Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 496 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42 Zorns zeigt eine Kraft des Empfindens, die diesen Liedern Dauer verleiht. Ihr sagt: Die Licht־ mul Naclitlicder sind reine riclitungslose Kunst, in seinen Strafgcdichten steigt der Sänger auf den'Kampfplatz hinab. Ich sage: Er erhebt sich zum Propheten. Wir beugen uns vor dem Donner auf llcrgeshöhn, vor einem Oroßen in Israel, Die unzulängliche Uebersetzung läßt den Dichter ahnen. Der ״Huchschmuck11, der sich aufdringlich müht, unserer Phantasie nachzuhclfen, soll uns nicht «tören. Harry Epstein. Zionistische Frauenvereine Eine Entgegnung*) von Frau Edith Lachmann-Königshütte. Auf den Artikel ״Frauenorganisation“ von Herrn Levt Bennathan-I lamlntrg bin ich gezwungen» ful* gendes zu erwidern: 1. Herr Hennathan scheint recht wenig Kenntnis von Provinzfrauenvereinen und deren Arbeit zu haben. Mir ist bekannt, und ich spreche aus Erfahrung, daß gerade diese Vereine so viel Stoff und Arbeit haben, daß ihre Zeit und ihre Kräfte kaum ausreichen» um all der Arbeit gerecht zu werden. Sie bedürfen keiner Anregungen von einer Zentrale, Wandcrrcdncrmncn und dergleichen mehr; ich glaube sogar, sie könnten manchem grollsätdtischcn Verein aus ihren gesatn* mcltcri Erfahrungen Stoff geben und ihm neue Arbeits• gebiete eröffnen. Doch gerade diese Provinz-Frauen• vereine wünschen noch die Schaffung von recht vielen anderen zionistischen Fraucnvercincn in der Provinz zum Besten des Zionismus, und dazu bedürfen wir der Organisation, denn diese Arbeit können die einzelnen Vereine allein unmöglich leisten. 2. Die Erziehung der Jugend! Ich bleibe dabei, daß sic eine der wichtigsten zionistischen Frauenarbeiten ist. Gewiß soll sie zum größten Teil in der Kinderstube geleistet werden, doch für diese Kinderstube gerade brauchen wir die zionistischen, Mütter, die wieder in den zionistischen Frauenvereinen herangcbildet werden sollen. Da es aber bis jetzt herzlich wenig zionistische Frauenvereine gibt, so muß die Organisation geschaffen werden, die solche Frauenvereine gründet. 3. Was das nationaljüdische Haus betrifft, so wäre es wieder eine neue Aufgabe für die Frauenorgauisation, ein Programm zu entwickeln, wie das Kind auch tin religionslosen Hause dennoch national zu erziehen sei. Es genügt nicht, daß wir sagen, es gäbe kein solches Programm, jeder mache es auf seine Art, sondern wir müssen uns den Kopf darüber ein wenig zerbrechen und darüber naclulenken, wie wir doch Ratschläge für eine solche jüdisch-nationale Erziehung geben könnten. Dazu soll eben die Organisation helfen. Das ist ja das Wesen und die Arbeit der Organisation, daß, wenn sie geschaffen ist, sieh nach und nach.mit diesen einzelnen Fragen und deren Lösung befaßt. Und gerade die neue Richtung im Zionismus, die die Vertiefung des nationalen Problaues so in den Vordergrund stellt, müßte doch in erster Reihe dafür Sorge tragen, daß die zionistischen Frauen und Mütter sich in diese Probleme vertiefen und sie erforschen, um sie schon unserer Jugend ein• zuflößen. *1 Mit dem vorliegenden Beitrag beschließen wir die Besprechung dieser Frage. liehe Schmach, das furchtbare Elend eurer Brüder in schwerer Anklage ins Gesicht, scharet euch zusammen, um geeint zu helfen. Es ist ein wolildurch• dachten Heft, dessen Aufsätze tiefe innere Zusammenhänge erraten lausen. ״D i c Juden als W e h r v o l k“ ist ein