Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1911-10-27 · Heft 43 (27.10.1911) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2651711-2651754--08042-2665253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

An unsere Leser! Zu meinem großen Bedauern bin ich durch äußere l/nisl.inilc gezwungen, aus der Redaktion t|^r ״j,j. disclicn Rundschau" auszuscheidcn. Ich sage aus diesem Anlaß allen denjenigen Freunden und OejitiimiiRSgenosscn, die mich während der nahezu drei Jalire meiner Rcdaktionsfiihrung durch ihre Mit• atlnit. durch Anregungen und Kritik aller Art unter• stützt haben, besten Dank, besonders natürlich meinem Rcd.iktionskollcgen Fritz Abraham, der fast fluiiso lange in der Redaktion der ״J. R.“ tätig und die Redaktion nun weiterführen, wird. ■ Ich scheide in der Hoffnung, auch in Zukunft noch oft hei Gelegenheit zu den Üuudschaulcscrn sprechen;11 i.oiincn und mich mit ihnen auf dem gemeinsamen Felde zionistischer Arbeit zu treffen, Berlin, int Oktober 1911. Dr. Julius Becker. D;r Gewaltstreicli der Pariser Allianceleitung In der Sitzung des Zentralkomitees der Alliai.ee Isratflite Universelle, die aut 18. Oktober in Paris stattfand, wurde der Antrag auf Absdi.ilfung der Wahlen zum Zentralkomitee und I uitiihrung des Systems der Kooptation mit 19!;egen 5 Stimmen angenommen. Von «im 19 Herren, die für den Antrag stimmten, waren 18 in Paris ansässige Mitglieder des Zentialkomiiecs, der neunzehnte war ein Belgier. Die fünf bei der Sitzung anwesenden deutschen Mitglieder des Zentralkomitees, nämlich die Herren Justizrat Max Fuchs•׳Berlin, Geheimrat Professor Dr. Land au-Berlin, Gumpertz• Hamburg, Oschinsky-Breslau und W i 11 n e r * Leipzig, traten dem Antrag einstimmig mit der grollten Entschiedenheit ent* gegen. Von den Rabbinern Dr. Werner- München und Dr. V o g e I s t c i n Königsberg lagen schriltliche Aeullerungen vor, die gleichfalls scharf gegen die Abschaffung der Wahlen protestierten. Dennoch wurde der Antrag mit den erwähnten 19 Stimmen gegen die 5 Stimmen der deutschen Mitglieder a n gc n 0 in m c n. Um das Statut der Alliance im Sinne des Antrags zu ändern, ist noch eine zweite Abstimmung des Zentralkomitees nötig, die frühestens nach vier Wochen stattfinden kann. Sodann muß nocli die Genehmigung der Gcneralvcrsam in 1 ung der Alliance eingeliolt werden. Es ist nötig, die jüdische Öffentlichkeit rechtzeitig auf die Konsequenzen hinzuweisen, die sich aus der Einführung des Kooptations- Systems ergeben würden. Das Prinzip der ()Öffentlichkeit würde dadurch vernichtet, jede Kontrolle seitens der bcitragslcistcudcn Mitglieder in allen Ländern ausgeschaltct, der Einlluß der nicht in Paris wohnhaften Mitglieder des Ccntral-Comites auf Null reduziert und die Verwaltung der Alliance immer einer kleinen Gruppe von Pariser Herren überlassen bleiben. Silberinonde und seinen Liebkosungen Durchlaß bot, ließ auf ihrem schattenhaften Grunde ahnen, daß sie einst unvergessenes, dunkies, schweres Frauenhaar gespiegelt, schweres Haar, dem der Tod leicht die Spangen gelöst. Auch die alte, dürftige Nischentruhe mit ihren durch Gebrauch bereits zeitgebriiunten Gehetbüchcrn, mit ihren lavcndclduftigen, vergilbten Linnen und welkenden Gewändern wandelte eine Erinnerung an, und was ihT Gast, der Holzwurm, an Heimlich• keit verriet, tickte sich in einen Gleichklang mit der traulichen Wanduhr hinein und sang wie eine Legende aus der Nagada: ״Liegt ein alles, seidenweißes Hochzeitskleid, in mir; sieben Mägde spannen cs einst und ist nun dünn und fadenscheinig. Die es einst trug, ist nun einem anderen Kleide treu. Einem Gewände mit phantastisch dunklen Runenstrcifeii. N'ahm's vom Weltenbriiutigain, dem Tod!