Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 478 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40 1 ] I I Unsere Arbeit in Palästina (Schluß aus Nr. 3&) Jüdischer Naiionalfonds (Bericht des Hauptburcaus des J. N.-F.) Das demokratische Ideal ״Alles durch das Volk und {ür das Volk“ hat im Jüdischen Nationalfonds wie nirgends sonst seine Verwirklichung gefunden. Diesem Prinzip entspricht die Grmidbcstimimuig unse־ res Volksschatzcs, die Art seiner Propaganda, der Aufbau seiner weltumfassenden Organisation und seine Tätigkeit im Lande unserer Zukunft. Das ist cs, was ihm die liebevolle und uneriiiiiib liehe Hingebung aller seiner Mitarbeiter, die steigende Popularität und die wachsenden Erträge sichert. Daß der Nationalfonds auch in der Zeit seit dem neunten Kongreß im Sinne jenes Prinzips gewirkt hat, davon mögen einige markante Tatsachen Zeugnisgeben. Seit dem IX. Kongreß, d. i. während anderthalb Jahren, ist durch unsere Organisation ca. eine Milli« 11 Francs für den Nationalfonds und Genossenschafts־ fonds aufgebracht worden. Diese Summe floß aus 26 Ländern zumeist in kleinen Spenden ein, die in 20 zionistischen Zeitungen ausgewiesen wurden. In mehr als 50 Zeitschriften wurden fortgesetzt Artikel, Berichte, Aufrufe und Anregungen, den N. F. betreffend, ver• öffentliche lieber •100 000 Flugblätter und Broschüren sind vom Hauptburcau und mindestens ebenso viele von den Sammclstellcn herausgegeben worden. Die Publikationen des N. F. sind in 10 Sprachen erschienen. Ende Juni 1911 betrug das Vermögen des J ü - .dischcn Nationalfonds 25*M629.32 Mark, wo• von 68 Prozent in Palästina investiert sind. Das sind die trockenen Daten, die sich aus unserm statistischen Material ergeben. Dieses Resultat konnte nur durch das hingebungsvolle Zusammenwirken unse־ rer Vertrauensmänner erzielt werden, die sich die Werbearbeit für unsern Volksschatz zur wichtigsten Aufgabe gmacht haben. Ihnen allen wird das jüdische Volk für ihre mühevolle aufopfernde Tätigkeit Dank wissen, Hand in Hand mit ihrer Arbeit, die in den Einzelberichten der Sammclstellcn ausführlich geschildert wird, ging die Tätigkeit in Palästina, über welche \vir nachstehend berichten. Den Zweck des Jüdischen Naiionalfonds bildet der Erwerb von Grund mul Boden für das jüdische Volk und die Uebcrführimg der Juden zur produktiven landwirtschaftlichen Tätigkeit. Nur soweit der Jii• dischc Nationalfonds zeitweilig in diesem Rahmen keine Verwendung für seine Mittel findet, wendet er sich privaten Kolonisationsuntcrnehmungcn in Pnlü־ stinn, der ebenfalls ungemein wichtigen städtischen Siedlung und verwandten Aufgaben zu. Durch Erhöhung des seitens des J.N. F. der P a I c s t i n c Land Development Comp a n y gewährten Kredits von 3000 C auf 10 000 C ist es dieser Gesellschaft möglich geworden, in Galiläa ein an gutem Verkehrsweg gelegenes, sehr fruchtbares großes Terrain zu erwerben. Es hat sieh bald darauf eine Pächtergenossenschaft aus dem Kreise erfahrener landwirtschaftlicher Arbeiter gebildet, die einen Teil dieses Terrains bewirtschaftet und mit gleicher Ar־ beitslust und Zähigkeit, wie die Pächtergeimssenschaft in Umdjuni bei ungleich schwereren Bedingungen ihre Arbeit durchführt. Ein zweiter, vom N, F. gekaufter ז eil ist für die von Dr. Oppenheimer geplante S i cd u n g sg e n os s e n s cli a f t bestimmt, für die auch bereits die ersten Arbeiten unter der Leitung eines erfahrenen Agronomen in Angriff genommen werden. Mit dem Erwerb dieses Terrains ist der Stillstand in der landwirtschaftlichen Kolonisation, der mm Jahre