Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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privatim — wo cs heißt, daß Fräulein Hildegard Löwenthal und Herr Oberleutnant von Adorf, oder Fräulein Sarah Cohn und (terr Rittmeister von Bedorf sich verlobt haben — ״Weihnachten 1911“. Ein Gewaltstreich der Pariser Alliance-Leitung! Am 18. Oktober findet in Paris eine Sitzung des gesamten Zentralkomitees der A11 i * ancc Isradlitc Universelle statt. Wie die N. J. K. erfährt, plant die Pariser Leitung die Durchsetzung eines Antrags, wonach die Wahlen für das Zentralkomitee abgeschafft (!) und durch ein System der Kooptation ersetzt werden sollen. Dadurch würde die Alliance* leitung natürlich vollkommen der kleinen Gruppe ausgclicfert werden, die gegenwärtig in Paris am Ruder ist. Von seiten der deutschen Mitglieder des Zentralkomitees wird der schärfste Widerstand gegen die* 8cn Knebeiungsversuch entfaltet werden, der dein Statut wie der Tradition der Alliance ins Gesicht schlägt. Das Statut, in dem allgemeine Wahlen vorgesehen sind, kann nur geändert werden, wenn % der Mitglieder des Zen* Iralkomitces einen entsprechenden Antrag stellen, was bisher nicht geschehen ist. IX‘r geplante unerhörte Antrag verdient, vor der jüdischen öeffentlichkeit gebrandmarkt zu werden. Die Präsidialmitglieder der Deutschen Konferenzgemcinschaft, die Herren J u s t i z r a t Fuchs und Ge heim rat Prof. Landau, die sich zu der Sitzung nach Paris begeben, werden den Antrag entschieden bekämpfen und gleichzeitig die Vor* gänge bei den letzten Wahlen zur Sprache bringen, die gleichfalls zu lebhaften Auseinandersetzungen führen dürften. — Dieser Ocwnltstrcich dürfte der Allianceleitung, falls sie ihn durchführen sollte, sehr übel bekommen. Ein Ruf zur Tat! Pie Zeit liegt noch nicht gar zu lange zurück, da man wohl mit einer Art schmerzlichen Bedauerns, doch nicht ohne Trost und ()tauben auf Rullland sah. Wohl fühlte man es wie einen Widerspruch innerhalb der ganzen übrigen europäischen Völkerweit, aber wie einen Widcrsprueb, der bald bescitigt sein mulite. Man sah die , Freiheit auch dort schon auf dem Wege. Pie Freiheit für ulle, daher auch für die Unterdrücktesten der Unterdrückten, die Juden. Diese Zuversicht wurde durch die Revolution in den Entzündlicheren nur gesteigert, in den übrigen wenigstens nicht herabgedrückt; durch das böse Ende des Kampfes zwar erschüttert, aber durchaus nicht vernichtet. Eine Krise, dachte inan, wenn auch eine langgezogene und mit vielen Wechselfiillen, aber schließlich dazu da, um üherstauden zu werden. So nahm man selbst die Pogrome, wenn auch mit Schmerz, und Entsetzen, so doch mit der gewissen stillen Hoffnung hin, daß am Ende auch diese Heimsuchung vorübergehen müsse. Nun hat der Optimismus sicherlich sein Gutes. Doch nicht der Optimismus des Fatalisten, der geduckt und mit scheu zu Boden gesenkten Blicken wartet, bis droben das Unheilgeflatter vorühergezogen ist, sondern der des Kämpfers, der seine eigene Hoffnung nicht im Stiche läßt. Und so hätten auch wie nicht wartend, sondern handelnd hohen müssen. Wir begnügten uns aber im besten Falle mit der Verabreichung der notwendigsten Liebesgaben, und das war sicherlich nicht die wehrende Tat, die die Not der Zeit von uns verlangen durfte. Inzwischen ist es noch schlimmer, noch viel schlimmer geworden, — so schlimm, daß die Pogromluft, die nun wieder in Rußland weht, im Grunde das kleinste Uebcl ist. Denn die Pogrome wußten sich wenigstens durch die Unmittelbarkeit