Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 508 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 43 nsw. im Westen. Diese Karte (die kleinere) hat i vor den meisten anderen (iir. unsere l.eser noch den speziellen Vorzug, clalt sie nicht mir durch ihre Um• fassung des gaii/cn Osnianisehen Reiches die zentrale Laue Palästinas dartut, sondern dalt durch»die tiürtl• liehe Begrenzung des Knrtenbildes, das his Südrtill• laiid und souar his Süddciitschluud reicht, mich alle Zufnhrlswegc der jüdischen Einwanderung mit aus der Karte liervorgehen. Ucbonlies sind die Orient• karten des Gca-Vcrlagcs die einzigen, hei denen die Vcrkehrsverhiiltnissc besondere Bcriil'ksichtigmig fin* den. So ist hier auch die allenthalben fehlende Mariutbaliu bis Mersa ALitru (halbwegs zwischen Alexandria mul der tripolitanisehen lireu/e) eingetra• gen, ebenso sämtliche syrische Hahnen (die Linie Honis-Tripolis freilich irrtümlich noch als projektiert, sie ist aber seit Juni bereits im betrieb), die cyprischc Transversalbahn, die genaue Trace der Hagdadbahn usw. Die größere Karte gibt eine klare Anschauung der Provinzeinteihing des Osnianisehen Reiches nach dem amtlichen Slaatshandbuch (Salnamch) mit den Sitzen der Behörden usw. Ls gehen u. a. sogar die Verwaltungsstellen der Dette Publique und der Tabak• regie daraus hervor. Das geographische und hydro• graphische Bild sind wandkartcumiiliig zu grober Wirksamkeit gebracht, wobei jedoch auch die Durch• arbeitung im einzelnen nicht vernachlässigt wurde. Der Breis der Karte ist bei dem grollen Format (ca. 1•’3X2(1 m) sehr mäßig zu nennen. Oberrabiner Dr. j. H, Dünner [ Tiefe Wehmut ist bei der Judenlieit Hollands eingezogen. Was die Freunde und Anhänger seit längerer Zeit gefürchtet, ist leider zur Tatsache ge• worden. 'Der Oberrabbiuer der Amsterdamer Ge• mcimlc, Dr. J. H. Dünner, weilt nicht mehr unter den Lebenden; einen Tag nach dem Feste der Oe• setzesfreude, das keiner zu feiern berechtigter als er war, wurde er dem irdischen Dasein entrückt. Obwohl schon seit Jahren leidend, war es ihm doch vergönnt, dank der aufopfernden Liebe und Sorg• falt von Frau und Kindern, bis in die letzte Zeit hinein seinen Pflichten als Leiter eines der größten jüdischen Gemeinwesens nachzukommen. Und wie wurde er dieser hohen Aufgabe gerecht! In Aus* iibung seines Amtes gab es für ihn keine Ruhe und Rast; st» ts war er am Platze, wo es galt, die Interessen der Allgemeinheit wie des Einzelnen in jüdischem Sinuc zu wahren. Allein nicht nur für die Amsterdamer oder holländische Jndenheit war er Führer und Heros; er war einer der wenigen großen und hervorragenden Männer in Israel, welche mit Begeisterung für unsre nationale I d e e ein• traten. Schon frühzeitig hatte er Verständnis für die Sache des Zionismus gezeigt, und so scharf er jeder• zeit die {••formalorisclicn Bestrebungen im Juden• tum bekämpfte, so freudig wußte er stets das richtige Wort für die ״jüdische Nation“ zu finden. Als im Jahre 1907 Herr Hermann Struck eine Enquete über den Misrachi-Zionisiuus veranstaltete, war eine der ersten Antworten diejenige Dr. Dünncrs. Er schrieb damals unter anderem: ״Meine Antwort über das Verhältnis des ZU»• nismus zum traditionellen Judentum dürfte jedem, der in der zionistischen Literatur kein Fremder ist zur Genüge bekannt sein. Denn schon am 17. Me• Runen und Risse ließen die nicht vernarbten Wunden der entschlafenen noch einmal über dem Hügel her• aufklaffen. Um! wenn der Wind durch die Spalten des Gesteins mühsam ächzend einen Weg schabte, zitterte es wie ein Schlittern mul Schluchzen durch die harte Fclsensecle: den!darrkalten Stein durch• zuckte uml durchfieberte wohl ein Menschenweh. Die