Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 408 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42 '1 i .1 1 für Stunden über diu Miseren des Lebens hinweg* Zubringern So I1.it er manches gute Samenkorn gesät. (irnlt ist die Zahl derer, denen er Freund, Lehrer und Berater war. % Auf dein kleinen Judciifricdhof in Urdenhaelt lief!» er begraben. Zahlreiche Freunde trauern an seiner Gruft und werden ihm ein treues Gedenken bewahren. Kür seine schlichte Ruhestätte aber könnte ich mir keinen besseren Wahlsprueh denken, als das Goethe* sehe Wort: ״Das ist fürwahr ein Mensch gewesen." Das Programm des Zionismus Unser Bruderorgan, ״Die Selbstwehr“, bringt in der Nummer vom 29, September eine Besprechung der von der Zionistischen Vereinigung für Deutsch* land herausgegebenen Broschüre ״Das Programm des Zionismus“, die wir nachstehend wiedergeben. Wir. können allen Ortsgruppen und Vertrauensmännern nur wiederholt dringend empfehlen, die ganz vor* zügliche Broschüre in der Agitation ausgiebig zu verwenden. ״Unter dem Titel ״Das Programm des Ziouis* mus“ hat die Zionistische Vereinigung für Deutsch* laud eine Broschüre von Richard Liehtheim heraus* gegeben, die in recht klarer und überschaubarer Weise den Standpunkt darstellt, von dem aus ein gebildeter Westjude sich dun Zionismus nicht bloß als leeres Sehlagworl, sondern als lebendig wirkende Scclcnkraft aneignen mag. Es ist dieses Heftchen von nicht geringem Interesse für den, der sich bisher von dem Extremen, Unvermittelten, Intransigenten, Radikalen, das •־ wie nicht geleugnet werden soll *״ in unser e m Zionismus vortönt, abgestoßen oder doch verhindert fühlt, ohne Einschränkung zu/.u* stimmen. Wir wollen das Wesentliche aus dem Inhalte der kleinen Schrift anführen. Als erstes Axiom führt Lichtheim an: ״Wer als Jude jüdische Politik treiben, das heißt einen Plan für die Gestaltung der äußeren Lebensverhältnisse der Juden entwerfen will, muß von seinem eigenen Schicksal absehen und versuchen, die Lage der jüdischen Massen kennen und ver* stehen zu lernen." (Glücklicherweise läßt Lichtheim diese Forderung bald fallen.) Er betrachtet mm die Lage dieser Massen, vor allein in Rußland, dann in Rumänien und Galizien, und gelangt zu der ersten, sozialpolitischen, Forderung seines Programms: ״Den Juden des Ostens, die nicht vorwärts* noch zurück* fluten können, die unter einem Drucke leben, wie kein anderes Volk der Welt, eine Heimstätte zu bc* reiten, die Wandernden in möglichst großer Zahl nach dieser Heimstätte hinzulenken.“ Bald aber ergibt sich, daß die Lebensbedingungen der Ost• und der Westjuden sich gar nicht so schroff voneinander unterscheiden, wie dies vielfach ange* nominell wird. Auch wir haben eine wirtschaftliche Judennut, und zudem eine moralische Not, die viel ärger ist als die der Ostjuden. Für diese abnormale Situation der Westjuden unter ihren Staatsgcnosseii, die mit dem Schlagwort ״Antisemitismus״ mehr an* gedeutet als benannt wird, findet Liehtheim dreierlei Ursachen: die auf den Einflüssen der Vererbung und des Blutes, zum Teil auf den Wirkungen des histo* rischen Bewußtseins und der besonderen politisch* sozialen Stellung beruhende seelische Verschieden* heit zwischen Juden und Nichtjuden; das Vorurteil der breiten Volksmassen; endlich die ökonomischen Ursachen des Konkurrenzkampfes, der, stärker als gelegentliche Anwandlungen von Gerechtigkeit, Seihst* losigkeit und Menschenliebe, den unbequemen Mit* bewerber auszuschalten sucht. Die Folgen 'dieser Situation, der die ״Aufklärung" völlig ohnmächtig gegenübersteht, sind unsäglich traurig. Der von mir so genannte ״Assiinil.uttisimis“, die moralische Korruption, folgt unfehlbar dem Streben, sich durch eine Lüge - und glaubte man selber daran! ־ einen Vorteil zu erkaufen; kultu* rette Unsicherheit attein ist vier Gewinn einer lohen, rasenden Sucht, um jeden Preis eine Kultur zu er* werben -- wenn sie nur nichts mit dem Judentum zu tun bat. Das ist der zweite, ״sittliche", Punkt in Lichtheims Programm: ״Aus dieser geistigen Not hcrauszuführen, die Judenfrage in ihrer Gesamtheit zu lösen und damit der Zerrissenheit der jüdischen Seele wieder Einheit zu geben, durch Erneuerung jüdischer Ideale den Juden innerlich frei und sicher zu machen.