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Jüdische Rundschau · 1911-10-27 · Heft 43 (27.10.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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!Nr. 43 Seile 506 Aber siehe da, wer ganz, oberflächlich das Vor• . gehen dieses Mannes beobachtete, sver aus den düritigen Preflhcrichten sielt ein Bild zu mucheit strebte, der fühlte instinktiv, da() ein Mann sieh hier her• umstellte, der nicht aus der Clique der Bötzow, Quit/ow e Udti quanti hervorgegangen war. Da stand ein Mensch von besonderem Schlag! Und dieser seltsame Kau/, der mitten in Pom• mern im l.amle ״Utopien'־ sich wähnte, wo er seine freiheitlich-fortschrittliche (iesinmnig durchsetzen wollte, ist jüdischer Abstammung; Uclata refero; ist Sohn jenes Bernstciiiköuigs Becker, der dort drohen von Königsberg die Küsten von Samcrland beherrschte und die Tiefen nach den versunkenen Schätzen durch• forschen ließ. Ein Nachfahre in einem ücsddccht, wo einst jüdischkcit blühte. Der Rittergutsbesitzer Becker aber fühlte sieh nicht mehr als Jude. Er hat die Rufe im ״Deutschen Haus'״ ׳Jude heraus" überhört und brüstete sich noch jetzt vor (iericht, dal) er dort noch verkehrt. Er ist auch nie gegen die Herren, die sich so äußerten, vorgegangen. Auch in seinem Prozeß übergeht er rasch diese ganze Angelegenheit. Wir können hier nicht fcstslellen, ob der Mangel an jüdischem ,Selbstgeliihl ein Produkt der Lehcnsanschuuuug seiner En• milie, seiner eigenen Person oder auch seiner Er• Ziehung ist. Auch das aufdringliche Einsetzen der Radauamisemiten, die in ihrem taktlosen Vorgehen selbst vom Landrat deutlich charakterisiert wurden, paßt mehr vor das Forum der Kreise, die als Cie• schichte nur den Ausbruch elementarer Ereignisse verstehen, für die harmonische Eigeneutwicklung des Kosmos kein Verständnis besitzen. Für uns ist Becker der Prototyp der getauften und noch nicht getauften Juden, die in der Furcht, als Jude nicht voll genommen zu werden, allen Berührungspunkten mit Jüdischem ängstlich aus dem Wege gehen. Becker teilt sowohl diese Anschauung, wie auch die persönliche Integrität (die ergab sich aus dem Prozeß voll und ganz), und weniger sympa• thische Charakterzüge im Verkehr mit seinen Be• kannten und Genossen mit dem bekannten Hauptmaun I) r e y f u ß. Auch Becker entzieht sich der jüdischen Sphäre und sucht zu entschwinden. Dort, wo er weilt, gibt es die gefürchteten Juden auf viele Meilen nicht. Wie Drcyfull nimmt auch er einen Beruf auf, der ihm das jüdische Commune volgus vom Halse halten muß. Aber dieser agrarische Grand seigneur hat zwar persönlich alle Brücken zum Judentum abgebrochen (ganz, wie seinerzeit Hauptmaun Drcyfull), es geht ihm aber wie dem Schwarzen, der in ein Theater New Yorks eintreten will und daran gehindert wird. Der zivilisierte Negergentleman meint: ״Pardon, aus der Rasse hin ich längst ausgetreten." Der Idealist Becker, der sich für die Freiheit Deutschlands mutig in die Wogen des brausenden politischen Kampfes warf, der schon ein Monat deshalb liinter Schloß und Riegel saß, entging nur um eines Haares Schärfe einer ein Jahr dauernden Gefängnis• strafe. Das hebt ihn noch über den Gefangenen von der Teulelsinsel, der zwar auch von hoher Vaterlands• hebe beseelt als Soldat für Frankreich kämpfen wollte, den aber doch ein gut Stück Egoismus anspornte. Das hißt auch Becker gegenüber Michael Kohlhaas au Breite und Größe gewinnen. Der Kleistsche Volks• held streitet nur für sich und sein Recht, der Sinn für andere Interessen mangelt ihm, Dagegen hatte Becker ohne Autorisation, ledig• Sabbat Von Arthur Silbe rglcit, Berlin. Immer wunderlicher sangen die Sabbatkerzen im Stübchen von Moses in der alten, verwitterten