gelheu Gesichter der Kcr/.cu alter, die nn uiaueheiu skr1un!o;cn Traiintabend die alten Moiulmärehcu aus goldenen Augen k'mdcrselig durchs stille Stübchen glühen ließen, tropften ihre weißen Tränen in die weiße Trauer des Steines hinein. Da zerwühlte Moses Verzweiflung; er preßte sein Herz an den Stein und sprach: ״Esthcrl, warum weinst du? Hast du keine Ruh? Alte Kerzen klingen von deiner Klage! Soll ich bei dir sein? Ich will nicht von dir gehen! Ist dir kalt? Ich will dich wärmen! Denn ich trage wohl dein Bahrtuch, und du mußt vvolil frieren. Ich will dir auch meine Seele' zum Gewand geben!“ Und er umklammerte den Stein mit aller Inbrunst und .horchte in die Nacht hinaus, ob ihm der Stein oder ein hier jüngst eingesunkener Tropfen Tau oder sonst eine Rätselstimme eine Antwort klinge. Da war es Moses mit einem Male, als ob eine Sabbatblumc, eine unter ihren blühenden Schwestern, an seinem sanften Fesltagstisch auf seine inbrünstigen Fragen und auf das Lied der Lichter ihre reine Seele öffnete. Die Luft des Stübchens schien in einer seltsameren Bewegung als der Gesang der Kerzen zu flackern; vielleicht ahnte sic, daß der sic nachem!»8 (2־). Juli lS*/S) habe ich in meinem Gut• achten au das zionistische Zentralkomitee für Deutsch• l.'iiul in Köln den erwähnten Gegenstand ausführlich ausei11a111le1gesetzlr mul außerdem habe ich in mehreren Predigten d i e 11 o 11 e B e 11 c u 11111 g , w e I c 11 e die zionistische B e w e g u 11 g für 11 ,1׳ s J u 11 e 111 u in 11 a b e n k a n 11, in ausgeprägten Zügen go/ei1׳l111ct. Hieraus ergibt sieh von seihst, daß ich die allgemeine Teilnahme der gcsct/cstrcucn Glaubens• genossen aii der zionistischen Arbeit im (ieisle des Misrachi als eine gottgefällige uml heil volle hetrachte“ usw. Aber nicht nur in der Judenlieit, auch hei den staatlichen Autoritäten stand er in der größten Hoch• aclitung, und seine Worte fanden auch an diesen Stellen willig Gehör. ßis in die allerletzte Zeit war es ihm gegönnt, seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Studium der 111. Schriften, zu obliegen; dabei hatte er aber stets ein wachsames Auge für alle Gcmeindcaiigelegcuheiton. Als Gelehrter erfreute er sich eines Weltrufes, und zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zeugen von der Fruchtbarkeit seines Geistes. Um kurz auf seinen Lebenslauf cinziigehen, sei bemerkt, daß der Verlebte vor ungefähr 79 Jahren in Krakau geboren wurde und bereits im 18. Lebens• jahrc vom Beth־l)in in Krakau die ״Hatoroth Harooh“ mit Auszeichnung erhielt, sich dann durch Privat- Studien die Zulassung zur Universität Bonn erwarb und auch liier und auf anderen Hochschulen durch seine hervorragende Begabung auszciclmcte. In den sechziger Jahren wurde er als Direktor des Rabbiner• seminars in Amsterdam berufen, um in den siebziger Jahren das Obcrrabbinat zu übernehmen. Mit der ״Welt“ wollen wir ausrufen: ״Das jüdische Volk wird seinem Andenken Treue bewahren, als dem eines der Edelsten seiner Söhne.“ J a c. Frankel. Misrachi Die Föderation Misrachi versendet zurzeit den folgenden Aufruf: An unsere Gesinnungsgenossen! Der X. Kongreß hat beschlossen, daß in Zukunft die Kulturarbeit in den Rahmen der offiziellen Tätig• keit eiiibezogeii werde. Dieser Beschluß entfachte in unseren Reihen einen Sturm der Erregung. Die Weihe der Festeszeiteu jedoch mit ihrem reichen Inhalt versöhnender und atisgleiclicnder Gedanken und Stimmungen mag 1ms nunmehr befähigen, leiden• schaflsloser zu urteilen, gemessener zu betrachten, wo wir stehen, wohin wir steuern. Manche unserer Gesinnungsgenossen — und nicht die schlechtesten , die unserem Ideal in treuer Arbeit gedient, erklärten die Verantwortung für 'eine