Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1911-10-20 · Heft 42 (20.10.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2651711-2651753--08031-2665241
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 497 Nr. 42 jü EPISCH E_R UN DSCH AU liehe Schule sendet. Der Ucliertiiu eines Juden /u eine!» .uiUereii Glauben ist seit Meiischeiigedeiikeu niel'i vorgekouuuou. Seihst in ihrer Kleidung hüllen >ie «1,י den alten Trachten fest, uiul es siiul haiipt• süe.ilieh mir die Abkömmlinge der italienischen mul sp.iibscheu Juden, die moderne Kleider tragen, aber auch ne* ihnen mul) die Braut zur lloelizeit die alle Tracht niilogen, aus viereckigen Stücken Stoff he• stehend, die fünf Meter lang und ungefähr ändert• halb Meter breit sind, Zdad genannt. Diese Tiiclicr weiden über die Schultern geworfen und dann in eigener Art, verschieden von jener der Moli.uu• meilineriiincn, drappiert. Die Verwaltung des jüdischen Stadtviertels haben di,־ Türken dem Orollrahhiiier überlassen, der auch mit einem Hat anderer Habbincr in allen sozialen mul n iginsen Dingen die Gerichtsbarkeit ausülit. Wenn ei seine Glaubensgenosse» mir zu größerer Reinlich• k׳ it .־Inhalten würdet Sie leben mit ihren kiuder• Milieu Familien in wahren Seliuiulzlöehern, die engen (!,.ilclien starren von Unrat und sind hei Regen weiter g! 1 adezti unpassierbar. Die Schlachter lassen ihre Hammel von den eigens dazu bestimmten ,Männern \ <r ihren Läden auf dem Straßenlxulcn schlachten, i'.r ringsum mit Blut getränkt ist. Pflasterung ist ruht vorhanden, in den tiefen Löchern sammelt sieh d. r Unrat au und verpestet die Luft, so daß mau -fei» wundern mul), dal) nicht mehr Krankheiten und I pidemien Vorkommen. Noch trauriger sind die Verhältnisse, in welchen die Juden in der Palmenoase draußen vor der Stadl It hen. Ein ungeheurer Palnienwaltl, mehrere hundertlausende von Düuincii umfassend, umzieht ganz Tri* jtolis, beginnt an manchen Stellen sogar unmittelbar vor der Stadt. Nur im Westen ist eine mehrere Hektar große sandige Fläche freigelialtcn worden, denn dort ist der jüdische Beerdigu11gspl.1t/ mit tausenden flacher Grabsteine, ähnlich wie wir sie in dem Boden unserer Kirchen eingelassen finden, nur ungefähr fußhoch über dem Erdboden erhoben. Die Toten werden liier nicht in Särgen bestattet, sondern in einem offenen Sarge zur Ruhestätte getragen, dort herniisgcnommcii und auf ein Brett gelegt, Mit diesem wird der Leichnam in die Grube versenkt, und die Inschrift auf die wagereelite Flüche des Steines ein• gegraben. Kein Baum, kein Strauch, nicht ein Blum• eben schmückt den weiten Friedhof, so öde und traurig, wie die anstoßende Wüste oder das Meer, das bis an die Friedliofmaueru reicht. Auf der entgegengesetzten Seite, im Osten der Stadt, tritt man aus der elegantesten Straße, wo die Europäer und vornehmen Türken wohnen, inner• mittelt in den herrlichen Palmcinvaltl, einen ein• , zigen grünen Dom von schöngesclnvmigeiieii Palmen• wedeln bildend. Mitten in diesem paradiesischen Palmenwald stieß ich unversehens auf ein großes Dorf, wohl an tausend Einwohner zählend, als dessen Namen man mir Amrtiß nannte. Das also War Amruß, das Judciulorf! Lauter elende ruinenhafte Steinhütten mit verfallenden Dächern, löcherigen, kaum schließenden Türen, keinen Fenstern, umstarrt von Unrathaufen. In den wenigen Läden waren Juden emsig mit Nageln, Schnitzen, Schmieden, Weben und Spinnen Beschäftigt, denn die Araber treiben kein Gewerbe und siiul in ihrem Bedarf allein auf die Juden angewiesen. Alle Männer, alle Frauen arbeiten, solange sie dazu fällig sind, Kinder und Orcisc handhaben die Blasebälge in den Schmieden und SclilossenvcrkstäUeu oder