Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 500 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42 Juden mit ihren christlichen Mitbürgern zum Schöffen• bzw. Geschworenen-Amt heraugezogen worden. — Auf den Gebieten der Verkciirsverwallnug zeigt sich in Preußen wie in der Justizverwaltung {lie Ersehe!• nung, daß Juden zwar angcstellt werden und bei besonderer persönlicher Befähigung auch vorrücken, daß aber ihre Laufbahn vor den leitenden Stellen allemal I lalt macht, während der Ucbcrtritt zum Christentum diese erschlichen kann: es gibt in der Eisenbahnverwaltimg sogar einen getauften Ministerin!• direkter. Die beiden Juden aber, die sich unter den Stellvertretern der Präsidenten befanden und ihre Prä• «identen auch wiederholt vertreten haben, sind nicht zu Eiseiibahndircktoren ernannt worden. Die SchSchtfragc wird mm doch den jetzigen Reichstag nicht mehr beschäftigen. Dem Senioren• konvent, der am Dienstag dieser Woche zusammen• trat, wurde die offizielle Mitteilung gemacht, dall die verbündeten Regierungen auf eine Verabschiedung der Strafprozeliuovelle, bei deren Uchnndhmg ent• schieden werden sollte, ob das Schächten auf reichs• gesetzlichem Wege vom Tierscbutzparagrapbcu aus• zuschlielien sei, keinen Wert mehr lege. — Ob diese Verschiebung unserer Sache günstig ist, kann heute schwer beurteilt werden, da den Ver• lusten, welche die Rechte voraussichtlich bei den bc• vorstehenden Wahlen erleiden wird, gleichzeitig Ver• luste des Zentrums und ein Gewinn der Sozialdcino• kratic, die bekanntlich mit den Scbächtgegnern geht, egenüberstehen. Höchstens könnte man sich auf iesc Weise gelegentlich noch einen Keichstagskaiuli• dafen auf seine Stellung in dieser Frage anscheu uno so die Sache auf indirektem Wege fördern. England Der Tag, an dem das ״Concil of tlie United Syna• gogen" seine Entscheidung über die Wahl des Chief Rabbi an Stelle des verstorbenen Rabbi Adler treffen wird, rückt immer näher.• Wie der Korrespon• dent des ״Standard“ von durchaus maligeblichcr Seite erfahren will, hält man die Kandidatur, des Rabbi Israel Levy, Grolirabbiner von Frankreich, für die aussichtsreichste. Als aussichtsreichster Kandidat für das A m t des Chief Rabbi gilt, wie andererseits der ״N. J. K." gemeldet wird, Rev. Dr. Abrahams aus Sydney, ein Bruder des bekannten jüdischen Ge• lehrteil Israel Abrahams. Rev. Abrahams bekleidet gegenwärtig das Amt eines überräbbiners fiir die jüdischen Gemeinden Australiens und hätte seinerzeit zum Chacham der portugiesischen Gemeinde in Lon• don berufen werden sollen, ehe Dr. Ga st er dieses Amt annaltm. Diese Beriitiing scheiterte damals au den Bedingungen, die der portugiesische Gemeinde• Vorstand an die Uebertragung der Clinch,imstcltc knüpfte, und die Rev. Abrahams fiir seine Person ah• lehnte. Rev. Abrahams ist ein Schüler Israel Hildes• heimers und hat das von diesem begründete Rabbiner• seminar in Berlin absolviert. Galizien Die jüdische Bevölkerung in Jarosiau begab sieb, wie alljährlich, am Roschhasclmuahfeste zum Flusse San, um dort das Taschüc!1*Gcbci zu verrichten. Ucbcr den Fluß führte eine Brücke, auf welcher das Gebet verrichtet wurde. In diesem Jahre gab es auf dieser Brücke ein solches Gedränge, daß dieselbe mitten im Gebete einstürzte, so daß nahezu 100 Per• seinen in das allerdings nicht sehr tiefe Wasser fielen. Die am Ufer Stehenden eilten den Verunglückten zu Hilfe, und cs gelang, sämtliche an Land zu retten; doch erlitten viele von ihnen