angehalten hat, gebrochen, und es ist hei einer glück־ liehen Durchführung dieser Arbeit mit Zuversicht zu erwarten, daß weitere ähnliche Unternehmungen folgen werden. Umdjuni, das an der Ostscitc des Jordans hei seinem Heraustreten aus dem See Kinereth liegt, wurde ursprünglich von der Farm Kinereth, die auf der West־ Seite des Jordans liegt, bewirtschaftet. Da dies sich jedoch als nicht rationell hcrausgcstcllt hat, wurde da־ selbst im Jahre 1910 eine Baracke erbaut und eine Piichtergenosscnschuft gebildet, die sieh sehr gut bc־ währt. \ Kinereth, die erste mit Hilfe des J.N. F. \ begründete Farm, nähert sich immer mehr ihrer ur• \ sprünglichen Bestimmung, einen \ rationell geleiteten Großbetrieb zu'.bilden und zugleich den Arbeitern eine Stätte zu biet\״jb wo sie sich in den verschiedenen Zweigen der L 4uulWirtschaft nusbüdeu könne». Nur bei Vorharnt״״ ' ’ von Lchrfarmen wird man einen geeigneten \ ftlichcn Nachwuchs, sowohl als Arbeiter , wnd Pächtern, wie auch als künftige * v für dje weitere Kolonisation sichern ■י ־" ץ«» dem Körnerbau, der gleich bei der 'er Farm eingeführt wurde, wurden im letzten Jaluc auch B.nimkultiir, Viehzucht und Ge־ llügelzucht aufgenommen. Ebenso wurde auch ein großes Dcwässcrungswcrk installiert und mit dem An־ bau von B a ti in w olle und O e m ü s e begonnen. Es verdient hier erwähnt zu werden, daß die I) c s s a u e r I s r a e I i t i s c h c K u 11 u 8 g c ni c i n de eine Oclbaüiiipflanzung von zirka 10 ha in Kinereth aulcgeu läßt, deren Nutznießung bis 99 Jahre nach der Anlegung der genannten Kultusgemeinde gehört. Nach Verlauf von 96 Jahre geht die Pflanzung in den vollständigen Besitz des J. N.E. über. Hoffentlich werden auch andere Kiillusgemeiiiden dem nun gc־ gebenen schönen Beispiele folgen. Auf Initiative des Jüdischen Erauenverhandcs für Kulturarbeit in Palästina und mit Unterstützung desselben werden jetzt sechs Mädchen und eine diolomierte Gärtnerin beim Gemüsebau und bei der Milch• Wirtschaft in Kinereth beschäftigt.׳ Auch die Anlage der Hcrzlwaldungcn In Hulda und Bonschcmcn, die der Verein ״Oelbaumspendc" auf dem dortigen N. E,־Boden ausführt, stellt sich immer mehr als eine Arbeit von großer Bedeutung für die Kolonisation heraus, in den letzten anderthalb Jahren wurden ca. 1300 Dunam mit Oliven- und andern Nutz־ und Zierbäumen in Hulda und Beuschemcn unter der Leitung des Agronomen W i I k a n s k y augepflanzt. Es finden durchschnittlich an beiden Stellen ztisam־ men 6O--100 Arbeiter, darunter mehrere Familien, lohnemle Beschäftigung. Um die Arbeiter das ganze Jahr hindurch wirtschaftlich rationell beschäftigen zu kön־ neu, mußte mau in beiden Wirtschaften auch den K örn erbau in den Wirtschaftsplan aufnehmen, wo• bei wir im vorigen Jahre einen angemessenen Gewinn erzielten, wahrend für das laufende Jahr die Bilanz noch nicht abgeschlossen ist. In Bcnschemcn wird auch in kleinem Maßstabc mit Viehzucht der Anfang gemacht. Besondere Ausgaben entstanden in der Berichtsperiode durch die Errichtung der notwendigen Wirtschaftsgebäude wie auch der Wohnungen für die ledigen Arbeiter, ln beiden Wirtschaften haben sich die!eiligen Arbeiter gute ArbcitskÜcheu eingerichtet, für die die Verwaltung die nötigen Räumlichkeiten mul Ausstattung gegeben hat. Eine weitere Olivcnpflanzung auf dem von Herrn J. L. G o I d b c r g in Wilna dem J. N. F. geschenkten Terrain von ca. 20 ha befindet sich in der Kolonie Chedora. Ebenfalls in Gliedern befindet sich der G a n ־ S c h m 11 e l, der zum Andenken des seligen Rabbiners Samuel Mohilcwer von Bialvstok angelegt