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Jüdische Rundschau · 1911-10-20 · Heft 42 (20.10.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Jjcile 4Q4 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42 Essener Fall nnfweist. Die Verurteilten wollen noch jel/t das Wiederaufnahmeverfahren belreihen. Um ihrer Kinder und deren ehrlichen Namens willen. Wie damals in Essen appelliert der All* walt der Heiden an die Unterstützung der öffent* liehen Meinung, üb sie ilun in gleichem Malle wie den Bergleuten zuteil wird, das dürfte für die Beantwortung der Frage entscheidend sein, ob Jude sein heutzutage bei uns nicht doch noch gefährlicher ist, als Sozialdemokrat sein. Glossen Militaria. ״Hehniidelt die jüdischen Soldaten gerecht, aber bewertet ihre Leistungen ungerecht." Das soll nach einer parlamentarischen Korrespondenz etwa die Norm gewesen sein, nach der mit den Ein• jährigen der deutschen Armee, welche am 1. Oktober zur Entlassung kamen, verfahren wurde. Für den Jahrgang 1011/12 scheint mm wieder die alte Formel ״ungerechte Heliandlung und ungerechte Beurteilung" in Geltung zu kommen, Wenigstens wird aus dem Gebiet des XV. Armeekorps von einem KorpserlaB berichtet, der mit der schikanösen Behandlung der jüdischen Einjährigen beinahe schon vor deren Ein• tritt in das I teer beginnen will. — Es ist bekannt, daU für die militärischen Behörden eine generelle kricgsniinistcrielle Anordnung besteht, nach der die jüdischen Soldaten, unter Berücksichtigung der dienst• liehen Erfordernisse für die Zeit der hohen Feiertage zu hcurlauhcn sind. Die Möglichkeiten hierzu sind recht verschiedene, da die Truppen sich zur fraglichen Zeit meistens im Manöver befinden. Am diesjährigen Versöhnungstage, dem '2. Oktober, lag die Sache mm bei den als Einjährig-Freiwillige Eintretenden bc* sonders günstig, zumal es sämtlichen Einjährig* Freiwilligen mit Rücksicht darauf, dal) der 1, Oktober auf einen Sonntag fiel, gestattet worden war, erst am 2. Oktober vormittags anz.iitrcten. Die zuständigen Rabbiner und im elsässisehen Falle das Konsisto* rium hatten sieh daher an die Kommandierenden ge* wandt und eine Verschiebung des Eintrittstages für die Juden auf den 3. Oktober erreicht, Der Straff* Bürger Befehl aber hatte eine eigenartige Fassung: Er erteilte die Erlaubnis für diejenigen Einjährigen, ״die es wünschen“ und enthielt am Schluß die Bc* Stimmung: ״Die beiden Tage wären nachzudienen.“ — Beiläufig wäre zunächst zu bemerken, daß die jüdischen Einjährigen nach dem Ausgefülirten ja tat* sächlich mir einen Tag später eintraten als ilire nielujiidischcn Kameraden und dafür nun zwei Tage naehdieucn sollen. Das ganze Verfahren aber stellt eine solche ungeheuerliche Ungerechtigkeit und Miß* achtimg unserer Religionsgemeinschaft dar, daß es den schärfsten Protest verdient und daß man dem nur z.usiimmcn kan 11, wenn das Konsistorium entschlossen ist, eine allerhöchste Entscheidung anz.urufen. Es ist bekannt, welche Sorgfalt Im Meere der Pflege des religiösen Sinnes gewidmet wird. Fast in 14 tägigem Turnus werden die Soldaten beider christlichen Konfessioneu ins Gotteshaus kommandiert, Kriegs»!( und Fahneneid sind von religiösen Gedanken getragen, und sogar im Biwak wird bisweilen dem religiösen Bedürfnis enlgegengekommcii. Gegen diesen Geist glaubt man jedoch nach Belieben verstoßen zu dürfen, wenn cs sich um Soldaten jüdischen Bekenntnisses tändelt. Während der christliche Soldat zur Befo!