mehr oder minder schwere Nervenchoks. Der Unwille der Bevölkerung richtet sich nunmehr gegen die Behörde, welche wold Kenntnis davon hatte, daß die religiösen Juden aus Anlaß des Neujahrsfestes in Massen die Brücke betreten würden, jedoch nichts unternahmen, um die Brücke entweder zu sichern oder ihr Betreten in größeren Massen zu verbieten. Russland Der Odessaor Generalgouverncur T o I m a t schow batte seinerzeit, als die Odcssacr Duma• crsatzwahlcn mit einem Sieg des jüdischen Rechts• anwalts B r 0 d 8 k y endeten, den glücklichen Ein• fall, gegen den Vertreter des freisinnigen, fortschrittliehen Odessa einen Prozeß ״wegen Aneignung eines falschen Namens“ anzustrengen, (Brodsky hatte nämlich, wie dies übrigens in den ״intelligenten“ jüdischen Kreisen Rußlands häufig vor• kommt, die Schwäche, seinen jüdischen Vornamen ein wenig zu russifizieren.) Das Stückchen gelang. Der Lcgitimationsausschuß der Reichsduma machte dem neuen Abgeordneten gewisse formale Schwierigkeiten, da dessen Identität in Zweifel gezogen worden 6ci. Brodsky wurde kleinmütig und verzichtete freiwillig auf das Mandat, Dieser Erfolg ermutigte .Tolmatschow, und die wohllöbliche Behörde der Hauptstadt des Schwarzen Meeres fand ein neues, sehr ergiebiges Arbeitsfeld. Die Namen sämtlicher jüdischen Aka• demiker und Kaufleute wurden sorgfältig unter die Lupe genommen, und in Odessa begann eine A e r a von Prozessen ״wegen Aneignung falscher N a in e n“, die auch für andere diensteifrige Satrapen des Ansicdctmigsrayons vorbildlich wurden. Aus Aulall der bevorstehenden Wahlen in die neue Dünn verdoppelte Tolmatschow noch seine Energie. Er beschloß, ganze Arbeit zu machen. Wird ilun doch eine generelle Revision sämtlicher in Betracht kommenden jüdischen Namen die Möglichkeit bieten, die zahllosen beanstandeten Namen einfach aus der Wählerliste zu streichen. Die patriotischen Bemühimgen Tolmatschows werden natürlich von den zuständigen Zentralbehörden eifrig gefördert. So befalil vor kurzem Jmtizininistcr Schtschcglowitow dem offiziellen Rate der Rechtsanwälte des Gerichts• hezirkes Odessa, General Tolmatschow eine genaue Liste sämtlicher im betreffenden Bezirk In der Advo* katur tätigen Personen zur Verfügung zu stellen. An Hand dieser Liste wird nun auf Tolmatschows Antrag gegen vierzig jüdische Rechtsanwälte und Advokatur* gehilfeu der Prozeß ״wegen Aneignung usw," an* gestrengt! — — — * Den russischen Juden, diu den Zaren in einem Gesuch baten, sie vor Unterdrückungen zu schützen, hat er bereits folgende Vergünstigung zukommen lassen. Er hat ihnen nämlich gestattet, Beiträge zum Stolypi »•Den kmal zu geben und hat angeordnet, daß jüdische Geldmittel für das Denkmal fortab nicht mehr /.urbekzuweisen seien!! Tnrkestan ln Fergana (Kus$isch*Turkcstan) kam es am 8. ü. Mts. auf das Gerücht von dem Raub eines Sari e n k ״ a b e n durch J u d e n zu einer Kundgebung gegen die Juden. Eine große Menge Ein• geborener begann, Steine auf die Juden und ihre Häuser zu werfen. Ein Jude namens Liliachow aus Samarkand wurde dabei getötet, mehrere andere und deren eingeborene Verteidiger erlitten Verletzungen. Die Polizei war ohnmächtig, die Ruhestörungen zu verhindern. Es wurden Truppen nufgeboten, die die Ruhe wiederherstellten, ohne von der Waffe Gebrauch zu machen. PALAeSTINA-RUNDSCHAU Aus Jalta wird geschrieben: ln einer Trauervcr* Sammlung, die zu Ehren des kiirzlicii verstorbenen Vizedirektors der Auglo-Palcstine Company E. Sa* pbir in