“ Noch aber scheint cs zwei Antworten zu geben: Assimilation oder Zionismus. Liehtheim gibt nach Anführung einiger praktischer Hindernisse ihrer Durchführung eine moralische Bewertung der Assimilation und zeigt, daß diese zu einem würde* losen, unsteten, ausschließlich äußerem Vorteil nach* jagenden Geschlecht führen müßte; welche Ungeheuer* Uchkeit, das eigene geräuschlose Verschwinden zum Zick des Lebens zu machen! Demgegenüber erkennt def Zionismus, daß alle Leiden der Juden aus ihrer Heimatlosigkeit stammen; aus der Heimatlosigkeit des Leies, der kein Jiaus auf eigener Scholle besitzt, und aus der I Icimatlosigkcit des Geistes, dem die nährende Urkraft des eigenen Volkstums versagt ist. ״Die Juden frage von innen heraus zu lösen, das Volksganze wieder her/ustellen und es für zukünftige Geschicke stark ..achen,“ das ist der dritte, ״nationale" Punkt des zionistischer Programms. Und mm heißt cs: Durchführung. Ucbcr/cugcnd weist Liehtheim die praktische Durchführbarkeit des zionistischen Planes nach. Hier möchten wir noch auf einige Sätze hinweisen, über die in zionistschen Kreisen seihst noch nicht überall die nötige Klarheit bestellt. I ):e Möglichkeit einer raschen, in wenigen Jahren zu vollziehenden Beseitigung der jüdischen Massennot besteht nicht. Eine Schucllkolomsation von Milli* oiien Seelen das ist eine Phantasterei, eine Utopie, daher wird die Atiswanderiingshewegimg nach Pa* lästina nur ganz allmählich vor siel! gehen. Auch ist d:e geistige Rückwirkung der jüdischen Aiisicdluiig wichtiger als die materielle Verbesserung in der Lage der Ansiedler. Es ist festzuhalten, daß keine pliantastische ״Gründung“, sondern eine allmählich wach* sende, sich von innen heraus organisch gestaltende Siedlung der Weg zu unserem Ziele ist. Das Ziel seihst ist noch weil, und eine lange Entwicklung muß ihm vorausgehen. Wie aber dieses Ziel letzten Endes beschaffen sein wird, welchen Umfang die jüdische Siedlung haben wird, welche Rechte ihr zustehen werden das alles sind Fragen der Zukunft, die sich heute nicht beantworten lassen, Uns erscheint als politisches Ziel für die nächsten Jahrzehnte die Bil* düng einer jüdischen Siedlung von einigen Ihimlerttausend Seelen, So weit Liehtheim. Und wir möchten nur noch darauf hinweisen, daß Her kluge und sympathische Autor uns mir das hier am Schluß nicht deutlich genug betont zu haben scheint: daß auch zur Er* rcichmig dieses bescheidenen Zieles eine Anspannung aller Kraft nötig ist, und daß auch innerhalb dieses ״gemäßigten“ Programms noch sehr viel Raum für eine Vergrößerung und Verstärkung der zionisti* sehen Arbeit ist — der Liehtheim dienen will.