durchgesetzt, daß die marokkanisehen luden in Marokko auch deutsch lernen. Wie oft soll man predigen, daß die Sprache einem Lande und seiner wirtscha t ichen Expansion der beste Schritt- ntachcr ist. Und da die Juden in Marokko das wichtigste EingehorcneukuHur»Elcment darstcllen und immer größere ücdcutung gewinneu, so könnten die deutschen Juden sich wahrlieh einmal zu einer nationalen Tat begeistern, die ihnen nichts a's Sympathien einbringen würde, wenn sie nämlich ihren linnnzicllcn Einfluß auf die Alliauce fsraelite spielen ließen und dafür sorgten, daß deren Sehu'ei» in Marokko schleunigst den deutschen Unterricht dem französischen glcichstellten. Alle polnischen Juden sprechen deutsch, ebenso die meisten englischen und amerikanischen - cs fehlen noch die marokkanischen ־ zweifellos reichlich angesehene Geschlechter unter ihnen mit Stammbäumen, die solche mancher Potentaten durch Alter und Blutsreinheiten in den Schatten stellen könnten —, um das Deutsche hei den Juden gewissermaßen zu einer zweiten Muttersprache werden zu lassen. Hoffentlich fallen diese Anregungen auf guten Boden!“ Der Wunsch des deutschen Reisenden ist verstündlich. Von unserem Standpunkt jedoch da־׳f die Alliance ebensowenig deutsche wie französische, son* dern einzig und allein jüdische Interessen vertreten. Verlangen künu.21׳ aber die deutschen Mitglledcr, daß ihre Beitrüge nicht zur Stärkung des cmtluiscs einer dem Deutschen Reiche feindlichen Macht verwandt werden. Interessant ist übrigens, wie der Verfasser das Jüdisch-Deutsche vom deutsehen Standpunkt cinziischiit/cn weiß, /)<<■ Fach••/, Wtcn Die Liebhaber von Kar! Kraus' Scltrcib-Slll unter unseren Lesern werden auch an dieser Acußerung zur Judenfrage Gefallen finden: ״Die *Juden haben geglaubt, einen starken Bcweis Ihrer Assimilatiousiähigkeit zu liefern, indem sie in einer übertriebenen Art von den christlichen Gelegenheiten Besitz ergriffen haben. Dadurch sind die jüdischen Gelegenheiten beträchtlich vermehrt worden. Nein, sie sind nicht mehr unter sich: die andern sind es; und es wird lange Zeit brauchen, bis flie Antinomie ־ beseitigt ist, daß Samuel nicht so deutlich klingt wie Siegfried. Denn die .Welten sind nicht eins, wenn die eine das Kleid der andern trägt und diese es darum ablegt. Der jüdische Nationalisinus ,aber sei wie jeder Rückschritt willkommen, der aus einer pseudonymen Kultur dorthin zurückführt, wo ihr Inhalt wieder wert Ist, ein Problem zu sein.“ The Zionist, London Diese treffliche Monatsschrift weist auf eine recht bemerkenswerte Wirkung hin, welche die Ausbrei• hing des Hebräischen in unseren Reihen haben muß: ״Die zunehmende Anwendung des hebräischen in zionistischen Dingen ist in vieler Hinsicht von He• detitung. Ein Resultat wird vor allem das sein, daß ein praktischer Grund zum Studium des Hebräiselten, als einer lebenden Sprache gegeben ist. Bisher existierte ein solch praktischer Beweggrund nur in Palästina. Die Juden anderer Länder, uie sich bisher für das Hebräisch unter dem Eindruck der nationalen Idee interessiert haben, taten dies aus Gründen des Gefühls; und obwohl diese Gründe außerordentlich gewichtige und dauerverheißend sind, weil sie ja so tief in der menschlichen Natur begründet sind, haben wir doch nicht nötig, den Werl praktischer Motive zu unterschätzen, die die Macht der andern Motive verstärken und in gewissen Fällen, in denen der Gefühlsnnlrieh allein zu schwach ist, eingreifen können. Jene von den Zionisten, die bisher mir so weit gegan* gen, in der Idee znzugeben, daß sie eigentlich