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Jüdische Rundschau · 1911-10-20 · Heft 42 (20.10.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr• 42 Seite 495 nur c י" יי• heile des Problems, Der Versuch, es in seiner j.,111/«׳» <irolU• zu umfassen, den unser Freund I heil•!,;,her unterminunen hat, verdient daher gewiß lu*cl1'»U’s l.oh, denn —- vielleicht ist auch eine! oder der andere von den Wegen der Abhilfe, die er uns zeigt, singbar. , ♦ t / w e i T a g u 11 g e 11. Die Heratnng der Statuten• ,imlcrimgskoiumissioii des ״Deulseb-Isr.iclitisehcii Ge• imimlelHnides" und der ״Deutsche Judentag", beide von weittragender Bedeutung für das deutsche Juden• tum; und doch ist kaum etwas Gegensätzlicheres denkbar, als das Wesen dieser beiden Tagungen, die uns in Kürze bevorstehen. Die eine sob im ,kleinen Kreise von Personen, die vom Vertrauen der jüdischen lictiicindeu getragen werden, in einer inncrjüdischcn I iu/elfrage den Weg einer Einigung suchen, während die andere dazu berufen ist, die Geschlossenheit des gesamten deutschen Judentums in den Prägen zu dokti• 1n׳׳ntiere1), die gewissermallen Prägen der äußeren jüdischen Politik in innerdeutschen Angelegenheiten dustcllen. Während dem Judentag naturgemäß die Wirkung nach außen alles bedeuten muß, bedarf die (lemeiiulehuiulkommissiou der besonnenen Ruhe einer Millen Klause, in der ihre Mitglieder fernab von allem l’.irteigetriebe und Parteigezänk den wahren Intervssen des Hundes zu dienen in der Lage sind. Des• halb verzichten auch wir, die wir stets und immer Partei sind, für heute darauf, uns zum Gegenstand vier Heratmigen zu äußern mul wollen nur hoffen, daß int jedes cin/.elne Mitglied der Kommission sich bewußt sei, welch ungeheure Verantwortung auf ihm mht, dadurch, daß das Schicksal des Deutsch-Israeli• tischen (k’ineiiidelnmdes in seine lland gegeben ist. Der Judentag kann heute bereits eine offene He- »prcchung und sogar offene Worte der Kritik ver* tragen: Der ״Verband“ sieht auf ein arbeitsreiches Jahr zurück, in dem er auch die Erfolge errungen hat, die man nach Lage der Dinge von ihm erwarten durfte. Das zeigt deutlich der sechste Geschäftsbericht, der gerade jetzt versandt wurde und aus dem wir an anderer Stelle des Plattes einen Auszug bringen. Wer das Heft selbst zur Hand nimmt und die verschiedenen Eingaben und Korrespondenzen, die dort wiedergegeben sind, einer Durchsicht unterzieht, der wird sich der Ucbcr/euguug nicht verschließen, daß die Sache des deutschen Judeiitumcs vom Verbände gegenüber der deutschen Bureaitkratie mit Entschieden* heit, Würde und gutem Takt vertreten wird. Der Judentag am 5. November soll mm wieder einmal zeigen, daß er in diesem Bestreben wirklich eine ein• mutige Gefolgschaft hinter sich hat. Die Tagesord* nung bringt diesmal zmiächst ein theologisches Referat, über dessen Behandlung naturgemäß zwischen Orthodoxen und Liberalen keine Einmütigkeit herr• sehen kann; dann einen Vortrag ״Das deutsche Geistesleben und die Juden“, ein Gegenstand, der bei nationalen und assimilatorischen Juden stets vor• schiedene Beurteilung finden wird, und in einem dritten Referat soll die gegenseitige Stellung von ״Judentum und Staat“ besprochen werden. Hier wäre die eigentliche Basis gemeinsamer Aktion, So konnte der Judentag geschlossen werden mit einem Vortr.ig, der im ganzen deutschen Judentum warme Znslini• mung und aufrichtigen Beifall fände. Leider müssen wir aber schon jetzt Bedenken nnmeUlcn; und diese Bedenken liegen begründet in der Person des erwähl• ten Referenten. Es ist Landtagsabgeordneter Rechts• berg“, der Sohn eines englischen Admirals, sagt, er hoffe, der Garten der Anstalt werde