“ Die Gesellschaft zur Verbreitung jüdischer Literaturwcrke, e. V., Hamburg bat ihr erstes Geschäftsjahr vollendet. Den uns zugellenden ausführlichen Bericht veröffentlichen wir um so lieber, als wir hoffen, dadurch die Anregung zu ähnlichen Gründungen in anderen Orten zu gehen. ״Unser Büeherumsatz," heißt cs, ״der aus nachiolgender Bilanz ersichtlich ist, ist ein verhältnismäßig geringer, weil wir das erste Jahr als ein Versuchsjalir betrachteten und unsere Tiüigk.it darum auf einen engeren Kreis in Hamburg beschränkten. Der Erfolg unserer Arbeit gibt uns das Recht, für die Ziele unserer Gesellschaft und die Mittel zur Errcielmug desselben nunmehr mich vor breiterer Ocffcnt* Uchkeit Propaganda zu machen. Die Verbreitung jüdischen Lesestoffes unter Juden überhaupt, vor allem aber in unseren eigenen Reihen ist eine solch unentbehrliche Notwendigkeit, daß sich an dieser Stelle jedes weitere Wort darüber erübrigt, tön so brennender aber ist die Frage nach der praktischen Durchführbarkeit unserer Forderung, m ()glichst viel e 11 J u (I e n (i e I e g c n heit 7. u gehen, möglichst viele Bücher der jü* d is111 e 11 Literatur in die Hände zu bekommen und dafür zu sorgen, daß nicht mir die Juden diejenigen jüdischen Bücher erhalten, die sie suchen, sondern ual) auch vor allem den uns lernstellenden Kreisen eine Lektüre geboten wird, die sie mit unserem Streben bekannt macht. I )iesen Zwecken dient die ״G c s e l U c h a f t 7. u r V 0 r hr e i ז u 11 g jüdischer Literatur w c r k e, e. V,, II am bürg", die heute als gerichtlich ein* getragener Verein hier besteht. Zur Verwirklichung unserer Bestrebungen bedienen wir uns an erster Stelle eines Mittels, das zwar etwas umständlich zu beschreiben, aber ebenso einfach und erfolgreich in der praktischen Ausführung ist. Wir verbreiten unsere Bücher durch eine Lotterie, deren Ziehung je einmal im Quartal des Jahres statt* fiiukt. Die Quittungen über die geleisteten Quartals* beitrage in Höhe von 51) Pfg. sind numeriert und deren Kopien dienen uns als Lose. Es steht im Be* liehen jedes einzelnen, sich an 1, 2, 3 oder 4 Zieliim* gvn des Jahres zu beteiligen und dementsprechend ein Einviertcl*, Zwciviertel-, Dreiviertel• oder Vier* viertel *Los zu 0,50, 1, 1,50 resp. 2 Mark zu nehmen, und selbstverständlich kann sich auch jeder für jede einzelne Quartalsziehung mehrere Lose sichern, währoml andererseits die Beteiligung in einem Vierteljahr keineswegs auch für weitere Ziehungen verpflichtet. ־־ Da mm einerseits im Gegen satz zu allen anderen Lotterien jeder wirtschaftliche Vor* teil unserer Gesellschaft selbstverständlich ausgc* schlossen ist, und da wir andererseits bei den Ver* lagsanrtaltcn und Buchhandlungen ganz ’außerg e w ö h n I i c h 0 V c r g ü!1 s t i g u n g e n genießen, sind die Gcwiimaussichten unserer Ziehungen außer* gewöhnlich verlockend. Wenn z. B. für 100 Mark Lose im Quartal verkauft wurden, kommen durch die Quartals/.iehung auch für 100 Mark Bücher zur Verteilung, und die bisherige Praxis hat gelehrt, daß unsere Loskäufer stets vorzüglich dabei absclmeidcn, so daß wir in Hamburg bereits einen ganzen Stamm treuer Kunden haben. Dazu kommt als weiterer Vorzug, daß wir keine Bücher lagern lassen, sondern zu jeder Ziehung die neuesten Erscheinungen he* rüeksichtigeii. (iaiiz große Werke konnten wir bis jetzt nicht aiisehaflcn. Zur Hauptsache bringen wir Bücher im Werte von etwa 3 bis 10 Mark. Seihst, verständlich daiiebcn eine Anzahl sogenannter Trost, nreise, durch die wir zur Verbreitung der llerzl. und Palästiiia.Niiiiiiiiern der ״Welt‘•, von Lxlramimmcrn von ״Jung-Israel" iisw. iisw. sehr viel heigetrageu haben. Neben den ordentlichen Quartalszielmngen veranstalten wir auch außerordentliche Lotterien auf den Bällen, Ausflügen und sonstigen Veranstaltungen der jüdischen Vereine, die siel» übrigens z. T. auch korporativ au unseren ordentlichen Verlosungen bc. tcihgen. Die Lose, die als aulierorileiillielie gekemi. zeichnet sind, werden am Vereins,tlxml vorzüglich durch junge Damen verkamt, und die Bücher gleich au Ort und Stelle verlost und verteilt. Auch durch diese Veranstaltungen haben wir sehr befried!, gende Erfolge zu verzeichnen. Wenn wir schließ, lieh noch darauf hinweisen, daß 5 Prozent unserer liiiitiahincii dem N..F, zuflicücu