“ Da er• griff Moses wieder stärker der Schmerz, und es verlangte ihn sehr nach seiner fernen Lebensgefährtin. Und er ging ans winzige eigenwinklige Fenster, sah auf die Gasse längs der Olebelreihcn, wo die Schatten ihre abenteuerlichsten Tänze hingaukelten, und er hegte die Hoffnung, in dem Wehen von Licht und Dunkel, das auf ihn zu• und von ihm abzuriieken schien, die Seele seiner Frau zwiespältig wie dieses Licht, halb im Wachen und halb im Schlaf, auf sich zukommen zu sehen. Und er merkte gar nicht, wie mählich der von Jchovah vorgczeichnctc Schatten• weg seine Qcdankcn über die Gasse hinauszog, und während er eine Hand, um seiner Bewegtheit Herr zu werden, am Fensterkreuz angcklnmmcrt hielt, Wie wir erfahren, he a b r, i c 111 i g t das P r ä s i d i u m der deutschen Konf c r e 111. g c tu e i n s c 11 a f t der Alli a nee, mit aller Energie g e g c n d i c s c Plan c an zu kämpfen. Auf Montag, den ö. November, vormittags 11 Uhr, ist nach Berlin ein Deutscher Allianeetag berufen worden, zu dem an alle deutschen Mitglieder Einladungen ergelten. Die Tagung findet im Saale der ״Gesellschuft der Freunde“ statt. ' Ave PaiuCGtina Ein Ausblick von Zürich Vielfach ist die Meinung unter den Zionisten ver* breitet, daß das Hebräische beute schon die Landes• spräche der Juden Palästinas ist. Diese Ansicht ist aber nur ״mit dem Salzkorn“ richtig. Die Besucher Palästinas können auf ihren Sireifzügcn im heiligen Land die Beobachtung machen, daß auch in den Kolo• nien die ältere Generation fast durchweg ״yiildisch“ spricht, -* den Jargon, den viclvcrliistcrtcn. Nur im Mnndc der Allerkiein.slen in den Kindergärten und der I leiatiwachsemlen ist das Hebräische bereits ein organisches Gebilde, mul dieser Umstand ist aller* dings verheißungsvoll, in einem Meiisehenaller wird man schon mit mehr Recht von einer I lebraisicrung Palästinas als einer voilemieten Tatsache reden können. Eine bodenständige Bevölkerung in Erez Israel zu schaffen, welche das Hebräische zur National• spräche hat, das ist das Ziel unserer Bewegung•, und es i<t gar keine Frage, daß wir dieses Ziel langsam, aber sicher erreichen werden. Wir Zionisten Deutschlauds wollen redlich mi'urbcitcn, wenn auch die Realisierung des Ziels sich anderen Faktoren bcigese 111, um unsere eigene A u f I ö8u*<>g zu beschleunigen. Daß letzteres der Fall ist, darauf möchte ich in aller Kürze hin• weisen. Bis jetzt stehen wir noch mit unseren Brüdern in Palästina in einem gewissen geistigen Konnex. Die deutschen Paläslinnfahrcr jüdischen Stammes, welche kein Hebräisch reden ־־ und das ist die überwiegende Mehrzahl —, können mit ihrer Sprache auskonimen, die jargonsprechenden Palästinenser verstehen sie und werden von ihnen verstanden. Das wird mit der. Zeit anders werden. Der Jargon wird nach und nach verdrängt, und wenn auch in den Schulen das deutsche Idiom als Unten iclitsgcgenstand weiter gepflegt wird, — es wird immer mehr, wie auch das Französische, Englische usw. zur Kunstsprache, zur Sprache der gebildeten Oberschicht, je mehr sich das Hebräische als die natürliche Volkssprache durchsetzen wird. Das ist für uns westeuropäische