und vom Odessaer Comitö dem J. N. F. geschenkt wurde. Der Gnn־Sclum1el besteht aus einer fruchttragenden Oraiigetipflanztmg von ca. ■I•/:• ha, die noch auf einige Jahre der Gesellschaft ״Itzhnr" verpachtet ist, mul aus mehreren Dunntn mit Etiirogimbäumen, von deren Früchten bereits im vorigen Jahre mehrere Hirn• dert verkauft wurden. Da im laufenden Jahre viel Sorg, fall auf die Pflege der Ethrogim verwendet wird, so ist auf eine zufriedenstellende Ernte zu rechnen. Palästina־ liebende Juden werden sich gewiß bestreben, Ethrogim aus dein Gan-Schmuel, der unter der Aufsicht des Jaffaer Rabhinats steht, sich zu verschaffen. Außer den direkten Besieiilungsnrheiten, die der J.N. F. seihst oder durch die ihm nahestehenden 111• stitiilionen: Oelbnumspeiule, Palestinc Land Devclop• ment Company mul neuerdings die Oppcnlieimcrsclie Sieillimgsgesellschaft ״E r e z I s r a e I“ nusführt, ist er auch bemüht, durch Gewährung von Darlehen be־ rvils bestehende Kolonien zu fördern und neue hegründen zu helfen. So hat er durch die Vermittlung der Anglo Palestinc Company einen Kredit von ca. 20 0 00» Frs. an laiulwirtschaftllchc kooperative Genossenschaften bewilligt, der sowohl von Orangen, mul Mandelbe* sitzern in Pethaeh-Tikwali, Reclioboth, Ricl10n־lc־Zion, WatlUel-Chanin, wie auch von den Arbeiterkolonistcn in Hir-Jakoh und Am-Ganim für die Anlage von Be־ wässeruiigswerken z w e c k s Einführung r a t i o - n e 11 e n G e m ü s e h a u s In Anspruch genommen wurde. Soweit dies noch im vorigen Jahre erfolgte, ist der große Nutzen der Kreditgewährung bereits siehlbar, und die Rückzahlungen gehen regelmäßig von statten, Zur Erleichterung der Begründung von Aiu-Üanim hat bekanntlich der J. N, F. bereits früher dem Odessaer Komitee der Chowewc-Zion ein Darleben von 2(1001) Frca. gewährt, und diese Arbeiterkolonie scheint die in sie gesetzten Hoffnungen zu erfüllen. Besonders ist die Tüchtigkeit und der große Arbeitseifer der meisten dieser Kolonisten hervorzu• liehen, die es ihnen bei der kleinen Fläche Bodens, die sie besitzen, ermöglichen, ihren Lebensunterhalt dein Stückchen Gartenland abzuringen! Seit jeher waren die mißlichen Wohnungsverhält•' nisse der ledigen Arbeiter ein Gegenstand der Klage für alle Freunde der palästinensischen Kolonisation. Als daher im vorigen Jahre die Vertreter der verschiedeiicn Institutionen sich dieses Uebelstandes an- 11011111011 und die Schaffung eines eigenen Fonds für ArbcltorhoiiustUtton, der dem •J. N. F, nngeglledcrt werden sollte, onregten, hat der J. N. F. dazu seine Zustimmung gegeben und sofort zu diesem Zwecke 2000» Frs. zur Verfügt״״, gestellt. Durch diese Bewilligung des J.N. F. WU|(J cs möglich, sofort an die Errichtung von Arbeiter, hä usern in den Kolonien Petiiacli• fikwalt mul dem hcran/utroten. — In letzter Zeit wurde von dem Kiewer Palüstinafrcunde Kommerzienrat M0 1 sc Hai. perin unserer Jaffaer Vertretung der Betrag von 30 000 Frs. für den Bau von Arbeiterwohnungen zur Verfügung gestellt. Aus dem mit dem N. E. nunmehr vereinigten David־ und F a n n y ־ Wo f f so 1111 f o n d s sind bisher fünf Häuser in Pethaeh-Tikwali und ein Haus in Wadi-Clianiii fertig gebaut. Vier Häuser in Rischon־ le־Zion und fünf in Reclioboth werden in nächster Zeit fertig werden.' Als ein Mittelding zwischen ländlicher und stad, tischcr Siedlung ist die Begründung der erste•! Ar. bcitcrkolonic des Beza lei in unserer Win. schaft Heiischemen zu betrachten, die ebenfalls durch einen Kredit des J. N. F. von ca. 27 000 I rs. möglicht wurde. Die zehn schmucken Wolmungcn mit