Juden• gassc, und ihr goldenes Lied, ihr Geknister und Oeflüster fand so seltsamlicbe Weisen, daß Moses von seinem Siddur wie erstaunt auf sah, noch einmal nach• dcnklich den Sinn eines von ihm eben gestammelten Satzes durch den Kopf gehen ließ und in jenes mi• faßbare Staunen hineinsank, das uns manchmal selbst beim Wachen in einen Halbschlaf wiegt. Nun ließ er die weißen Säume seines Kinnbavtes durch seine Hände fließen, und die zarte, gleitende Bewegung seiner Finger mochte etwas von dem Wohlbehagen verraten, das seine Seele atmete. Er war aber auch wunderschön — dieser Sabbat; wie feierlich und reich sah das sonst so dürftige Stübchen aus; wie heimelte ihn die liebe Traulichkeit au! Die gestickte Decke über dem Barchcs nahm sich wie eine fürnclune Frau sehr würdevoll aus, das weiße Linnen schien zum silbernen Leuchter zu äugeln, und dieser lächelte im Glanze seiner Seligkeit. Denn er trug in seinen sieben Armen sieben Kerzen, und eine jede sang einen gol• denen Gesang, vielleicht ein Fricdenslied nach der rauhen Reihe der Tage. Ja das Glück auf dem er• glühten Gesicht des Leuchters war zu verstehen; er kam sich wie ein fürsorglicher Vater vor, der seine sieben Kinder in seinen Fingern liebevoll hält und gern dem Lallen ihrer Lippen wie der Geburt junger JUED1SCHE RUNDSCHAU lieh aus echter Liebe zum Recht, zur 1־reiheil tlcii Kampf mit den rückschrittlichen Gesellen aufgc• nominell. Er war sozusagen diiiiuu. Man Iml ihm z\us• Zeichnungen, Aeiuter, gesellschaftliche Stellung, wenn er nicht wider den Stachel lökte; der Köiiigsbergcr blieb hart. Er wich um keinen Full. Mag er sich im Ausdruck oder in der Wahl der Mittel vergriffen haben, es bleibt sein Verdienst, daß er oben an der Wasser• kante mit einziger Unerschrockenheit, Ausdauer und einer radikalen Frcilicitslichc und Volksfreundlichkeil (trotz persönlichen Reichtums!) aufgetreten ist. Aber er vergäll, daß der Geist der ostelbischeii Agrarier nicht nur in der Phantasie von Siinpli/.issi• mus-Redakteureu mul Zeichnern besteht. Wir können hier der bodenständigen Lebensart alteingesessener Krantbarone keine längere Abhandlung widmen, schon da w ir ihre An nicht voll zu würdigen verstehen. Aber auch Decker verstand nicht den Geist, der auf den Gütern jahrlumdertlanger Ueberiieferimg getreu weiter• lebt: ohne die innige Fühlung mit den Berufskollegen, ohne die Autorität der alten Majoratsherreii oder der staatlichen Obrigkeit, versuchte er seine Geistes• anschauung durchzusct/en. Sein Märtyrertum endete kläglich, und es gleicht dem tragischen Geschick der Juden, die von ihren geistlichen Führern der völligen Assimilation nur um einer Mission willen ausgelicferl werden. Aber die Rabbiner vergessen, daß eine Be• wegimg, die von ihnen von außen her inauguriert, ohne natürliche Eigenentwicklung des Christentums, den Monotheismus in reinster Form dort nie wird durchsetzen können. Ja, daß alle diese Bestrebungen noch nicht einmal die Berechtigung der leisesten Hoffnung zeitigten, Achnlieli Becker. Ihm, dem städtischen Juden von der Grenze Rußlands, der der Freiheit unter den pnmmcrschcn Magnaten eine Gasse bahnen wollte, mußte seine Wesensfremdheit, die Verschiedenheit des Milieus einen Streich spielen. Es ist das Geschick der Katze, die gerne fliegen wollte und sich für einen Vogel ‘ hielt und bei diesem Kunststück elend •zu• gründe ging. Man kann wirklich nicht raten, Juden in Deutsch• ׳land Agrarier werden zti lassen. Wehe ihnen! Der Fall Becker ist syniptomatologiseh, und wer nur eine Zeit in Gegenden gelebt hat, wo der preußische Reserveoffizier gleich nach dem liehen Gott kommt, der wird ein Lied davon singen können, Aber es gibt Juden, die man selbst da nichts hat verspüren lassen. Ja