Aufsatz, der in der Besprechung eines Buches den unnötigen, ja uns jungen Juden unwürdig scheinenden Beweis erbringt, daß wir tüchtige Soldaten, bedeutende Offiziere sein können und auch sind. Doch nicht unwert erscheint uns der Artikel den anderen Aufsiilzcn, er wird zur Einleitung, ja Voraussetzung für sie. — Dann lesen wir die ״Illustrationen zu Rußlands Judenpolitik in den letzten Monaten“. Es ist dies nur eine ganz knappe und gerade in ihrer Knappheit überwältigende Uchcrsicht über die letzten Greuel in Rußland. Auch der Blindeste muß hier sehen lernen. Wie ein roter Faden zieht sich durch diese Gesetze, Verordnungen, Verbote der Gedanke: Abtötung des vorhandenen jüdischen Wohlgedeihens, Unterbindung jedes Kommenden. Und schon sehen wir als furchtbares Menetekel, wie das böse Beispiel Nachahmung findet. Wir lesen von den jüngsten Pogromen in England, von ihren geheimen Ursachen und ihren verhängnisvollen Wirkungen. ״Die Tatsache, daß in England ein Pogrom stattgefunden hat, ist das größte Unglück, daß die Juden des zwanzigsten Jahrhunderts treffen konnte,“ sagt der Verfasser. Ein letzter Warnruf — wollen wir ihn ungeliört lassen. 1׳. Was die Arbeit der zionistischen Frauenvereine in Palästina betrifft, so ist das, was Herr Levi Hennathan sagt, gewiß sehr schön und sehr richtig, jedoch vorläufig noch nicht ausführbar. Wir müssen uns zu dieser gewaltigen Arbeit erst Mittel und Arbeitskräfte schaffen, indem wir die jüdischen Frauen durch unsere Organisation für den Zionismus gewinnen, denn unsere Gegner sollten sich einmal ernsthaft klarmachen, wie rar die wirklich zionistischen Frauen noch sind, und wie leicht es wäre, durch euergische, organisierte Arbeit ihre Zahl Zu verdoppeln. Damit ist die Diskussion für mich erledigt. Ich kehre jetzt zu meiner dringenden Arbeit wieder zurück, und hoffe, daß wir unsere Qegncr durch das Argument des Erfolges von der Notwendigkeit organisierter zionistischcr Frauenarbeit überzeugen werden. Die tripolitanischen Juden Von Ernst von Hesac-Wnrtcgß. Das ganze Tripolitnnien dürfte annähernd 200ÜÜ jüdische Einwohner besitzen, davon au 12 000 in der Hauptstadt, öOOO in den übrigen Städten und Oasen, und 2000 in den Bergen des Dschebcl Qharinn,!«freu und Nefussa, die ein paar Tagreisen weit von der Küste mitten im Saitdmeer der Sahara liege». Die jüdische Niederlassung reicht um mindestens ein Jahrtausend über die Eroberung Nordafrikas durch die sarazenischen Morden des Islam hinaus, Handel, Industrie, Gewerbe liegen in Tripoli• taniai fast ganz in den Händen von Juden. Sogar der umfangreiche Karawanenverkeiir mit den Oasen des Fczzan und mit den sudanesischen Reichen wird nahezu ausschließlich von jüdischen Käufern geleitet, die in der Stadt Tripolis ihren Sitz haben. Von der Verachtung, welche die Marokkaner und Algerier den Juden gegenüber durch allerhand Demiiligiingeii betätigen, ist in Tripolis nichts zu bemerken, ja sic werden hier von den Türken, geradeso wie in der Türkei selbst, zu wichtigen Bcamtcnpostcn zugclasscn, sind natürlich auch Konsuln und Konsulardragoinane, mul viele von ihnen haben es zu großem gesellschaftlichen Ansehen und Wohlstand gebracht. Als ich dem Wall, dem fast mit souveräner Gewalt über die weitaus größte türkische Provinz herrschenden (leueralgouvcrneur, meine Aufwartung inaclite, befand sich der hohe Herr in Gesellschaft seines Generalsekretärs, und mir schien es, daß der Hund nicht mit dem