Pethacli-Tikwah veranstaltet wurde, be* schlossen die versammelten Bewohner der Kolonie im Einverständnis mit dem Waad (Gemcindevorstand), eine öffentliche Bibliothek in P e 111 a c 11 * T i k w a h aut den Namen des Verstorbenen zu errichten und im Bihliotheksnal das Bildnis Saphirs zur ewigen Erinnerung anzubringen. Zum K 01 o n i c a r z t in Pethacli-Tikwah wurde in der vor kurzem abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung Herr Dr. S. Kali an, der dieses Amt schon seit zwei Jahren versieht, einstimmig wiedergewählt. Herr Dr. Kahnn hat sich durch seine außerordentliche Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit das ungeteilte Vertrauen sämtlicher Bewohner der Kolonie erworben. * Eine neue britische Expedition verließ dieser Tage London, um in Jcrtisnlcm die in den letzten beiden Jahren begonnenen Ausgrabungen aut der Stätte des alten Zion fortzusetzen. Der Haupt* zweck der Ausgrabungen ist die Auffindung der Bc* gräbnisstätten Davids und Salomos. Die Expedition steht unter Leitung des Kapitäns Parker, des Bruders des Grafen Morlcy. in seiner Begleitung befinden sich Mr. Claronce Wilson und drei oder vier englische Schachtarbeiter, Die Forscher reisen nach Monte Carlo, wo sic sich aut Mr. Wilsons Jacht nach Jafta cinschiffcn. Bei ihrer Ankunft in Jerusalem werden die Arbeiten sofort an dem unterirdischen Gang am Berge Ophel aufgenommen. Diese Gegend ist jetzt in einen Gemüsegarten umgewandelt, und hier soll das alte Zion gestanden haben. Die Arbeiten werden von dem Hauptquartier der Expedition in Kafr Silwan (Siloah) geleitet und stellen unter der Oberaufsicht von türkischen Regiertmgsinspektoren, die von der türkischen Regierung in Konstantmopel hierzu ernannt wurden. Der bekannte hebräische Schriftsteller Achad H a a m (Ascher Ginzbcrg) weilt seit einiger Zeit in Jafta. Er wird die jüdischen Kolonien in Judäa und Galiläa besuchen und voraussichtlich auch in Jerusalem Aufenthalt nehmen. .,,In der jüngsten Generalversammlung des He* bräischcu Lchrerverbandes in Palästina wurde Dr. Joseph Lourie zum Vorsitzenden des Zentralkomitees gewählt. Auf die wiederholten Schritte, die, infolge dringender Vorstellungen von palästinensischer Seite, der Chachambaschi der Türkei bei der ottoinanischcn Regierung getan hat, ist ihm nun der offizielle Antworte Takrir vom Großwcsirate zugegangen. Die Antwort der Regierung ist von lebhaftem Wohlwollen für die Juden Palästinas und von Fürsorgliclikelt uni ihre Sicherheit getragen. Der Antrag, an verschiedenen Punkten des Landes M i I i t ä r p o s t e u zur Aufrecht• c r I» a 1111 n g d e r, R u 11 c und 0 r d 111111 g a u z u legen, ist akzeptiert, und die Bereitwilligkeit der jüdischen Kolonien mul Gemeinden Palästinas, die hierzu nötigen Bauteil auf eigene Rechnung zu übernehmen, mit gebührender Anerkennung zur Kenntnis genommen worden. Jedoch lehnt die ottomanische Regierung diese pekuniäre Mithilfe ab, da es ihre eigene Pflicht sei, für die öffentliche Sicherheit alles Nötige aufzilwenden. Zum Zwecke der Ausführung ihrer Intentionen fragt schließlich die Regierung den Chachambaschi an, an welchen Punkten der Provinz, den Juden die Anlage der Militärstationen erwünscht sei. Der Chachambaschi hat diese Au (rage dringlich an die jüdischen Instanzen in Palästina weitergegeben und wird ilire Antwort ehestens an die Regierung übermitteln. 9 Der ״N. J. K.