einmal, wenn der Kranz der jüdischen Vorstädte ringsherum sich geschlossen haben würde, als ein öffentlicher Park zunutze kommen. Schon heute sicht man oft des Sabbats sephardische und bocharer Juden aus dem benachbarten Stadtviertel sich in dem Garten er• gehen, der das einzige bepflanzte und gut gepflegte Stück Erde in diesem Teil Jerusalems ist. Neues von Scholem Aleichem Jcwish Chronicle, London, bringt in seiner letzten Ausgabe ein Interview, das einem seiner Mitarbeiter von seiten Scholem Aleichem s, des beliebten jüdischen Humoristen, gewährt wurde. Der ״jüdische Mark Twain“ hatte sich, wie stets in den letzten Jahren, Badenweilcr im Schwarzwahl zum Sommer• Aufenthalt gewählt und verbrachte die P'cicrtagc in der Stadt Basel. Dort wurde er Gegenstand außerordentlicher Sympatliiebezcugimgeii. sowohl von seiten der jüdischen Gemeinde,1 deren gutjüdisclie Art uns Zionisten in bester frischer Erinnerung ist, als auch seitens der durchreisenden Auswanderer. Unser Leserkreis wird erfreut sein, zu hören, daß Rabinowitz. sich nunmehr von der schweren Krankheit, die ihn vor drei Jahren auf einer Kezita• tionstour in Rußland befallen hatte, vollkommen wicdcrhergcstellt fühlt, um) daß er beabsichtigt, im Frühjahr Palästina aufzustichen, um einige hebräische J_UE DIS C n I: R U N D S C11 A U auwalt I0110!) .־וי-!)(. :ui. Du.־..׳!!!.• Rechtsanwalt Go 1111, der durch ׳׳.׳i,1;• 01;:ו!!<;•!■,; II; «!011 das Niveau des lel/lm Ocincimlrl.Ju*r!! :,••!nickt hat und mit dessen Namen via: uiuiihiuiah.‘ Angelegenheit des Balteiistedter Mandates vnouickl ist. P'and sich kein Geeigneterer im ganzen dcuischeii Judentum? Ganz, gleich, ob Orthodoxer oder Liberaler, alter einer, dessen Kampfesweise in iimcrjiidisclicu Angelegen• beiten ihm auch jjcgucrische Achtung angebracht hat? Hoffen wir, dali dieser Mißgriff in der Per• sonenwald der einzige sei, der hei der Vorbereitung der Tagung unterlaufen ist. \ * Vom Vogel Strauß. Inder ״A Ilg ein et• n e 11 Zeit 1111 g des J11 d e n t u m 8“ vom UL Okto• her lesen wir: 111״ England macht sich nach der ״Deutschen Tageszeitung", gewiß keiner sehr lauteren Quelle, der Antisemitismus bemerkbar. Das genannte Blatt will uns glauben machen, daß die aus• s t ä 11 d i 8 c 11 e 11 B e w e g u u g e 11 z. B. i 11 W a I e s sich h a u p t 8 ä e 111 i e 11 g e g e n die J11 d e 11 richteten, und daß die Juden an dieser Erregung schuld seien durch lieraufsel/ting der Preise für Lebensmittel und I leratifschrauben der Mieten. Viel• leicht gibt uns einer unserer englischen Korrcspon• deuten darüber Aufklärung." Vorsicht hei trüben Quellen war besonders in diesem heißen Sommer, als Typhus, Zeitungsenten und die Ruhrkraukheit so schön gediehen, sehr zu empfehlen. Man durfte mir nicht auch an den klaren Quellen achtlos vorübergehen, sollst l׳׳'f man C jefahr, elendiglich zu verdursten. So kann es in geistiger Hinsicht auch dem Jouriui• listen ergehen. Gewiß ist in der Redaktion der ״All• gemeinen Zeitung des Judentums“ kein ״Berliner Tageblatt“ aufziilreibeu gewesen, sonst wäre dem Herrn Oeheimrnt die Tertia-Ueberselirifl ״Pogrom in Wales“ nicht entgangen. Diese Weltabgcseliiedcnheit erklärt manches. Wohl auch die Sache damals mit den geknechteten Finnen, die den Herrn Geheimrat, der für sie protestiert hatte, in punkto Judenfrage so schwer enttäuschten. CI1. N. Bialik*) Aus dem Dunkel der Judcngasse kommt er. Wenn die Mutter iii der Frühe den Kindern das Brot backte, dann rollte eine Träne über die Wange in den Teig. So gab sie den Kindern Brot und Tränen. Die Mauern des Hcthnmidrnsch umschlossen die Seele vles jungen Bachurs. Hier hockt er inmitten schwerer Folianten in der dunklen Ecke, die nie ein Sonnen• strahl erreicht, ein gefangenes Vöglein. Hier lernt der Matmid, lernt und lernt und gräbt seiner Jugend das Grab. ״Wie gottverflucht ist ein Acker, wo solche Saat in Dürre verkommt!