Juden eine schmerzliche Freude, und Wehmut und Genugtuung ringen in unserer Biust. Es ist gar keine Frage, daß wir Kutturcuropäcr in wenigen Jahrzehnten wenig oder gar keine Fühlung mehr haben werden mit den bodenständigen Hebräern von Erez Israel, welche eine eigene Kultur entwickeln mul sieh dann allein mit Fug und Recht als die jüdische Nation bezeichnen können. Der Riß wiril immer größer, die Entwickluugslinicn gehen immer mehr auseinander. Der deutsche Jude wird einst Tränen der Freude und des Schmerzes weinen auf seinen Streifzügcn im Viitcrlandc: ״Heil mir, daß tastete sich seine Seele zu den krcuzlosen, aber kränzereichen Gefilden der Entschlafenen, Seine Füße schienen voll Unruh dahinzuhasten; die ewig zitternde Musik und das stete Geknister der Sabbat• kerzen im stillen Stübchen aber mochte nun -den Widerhall seiner Schritte in der Traulichkeit der Gassen und der Verträumtheit der morschen Giebel verraten.. Und wenn aus dem altes Gebälk über* hangenden Weiuluub zuweilen ein windherührter, verschlafener Falter aus seinem heimlichen Versteck anfhuschte, empfand es Moses nicht, als ließe Gott der Slerneuent/ünder auch In «ler dunklen Leidens• gasse einen leuchtenden Gedanken der Schönheit wie einen Trost mit bunten Schwingen durch die Menschen• finsternis reisen. Und wehbewegt bemerkte er nicht, wie sich das Weiß des Mondlichts und das Dunkel der Schatten gleich den Farben eines Gchetmantels auf dem Umrill der verwitterten Giebel nbzeiehiictcn. Unberührt auch blich er von dem Nachtlied des Bronnens in der Gasse und von dem steingedäinpftcn Gclall seiner Märchen. Seine Sehnsucht Stürmte wild dem Gassenende entgegen, zitterte dem Friedhofe zu. Durch die leise angeleimte Gittertür, die sein Traum zur Seite schob, trat er' in den Garten der Toten, in das Land Gottes und seiner I-ichkosungen. Welch tiefer Friede lag liier! Ewige Sabbatruhei Heiter erglänzten die Sträuchcr im Mondiieht; cs war, als ob aus ihrem weißen versilberten Gczweige die Fittiche hier heimlich cingeuistcter Jehovahengel hcrvorfunkcltcn. Nur die jahrhundertealten Bäume standen ein wenig schwarz und schweigend da, und ich gewürdigt hin, eine neue Nation zu schauen41, und ״Weh mir, denn *eh hin ein Fremdling geworden 1111(1 habe keinen Anteil mehr an euch“. Die Einsichtigen unter uns, welche die Entwick• hing der Dinge vor Augen sehen, wehren sich instinktiv gegen den Tod. Hebräische Unter• richtskur sc! ruft man verzweifelt. Ich bewundere den Idealismus und bezweifle den Erfolg. Der Versuch kommt mir vor wie der Sauerstoffapparat, den man einem Scliwerkranken ansetzt, welcher nach Luft ringt. Wenn wir nicht in einer jüdischen Atmosphäre leben wie unsere Brüder im Osten oder in den Riesengheftis Londons und New Yorks, welchen Wert hat die künstliche Zufuhr? — Geben wir uns doch keiner Selbsttäuschung hin! Die Allerwenigsten nur, — verschwindende Ausnahmen unter uns Westlern —, werden die Energie und Ausdauer haben, einigermaßen das I lehräisclie radebrechen zu lernen, die Meisten alier bleiben in den Anfängen stecken. Kreisende Berge und ein kleines Mnuslein! Und die Allcrwcnigsteil nur werden dereinst die Kraft haben, sich den Umklammerungen des westeuropäischen Kulturpolypen zu entreißen und an den Herd der hebräischen Kultur zu flüchten, um ilire Nachkommenschaft dem Stamme zu erhalten. ״Ich will euch je einen aus einer Stadt und je zwei aus einem ganzen