ihres Grauens Oehör und Wirkung zu verschaffen. Man brauchte nur ein einziges Mal einen kurzen Zcitungsbericht mit den hauptsächlichen Grausamkeitstypen der Hooliganc zu lesen, um nicht nur orientiert, gepackt, empört, aus allem Gleichgewicht gebracht zu sein. Das Fürchterliche aber, das heute ‘mit den ׳ Juden in Rußland geschieht, ist nicht nur ״unblutig“, » sondern viel zu weitläufig, viel zu verwickelt, viel zu sehr in die regelmäßig laufenden Ereignisse des Berufs- und Erwerbslebens hineingebettet, um ein *so unmittelbares und wuchtiges Entsetzen, hervorzu- ״־»!״. wie die Pogrome. Und 80 konnte v» kommen, daß wir ohne besondere Gemiitserregung Zeugen von Zuständen und Vorgängen sind, die uns in den tiefsten Tiden unserer Seelen aufwühlcn und mit unwiderstehlicher Gewalt zur entschlossenen Tat drängen müßten. Eine Orgie brutaler J u d e n a u s t r c i - bungen und Jmlenverschickuiigcn rast durch ganz Rußland. Täglich, buchstäblich täglich, lallen tausende jüdischer Existenzen. Und die Erfindergnhe der ausführenden Organe weiß jede einzelne Katastrophe mit allerlei Häßlichkeiten und Gräßlichkeiten auszu* stattgn. Zahllose andere ökonomische Drangsalierungen legen sich Ring an Ring tun den Leih der russischen Judenhcit — ein Panzer, der dem Opfer die Urust einengt, den Hals zuschnürt, den Atem raubt. Es ist die wirtschaftliche E r d r o s s s e I u n g eines Volkes, wie sie roher und wilder ausgeführt die Geschichte noch niemals sah. Ein System schamlos ungeschminkter oder sata- »isch ausgetüfteiter Gesetze und Verordnungen dient dazu, die jüdische Jugend aus ihrer Bildung*- und Lebensbahn zu reißen. Rechnet man noch die schuftigen Beschränkungen hinzu, denen die schon in den freien Berufen tätigen Juden unterworfen sind, so heißt das: Oer Stolz, und die letzte Hoffnung der russischen Judenhcit, ihre I n t c 111 i g e n z, steht vor der Ausrottung! Und kaum wagt sich die zitternde Frage über die Lippen: Was dann? Von politischen Rechten ist kaum noch ein lächerlieber Rest vorhanden. Aber lasset nur erst die Regierung einen ihrer finstersten Pläne, an dem sic mit unheimlichem Fleiße arbeitet, verwirklichen: Pie Ausstoßung der Juden aus dem Heere . . . . Dann fällt die letzte Rücksicht, dann kommt die letzte Schande, dann brechen Elend und Demoralisatiun in ihren äußersten Steigerungsformen 11erein .... Aller cs kommt kaum mehr darauf an. Pie schreckliche Tatsache, daß unsere sechs Millionen Brüder in Rußland von Tag zu Tag mehr in den Zustand von Rechtlosigkeit versinken und mm schon hart an der Grenze der Vogclfrcilicit angclangt sind, ist jedenfalls schon gegeben. Es ist in ganz Ruß-!and keine amtliche Stelle mehr vorhanden, keine hohe und keine niedrige, wo der Jude noch als Rechtssubjekt, selbst auf der Basis seines beschränk• ten Rechtes, behandelt wird. Nicht in der Sache und nicht in der Form. Er mag arm oder reich, Privatmann sein oder irgendwie die jüdische Gesamtheit oder die jüdische Religion als solche repräsentieren — immer steht er wie ein Oebrandmarkter vor dem Minister sowohl wie vor dem Schutzmann, vor dem Gouverneur wie vor jedem beliebigen nichtjüdischen Mitbürger. Jeder dar{ mit ihm umspringen wie er will. Jeder darf ihn beleidigen, verhöhnen. Jeder kann ihn zu Grunde richten und jeder kann sich aus Laune oder Gewinnsucht zu seinem Schützer aufwerfen. Mit jüdischem Leben, jüdischer Ehre und jüdischem Gute wird von hohen und niedrigen Buben, von berechnenden Lumpen und müßigen Narren Fangball