gemeinsame Arbeit nicht weiter tragen zu können. Sie begründeten ihre Mitarbeit am zionistischen Werke mit dem Bestreben, lediglich ideale und Wirtschaft• liehe Werte für das jüdische Volk zu schaffen. Die im September in Berlin tagende Konferenz hat die ciilsehcidungsschwcrc Gewissensfrage eingehend erörtert und ist, wie bekannt, zu dem Ergebnis ge• kommen, daß es notwendig wäre, in der Gesamt• Organisation zu verbleiben uml dort auch in Zukunft die Interessen des gesetzestreuen Judentums mit aller Entschiedenheit zu vertreten. Bestimmend für diese Entscheidung war die Ucbcr/eugtmg der Mehrheit von der über׳windenden Kraß unseres Bekennt• nisscs, von der .sieghaften Gewalt «les tausendfältig bewährten, fremde Kulturen, die Zeiten überdauernden, uralten uml ewig jungen volhscrhaltcuden und Volks' erneuernden 1 lunagiistes. Diese Zuversicht hat uns auf den seihst gewählten Posten gestellt und gibt uns die Kraft, auf ihm atis/ttl1.1m׳n. Kultmbestribuiigen bilden einen Teil des Pr!,, granuns. Aber bisher waren sie frei in ihrer Ent• faltmig und Entwicklung. Nunmehr finden sie ihic Bindung und Sehrauke in geset/liehen Bestimmungen. Der Kongreß hat beschlossen: ״Der X. Zionisten, kongreß gibt seinen Willen kund, daß in keiner der von der zionistischen Organisation geschaffenen In• stimtioiicn für Kulturarbeit irgend etwas umernoniiiien werden darf, was der jüdischen Religion zuwider, läuft.“ Die Formulierung der Ausfül1rm1gsbestin11nm1g<11׳ dieser Resolution bildete den Inhalt von Unterhaml. hingen des Zentralhurcaus mit dem Engeren Aktionskoinitee. Das vorläufige Ergebnis dieser Unterband• hingen erfüllt uns mit der Zuversicht, daß bei der A1!>• fülmmg der Kulturaufgabe» der Misrachi in Zukunft aut verständnisvolles Entgegenkommen rechnen darf, daß insbesondere bei dem geplanten Sehulwerk der zionistischen Organisation das misrachistisehe Prinzip achtungsvolle Würdigung finden wird, wie sie es m einer wahrhaft jüdischen Bewegung beanspruchen darf uml muß. in dieser Zuversicht wird der Misrachi die Kraft finden, sich in verstärktem Maße seinen he• sonderen Aufgaben kultureller Natur in Palästina zu widmen und durch positive Arbeit nivellierenden He* Strebungen im Bereiche der neuen Siedehmg erfolg, reich zu begegnen. Im Vertrauen darauf richten wir bei Beginn der Winternrheit an alle unsere Gesinnungsgenossen die dringende Mahnung, den Misrachi und somit dem Zionismus treu zu bleiben. Enttäuschungen in der Ver• gangeiiheit dürfen uns nicht entmutigen, entbinden uns keineswegs von der heiligen Pflicht, nationales Wirken mit dem Geiste jüdischer Gesetzestreue zu duiclulringen, religiöse Betätigung durch nationales Denken zu vertiefen. Dieses Hochziel erfüllte uns mit dem ernsten Willen, den Misrachi zur Kraft und Macht zu gestalten. Aber auch an alle zionistischen Gcsiimungs• genossen ergeht unser Ruf zun! Anschluß an unsere Organisation, die im Prinzip mit uns einig, bisher fern geblieben sind. Von der Möglichkeit und Not• Wendigkeit einer Entwicklung vom Nationalen zum Religiösen überzeugt, erwarteten sie vielfach von der Zusammenfassung aller Gleichdenkenden nichts weniger als eine Förderung dieses Zieles, Sie fTuch• teten mit der Betonung des Gegensätzlichen eher eine Stärkung uns feindlicher Tendenzen. Diese Taktik ist nicht mehr gerechtfertigt. Fünfzehn Jahre sind seit dem I, Kongreß verflossen, wir alle wissen heute, wo wir stehen. Die Ueberzcugung gilt nicht mehr, eine Entwicklung in der von uns erstrebten Richtung nicht stören wollen, sondern sie tatkräftig .fördern. Die Zusammenfassung Gleichdenkender sichert die Einheit als ein Wahrzeichen innerer Kraft. Bei der Begründung eines neuen Volkslebens muH die