Schwanz, sondern der Schwanz mit dem Hund wedelte. Dieser Schwanz, der ״Effcudi Generalsekretär“, war ein Jude, übrigens ein sehr gebildeter, liebenswürdiger Beamter. Die Juden, die es auf dein heißen nfrikanisdien Boden zwischen den beiden Syrien zu Ansehen gebracht haben, sind der Melir/alil nach nicht afrikanischer Abstammung, Die Wiege ihrer Vorväter hat in Livorno, Saloniki oder sonst irgendwo auf europäischem Mittehnccrboden gestanden. Die wirklich tripolitanischen Juden leben in großer Armut und Unwissenheit, lind mit Entsetzen denke ich an die Szenen, die ich in dein über alle Beschreibung schmutzigen, elenden Judenviertel um Tripolis, der berüchtigten Harn, gesehen habe. Es war mir, Interessant, bei den Rabbinern und Scliriflgelehrten dieses Völkchens nach ihren lieberlieferunge» zu forschen, denn Geschriebenes ist über Nein und tausendmal nein, ״Genug der Vcrsünmnisse!“, ruft die Deutsche Confcreuz-Gemeinscliaft*) in tiefer Erkenntnis der Gefahren. Und sic ruft weiter: ״Das Nächste, was geschehen m 11 ß , ist die Ein b e r u f 11 n g eines große n i n t c r t e r r i t o r i e 11 c n jüdischen Kong r e s s e s, ge in i d m et der Fr n g e d c r .r 11 s s i sehe n ti» d r u in ii n i 8 c h e 11 J11 d e n.“ Ohne Unterschied des politisch-jüdischen Stand- Punktes sollen vVir uns zusninmcnseliließeii, 11111 durch diese Kraft unserer geeinten Macht einen neuen tnodus vivendi für unsere Brüder zu schaffen. Als Wehr- Volk sollen die Juden zusammenstellen und vereint der Gefahr sich entgegenstemnicn. Und auch uns Zionisten trifft dieser Ruf. Wir werden ihm willig, als erste, Folge leisten. Es wäre das wunderbar Fürdernstc für unser Ziel. Wir wollen nicht der ״P. C.־Q“ cntgegcnliallen, daß schon ein solcher Kongreß existiert, Denn das würde wieder Zwietracht säen lind könnte das herrliche Werk vcrciteln. In reiner, lauterer Absicht wollen wir unsere Schar zun! versammelten Wehrvolk der Juden stoßen lassen, um mit unseren Brüdern für die Lösung der Judeniiol zu kämpfen, H. Jcled, *t Hier ist riclitigzustellen, daß lediglich die Acnßerimgen im letzten Teil des Heftes als offizielle Kundgebungen der ״D. C. G.“ anzuschcn sind. D, Red. ihre Geschichte nicht vorhanden, und von ctiropiii• sehen Reisenden hat sieh meines Wissens keiner ein. gehend mit ihnen beschäftigt. Die Juden sind nicht vom westlichen Mittehuecr, sondern vom Orient nach Tripolitanien herübergekommen. Im alten Oea, in Lcptis und «len anderen von den Römern gegründeten Städten Tripoli• taiiieus gab es schon blühende Jiideukolonieii, selbst das noch viel ältere Cnrth.igo besaß eine solche. Ebenso sind au der au Tripolitanien östlich augrenzenden und damit vereinigten Türkeuprovinz Ben• gasi, dem alten Cyrenaica, jüdische Grabsteine gefumlcn und nach Paris gebracht worden, die zweitausend Jahre alt sind, und ich habe auch in Tripolis selbst bei einem alten Rabbiner Grabsteine aus dem Beginn des zweiten Jahrtausend gesehen, Beweise, daß die tripolitanischen Juden nicht von den spani• scheu abstammen können. Auch in den entfernten Oasen der mittleren Sahara, in Tunt, Gtirrara, Tameutit, Tidikelt usw., leben heute noch Juden, von den Arabern Meliad• scheras genannt, welche ans der Zeit vor der Hedsehra stammen. Als Franzosen in den letzten Jahren, ohne daß Europa es gewahr wurde, alle diese Oasen besetzten und den Trikoloren unterwarfen, als sic den Oasenbewohnern eine europäische Verwaltung gaben