seihst im besagten ״Deutschen Haus" verkehrten zwei (übrigens waren sie Juristen, mul die gelten dort oben auch noch dreifach) Juden, die mir gegenüber rühmten, auf keinen Antiseinitis• mus gestoßen zu sein. Was soll das heißen? Muß immer erst jeder Jude in seiner Stellung als Jude so schwer erschüttert worden sein, um sieh davon zu überzeugen, (I a II d a s j 11 d i s c h c Wes e 1» wie bei Becker allein durch sei 11 e Eigenart b e w u 111 u n d u n b e wullt eine kräftige Reaktion aus zu• lösen i m stände i s t. Aber das j ü d i s c 11 soziale Empfinden, schwindet bei uns so s e 11 r , d a II e r s t F alle, wie die lebenslang• liehe Internierung eines völlig Unschuldigen auf der Tcufclsinsel, die Verurteilung angeblicher Ritualmördcr ztiui lode, die Einkerkerung freiheitlicher Vorkämpfer einige zum Nachdenken zwingt. Jüdisch-soziales Empfinden ist aber eigentlich nicht viel anderes als national-jüdisches Mitfüldeu. Becker halte reichlich soziale Regungen. Aber sie tendierten Lieder lauscht. Und manchmal flog der Atem Moses׳ in das Gesicht der Lichter, als wollte er alle liebkosen mul küssen. Es war eine gnadcnmilde Nacht, und der schäm• hafte, silberhauehziltermle Mond schien seine ganze Weihe und Stille durch die halbbliuden Fensterlein des Stübchens hiiulureligießen und die starren, winzigen Scheiben mit langen Liebkosungen durch ihre glä• svrnen Gc/cHe um Durchlaß bitten zu wollen. Die Ruhe freute sich ihrer ‘eigenen Seele; der Kamin hatte seine traumleise Musik längst eingestellt. Nur die Lieder der Lichte!* tropften, raunten und rieselten unaufhörlich in den Moiulfrieden hinein. Welch ein seltsamer Gesang klang aus ihren Stimmen! War es nicht ein heimliches Jauchzen, das immer schwoll und sich senkte? Wie eine Woge flutet und ebbt? Und Moses neigte sein Ohr dem Liede der Lichter und lauschte: Wunderlich! In dem heimlichen Jauchzen schwang ein Ton verhaltener Trauer und .Bangigkeit I Und er wollte durch alle Kerzen zittern. Oder sangen nur sechs Lichter Lieder der Freude, und opferte sich mir das letzte, das winzigste, der Wehmut? Nein, durch die!.jeder aller zog es wie ein leises Baugen. Durch die Seelen aller huschle gar heimliche Trauer, die aber immer wieder von dem stärkeren Jauchzen über• siuigen wurde. Und Moses sah sich im Stübchen um, starrte auf die ihm gcgeiüibersteheiule Wand, und er erblickte nur seinen Schatten, Und er erinnerte sieh I jäh. daß er auf ihr schon mehr Schatten gesehen | habe. nach einer Seile, wo sie gar 11.01( wirken konule.i, nicht einmal geschätzt wurden. Noch Ins vor fünfzig Jahren fühlten sich die Juden bis auf wenige Aus• nahmen als Ghaverim. Heute ist das anders ge• worden. Kosmopolitisches, deutsch-nationales Inter• esse, nur kein jüdisches existiert bei unserer Ge• mciiischaft. Im allgemeinen mußte erst jeder Jude grundlos eingesperrt gewesen sein, uni au dem Schicksal dieses Unglücklichen und seines Volkes lebhaften Anteil zu iK'limcii . . . Daß wir hier nicht übertreiben, zeigt die Wochen• schau. Hier der Fall der Werthciin, in dem eine oder zwei hysterische Weiber, die gerade wegen ihres itujüdiscltcii Verhaltens, mit fast idealer Selhsteul• äußerung und der Hingabe tler Person und des schwer errungenen Geldes für den P.entz oder die bloße Anwesenheit eines heruntergekommenen Adel•., sielt prostituierten, zur Beschimpfung der deutschen Judenheit dienen muß. Beckers Selbstentäußerung ist die eines ganzen Mannes, stammt aus dem Sinn für die Sache der Freiheit, wie wohl kein Volk >׳>• viele demokratische Revolutionäre gegeben hat. Aber das geniale Verlangen, sich nicht mit einer wenig zusagenden Z.ugcliör zum Freisinn zu begnügen, das Strchcnswcrtc bis zum letzten zu erstreiten, lt.it in der