“ Aber nach langer Gefangenschaft stößt er die Pforten des Lehrhauses auf und entrinnt in den blühenden Tag. Der Baclmr atmet tief, blinzelt, reibt sich die Augen, reckt sich und streckt sich. Und er stürzt sich in die wogenden Achrcn des Feldes und horcht ihrem leisen Gesang. Doch er kann der goldenen Fülle nicht froh werden. Nicht er hat ilie Sant gesät, nicht er wird den Segen ernten. Er liebt die Felder, die er nicht he• ״) Gedichte. Ans dein Hebräischen ,übertragen von Ernst Müller. Buchschmuck von (). Plerschdörffer. Meransgogcben unter Mitwirkung der Ver• cinigung l lat’cbijuli in Wien. Jüdischer Verlag G. m. 11. H, Köln und Leipzig, 1911. Vorlesungen zu halten. Es ist interessant, daß Scholem Aleichem bei seiner außerordentlichen Bedeutung für das yiddischc Schrifttum es ablelml, als ״yiddisdier Chauvinist vom Scldage der Männer von Czernowitz“ zu gelten. Auf die Frage des Besuchers, ob er sich bei Abfassung seiner Schriften mir der yiddischen Sprache• bediene, entgegnde er: ״Hauptsächlich, aber ich schreibe auch hebräisch und russisch. Ein großer Teil meiner Werke ist von meinem Schwiegersohn Hcrknwitz ins Hebräische übersetzt worden, Bei allen anderen Uebcrset/tmgen leidet der Humor meiner Schriften, dies ist aber nicht der Fall beim llebräiseheii.“ Dies Geständnis ist gewiß ein wertvoller Beleg für die unbedingte Kougenialitiit des jüdischen Geistes Und der alten Judensprache. Auch ins Esperanto sind die Arbeiten Ra• hiuowitz’ neuerdings seitens Dr. Z a in c 1111 o f s, des Erfinders dieser Weltsprache, übersetzt worden. Nach seiner Ansicht eignet sieh yiddisch besser denn irgend• eine andere Sprache zur Ücbersetzung ins Esperanto. Aus der wirklich interessanten Unterhaltung, die sicli in vielem von der steifen und nichtssagenden Art zimfligcr Interviews unterscheidet, sei noch eine Mit* tcilung wicdcrgcgehcu, von der nur zu hoffen ist, daß sie für unsere russischen Brüder eine recht glückliche Bedeutung gewinnen möge und über deren Gegen• stand bereits einiges in die Presse gelangt ist: ״Und mm,“ sagte Scholem Aleichem, bevor er sich von seinem Besucher verabschiedete, ״habe ich Ihnen noch eine .angenehme Mitteilung zu machen. stellt hat, nur weil sie ihn erinnern an die Brüder in der allen Heimat, denen er leise Grüße winkt. Sachte, Schritt vor Schrill gellt er weiter. Nicht wie die Ouinsscn, die gleich ihm der Enge des Lehr• h.uises entflohen, zertrümmert er, was ihm heilig war. Als er da draußen in der großen weiten Weit niatidicrlei erfahren, zieht es ihn wieder zur zer* fältelten Schwelle des alten Bethamidrasch, und bei ihrem Anblick wird er imic, daß er den neuen Gewalten, die ihn nmstürmt hatten, fast erlegen •wäre, wenn ihn nicht in allen Fährnissen tausend tinsicht• bare Fäden mit dem geborstenen Heiligtum seines Volkes verknüpft hatten. Aufrichten will er es zu neuem Leben, und weit die Fenster öffnen, daß das helle Sonnenlicht die dunklen Räume durchflute. Er geht weiter und weiter. Einstmals, erzählt er, schritt er mit einem schönen Mädchen durch ein wogendes Kornfeld, Als der Waldesscbatten die beiden auf nahm, verfing sieh ein weißer Schmetter• ling im llaar des Mädchens, küßte es und bat den Baclmr, ein Gleiches 7.11 tim. Er tat wie der Falter!? Ich glauh'.s dir nicht, mein Dichtersmann, ich ghiub's dir nicht! Nein, du hast eine andere Geliebte! AH die!nimmst, die sein Liebeslied entbehrt, blüht macht• voll auf in seinen Naturlicdern. Mittler