gespielt. Die Zeiten des Mittelalters sind wieder erstanden, Persien und Marokko ist uns auf europäischem Boden beschert. Mit dem Unterschiede bloß, daß damals und dort die Verfolgung und Entrechtung der Juden im Ncbengcschüftc betrieben wurden und werden, während sie in Rußland, nach den übereinstimmenden Berichten aller unmittelbaren Beobachter, zur Hauptbeschiiitigung der Regierung, der Verwaltung und der Bevölkerung geworden sind. Es ist rein, als ob sich der Geist aktiven und passiven Vcrfolgungs- Wahns an die Staatsmaschinc gesetzt und ein wildes Wettrennen um den höchsten Preis für Judenpeinigung inszeniert hätten. Nein, das ist nicht mehr das alte Rußland, vor dem wir uns fast mit Unrecht so sehr entsetzten, sondern ein neues, jenes neue Rußland, das mit dem Pogrom anfing, nun mit der organisierten Zennalnnmg der jüdischen Existenzen fortsetzt und uns, weiß der Himmel was, nocli bringen wird, wenn wir uns nicht endlich aufraffen, seiner wilden Jagd uns entgegenwerfen, wenn wir nicht endlich unsere Sache seihst in die Hand nehmen, um sic mit Energie und Klugheit zu führen. Oder kann jemand zweifeln, daß cs unsere Sache ist? Unsere geradeso wie der unmittelbar Betroffenen selbst. Schon vom Standpunkt unseres eigensten Interesses. Wir sollten ja nachgerade schon wissen, daß unsere ökonomische und soziale Stellung in den Ländern des Westens eine zarte Pflanze ist, die der äußersten Schonung bedarf, und das ist doch sicher, daß die Beunruhigung, die von den barbarischen Ercignissen im Osten und der aus ilnicn resultierenden Wauderbe\veg 11 ng ausgeht, nichts weniger als zutrüg, liehe Schonung bedeutet. Wie soll da die zarto Pflanze bestehen? Und weitA: Wenn schon in England Pogrome möglich waren und es englische l\>!itiker geben kann, die sie mit sichtlicher Zufriedenheit begrüßten, — dann sollten wir doch diese Pogrome als das erkennen, was sic sind, als direkte Nacliahmungen des russischen Beispiels und sollten es nicht mehr für iminöglieh halten, daß auch das neue russische ßc־ spiel seine Nachahmer im Westen findet. 1),״' dürfen wir nicht auf die große Stabilität der Vcr״ hältnisse, in welchen wir leben, vertrauen, und nicht d i e M a c h t des Beispiels außer Acht |.!sscn Wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß diese Etablierung unserer Rechtlosigkeit in Rußland eine Versuchung für die anderen Staaten und Völker bildet. Wehe uns aber, wenn einmal der erste Schritt getan ist, wenn wir einmal auch nur um Haaresbreite von der allgemeinen Staatsbürgerplattforiii weggerückt wurden! Zurück ist dann schwer, und weiter sehr leicht. Nun sind wir ja allerdings noch nicht so weit und brauchen noch nicht den Mut zu verlieren. Wir dürfen uns auch noch damit trösten, daß seihst von Pogromen bis zum ersten Ausnahmegesetz noch ein langer Weg ist und daß die westlichen Staaten vcr. möge ihres innersten Daseinsprinzips ihn nicht bc! schreiten oder wenigstens nicht in die Nähe der End! Station kommen werden. Aber dieser Trost ist ein hin. fälliger, wenn wir die Relativität alles geschiehtliehen Geschehens vergessen, wenn wir ihm blind vertrauen, statt kämpfend und uns selbst bestimmend in die Arena zu treten. Gewiß verträgt der moderne Staat keine Ausnahmegesetze gegen ganze Gruppen, doch nur gegen solche nicht, die sich fühlen, die selbst ein Stück der rastlosen, selbstbewußten Energie des modernen Staates in sieb verkörpern. Gruppen jedoch, die sich nicht fühlen, die im schlappen Pessiinisimis oder auch Optimismus