“ schreibt man mm Saled: Der i Inglücksfall, der sich am Lag-Bnmner d, J. bei der ״llilula“ ~ dem Volksfeste zu Ehren R. Schimcon bei! Joeliais — im Dorfe Meri'm ereignete, ist noch in aller Erinnerung. Man weiß, wie wahrhaft hilfreich und gut der Kaimakam von Safed sich der Verwundeten und ihrer Angehörigen annalim, wie er mit Aufbietung aller Kräfte den Rettungsdienst orgatiisierte, für die Bergung der Leichen sorgte, eine Samt»• hing für die Opfer der Katastrophe einleitete usw. Damit ließ sich der menschenfreundliche Kaimakam I lussein Effcndi Al-Hadah jedoch nicht genügen, son• dem wandte sich atntlich an die Zeiitralregierung und bat sie um Unterstützung für die Hinterbliebenen der Verunglückten. Vor kurzem traf nun aus Konstautiuapcl der Betrag von 4750!Master ein, der zur Verteilung an Id Witwen und Waisen bestimmt ist, welche durch das Unglück von Mcrön ihren Ernährer verloren haben. Der Kaimakam brachte das Geld — 250 Piaster pro Person unverzüglich zur Ver• teilung. Er hat sich durch seine edle Tat den Dank der gesamten jüdischen Bewohnerschaft unserer Stadt erworben. Dieser Tage besuchte eine jüdische Uciscgesell- Schaft aus Europa unsere Stadt. Unter den Mitgliedern der Gesellschaft befanden sich die heknuuten Palästinafreunde Norman Bcntwich und Robert Solomon aus London, ferner Herr Dr. Saluninn Schiller, zurzeit Direktor des Hebräischen Gymnasiums in Jerusalem. Dank den Bemühungen unseres Kaimakam erhält auch Safed demnächst eine Wasserleitung. Die jü• dischc Gemeinde beteiligt sich mit einem Betrage von 550 türkischen Pfund an dem neuen Wasserwerk. * Aus Tiberias berichtet die ״N. J. K.“: Die Ica hat Herrn Lehrer Krön aus Grodno (Rußland) zum Gcncralinspektor der von ihr in den galiläischen Kolonien unterhaltenen Volksschulen er• nnnnt. 111 den Kolonien M e s 11 a und Milli arnie werden zurzeit neue Schulgebäude errichtet; der Neu• bau der Kolonieschule in Jemma ist bereits vollendet. Im laufenden Winterhalbjahr werden die Pers o n c n z ü g c der Eisenbahnstrecke J a f f a — J e rusalem wie folgt verkehren: Abfahrt von Je• rusalcm 7.40 morgens, Ankunft in Jaffa 11.05 vormittags; Abfahrt von Jerusalem 1.45 nach• mittags, Ankunft in Jaffa 5.15. —• Abfahrt von Jaffa 8.05 morgens, Ankunft in Jerusalem 12 Uhr mittags; Abfahrt von Jaffa 1,20 nachmittags, Ankunft in Jerusalem 5.07. ~.VöM*BeZALeL׳־S Die Kunslgcwcrbcschulc ״Beza lei“ in Jcrusa• lem hat Ende September ihr Geschäftsjahr beschlossen. Sie hat sich im verflossenen Jahre Lu gaaz. außer• ordentlicher Weise entwickelt. Die Zahl der an der Schule beschäftigten Arbeiter resp. Arbeiterinnen ist von 270 auf über 400 gestiegen. Die von der Anstalt engagierten neuen Lehrkräfte, die Herren Richard und Erich Goldberg, sowie der neue Leiter des Teppich-Ateliers, haben sich auf das beste bewährt. Eine Anzahl neuer Ateliers wurde errichtet und die Erzeugnisse der bereits bestehenden Werkstätten wurden in Qualität und Geschmack bedeutend ver• bessert. Eine Kollektion der neuen Modelle wurde auf der im Anschluß an den zehnten Zionisten• kongreß in Basel veranstalteten Ausstellung vorgeführt und fand allgemeinen Beifall. Die außerordentliche Entwicklung der Schule ist um so höher cinzuschätzen, als dieselbe seinerzeit ohne irgendweiches Betriebskapital begründet wurde und der Mangel desselben die Entwicklung hätte aufhaltcn können. Die Schule tritt in das neue Geschäftsjahr mit zahlreichen neuen Bestellungen ein, und es ist daher mit Bestimmtheit zu erwarten, daß der Arbeiter* bestand demnächst , eine weitere Vermehrung erfahren wird.