und sic mit französischen Garnisonen versahen, machten es sieh einzelne der dort stationierten gelangweilten Offiziere in sehr dankenswerter Weise zur Aufgabe, über den Ursprung der Oaseujuden nach• zuforschai, Die Araber sprechen noch heute dort von der vorislnniilischai, der großen jüdischen Zeit, als die Oasen fast ausschließlich von eingewanderten Juden bewohnt waren, ja der Tradition nach sind manche der wichtigsten Oasen von ihnen gegründet worden. Indessen weder in den Oasen, noch in den Gebirgen, noch in den Städten sind die Juden mit der Zeit fortgeschritten. Sic haben ihre eigenen Synagogeu, Rabbiner, Tahmulsdiuleii mul beobachten ihre uralten religiösen Sitten und Gebräuche unverfälscht bis auf den heutigen Tag. Ja, eifersüchtig halten sie jeden fremden Einfluß fern, wollen von Europa, von Reisen, modernen Sprachen und Schulen nichts wissen. Die Alliance Israelite hat, wie in so vielen Städten der alten Welt, so auch in Tripolis Schulen gegründet, aber wie mir ihre Lehrer erzählten, kostete es sic in der ersten Zeit viel Ueherrcdimgskunst, die alten Juden ztun Schulbesuch ihrer Kinder zu veranlassen. Verstreut in dem Labyrinth enger (iällelien gibt es in Tripolis allein etwa drei Dutzend Synagogen, durchweg in gemieteten Häusern, und ’ bei den meisten muß man von der Straße einige Stufen in den Vorhof hinabsteigen, angeblich, weil die Araber jüdische Gotteshäuser nicht auf dem Straßenniveau dulden wollen. Es war einige Wochen vor Ostern, als ich wohl die Hälfte dieser schmutzigen, finsteren Synagogen besuchte, und ich fand sie alle gefüllt mit Greisen, Kindern, kräftigen Männern und Jünglingen, denen ich es mischen konnte, daß sie sieh von der Tagesarheit losgerissen hatten, mir um in der Synagogc ihre Gebete zu verrichten, Frauen erscheinen in der Synagoge nur in geringer Zahl, und dann nur hinter den vergitterten Fenstern der Baikone im ersten Stockwerk, die einen gesonderten Eingang haben. So streng halten die Juden au ihrem Glauben, daß cs geradezu als Verbrechen angesehen wird, wenn einer von ihnen seine Kinder in eine Christ- Fabel Die Schafe unserer Dorfhcrde waren nicht gerade redselig. Vor allem politischen Diskussionen waren sie abgeneigt. Nur einmal, als sie der grünenden Weide zugctricben wurden, da entstand ein Streit darüber, was wohl der Grund sei jenes iiiiversölm• liehen Hasses, mit dem der Wolf der Herde nnckstcllc. ,.Im Grunde genommen,“ so gab schließlich ein ganz großer Schafskopf seine Ansicht zum besten, ״tragen die Schafe selbst durch ihr Betragen die Schuld an der Gegnerschaft. Mir selbst ist es zuwider, und ich versuche deshalb stets, den Verkehr mit dieser blökenden Gesellschaft zu meiden. Ich heule lieber mit den Wölfen.“ Die Fabel will nicht recht stimmen. — So viel Kncchtseligkeit kann selbst dem geduldigen Herdentier nicht anstelle!). Mail muß schon richtige Juden nehmen, Juden, wie sie scharenweise umherlaufcn; ihren Volksgenossen als unfreiwillige Verkünder der traurigen Wahrheit: ״Ihr seid Knechte in Feindes• land!“ — Verehrte Freunde, euer Schweifwedeln erregt Brechreiz. Aber daun, wenn das physische Unbehagen verwunden ist, weiß ich euch doch wieder Dank. Denn ihr lehrt mich immer wieder: ״Wir sind auf dem rechten Wege.“ Eure Existenz allein kann besser als Wort und Schrift vor Freund und Feind den Glauben rechtfertigen: ״Unsere Heimat kann nicht sein, wo die Seelen verkümmern und wo Selbstachtung und Würde