überschäunien• den Lust der ersten Begierde umfängt er die Heißgeliebte, er staunt ob der ungeahnten Pracht. Hie Rätsel der Nacht erschließet; sicli ihm. ״Mit tausendfachen Tönen gießt aus stummem Mund sich ihre Heimlichkeit. Aus tausend Augen blickt die Dunkel• lieit, als lag׳ ein schwarzes Trachten ihr im Schoß/4 Die Mysterien des Lichts tun sich iliin kund. Hier will er Dichter, mir Dichter sein. Die ganze pracht• volle Glut seines Empfindens strömt er am Busen der Natur aus. Ein Bild jagt das andere. Die drängende Fidle der Gesichter nimmt uns den Atem, Tausend Licht•, Luft־, Wind- und Wassergeister bietet er auf, 11m uns mit/uteilen, was sein horchendes Ohr hört, sein spähendes Auge sieht. 1111 Kcligcn Kuß will er der Geliebten das Geheimnis aus dem Herzen reißen, ihr die Offenbarung abtrotzen. Der Dichter nennt die Natur seine Mutter. Sie ist cs ihm nicht. Die Mutter beantwortet dem geruhig in ihrem Schoß lauschenden Kinde mit heiterem Lächeln die Fragen, sic weist ihm die Schönheit des blauen Hirnmels und der grünenden Erde. Die Geliebte wird dir ihre Seele nimmer enthüllen. Du mußt sie suchen mit heißem Mühen und brennender Stirn. Der gottselige!•*ranz von Assisi liebte mit ganzem kindlich innigem Getimte die Mutter Natur, und besang seine Frau Schwester, die Sonne, seine B rüder, den Mond und die Sterne, den Wind und das Wasser Und Feuer. Dem Baclmr von Wolosin sind diese alle nicht Schwester und Bruder, sie sind ihm rätseltiefe Zaubermachte, die ihm helfen sollen, das Mysterium der Weltseele zu ergründen. Denkst du, mein Dichter, des dunklen Winkels im Belhamidrasch, wo du heim Flackerschein einer Kerze die ganze schwarze Nacht hindurch das Gold der Erkenntnis aus alten Foliait• ten zu schürfen dicli mühtest? Einst, einst? Dort draußen gehört er allen, in den Gedichten, die der Sehnsucht unseres Volkes Flügel leihen und in den Liedern des Zorns ist er unser. In den Zornes• liedern erhebt er sich zum Propheten, der mit gcwalliger Kraft sein Volk anklagt, das sieb selbst crnic• drigt, Ihr sagt: Neue Klänge ertönen aus den Donner• Worten dieses modernen Propheten nicht, Mag sein. Vielleicht ist er schöpferischer in seinen übrigen Werken. Aber die Flammcnglut dieses lodernden Sie wissen, wieviel Unheil die abscheuliche Blut• hescliiildigung augerichtet hat, und wie sie noch heute in Kiew und anderen Orten ausgestreut wird. Sic wird auch während der nächsten Session die Duma beschäftigen. Für uns Juden seihst ist hier sehr schwer gegen unsere Feinde anziikiimpfen. Deshalb bat ich Gorki und A ui p 11 i t h e a t r o f f, welche beide außerhalb Rußlands weilen, an die bedeutendsten Schriftsteller und Publizisten UußUuüs Uccanzutrctcn mit dem Ersuchen, einen Protest gegen die schcußliehe Bluthcscinddigmig zu erlassen und eine gemein• same Schrift lieraus/ugelH'ii, welche auf historischer und wissenschaftlicher Basis die Nichtigkeit der Angriffe nachweisen soll. Sie haben sieb bereit erklärt, meinem Ansuchen naelizukonmien und die nötiget! Schritte in der Presse unternommen. Der Protest wird im Winter erscheinen und wird eine Massen• Verbreitung finden, um das niedere Volk aufzuklären. Ich hoffe, daß das von großem Nutzen sein wird.“ Wehrvolk Vor uns liegt das Oktoberheft von ״Ost und West‘4, dem Organ der Deutschen Konferenz-Gemein• Schaft. Es ist. als ob ״Ost und West“ aus seinen belletristischem Träumen zu ganz neuem Leben, zu einem Leben voll von atkräftigein Handeln erwacht. Denn das ganze Heft durchweht der Gedanke: Stehet auf, ihr alle, die ihr euch wirklich noch Männer in Israel nennt, und schreit den Völkern die entsetz.•

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