Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ziomsTiscHe Be1/£6ur1s Mitteilungen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Die allgemeine Befriedigung, die der Verlauf des X, Kongresses bei allen unseren Freunden ausgclost hat, hatte fraglos ihren lirund nicht allein 11,וו in, dall einem jeden von uns Uns gedeihliche Fortschreiten unserer grollen zionistischen Arhcileu mehr denn je gesichert erschien, sondern man schied von Hasel auch mit dem frohen Bewußtsein, dall für eine gedeihliche Arbeit i n n e r h a 1 b d e r Landstu;11111 schaft c 1t der rechte (irund gelegt sei. Hei unserer straffen Organisation aber wird lamlsinaimschriftliche Arbeit immer in der Hauptsache l'ropag a n d a a r b e i t bedeuten. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland tritt an diese Arbeit, die mit dem beginnenden Winterhalb• I jalir mit besonderer .Intensität cinzuset/cn hat, wohl- | ״erlistet heran. Wir können ohne Ueberhebung sagen, dall die enge Fühlung, die unsere Zentrale mit allen .!rbeifs f ä 11 i g e n und arheits w i 11 i g c n ( iesiimungsfreunden im Lande unterhält, als vorbildlich für orgauisatorisclio Arbeit im Zionismus überhaupt gelten darf. Wir sind in der Lage, einem jedem, der sich werbend für unsere Idee eiiiset/en will, mit einem Druckscbriftenmaterial an die Hand zu gehen, dall hei rechter Verwendung den größtmöglichen Erfolg vorbürgt, und wünschen lind hoffen, dal) unsere Unter- Stützung gerade in dieser Richtung immer häufiger in Anspruch genommen werde. Die neue, von unserem Freunde Richard Lichtheim verfaßte Propagamlabroschiire ״Das Program m des Zionismus***) hat sich im Laufe der wenigen Wochen, während der sie bisher unserer Agitation in Deutschland dienen konnte, als eine so vorzügliche Waffe erwiesen, dall die Säumigkeit einiger weniger Ortsgruppen, die uns bisher noch g a r keine Bestellungen zugehen Hellen, aufs äußerste zu bedauern bleibt. Unser Urteil über das Werk stützt sieh in diesem Falle nicht nur auf die Erfahrung der eigenen Praxis, sondern eine überaus große Zahl von Ziischriltcn unserer tätigsten zionistischen Arbeiter überzeugt uns, daß hier w i r k I i c 11 die II r o - schüre geschaffen w u rdc, di e u 11 s fehlte. Durchaus nicht z.u übersehen ist in diesem Falle das Lob, das der technischen Ausgestaltung der Schrift gezollt wird. Wir hoffen, daß die Bemühungen der deutschen Zionisten, die wertvolle Broschüre voll ausztmiilzen, uns in recht kurzer Zelt die• Möglichkeit und Aufimuiterung zu weiteren ähnlichen Publikationen gehen wird. Für die Ortsgruppenvorstiiuile, die bisher noch mit ihren Bestellungen zurückliielten, sei die Versorgnng mit unserer Broschüre die erste und wahrlieh keine nebensächliche — 'Vorbereitung für die Arbeit des komniendcn Winters. Jeder einzelne Zionist aber sollte durch seine Ortsgruppe!►der durch direkten Bezug von uns zum mindesten Einblick in die für jeden so lehrreiche Schrift gewinnen. Wie wir bereits bekanntgegebe», haben wir die Zeitschrift .,Jung Israel״ zu unserem Bedauern mit dem 1. Oktober des Jahres eingehen lassen müssen. Wir billcn daher dringend, von allen Cield- Sendungen an diese Adresse in Zukunft absehen zu wollen. RUNDSCHAU DER PR65S0 Die ״Hilfe“, Jiertin Zeit und Verhältnisse sind mächtiger als aller menschlicher Wille. Das zeigt auch der Vortrag, den der neue Vorsteher im Deutsch n a t i o 11 a I e 11 Handlungsgehilfe n v e r I) a u d e (I). H. V.), I laus B e c 111 y , der Nachfolger Schacks, über die dculsclmationnlc Handlimgsgehilfeuhewegimg und die politischen Parteien gehalten hat. Unter der Spitzmarke ״Der ,neutrale* D. II. V." befallt sich das Naumann sc he Blatt mit diesem Vortrage: ״Solange der Verband unter 5lM)l)0 Mitglieder zählte, so lange wurde der Antisemitismus und die ״deutschnationale Wirtschaftspolitik“ des Bundes der Landwirte von sämtlichen VerwaltuugMiiilgliederr. als selbstverständliche (iesinuungs* und politische Willensrichtung hingcstcllt. Da nannte das Verbandsorgan •jeden einen ״nationalen Schlappschwanz.'