• gung seiner rc'igiüsei» Vorschriften angclialtcn wird, wird der jüdische dafür bestraft. Denn das ist de facto die Wirkung des Erlasses. Oder milder ausgedrückt: Es wird auf den religiösen Verstoß .eine Prämie gcsetzt. Die jüdischen Einjährigen des XV. Armeekorps Werden sich am ersten und zweiten Oktober tu 12 gewiß nicht dienstlich überanstrengen. Sie werden noch zwei Tage ihre Zivilkleidung schonen dürfen und im übrigen mittags bei der l'aroleausgabe er* scheinen, aber das ״Naelidienen", das sie sonst nur mit Kameraden, die eine Fcstungsstrafc oder lange strenge Arreststrafe verhüllt haben, gemein haben, wird auch bei ihnen, die gewiß weit eher Grund haben, auf das Opfer, das sie ihrer Uebcrzeugung bringen, stolz zu sein, von vielen als Schimpf betrachtet werden. Wir aber betrachten cs als einen Schimpf, der dem gesamten deutschen Judentum angetan wird und als einen Schimpf, der durchaus symptomatisch ist, für unsere Lage, die einem jeden, der mit Staat* liehen Machtbefugnissen ausgcstatlct ist, Zurück* Setzung und Kränkung gegen uns erlaubt, die unserer angeblichen Gleichberechtigung hohnsprvchcn. V o m U 111 e r g a n g d e r d e u t s c 11 e ח Jude n. Unter dieser Spitzmarke könnte man alle die Nachrichten sammeln, die uns davon berichten, daß im Städtchen Adorf der kinderreiche Kantor das Feld seiner 15 jährigen Wirksamkeit verlassen hat, tun einem genügsameren unverheirateten Kollegen den Platz zu räumen, da die immer mehr zusainmenschtnelzcnde Gemeinde trotz, aller Opferwilligkeit das bisherige Gehalt (iir den Kautorenposten nicht mehr nttswerlen konnte: wenn ein Synagogen hau in Bedarf auf Abbruch verkauft oder gar zur Anlage einer Rollschuh* bahn ausgeboten wird, oder wenn in Ccdorf die jüdische Schule mangels der erforderlichen Frequenz aufgelöst und die Schüler der Schule in Dcdurf zu* gewiesen werden. All das sind kleine, unbedeutende Erscheinungen in dem Prozeß, durch den sich das Schicksal des deutschen Judentums zu erfüllen scheint und der in T h e i I h a b e r s Buch deutlich aufgezcigt ist. Heule sei wiederum ein solches Anzeichen registriert. Es stammt diesmal aus dem Inseratenteil eines jüdischen Blattes und lautet so: ״Für einen pen* sionierten Lehrer, der gewillt ist, an Deiner Schule den Religionsunterricht zu erteilen und das Amt eines Kantors zu übernehmen, bietet sich per Oktober an gesundem Ort passende Stelle." Der ״Frankfurter Zeitung", die dieses Inserat mitteilt, gibt naturgemäß zunächst die soziale Seite der Frage, die tuauspruch* nähme eines altersschwachen Lehrers, zu denken. W i r glauben kaum, daß sich die Gemeinde zu dieser Ausschreibung entschlossen hätte, wenn nicht äußerste Not gedrängt hätte. Und das eine wissen wir: Wenn der neue Kantor seine letzten Kräfte verbraucht haben wird, dann wird seine Stelle nicht neu besetzt werden. Und die verbliebenen Gemeiiulemilglicder? Sic w'dcr* stehen nicht länger der magischen Anziehungskraft der Großstadt. Die Gemeinde, das letzte, was sie hielt, ist ja nicht mehr. Die Alten beschließen ihren Lebensabend int Kreise der Kinder, die schon längst in der Stadt ihrem Erwerbe nachgcheii. Die Jungen aber ziehen hinaus, um sich eine Welt zu erobern. Und diese Welt ist wiederum die Well des Großstädters. Und wieder ist eine jüdische Siedchiug verschwunden. Wieder einer jener Posten aufgegeben, die uns zur physischen Erneuerung unseres großstädtischen Menscheninaterials so bitter not tun. Und all das berührt mit drei Jahren Zuchthaus vorbestraft war. Von solcher Beschaffenheit also war das Belasluugs* material. Die