tragen tief hinabsinken unter die Bilder der Fabel, unter Schafsgeduld und hündische Ergebenheit. ss. Von den Juden in Arabien ln unserer Zeit, da noch nicht im entferntesten daran gedacht werden kann, über bloße Umrisse hinaus eine vollständige Darstellung der jüdischen Ge* schichte in modernem Sinne zu erwarten, muß man für jede Monographie dankbar sein, die sich Ziel und Gesichtskreis etwas weiter gesteckt hat als die übliche ״Qcschichlc der Juden in Nakel von 1875—1900“ o. ä. (Damit soll nicht gesagt sein, daß man nicht auch aus der noch vieles lernen könnte,) Und an eigenartigen und großen Stoffen für solche Einzeldarstellungen ist wahrlich für den jüdischen Historiker kein Mangel, Rudolf L e 8 z y n s k i hat sich mit seiner jüngst erschienenen Schrift ״Die Juden in Arabien zur Zeit Mohammed s“*) zweifellos eines der interessantesten Gebiete der an ״intcressanten“ Epochen ach so reichen jüdischen Golusgcschichte ausgewählt. Ein Stück Geschichte, bald anmutend wie ein einziges ehernes Heldenepos, ein Lied von Größe und Liehe und Treue bis in den Tod, bald wie ein blutiges Schauermärchen von Haß und Lüge und Verrat und grauenvoller Vernichtung. Da zieht vor unserem Auge die ganze Reihe jener einst *) Berlin. Mayer 0* Mttlicr 1910. Kohlen mul Holz, herbei, Alles ist emr.isf, als hätte es Kcicldiimcr zu erwerbe», und «loch verdienen sie mit ihrer Arbeit kaum genug, um ihr elendes, ent• beluungsvolles Lehen zn erhalten! Straßen auf und .11» nichts als Juden in elende 1.111111)111־ gehüllt, aus• gezehrt, viele mit Biaiteniarhen in den Gesichtern, und halbbliiul vor Aiigenkranklieiten. Synagogen sind doch melirere vorhanden, und in jeder eine Menge Andächtiger. Nicht so elend, aber weit merkwürdiger leben ihre (ilaiiheiisgeuosseu in den Bergen südlieh von Tripolis, zwei Tagereisen weit davon entfernt, milk•» unter den Berbern, Dort in dem Dsdiebcl Gharian, wo «ich zwischen den rötlichen, vollständig kahlen Bergen weite fruchtbare Täler amukhucu, wohnen Tausende von ihnen in unterirdischen Dörfern, deren Vorhandensein man heim Durchreisen dieser Gegend gar nicht;111111. Erst wenn man aufmerksam gemacht wird, entdeckt man, zwischen Oliven oder Feigenbäumen verborgen, oder liehen allrömischcu oder moliain• lucdanisehen Ruinen in den Bergwänden Löcher, die auscheiueml zu ii.'tlürliehcn Höhlen führen. In Wirklielikeit sind sie die Eingänge zu den Dörfern der Bewolmer, durchweg Beiher und Juden, aber streng getrennt voneinander, Während ich weiter westlich, in den (iet)irgen au der Grenze zwischen Tripolis und der siidtimesischcii Wüste Derber und Juden in denselben unsichtbaren Dörfern gemeinschaftlich fand. Die Löcher sind gewöhnlich durch eine aus Zweigen und roligeseliiiilteuen Brettern gebildete Tür mit kuriosen I lolzsehlosseru geschlossen, und jenseits führt ein finsterer, niedriger Gang.abwärts. Die Löcher, von der Grüße eines gewöhnlichen Schlafzimmers, aber unregelmäßig, mit Fclsenbodcn, kaum zwei Meter hoch, und so niedrigen Eingangs- Öffnungen, daß mau sieh beim Durchschreiten bücken muß, sind die Wohnungen der Troglodytcu. Der Platz in der Mitte ist Empfangssalon, Speisezimmer, Küche, I liihnerstall und Tummelplatz, für die vielen kleinen Bahics, die zierlich und putzig, mit hübschen Gcsichlern, prächtigen großen Augen und blühendem Aus• scheu den besten Beweis liefern, daß cs sich in diesen Versenkungen ganz gut leben läßt, ln der Tat sind die letzteren nichts weiter als Häuser, die vom Erd• hodeu statt hinauf in die Luft hinunter in die Erde gebaut werden, oder noch besser!Einser, die nicht auf dem Erdboden, sondern mehrere Stockwerke tief unter dem Erdboden stehen, mehrere Stockwerke