dem schönen Bau der Werkstatt bilden bereits jetzt einen Anziehungspunkt mehr für jeden, der den Hcrzhvald in Benschemen besucht. Bewährt sich dieser erste Versuch, Kunstgewerbe treibende Juden auf dem Lande anzusicdcln, so werden bald weitere derartige Kolonien zu begründen sein. Mehrere bestellende Kolonien haben sich bereits an den Bezahl mit dem Ersuchen gewandt, daß die bevorstehenden ähnlichen Niederlassungen bei ihnen erfolgen mögen. In unserem Bericht von 1909 hieß cs: ״Vielleicht nichts berührt den jüdischen Reisenden, der nach . Palästina kommt, unangenehmer, als die Unsauber• keit und Enge, in welcher die jüdische Bevölkerung in Palästina wohnt. Wenn man die deutschen Kolonien in Jaffa und Haifa mit ihren schönen Häusern, breiten reinlichen Straßen, ihrem üppigen Baumwuchs be• trachtet, so sicht man, welche herrlichen Stadtviertel in Palästina geschaffen werden können." Heute braucht der jüdische Reisende nicht mehr diesen Hinweis, da das ncucrrichtctc Jüdische Stadtviertel ״Tel-Awlw" in seiner raschen Entstellung wie in seiner schönen und den Gesetzen der Hygiene entsprechenden Aus• ftihrung von der Schaffensfreude und dem Hang zur gesunden Natur, die unverwüstlich im jüdischen Volke fortwirken, ein beredtes Zeugnis ablegt. Die Eni• stehung dieses Kulturwerkes hat der Jüdische Nation»!• fonds durch ein Darlehen von 250 000 Frs., das von der A. P. C. garantiert wurde, möglich gemacht. Eis jetzt sind 67;Häuser fertig gebaut, in denen ca. 800 Seelen wohnen. Einstimmig wird von den Acr/tcn in Jaffa konstatiert, daß der G c s 11 nd hei t szu• stand in TeI• A w i w unvergleichlich besser ist als im übrigen Jaffa. Besonders ist dies bei den Kindern zu merken, die!in TebAwiw die besten städtischen Bedingungen vorfinden, um sich körper־ lieh gesund zu entwickeln. Die guten Erfahrungen mit TebAwiw haben den J. N. F. erm'iitigt, die Rückzahlungen von T'bAwiw einer neuen Haiiscrhaugcscllschaft ״Nachlaß! Ben• jamin" In Jaffa, die aus Handwerkern, Handels• und P-urcaunngcstclItcn bestellt, als Darlehen zu; Verfü• gung zu stellen, Das neue Stadtviertel wird ich an TebAwiw anschließen, und in mehreren Beziehungen Schulen, Synagoge, Wasserleitung, Bcwnchmig usw. werden beide vereinigt sein. Das Hebräische G y m n a 8 i u m in J Ifa, dis mit einem Kostenaufwand von ca. 125 000 rs. an der Herzlstraße in der Mitte von TebAwiv gebaut wurde, ist von seinem Erbauer, Herrn Lmöinayor Moser in Bradford, dem Jüdischen Natiovdfonds, der seinerzeit zu den Kosten des Grund■•1 werbe» 30 000 Frs. beigesteuert hat, als Eigentum ü1׳rl.1$scn worden. In ähnlicher Weise wie in Jaffa hat dvi .!• N. auch in Haifa einer Hänserbaugesellschaft ,.־m Bar• leben von 50 000 Frs. gewährt. Ebenso hat sich der J. N, F. an den Kosten des Grumlerv. erbs für das in Haifa zu .errichtende Techtiikiin he• teiligt und der Verwaltung desselben ein unküna• bares Darlehen von 100 000 Frs. zur Vertilgung gestellt. > Der J. N. F. hat auch in richtiger Würdigung der grollen Aufgabe des Hc/alcl die heide« grollen und schönen Häuser, die er vor zweieinhalb Jahren erworben hat, dieser Kuiistgewcrbeschule zur Ver• fügung gestellt. Als sich im letzten Jahre die Notwendigkeit de* Baues eines Tcppichntclicrs, das die Aut• Stellung großer Wcbstühle und die Aufnahme von 100 *150 Knüpfcrinnen ermöglichen sollte, herauf stellte, hat der J. <N. F. dies dadurch erinöghcltt, daß er an den Baukosten von 25 500 Frs. «ich ״״> einem Beitrag von 15 000 Frs. beteiligte und י»״ Rest dem Bezaid als Darlehen gegen Rückzahlung in sieben Jahresraten vorstrccktc.