Hehräisch können müßten, werden wohl bald vor die praktische Frage gestellt sein, ob sie denn überhaupt iäliig sein werden, dem Zionismus ganz und gar folgen und irgend welchen Einfluß auf die Bewegung ausüben zu können, wenn sie nicht ernstlich das Stil* ditun der Nationalsprache aufnehmen. Und was noch wichtiger: sie würden bewirken, daß ihre Kinder noch weniger Aussicht hätten, gewichtige Zionisten zu werden, wenn sie ihnen nicht eine ganz und gar zionistische Erziehung erteilen, Der Zionismus als solcher hat bereits einen mächtigen Antrieb zum Hcbräischlernen gegeben. Aber außerhalb Palästinas sind die harten Tatsachen des Lebens gegen das Hebräisch, und es ist gut, daß im Kampf gegen solche Fakta das Motiv der Idee durch das praktische Moment unterstützt wird, daß nämlich Hebräisch mehr und mehr Normaisprachc zionistischer Geschäfts* führung wird.“ La Vörito, Jerusalem Dieses Blatt, das im Hauptberuf eine ziemlich verkappte Missionsarbeit unter den Juden der heiligen Stadt betreibt und in französischer, englischer und hebräischer Sprache herausgegeben wird, druckt einen bemerkenswerten Artikel von dem hckanntcu Sozio* logen A n a t o I c Leroy*Beaulieu nach, in dem der Verfasser das Wirken der ״Alliance“ folgendermaßen beurteilt: ״Nächst den Ordensschulen, die im Orient unserer Sprache ganz hervorragende Dienste geleistet haben, sind unbestreitbar auch die Schulen der Alliance Israe* lite von uneigennützigem Eifer erfüllt. Oft stehen ihre Lehrer — diese Erfahrung habe ich mehr als einmal gemacht — in ausgezeichneten Beziehungen mit den Patres und Fratres unserer Ordensinstitute, da beide Teile zweifellos fühlen, daß sie vielfach an (leinseihen Werke arbeiten, an der Ausbreitung der französischen Sprache und des französischen Ein* flusscs. Auch haben sie dieselben Gegner, nämlich die Feinde und Nebenbuhler unseres Landes.“ BAUS ALLER WELT־־ Deutschland (P,*B.) Der erste Tag nach dem Zusammentritt des ״sterbenden“ Reichstags war der Beratung voll Petitio* neu gewidmet. Eine dieser Petitionen will den Boykott gegen Gewerbetreibende, Handwerker usw. bestraft wissen, der planmäßig von Sozialdemokraten über den uatioiialgesiiinten Mittelstand verhängt werde. Der wirtschaftliche Raab begründet diese Petition. Das Verwerflichste hienieden sei der w i r t * schaf Hieb c Boykott. Spracli's und verließ stolz wie ein urteutscher Sittenrichter die Tribüne. Da wird er durch einen sozialdemokratischen Witz* lx)ld um den gaiiz.cn Erfolg seiner Rede gebracht. Unter lautem Gelächter der Linken geht Herr Raab nämlich auf seinen Platz, als ihm ein Sozialdemokrat schlagfertig 11 a c h r u f 1: ״K a 11 f t n i c 111 bei J u d e 11!״ Eine nette Blamage! (IVB.) Wie wir bereits meldeten, ist man sich in parlamentarischen Kreisen klar darüber, daß dju Novelle zur Strafprozeßordnung von diesem Reichs* tag nicht mehr erledigt werden wird. Da inan die Materie bis zur großen Strafprozeßreform, die vor 1917 den Reichstag nicht beschäftigen dürfte, vertagen wird, wird auch die S c 11 ä c h t f r a g e bis dahin in reiehsgesct/liehcm Sinne kaum gelöst werden. Hof. fentlich ist alle Arbeit nicht vergebens gewesen. Auf* geschoben ist selbst in diplomatischer Sprache nicht immer aidgclioheii. Die Beratungen der vom letzten ״Deutsch-Israeli• tischen Gemeindet,1g" eingesetzten Kommission, (|jt* eine Möglichkeit finden sollte, wie sich in der von liberaler Seite aufgcrotllen Frage der Stututcnihulc* rung 1111 Gemeiiidcbunde die Interessen der grollen Gemeinden mit denen der kleinen vertragen könnten, hat am Sonnt.