in der Tat, denn über den Wohmuigshühlen gibt es •eine zweite Reihe solcher unregelmäßiger I lölilen, die als Sehlafräiune für das junge Volk oder als Arbeit*• räume, und darüber mitunter eine drille Reihe, die als Speicher dienen. Treppen und Leitern, um dort hinauf zu gelangen, gibt es keine. Daselbst sind in die senkrechten Wiimle kleine Löcher cingchaucn, um den nackten Füßen der Troglodyten Halt zu gehen, und aus den roll zusamincngcnagelteu l'iiren der oberen Löcher hängen Hanfseile herunter. Will jemand dort hinauf, so hält er sieh (in dem Seil fest und klettert wie ein Eichhörnchen, die Füße in die Löcher setzend, hinauf. So leicht, so ohne Anstrengung, daß man es beinahe im eigenen Hause statt der langweiligen treppen ein führen möchte. Tagsüber arbeiten die Juden auf ihrem Krater• gründe, die Frauen spinnen und wehen und sticken, die Männer machen Sandalen oder Pferdegeschirre, schmieden Ackerhallwerkzeuge oder verfertigen hillige Schmuckartikel für die Berber, ihre Nachbarn. Kommt die Zeit für Landarbeit, dann sind sic in den so freien und mächtigen, unbezwungen auf ihren Burgen hausenden Judcnstäminc vorüber, der Nadir mul der von Chaibar und der Kurniza und all der andern. Wie sie todesmutig ihrem Schicksal trotzten, fest und planvoll ziisauuucnhaltcnd die einen, sinnlos sich seihst zerfleischend und einzeln gegen den über* mächtigen Feind erwehrend die andern. Und wie sie am Ende doch alle dahin mußten und nichts geblichen ist als jene elenden Reste, die noch heute bestehen und von «lenen wir so oft in den Berichten der Alliance erschüttert lesen, daß sie wie getretene Hunde in Augst und Not und Finsternis ihr jämmerliches Dasein fristen. Bis auch ihnen, wie wir hoffen, der neue Jisclmw die Erlösung bringen wird. — Scheint es doch gerade in letzter Zeit, als wenn durch eine seltsame Fügung des jüdischen Schicksals gerade diese Aermstcn von uns Armen berufen sind, zur Lösung der für das neue Erez. Israel so überaus wichtigen Arbeiterfrage in hervorragendem Maße heizutragen. Es ist hier nicht der Ort, zu erwägen, inwieweit der Verfasser der vorliegenden Schrift mit seinen Hypothesen im einzelnen das Richtige getroffen haben mag. Zu Hypothesen nötigt nun einmal gerade dieses Gebiet wie kaum ein anderes I Wenn Lcszynski «ich insbesondere bemüht, im Gegensatz zu Wcllhnusen und Wensinck zu beweisen, daß der Einfluß des Judentums auf die Entstehung des Islam von ausschlaggehcnder Bedeutung gewesen ist, so wird man schwerlich alle von ihm angeführten Argumente mit einem Achselzucken abtun können. Ebenso wird man ihm bei der Behandlung der 'schwierigen Frage nach Feldern, im Tal, oder in den Palmen• und Oliven• ha inen tätig. Jedes Judciulorf in den Bergen von Tripolis besitzt ein bis zwei Dutzend derartiger Kraterlöchcr. Das T ripolis näclistgelegenc Judeiidorf, Jcliud Abbas, auf dem Wege nach der Türkenfeste von Dschcbcl Gharian, hat in sechs Kraterwohnuugeu ungefähr 250 Einwohner und eine ebenfalls unterirdische Synagoge mit den heiligen Büchern in einem Felsenloch am Ende der Höhle. Dreieinhalb Stunden weiter liegt dag von .־uilkii gar nicht sichtbare Judendorf Tigrcna mit 2t) Kellerwohnungen und <150 Einwohnern. Nur eine der zwei Synagogen erhebt sich über den Boden und läßt menschliche Wohnungen ahnen. Die zweite Synagoge und die Talmndscliulc, wo die kleinen Kinder so gilt wie nichts lernen, sind unter der Erde. Eine Tagreise westlich von Dschcbcl Gharian er• liebt sieh der anscheinend unwirtliche Dschcbcl Jffrcn, der aber viele fruchtbare Täler enthält, uivl dort liegen die Jmleiiiiörfer El Ksir, El Mvanlcn und Dissir mit zusammen etwa 2000 Einwohnern, L. Rubinsohn Am J E September