dahinvegetiereu, die sich selbst aus der Liste der Lebenden streichen, - die fordern seine Reaktion heraus, appellieren form- )ich an alle ihnen feindseligen Kräfte, schreien geradezu nach Entrechtung. Und je jünger ihre lmrgtrliehe Existenz im Staate ist, je frischer noch ihre frühere Knechtung in Erinnerung aller, je starker und älter die atavistische Abneigung gegen sie ist, desto rascher kann das ״Unmögliche“ geschehen und der moderne Staat sein ״innerstes Daseinsprinzip“ an ihnen verleugnen. Darum gilt es, die Gefahr zu erkennen und sich zu rühren. Wenn wir nicht wollen, daß wieder die Zeilen des Mittelalters für die gesamte Judenhcit hcrcitihrcchcn, daß ihr nicht überall ein Marokko und Persien bereitet werden, dann dürfen wir keinen Augenblick mehr verlieren. Genug der Versäum• nisse! Schon damals, als Rumänien in Ansehung seiner Juden den Berliner Vertrag brach, hätten wir unsere Kralle sammeln, beraten und handeln sollen. Wir taten es nicht und haben wenigstens die <;n!• schuldigung für uns, daß wir damals, in der Blutt• zeit des Liberalismus, denn doch noch keine Ahnung haben konnten, daß da wirklich die alte, böse Saat wieder aufgehe. Die ersten russischen Pogrome vor zwei Jahrzehnten waren die zweite Mahnung. Wir überhörten auch sie. Glaubten noch immer, cs werde vorübergehen. Vielleicht durften wir das noch glauben. Aber die grauenhaften russischen Pogrome des letzten Jahrzehnts hätten uns jedenfalls nicht mehr taub finden dürfen, und doch blieben wir es noch immer: Eine Wüste, in der nur vereinzelte Stimmen erklangen, die nach Organisation und Arbeit riefen .... Nun gellte die vierte, ernsteste, die letzte Mahnung an unser Ohr. Hüten wir uns, auch sn־ zu überhören! Und rechtfertigen wir nicht unsere Gleichgültigkeit und Trägheit mit dem Eimvand: ״Was können wir tun?“ Denn vor uns liegen reiche Arbeitsgebiete, sofern wir nur vorerst den taktischen und technischen Hauptfehler unseres bisherigen Verhaltens erkennen und ihn auszubcssern uns entschließen. Es ist ja richtig, daß unsere Situation inm itcn der Völker keine günstige ist. Wir sind unter »:men zerstreut, in verschiedene (ntcrcsscnkrcisc gebannt, von verschiedenen Kompetenzen abhängig, daher von vornherein nicht sehr geeignet, das, was unser gemeinsames Interesse ist, .־mit besonderem Nachdruck zu vertreten. Aber statt unseren Geist in den Kampf mit dieser Ungunst zu schicken, damit er ein Mittel ersinne, sic zu schwächen und uns zu stärken, haben wir uns ihr auf Gnade und Ungnade unterworfen. So haben wir den Sinn für Wesen und Erforderniss•׳ der Gcsanitheitsarbeit verloren und uns gewöhnt, die Methoden unseres persönlichen Daseinskampfes auch dann anzuwenden, wenn cs sich nicht um uns als Einzelperson, sondern um die jüdische Allgemeinheit handelte. Von irgendwelchen weitscliaucnden, vorbeugenden Aktionen war keine Rede, aber auch der Heimsuchung, die schon da war oder un* mittelbar bevorstand, traten wir nicht geschlossen, nicht gesammelt, nicht autoritativ, traten über• haupt nicht w i r entgegen, sondern der oder jener, der sich gerade berufen glaubte und cs oft genug nicht war, ein Mandat aber niemals besaß. Selbstverständlich konnte dieser einzelne auch die glänzendsten Geistesgaben, sofern er sic hatte, und die reichsten persönlichen Machtmittel nicht an wenden, wie cs notwendig gewesen wäre. Denn er sah immer nur Aufgaben des Augenblicks, immer nur Reparaturen, immer nur Angelegenheiten zur Erledigung, niemals große Aufgaben, niemals Ziele oder Richtungen,