ganzen Form auch einen pathologischen /ug, \we ihn die ganze Tätigkeit der Assimilanteu zeigt. I s ist, als ob der Sinn für die Wirklichkeit schwände. Wo sind die echten Brücken, die in das Lager führen' in dem mau für das Lehen gerne stehen möchte und wo man als voll angesehen werden will? Aber weder die Nachbarschaft noch die große Freiliehspniki im Reich versteht die grandiose Aufopferung dieses Judeiistiiimiilings, 11er die Seinen verlassen hat um im dunkelsten Deutschland für den Freisinn zu wirken, erhebt sich nicht und ruft all ihre Mannen /tun Kampf für ihn, der sich für sein.•!,aMei ״eopie.t, legt ihm kein Mandat, keine Auszeichnung zu Füllen. Unsere Reichen haben nichts gelernt 11111 alles vergessen. /Such ihnen wird der Faß Becker Uekuha sein, zun! mindestens kein jüdisches Erlebnis. Mag der Rittergutsbesitzer jüdisch ausselien. ״So iitißcr• lieh e n V e r e r b u n g e n e!1 t s p 1 e• c 11 e 11 k c 1 n e inneren Werte" - so befiehlt die offizielle An• schaumig. Wir aber wollen den I all buchen aleines der Zeichen, daß, weint von unserem (iewt;Hielt mir ein Hauch in der Materie fortlehl. die Mängel der Assimilation stets und immer zutage treten. Lessing lebte noch in einer Zeit, wo inan als einer Art von Pogroms, der Jtideiiverbrennungc» sieh noch erinnerte. Nun, die Zeiten ändern sieh. In Rull• laud nimmt man den Juden die Luft zu Ü ben, in Deutsch• land die Freiheit des persönlichen Wirkens. Wo Scheiterhaufen tuul Rad mangeln, da!»leiht die I!>»((• nung auf den Kerker noch. Zu den Unglücklichen, die wie lliisner und viele andere hinter Kcikvr• mauern schmachten, tritt in dieser Woche Becker. Ganz recht, für das Verbrechen Jude zu sein, gehört mau bestraft. Mail wende nicht ein, daß die Liehe für die Landwirtschaft durch solche Behänd• hing nicht steigt. Aber, Mcnschenskind, das ist doch egal. Ein J ti d', der in a 11 s i g wird, g e 11 o r t c 1 n g e l o c 111. Das soll nicht logisch sein? Na, das ist doch aber selbstverständlich. Und was selbstverständlich ist, braucht man doch nicht erst zu beweisen . . . . N a eil 111׳ A 111 i. Plötzlich blitzte in ihm das Gefühl auf, der leise, klagende Klang der Kerzen halle ein Sterbelied. War etwa die ruhelose Stimme einer toten Geige oder das letzte Wimmern einer zerschlagenen Harfe in das Kcrzeiilied liineiiigcfiosseu? Nein, aus ilun flüstcrw ein MctischcnlaiiL Etwas ganz Scclcnvullcs, Liebes und Leises. Da kamen dunkle Melodien mauelur Traumabemle und klangen Grähcrgrüßc. Und 1Rr Mund seiner entschlafenen Frau hallte wieder Märchen und Mädclicnlicdcr durch das stille Stübchen. Jede dunkle Melodie trug ein goldenes Feierkleid. Alle sieben Kleider aber knisterten ihre Sehnsucht nach vorgcsscncii Tänzen. Zuweilen war cs ihm, als ob er eine ganz, zarte Kinderhand sich vergebens an ein Kleid an• klammern fühlte. Da erfror Moses' warme Sabbat• fretide. Und er ließ sein Haupl auf sein Gebetbuch fallen und verhüllte es, als fürchtete er sich, seine Wehmut der ihm gegcnübcrstehcndcn, unbewegten Wand zu zeigen. Und verschleierten Hauptes schluchzte er vor der Mauer in sich hinein und ver• sank in seinem Leid in eine Starrnis, als würde er seihst zu einem Stück Klageuiauer. Wie aber die Kerzen in das Gericsel seiner heißen Zähren die Mit* teidmusik ihrer weißen Tränen sickern ließen, als wollten sie seinen Schmerz, trösten, faßte sich Moses und er vermählte noch einmal alle seine Gedanken mit seiner toten Frau. Und die Heimlichkeiten des Stühclivus mochten ihn nun au sic gemahnen. Der kleine Vogel hinterm Gitter sang ihre Träume; die Fenster• blume zögerte, der Toten letzten Hauch aus ihrem Kelch zu zittern, und die winzige Scheibe, die dem

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