und daß durch unser Wirken der Jüdische Verlag nicht unwesentlich ge. fördert werden kann, so wird wohl niemand mehr he. streiten wollen, daß wir mit vollem Recht tatkräftigste Unterstützung verlangen dürfen mul müssen. Wir hoffen, daß sich eine große Anzahl von Gesinnungsgenossen hei uns melden werden, die he. reit sind, llette mit je 25 Quittungen in Kommission zu nehmen mul diese im Kreise ihrer Verwandten und Bekannten unter/ubringen Sie werden sehen, daß .sie damit eine leichte und dankbare Aufgabe über• nehmen. Die Uehcrnahme solcher Vertrauensmanns* Stellungen ist vor allem angebracht für die Bibliotlicks* warte unserer Ortsgruppen und Vereine, die sich da• durch ein großes Verdienst erwerben können! In Berlin bekleidet mit Erfolg einen solchen!,osten bereits Herr Zahnarzt Henry Unna (W.35, Körner- Straße 18, II), mit dem sich die Berliner in Verhütdüng setzen mögen. Im übrigen ist der Unterzeichnete zu jeder Auskunft gern bereit. Bilanz, im ersten Geschäftsjahre: E i n n a 11 in c n. 505 Quartalsbeiträge a M. 50 M. 232,50 Verkaufte Bücher 02,1 ״!) Ucbersclmß vom!,urinfest 10,45 ״ Vorausbezahlungen ״ 'M 7 330,35 Aus g a b e n. Büclieraukauf Gerichtliche Eintragung ürüiulungskostcn u. Drucksachen Inserate Porto usw. N.-F.-Abgabe Bücherbestand M. 5,03 Kasseu-Bestand M. »I » » II II 204,73 25.50 38.50 7,80 ~־,3 12,80 47,- M. 330,35 Oktober 1911. Der Schriftführer: Zahnarzt Alfred Unna, Hamburg 13, Kolhcnbaimichaiissec 45. Die jüdische Bevölkerung von Akka Aus Akka (St. Jean d'Acre), dem biblischen Akko in Galliläa, wird der ״N. J. K." geschrieben: Unsere aufstrebende Hafenstadt zählt etwa 180 jüdische Seelen. Die meisten Juden Akkäs sind Handwerker, naincnt* lieh die Schneider und Schuhmacher des Städtchens sind fast ausschließlich Juden. Es gibt hier auch einige jüdische Kaufleute und einen jüdischen Mühlen* besit/cr. Leider haben es die Juden Akkäs bisher zu keinem geordneten Gemeinwesen gebracht. Baron E d m u n d R o t h s e h i I d in Paris stellt für die jiuli* sehen Annen der Stadt eine jährliche Beihilfe von 100 l'rcs., ferner 300 Eres, jährlich zur Anstellung eines Schächters und Kultusbcatnteii zur Verfügung. Der empfindlichste Mangel, der sich innerhalb der jüdisch! 11 Kolonie bemerkhar macht, ist das Fehlen einer juili* sehen Schule. Eine ganze Anzahl jüdischer Familien lud einzig und allein aus diesem Grunde Akka ver* lassen und sich in M a i f a oder Beirut nicile ׳• gelassen. Größtenteils besuchen die jüdischen Schul* Kinder die drei hier bestehenden christlichen Volks* schulen. Außerdem gibt es noch eine Regierung«• schule, an der ein Jude, Herr Behar, als Lehrer der französischen Sprache wirkt. Auch der städtische Apotheker ist ein Jude aus Aleppo. Das Lokal• komitee für ״Einheit und Fortschritt‘‘ zahlt gleich• falls einen Juden, Herrn Samuel 'Maliras, zu seinen Mitgliedern. Infolge eines ״Takrir", den der Kommandant der Garnison im Haiirän, äami Pascha Alfaniki, dem Ministerium für öffentliche Arbeiten in K°n• stantinopcl überreicht hat, geht die Regierung mit dem Plan um, Akka zmn Hedschas-Hafen zu machen. In diesem Falle würde die in Haifa befindliche Haupt־ Station der Hcdschasbahn nach Akkä verlegt werden, was einen großen wirtschaftlichen Aufschwung unseres Städtchens zur Folge haben müßte. Dies würde sicher* lieh mich zu einer bedeutenden Vermehrung der jüdischen Bevölkerung Akkäs führen. Bekanntlich geht schon jetzt der gesamte Uctreidecxport Galiläas und der Ebene Jcsreel nach Europa durch die Bucht von Akkä. Die Tätigkeit fachkundiger jüdischer Kauf* leute könnte nun diesen Handelszweig einer unge* ahnten Entwicklung entgegenführen und Akkä zu einem Hauptorte des syrischen Octrcidcausfuhrhandcls machen.