Geschworenen glaubten aber diesen christlichen Zeugen, und cs WMrd.cn Koiumis Eduard S. mit •vier Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf zehn Jahre und der Lehrling Isidor C., da seine Jugend Zuchthausstrafe und Ehrverlust nicht zu ließ, mit zwei Jahren Gefängnis bestraft. Gegen beide wurde auch auf die dauernde Unfähigkeit, als Zeuge oder Sachverständiger eidlich vernommen zu werden, erkannt! Jeder Unbefangene hätte einen solchen Ausgang nicht erwartet. Indessen kommt noch mehr; Auf Veranlassung eines Verteidigers wurde gegen den Zeugen Haschkc nachträglich das Mcincidsvcrfnhrcn eingeleitct, •weil er seine schwere Bestrafung von drei Jahren Zuchthaus wegen Sittlichkeitsverbrcchens verschwiegen hatte. Denn hätten, führte das Gesuch aus, die Geschworenen von dieser Tatsache Kenntnis gehabt, so hätten sic doch einem solchen Zeugen jeden Glauben versagen müssen. Haschkc wurde angeklagt, redete sielt aber damit heraus, daß er aus Scham seine diesbezügliche Vorstrafe dem Vorsitzenden Landgerichtsrat Ackermann nur zugeflüstert habe (!!), und Herr Ackermann gab diese Behauptung als möglich zu. Freilich hätte alsdann das Protokoll der Wahrheit widersprachen. Indessen wurde Haschkc mit Rücksicht auf das Ackcrmannsclie Zeugnis freigesprochen. Ein späterer Antrag des Verteidigers des Lehrlings C. auf Wiederaufnahme des Verfahrens wurde abgclehnt, weil Haschkc wegen seiner falschen — angeblich zugeflüsterlen — Aussage nicht verurteilt worden sei! Außer diesem Autrage wurden qocli wiederholt Wiederaufnahmeanträge ohne Erfolg gestellt. Ihre Zurück- Weisung erfolgte stets aus formellen Gründen. Schließlich reichte der unglückliche Vater des Lehrlings C. ein Immediatgesuch ein, das der Erste Staatsanwalt als Geiängnisvorstcher mit der Motivierung befürwortete, daß sich C. während der Haft ״gut geführt und denjenigen Ernst an den Tag gelegt habe, der als eine Gewähr für seine Entlassung angesehen werden könnte." Aber C. sollte cingestchen, daß er den Meincid geleistet habe. Da er dies nicht fertig brachte, wurde er nicht aus der Haft entlassen, ״weil er sich nicht' gebessert hätte und nicht zur Erkenntnis seines schweren Verbrcchens gekommen sei.“ (!!) Er mußte also die volle Strafe abbüßen. Auf die Anfrage des einen Verteidigers, warum denn nicht auch gegen die Zobclschen Eheleute und den Kommis Samuclis, die doch alle drei dasselbe, wie die beiden Verurteilten beschworen hätten, wegen Meineides vorgegangen würde, erging vom Ersten Staatsanwalt der Bescheid, daß dieser es ablehne, die Gründe hierfür anzugeben.“ Das ist der eigenartige Verlauf des Prozesses, der gewiß zahlreiche Analogien zum ״Abrahams Weinberg“ *) Die russischen Judenverfolgungen zu Beginn der achtziger und der neunziger Jahre tlcs vorigen Jahrhunderts haben nicht nur die jüdische Welt aufgerüttelt. Bleischwer und drückend lag auf der ganzen zivilisierten Menschheit das Bewußtsein, daß aller Fortschritt und alle Aufklärung nicht imstande waren, solche Rücklälic in das krasseste Mittelalter zu verhüten. — Auch in der Christenheit und besonders in England lohte das Mitleid zu einer schönen Flamme auf. Weit öffnete England seine Tore den Fluchtlingen, die damals in früher nie geahnter Menge sich nach den Ländern des Westens zu wenden begannen. Uebcr 200 Ü00 Juden hat England seither aufgenommen, und noch größer ist die Zahl derer, denen in England zur Weiterreise «ach Nordamerika verhohen wurde, wo in dem gleichen Zeitabschnitt an zwei Millionen Einlaß fanden I Diese Ziffern, die weit über die der Volker- Wanderung hlnnusgchen, sind das Großartigste, was damals in die Wege geleitet wurde; — im folgenden aber soll von einer der schönsten Hilfeleistungen berichtet werden, zu denen die damalige Katastrophe die Veranlassung gab. 1 *),^'*,{phigcr Erlaubnis des Verfassers entnommen nCm. ״kürzlich erschienenen Buche: ״Bilder aus Berlin V911a״ VOn ^av‘s Trictsch. Orient-Verlag. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nahm die Frau des englischen Konsuls in Jerusalem, Mrs. Finn, Interesse an der Lage der jüdischen Bevölkerillig der Stadt, die damals etwa 5000 gezählt haben mag, Ihr schien das beste Mittel zur Hebung der Lage darin zu bestehen, daß Arbeitsgelegenheit ge* schaffen würde, denn zu jener Zeit lebte fast die ganze Jerusalemer Judenschaft von Almosen oder dergleichen, und wenn jemand Arbeit gesucht hätte, so hätte er sie nicht gefunden. Mrs. Finn brachte also die nötigen Fonds auf, um in dieser Richtung wirken zu können, und baute auch 1852 außerhalb der Stadtmauern ein kleines 1 laus, das sic ״Housc of Industry“ nannte. Aber die Sicherheitsvcrhälinissc außerhalb der Stadt waren damals so schlecht, daß niemand wagte, dorthin zu geben, und als Mrs. Fiijn einige Jahre später nach London zurückging, konnte sie vorerst nichts weiter in der Sache tun. Sie hörte aber nicht auf, für ihre Idee zu wirken, und Viele nahmen auch Interesse an der Sache, mir war cs ihr zunächst nicht möglich, die Arbeit in Jerusalem fortzusetzen. Ais aber 1882 die russische Katastrophe cinbracli, wies Mrs. Finn von neuem auf ihr Hilfsmittel hin, und cs gelang jetzt, was dreißig Jahre vorher nicht durchführbar gewesen war: Die Gründung eines Instituts zur Schaffung von Arbeitsgelegenheit für die Juden Jerusalems. Das alte Haus wurde erweitert, ein Garten angelegt, Zisternen gegraben, Weinstücke und Fruehtbäumc gepflanzt — alles durch jüdische Arbeiter, die hiermit allein schon Jahre hindurch Beschäftigung fanden. Es wurde dann eine Seilenfabrik eingerichtet, eine Anzahl Leute in der Stein• liaucrei beschäftigt und von Jahr zu Jahr das Besitz• tum verbessert, mehr Zisterne» gebaut usw. — Viele Jahre hindurch haben mehr als sicben/ig jüdische Arbeiter dort Beschäftigung gefunden, und die Zisternen, die sie gebaut, haben in Jahren des Wassermangels, der in Jerusalem inaiiclimal sehr schwer auUrUt, viele Tausende von Juden mit dem nötigen Wasser versorgt, das sic zu arm waren zu kaufen. Ich habe ״Abrahams Weinberg“ — dies ist der Name des Instituts — oft besucht, und da manche Zweifel hatten, ob alle diese Arbeit tatsächlich nur in der christlichen Sympathie für die verfolgten Juden ihren Ursprung habe, oder ob hier, wie in vielen anderen englischen Instituten Jerusalems, Missions• intercssen obwalten, so habe ich die Gründerin von ״Abrahams Weinberg“ gelegentlich in London aufgesucht. Ich fand eine alte Dame, die ganz in der Arbeit für die jüdischen Verfolgten aufgeht, und die cs durchaus von sich weist, andere Ziele zu haben als die Besserung der Lage in Jerusalem. — Als Andenken gab sie mir beim Fortgehen eine Mesusa auf Pergament ״geschrieben von einem Rabbi in Jerusalem“. Als das ״Housc of Industry“ gegründet wurde, war es das erste Häuschen außerhalb der Stadt, so daß niemand hiuauszugehen wagte. Jetzt liegt die sehr .stattlich ausgebautc Anstalt inmitten der neuen Vorstädte Jerusalems, die Tag für Tag weiter anwachscn, und der Leiter von ״Abrahams Wein-

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