*, der im!,linkte Judenfrage nicht zu Herrn Licbcrmaiin von Sonnenberg gehörte, da hieß der Industriestaat eine ״Fratze“ unu ein nationales Unglück, da erschien bald keine Nummer ohne die hämischsten Bemerkungen En die Nationalsozialcn, die ״in den seidenen en . des Berliner Ticrgartcnvicrtcls überwintern wollten“. Als daun aber die Kämpfe um die Kautniannsgcriehtswahlon auch dem I)c11lsehn;d10nalen Handlungsgchilleiiverbnnde eine grolle Mitglieder- Steigerung brachten, wurde die Leitung um das Ver- ״) Einzelpreis 30 Pfg., 100 Exemplare 20 Mk;, 500 Exemplare 75 Mk. Siehe auch den Artikel. stämlnis der Mitglieder für ihre antisemitischen Altertütnlichkiiicn und Ihr den sni/.iiiigsmäßigcii judeiiausscliluß besorgt und leitailikcile über das Vergehen irgendeines Juden etwa im Tum׳ des llemi ISnihii, des Mannes der ״Wahrheil“. Schack hatte sich zwar auch schon gewünscht, seine politische Laufbahn hei den Nationaliiheraieii begonnen zu haben, ״weil mail dort alles sein kouiic", und Hechlv Woille schon den Verhaiidsmit gliedern Stellungen iii jüdischen lläu* sein nachweisen, nach außen aber hielt man 1111״• erschültcrlich" an der ״nationalen (iriuidlage“ des Verbandes fest.“ Div ״ Wvte"> Berlin ln der Rubrik ״Notizbuch״ bespricht Nahiiiu So• kolow die weltpolitische Lage und kommt hierbei auf den italienischen Raub/ug mul seine unuüttelbare Iledeutuug für unsere zionistische Arbeit zu sprechen: Auch wir stehen im Zeichen des K0!011ialg.׳s(ir11es, aber unsere Auffassung ist eine ganz andere. Nicht Macht erweitern»/׳, sondern Bojlengewinining, nicht Expansion, sondern ein Zentrum für unsere Energien, nicht exotische Abenteuer und Allerweltsprojekte, soudem Heimatsehnsueht, nicht ein Ansinnen gegen irgendeine Regierung, sondern ein friedliches Schaffen im Rahmen gerechter Gesetze. Es ist ein Jammer, dall all diese halben und ganzen Annexionen die Türken in dem Vorurteil bestärken, dall jedes kolonisatorisclie Beginnen und jede ökonomische Entwicklung eingewanderter Elemente mit eiserner, fataler Notwemligkeil zu tiebielsvciTiisten tülircn. Ein Vorurteil? Nein, es ist ja richtig und es vergeht ja kaum ein längerer Zeitraum, oline dall die Richtigkeit dieser Behauptung durch neue Tatsachen erhärtet würde, liier liegt die Quelle der Augst und des Mißtrauens den Fremde» gegenüber und daran leiden wir, wie jene ״sechs Israeliten" von Tripolis das historische Siindopfcr. Ocs/err. Wochenschr., Wien Hem Wiener Assimilaiitenblatt geht eine Zuschrift zu, die ein recht grelles Schlaglicht wirft auf die tragische Zwiespältigkeit der Lage unseres Volkes in der Diaspora: ״Von zwei mir befreundeten, aktiv dienenden jüdischen Offizieren, der eine in Bosnien, der zweite in Oalizien in Garnison« kam mir je ein Schreiben zu, beide charakteristisch und von der gegenwärtigen politischen Lage beeinflußt. Beide gehen eine he• achtenswerte, in den (irmnlzügen sich deckende An• reguug, die nur bezüglich der Synipathierichtiing ausemandcrgelit. Beide propoiiicrcn die Anwerbung jüdischer Freiwilligen mul Aufstellung jüdischer Legionen, der eine» für die Türkei, der .liniere für Italien. Der Türke 11!retiiul, jüdisch-national fühlend, fuhrt das jüdische Interesse liir die Konsolidierung