-/ in Berlin getagt. Trotz, alles f nt'. gcgeiikonimcns von gegnerischer Seite mußte eine Einigung an der Iiitransigeoz der ״Liberalen“ sei»•!, tern, und die Angelegenheit wird nunmehr endgültig vor dem Forum eines Gemeiudctages ausgetragen werden müssen. Wir werden uns in unserer nächsten Nummer noch eingehend mit dem Verlauf der Verhamllungen beschäftigen. (Siche auch die Rubrik ״Glossen“.) Oesterreich Ein Komitee von Freunden der hebräischen Sprache und Literatur in Lemberg veranstaltet «in 15. November d. J. einen Hebräer tag. In einer großen öffentlichen Volksversammlung sollen nämlich Referate in h c b r ä i s c h e r S p r a c h e über geeignete Maßnahmen zur Förderung der hebräischen Renaissancebewegung in Galizien erstattet werden. Daran wird sieh eine allgemeine Aussprache, ebenfalls in hebräischer Sprache, anschließen. Es ist den! Komitee gelungen, Herrn Dr. Schemarja Lew in aus Berlin als Hauptredner für den Hebräertag zu gewinnen. Der Rektor de/ deutschen Universität in Prag, Professor Ratichhcrg, erklärte einer Abordnung jü* disch-nationaler Studenten, daß er eine Einflußnahme der Hörerschaft auf den Vorlesungskataloß nicht znlassen werde. Die jüdischen Studenten hatten sich nämlich bei ihm beschwert, daß die deulscli-nalio• nalen Studenten gegen die Vorlesung des ehemaligen zionistischen Reichsratsabgeordneten Dozenten Dr. Mahler Protest eingelegt haben und zwar, wie die Deutsch nationalen behaupten, im Interesse der Wall* rung des deutschen Charakters der Universität. In Zusammenhang mit diesen studentischen Kund* gehungen ist cs zu bringen, da ßheute der Dozent Dr. M a 111 e r aus Gesundheitsrücksichten seine für das Wintersemester aiigekündigtcn Vorlesungen ah* gesagt hat und einen Erholungsurlaub antritt. Unr/arn Ein ungarischer Gerichtshof muß in Kürze über einen Fall ohne Präzedeiiz zu Gericht sitzen, l'üt ungarischer Bauer aus Dcbrccz.in, der unter anii* semirschem Einfluß stand, hat ölfentlich behaupte!, daß der Kaiser nur deswegen das Volk nicht von dem Druck der luden befreien will, weil er selb* 1 ein Jude wäre. I)iesc Bemerkung hat dem ״Unglück* liehen“ Bauern eine Anklage wegen Majestätsbeleid•• gung eingebracht. /foltern cl In Groningen hat sich ein Komitee gebildet, um dort, am Geburtsort des kürzlich verstorbenen Israel', ein Denkmal des Malers zu errichten. Es soll (D Form eines Brunnens haben, gekrönt mit einer Büm.• des großen Künstlers. Husslanä Die in der letzten Zeit in manchen Kreisen Je* Advokatenstamlcs überaus h mlig gewordenen Uebertrlttc zum Christentum aus Gr inden der Karriere vcraninßten eine Gruppe Ödes aer jüdischer Advo katiirsgclülfen (dies ist gewöhnlich der Charakter der in der Advokatur tätigen Juden, die das Justizmini• stcrium wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judenluni nicht für würdig hält, zu ״Rechtsanwälten“ befördert zu werden) auf der am 18. Oktober staUgcfundcneii Generalversammlung ihrer Organisation an das leitende Komitee folgende Iiile.pellalion zu richten: ״Flat das Komitee Kenntnis davon, daß in letzter Zeit häufig Advokaturgehilfen jüdischen Bekenntnisses aus Gründen der Karriere zum Christentum übergetreten sind; daß die unlängst stattgehabte Weigerung des Zcniralaussclmsscs der Friedensrichter, einigen neubekehrten Christen eine Bescheinigung ihres Rechtes auf Führung von Zivilprozessen aus/uslcllen, allgcuh.in auf diese Letrühcadc Eraeheinurg z'.iriickgeführl wird; (iuti dadurch die Würde des Anwalt Randes über• haupt und der jüdischen Advokalurgchilfcn im bc-