Oeschlechte nehmen und nach Zion bringen,“ wie cs bei Jcrcmia heißt. Das Schicksal der deutschen Judenheit aber ist heute schon besiegelt, mag auch der Untergang erst in Jahrhunderten vollendet sein. Auch «lie Strahlen der palästinensischen Kiiltursonnc werden, so fürchte ich, nicht die Kraft haben, uns zu regene• ricrcit, denn wir leben zu abseits und sind physisch lind psychisch Zersprengte. Möge Niemand unter den deutschen Zionisten unterlassen, der Tragik des Gedankens ins Auge zu schauen; Zur Erhaltung des Judentums arbeiten wir an unserem eigenen Ver* derben! — Aber es ist eine Tragik, die uns erheben soll und ׳,'eilt zermalmen. Heute braucht uns noch Palästina, bj wird eine Zeit kommen, wo svir überflüssig sind, und je emsiger wir die Hände rühren für Palästina, um so schneller wird der Zeitpunkt eintreten, da wir vom Schauplatz der Geschichte abgehen, nach erfüllter Schuldigkeit. Wir sind wie das Insekt, welches stirbt, nachdem es für die Fortpflanzung gesorgt. Poetischer aiisgedriickt: Der alte Phönix geht in Flammen auf und der junge hebt sich aus dem Olutmeer, Ave Palacstina, morituri te 8a In taut! ״Heil dir, Palästina, die dem Tode Geweihten grüßen dich 1" Der italienisch-türkische Kriegsschauplatz Die soeben erschienene Karte des Kriegsschau• platzes♦) bietet einen speziell bearbeiteten Ausschnitt aus der großen Wandkarte♦♦) des gleichen Verlages und umfaßt außer dein gesamten 1 tirkisclicn Reiche alles Land bis Indien im Osten und Marokko, Madeira י) Karle: Das Osm,•mische Reich und seine Nach• barländer. (Mallst,000 10000 :1 «11־.) Gea-Verlag G. m. b. H., Berlin W. 35. Preis (»0 Pf. ♦*) Wandkarte des Osmnnischcn Reiches. Bcarbeitet von Oberst a, I). von Dicst und Dr. M. Groll. (Maßstab 1:250 000, Größe 165X220 cm.) Preis unaufgezogen 20 Mk. (in I einzelnen Blättern) und aut Leinwand mit Stäben 27 Mk. sie beschatteten mit ihrer Laubfülic wie mit Gebetmänteln die greise Schwermut ihres Antlitzes. Alle Blumen aber atmeten Gebete, als hauchten ihre Kelche noch die letzte Friedensschnsucht der Toten. f)ic momigckülitcn, lichten Wolken glichen weißen Festlagslinncn. Aus der Stimme eines einsamen Vogels klang Moses’ Trauer, die Klage seiner ruhe* losen,!!!!erlösten Seele. Und die Musik der Sternen• kerzen, die .Gottes Guadeuhnud droben äuge zündet, schien wie der Clmr der Sahhatlicliter des stillen Stübchens sanfte Trauer und Welmmtweihe durch die friedenssehöm• Mondnacht gießen zu wollen und bemühte sich wohl, immer wieder Wunderweisen aus schon vergessenen Herzen und Himmeln her• aiif/uzatibcrn. Längs der ihm bekannten Reihen der Gräber• steine schritt Moses, bis er zu dem seiner Frau gelangte. Und er berührte mit heißen, zitternden I landen einen starren und taukühlcn, den Grabstein seiner Frau, als wollte er diese durch dessen herbe Kälte hindurch die Kraft seiner Scclenglul fühlen lassen. Und während seine Finger über den Stein und seine rcgciivcrwasclicnc, mählich verwitternde Inschrift hintastctcu, beschlich ihn eine seltsame Empfindung. Ihm war es, als müßte er hier seine Hände ülicr die Seiten eines sturmgeücbtcn Gebet• buchcs gleiten lassen, das in einst goldenen, mm verblaßten Zeilen von dem Inhalt eines halb dunklen und halb hellen, halb gelebten und halb ungdeblen Lebens erzählte. Vielleicht war dieser raube Stein gar ein Denkmal menschlicher Schmerzen, und fc|1!c

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.