und Stärkung des Gsnianenreiches an, von dem er sieh verspricht, wir dürlteii früher oder später, im eigenen Lande, doch einen T eil dieses Reiches bilden. Der Italiauophile hingegen beruf! sieh auf historisch begründete Sympathien für das ritterliche und liberale Italien, in welchem vollständige Gleichbcrechtigung herrsche und was ihm sehr imponiert die Juden bis zur totalen Italianisierimg assimiliert seien. Beide Enthusiasten meinen es mit ihren Vorsehlägen ernst, wurden als erste in die Reihen dieser Legionen eiiitrcten, zu welchem Zwecke sie von der Militärbehörde Urlaub erbitten und nötigenfalls auch Abschied nehmen würden. . . ." Jüdische Xeitunf/, Wien . Der gegenwärtig in Wien weilende türkische Ingenictir Santo Sein« Hey, welcher im Aufträge der türkischen Regierung die Bewässerungsanlagen in Mesopotamien inspizierte und ein Jahr lang dieses Land bereiste, hat dieser Tage einen Redakteur unscres Wiener llrudcrorgans empfangen. Bei dieser Oelegeiiheit äußerte sieh Herr Santo Senn» Üey, welcher in Wien mehrere Vorträge über türkische Verhältnisse, mit denen er innig vertraut ist, hielt, bezüglich des Zionismus und der Besiedlung der lürkisch-asiatisehen Provinzen durch Juden. Im nachlnlgemlen seien einige seiner Aeitllerimgen wiedergegeben: ״Ich habe das Vergnügen, viele zionistische Füllrer zu keimen mul hin mit dem Zionismus, welcher mir persönlich sehr sympathisch ist, vertraut. Wohl ist es wahr, dall gewisse juiigtiirkischc Kreise sieht jetzt dieser eminenten jüdischen Kultur• und Wohlf.dirlsbewegting gegenüber ablehnend verhallen. Doch ist es zweifellos, dall diese künstlich durch gewisse Leute, wie F r c sco, geschürte nntizionistische Stimmung vers c h w i 11 d e n w i rd. Die I lauptgcgncr und Verleumder ä ia Frcsco haben bereits in vielen Kreisen ihre Rolle ausgespiclt. Dr. Nordau, mit dem ich ausführlich über die zionistische Bewegung gesprochen habe, hatte in seiner letzten Kongrelircdc, welche in j 1111 g tü r ki8 c h e 11 Kreisen nie h t u 11 bc achtet blich, ganz recht, wenn er meinte, daß die bessere und dem Zionismus freundlichere^ Erkenntnis schließlich doch siegen müsse. . . . Seien Sie versichert, dall außer den nnibischen Christen in Syrien, welche durch klerikale Heizer aufgestaehelt, der "jüdischen Siedlung feindlich gcgenüberslehen, die Zionisten in ihrer Arbeit keinem ernsten Hindernis begegnen .werden,“ גג AUS ALL6R WaT ״ Deutsch (ft. tut Der sechste Oescliäflsherichl des Verbundes der deutschen Juden pro Oktober 1000 -März Tüll ist soeben ausgegeben worden. Aus demselben entnehmen wir, daß die politische Kommission nach der Veröffentlichung der Marienhurger Rede des Kaisers eine Umfrage hei ihren Mitgliedern darüber veratistaltet hat: 1. oh die Rede den Juden Anlaß zur Be* schwcrde gehe und 2׳. oh es zweckmäßig sei, solche Beschwerde in irgendeiner Form vor/uhringen. Die * Mehrzahl der Kommissionsmitglieiler sprach sich gegen jede Stellungnahme zu der Aciilleriing des Kaisers aus. Welche Motive für die Majorität maßgebend waren, oh nur Zweckniältigkcitsgrüudc oder staatsrechtliche, geht aus dem Berichte nicht hervor. Wir hatten seinerzeit gegen die kaiserliche Aculieruug, daß nur das Christentum mit dem Deutschtum identisch sein körnte, Widerspruch erhoben. Die Korrcspomleiizkonimission beantragte beim gesehäftsführenden Ausschuß, er wolle beschließen, daß ein apologetisches Buch verbreitet werden soll und zw durch Versendung auf nichtjüdischer Seite an d Lehrer der Philosophie und Theologie an allen Hoc schulen, die Redaktionen aller theologischen Ze Schriften und wichtiger Tageszeitungen, an die