Avantgarde des jüdischen Volkes kenntlich sein, sie hat sich bewährt im langen Ooluskampfe. Die Hoffnung, daß aus der ״Luft des heiligen Landes“ mit Naturnotwendigkeit der Geist der Treue gegen die geheiligte Volksüberlieferiuig erwachsen müsse, hat sich nicht erfüllt, und der Gedanke eines religions• feindlichen Nationalismus lebt. Darum ergeht unser Ruf an alle diejenigen, welche die Wied erbe lehmig unseres Volkes auf heimatlichem Boden nicht mit der Preisgabe unseres teuersten N'a• tionalgutes erkaufen wollen. Als seine Hüter uml Sachwalter können sie auch in der Urform künftig• r durchrieselnde Hauch einer Gräberblumc vom Hügel Esthers entiluftet sei. Einer Orliberblume, die wohl der Sanftheit des Mondes ein Geheimnis vertrauen wollte. Ja aus diesem Dufte hörte Muses die Stimme seiner toten Frau hcra 11 fflfistcrii: ״Ist es nicht Sabbat, ilas Fest der Stille, der Scufzerriilie, der Gniivcrsültnung und des •liefen Friedens? War* um culfiihlst du diesen Lichtern Leid, warum ent• sangst du ihren Träumen Trauer? Alle meine Jugend• tänze laiizeii ilurcli sie noch einmal, uml du weh• klagst in sie hinein? Bin ich nicht selbst wie eine Braut des Sabbats, habe ich nicht mit dem Frieden Hochzeit gemacht? Sieh doch meine Augen in dem Blick der Lichter, höre doch meine Stimme aus ihrer golilnen FlüsterspracheI Ucber meinen Augen aber sieh die Wimpern des Himmels, die Wächter der Erde, und hinter meiner Stimme vernimm den Widerhall der Nachtigallwäldcr mul das Echo Gottes! Jauchze mir, ja jauchze nur, denn Jubel ist mein schönstes Wiegenlied, daß ich wieder schlafen kann!“ Da kam in alle Kerzen, die sich sonst in ihrem flackernden Lieder• und Lichterstreit nicht verschwisterten, ein seltsam einheitlicher Hyninenton hinein. Moses aber war cs, als hätte er nun einen Psalm vernommen. Und die lang bangtönciuie Harfe seiner Träume klang wieder Friede und Freude; der Moiulhimmel aber funkelte immer glückseliger und verklärter, als müßte er immer neue Sterne als Sangesbrüder zum Preise des Sabbats herauf• führen. Und die Lichter des Stübchens, die Schimmer des Leuchters jauchten mit dcr.c.i des liintmsD ן um die Wette. Bis in die dunkelsten Nischen hin• ein, his in die heiligsten uml tiefsten Wohnungen und Zelte der Geheimnisse schwoll der Lobgcsan;:, und Himmel und Erde, Tote und Wache, alle Stübchen und Stäubchen schienen ihn zu sing׳ n. Die 1'1וו'1ו1־1^1*ווי des heimelnden Gemaches al׳u wurden immer durchsichtiger und silberner, als liiT״ n sie das göttliche Leuchten der Lüfte und den Glanz funkelnder Engelsflügel hiiulurclisehiniuierii. Und alle strengen Gebiete hüben mm an zu lächeln. Das Gesicht des Leuchters freute sieli über das Antlitz. Moses’ und sie glänzten sich gegenseitig gliicksel;; an. Seihst die winzigen Schatten am Tischltuii tanzten so toll, als hätten sie die nclilenkcrige Gelenkig• keit eines der Chassiilim erlangt. Durch die Baum• krönen des Friedhofes schien plötzlich ein langvcr• haltenes Halleluja loszurausclieu. Und jede Menorali kerze sang und lachte immer über die Schulter ihrer Schwester hinweg: es war, als ginge das goldene Lachen sieben goldene Treppen hinauf, bis es sich im Allerheiligsten wähnte. Und der Lichterweg knisterte und knirschte, aber vor Freude, und sang, als wüßte er, daß er einer Wallfahrt des Jubels diene. Halleluja klang es aus den Wipfeln des Friedhofes, Halleluja aus' dem Liede der Lichter, Halleluja von den Uppen seiner toten Frau, Halle• luj:1 vom Munde Moses’, Halleluja vom heimlichen Fliigelschlngc der Engel. Und in seiner hohen Glücks• trunkenheit jubelte Moses die ganze Nacht, als wäre ihm eben eine neue Weise eingefallen: L;cho daudi likras kalle — Pcne schabot nckablol