d. J. verschied plötzlich in• folge eines Unglücksfalles der Collier Zahnarzt L. Ru hi 11 so hu. Die Knude von seinem jähen Tode hat seine zahlreichen Freunde aufs schmerzlichste betroffen. Auch die zionistische Bewegung beklagt durch seinen Heimgang einen großen Verlust. Nicht etwa, dal) er als glänzender Agitationsredner oder auf Kongressen irgendwelche Rolle gespielt, nicht etwa, als ob er sich in Versammlungen «Hier als Schriftsteller besonders hervorgetan hätte. Das alles war nicht seine Art. Der Stillsten, Feinsten einer war er. Durch und durch Philosoph und Denker. Der Talmud, Kaut, Schopenhauer — das war seine Welt, in der er heimisch war — mul wie heimisch war er liier. Er wußte die oft so harten Schlüsse der Logik mit einem so feinen Zauber zu umkleiden — mit dem Zauber eines großen, edlen, gütigen Herzens, das in Liehe für die ganze Menschheit, besonders aber für die Unlerdrückten schlug. Es gab wohl kaum einen feineren Genuß, eine größere Anregung als mit ihm die Probleme der Religion, der Pliilosopie oder auch soziale Fragen zu debattieren. Und wenn auch oft aus seinen Worten ein tiefer Pessimismus klang, so endeten seine Diskussionen doch immer in dem wunderstarken Glauben au einen allgütigen Schöpfer. ״Gottvoll“ hin ich, pflegte er scherzend zu sagen, ״gottvoll“ ist für mich die ganze Natur — die ganze Menschheit. In diesem Sinne war er Kosmopolit, der alle Menschen mit einer starken Liebe als Brüder umfaßte. Aber er hatte doch auch einen Benjamin — einen Lieblingslmidcr. Und das war das jüdische Volk. Glühender Nationaljude war er, unu seine große Sehnsucht galt Zion. Viel hat er durch sein stilles, persönliches Wirken für den Zionismus geleistet. Und wenn schon einmal der eine oder andere der führenden Männer zusaiiimenzubrcchcn drohte unter der Last, die er auf sich geladen, wenn hier und da Mutlosigkeit eintrat, so war er cs, der stützte und Mut und Hoffnung einflößte. Ganz besonders aber war er dort zu finden, wo unter den verschiedenen Parteien Streit atishrach — um Frieden zu stiften. Oft hat er in seiner überlegenen philosophischen Art eingegriffen und fast immer ist es ihm gelungen, seinen Zweck zu erreichen. Den armen, östlichen Juden war er Lehrer und Freund — er pflegte ihnen regelmäßige Bibclkursc ab/uhaltcn und so die Armen nach des Tages Last und Muhen mit Feiet tagskost zu speisen und sic Ursprung und Zusammensetzung der arabischen Juden* Stämme — eigentliche Juden oder arabische Prosclyten? — zugcstchen müssen, daß es sich Wclihausen hierbei mitunter doch etwas gar zu bequem macht, nach der beliebten Methode, daß alles Ueblc und Häßliche als ״tmarabisch“ die jüdische, alles Gute und Treffliche die arabische Herkunft beweist! Zum Schluß möchte ich nicht verfehlen, darauf hinz.uweiscn, daß mir Leszynskis Schrift recht gecig* net erscheint als Grundlage für ein historisches Einzelreferat zu dienen, wie solche bei den jüdischen Geschichtskursen, insbesondere in unseren studentischen Korporationen üblich sind. C. Kaiser. Im Verlage ״Laarn“ in Jaffa ist soeben eine hebräische Uebcrsetzung der bekannten Schrift von Hubert A11 h a g e n: ״B e i t r ä g e zur Kenntnis der Landesnatur und Landwirtschaft Syrien s" erschienen. Die Uebcrsetzung stammt von dem kürzlich verstorbenen E. Saphir, Vizedirektor der AngloPalcstine Company, der als der beste jüdisclte Kenner des gegenwärtigen Palästina und seiner Bewohner galt und seine Meisterschaft auch auf dem Gebiete der historischen Palästinaforschung durch die kurz, vor seinem plötzlichen Tode erschienene ausgezeichnete hebräische Monographie ״Haarcz“ dar• getan hat. '׳ '־"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.