Gei! liehen an den größeren Orten, sowie die Abgeordnet• des Reichs und der wichtigeren Bundesstaaten, jüc״• schcrscits zur Wcilerverbrcilitng an die Gemeinde- Vorstände der grollen Gemeinden und die Rabbiner mler Lehrer der kleineren. Die jüdische!,resse scheint für die Herren hei dieser Gelegenheit nicht zu existieren. Da das Werk, wenn es auch voruchmlich die Grundgedanken der jüdischen Religion darlegeu soll, doch ebenso sehr eine Abwehr der gegen sie gerichteten Angriffe, eine Hervorhebung ihrer Bedeutung gegenüber dem herrschenden Hekenntnis bezweckt, so wird inan sicherlich in erster Linie der jüdischen Presse bedürfen, um das Rüstzeug dieser Apologetik auzuwendeii. - Der gesehäftsführende Ausschuß des Verbandes hat «len Antrag der Korrespondenzkommissimi angenommen und Herrn Rabbiner Dr. Hacek-Düsseldorf mit der Abfassung des apologetischen Buches sowie Herrn Dr. Berufeid mit der Anlegung eines apologetischen Archivs betraut. Da Anfang 1010 dem Verbände bekannt wurde, dall der Gesetzentwurf betreffend die Sonntagsruhe dem Anträge des Verbandes bis zu einem gewissen Grade Rechnung trage, daß nämlieh durch Ortsstatut oder Anordnung der höheren Verwaltungsbehörden die Beschäftigung der jüdischen Angestellten solcher Betriebe, welche am Sabbat geschlossen sind, an Sonntagen bis zur Dauer von drei Stunden in den für den Verkehr geschlossenen Gesehäflsräumen sollte zugelasscn werden können, dall aber diese drei Stunden auf eine etwa allgemein zugelassene Besehäftigungs/eit angereclmet werden sollten, hat der Verband in einer Eingabe vom 24. Jatmar 1010 an den Staatssekretär des Innern die Bescitigung der Beschränkungen in dem Entwurf bcuntragt. Das Generalkommando eines preußischen Armeekorps leimte im September 1010 das Gesuch eines Rabbiner um Verlegung der Einstellung jiidischer Rekruten vom Versühmmgstage auf den folgenden Tag ab. Auf Mitteilung hiervon richtete der Verband eine Eingabe an den Preußischen Kriegsminister. Dieser gab von dem Ersuchen des Ver• handes allen Generalkommandos sowie den Kriegs• ministeriell der anderen Königreiche befürwortend Kenntnis. Die Einstellung ist bei dem betreffenden sowie bei den anderen Armeekorps, in denen sie auf den Versöhnungstag angesetzt war, auf einen anderen Tag verlegt worden. Um für dies Jahr der Festsetzung des ninstelhmgstages auf einen hohen jüdischen Feiertag überhaupt vorzubcugcii, richtete j der Verband schon unterm 0. Februar 1011 eine weitere Eingabe an den Kriegsminislcr. Auf diese hin j erfolgte ein Erlaß des Kriegsministers an die General• kommamlos, von dem wiederum ein Abdruck den Kriegsministeriell von Bayern, Sachsen mul Württcm• berg zugesandt mul dem Verbände Kenntnis gegeben wurde und welcher dem Gesuche des Verband״•* entsprach. - Zu den von uns wicdcrgcgcbcncn Ile• ,scheiden verschiedener Militärkoinuiandobehörden aut betreffende Gesuche der Rabbiner ist die Wirkung dieses Vorgehens zu erblicken. Der Verband wird in jedem Jahre seinen Hinweis auf die Daten der in Betracht kmumeiiden jüdischen Feiertage an das Preußische Kriegsministerium wiederholen. — Eine plnnmäßigc Zusammenstellung der bisherigen Mclduu• gen aus den Gemeinden über die Heranziehung von Juden zum Schöffen- und Geschworcnendieiist in diesem Jahre Tatte dargetan, daß diese regelmäßige Ar• beit des Verbandes ihre erfreuliche Wirkung zu üben beginnt. Von den Gerichtsbe/irken, auf welche sich die Vorstellungen des Verbandes bezogen, sind in einigen zwanzig, die sich auf fast alle preußischen Oberlandes• gericlitsbezirke verteilen, endlich, teils zum überhaupt ersten Male, teils nach jahrelangem Ausschluß wieder