Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40______ Holle der Juden in der Musik einer etwas siM^fiilli^eieii liiiterstidmng unterzieht, wird es natürlich aueli nicht tinfallni, tliese auf Offcnhacli /u beschränket!. lieber•!,lickt man die ganze Frage unter dem (iesiiiitswiiikel 4lcr musikalische» Urproduktion, 11. 11. der iciu |,0n1p״sit״risel1e11 Tätigkeit, s«» wird mau, enlspreehend ,!,•in \rtikel Habs, zu dem Ergebnis kommen, daß ,las jüdische Element hier keine allzu!׳rolle Fmiht• j, ,1rk1׳l entfaltet bat. Immerhin ist es in den früheren (ich׳■r.ilioiicn mit einigen!•tuen Namen wurden, wie ,\! 1• 1; d e 1 s o b n und M e y e rbecr, <lie indes beide als n-spriiiijjlichc und unabhängige Künstler vielleicht iiocl: nicht so baclt zu bewerten sind wie Offenhar 1>, dem man einige wirkliche Nachfolger auf sein ti (iebiet wünschen möchte. Denn das, was’ sein mmünellett Nachfolger, tlic allerdings wohl in ihre. Mehrzahl die Kasse mit ihm gemeinsam haben, uns ׳cut/utagc an Musik vorset/en, ist wirklich nichts l ic. es mul Ursprüngliches. Einer lehnt sich mehr öde. weniger ungeniert an den andern, und cs ist uns tun■ ׳glich, auch nur einen zu entdecken, der aufree'• und unter Verzicht auf hilfreiche Stützen dasieht. Du I extilichtcr der modernen Operette gehören auch zu. ist dem Judentum an, und daher tut mau diesem k, 1!.! ein Unrecltl, wenn man die Entartung einer eh׳ :!als so zu künstlerischer I lohe gebrachten Musikgaumig auf sein Schuhlkouto setzt. Von einigen;11״;.in, größtenteils ausliimlisclien sogenannten Kump«.•töten jüdischen Ursprungs wollen wir lieber erst g.׳. nicht reden; sie haben mehr Unheil angcrichtct;11• die Kunst bereichert. Doch dasselbe Oesterreich, di» uns mit jenen jüdischen OpeieUeukompouisteii bi.!nckt hat, entwickelte aus derselben Kasscmvur- /•; aucl» zwei andere Musiker, einander nicht ganz. י!;I. .cliwerlig, aber doch beide bedeutsame und eigene I\;xiiilicltkciten. Karl 0 0 I d m a rk s Musik mutet cu'cliiedeii orientalisch-sinnlich an, sie schwel!׳! in Iahen und ist überhaupt etwas iiulierlieh, bir^t aber;null soviel Melodie mul Wohlklan!׳ In sich, (lall wir sie nur ungern vermissen möchten. Ihr krassester (1.gensatz ist die musikalische Sebaffenswelt 011• st.iv Mahlers, der ebenfalls jüdischer Herkunft m!׳l den Juden in seiner Musik nicht verleugnend, unheslreitbar als Bereichercr unserer inusikalischen l, ncratur zu gelten hat. Namentlieli aber war und kheh er Jude insofern, als hei ihm jene Seite der kiinstlerischeu Betätigung zur höchsten Ausbildung kam, die dem Judentum stets vornehmlich zu eigen gewesen ist: die V e r m i 11 In u >,׳, die Umform u 1tg des Kunstwerks. Malder war sicher als Dirigent viel stärker denn als Komponist, uml als einer der bedeutendsten musikalischen Ausdctitcr er* kannten Hut auch die an, die von seinen eigenen Sinfonien nichts wissen wollten; sein Tod hat liier eine Lücke gerissen, die an der langjährigen Stätte seines Wirkens bisher noch nicht ausgefüllt worden ist. Es hiebe eine sehr unvollständige Vorstellung von dem Weg haben, den das musikalische Kunst• werk, technisch gesprochen, vom l'rmUiktiousoit bis zum Konsumenten zurückzulcgen bat, wollte man die lichtige Aulgabe des Kunstvermittlers, also des Diri• geilten oder des ausübenden Künstlers im Vergleich zu der des Urschöpfcrs gering bewerten. Viele von den letztem sind heute doch allzu mittelmällige Or« diesterleiter oder Pianisten, als dal! sie ihre eigenen iMisikalischcn Gedanken der. grollen Masse derer, an die sie sich scblielllich doch wenden müssen, m Ihst einigermaßen vollkommen zum Verständnis briugut können. Die meisten von ihnen brauchen, um zmn Publikum reden zu können, die Vermittlung d׳s nacltscbalfenden Künstlers, der mit hoher imisik ilischer Intelligenz und Anpassungsfähigkeit die Techin'׳; niülte- und schlackenloscr Darstellung verein». Ueradc die Jetztzeit hat hohes Verständnis für die I׳• deutung dieses Amts, das den Komponisten uml יי• ine Gemeinde überhaupt erst zusammeiibringt; ja ni'ii darf sagen, dall sielt dieses Verständnis schon U'-nvhmiü in einer Intensität äiultert, die von einer I ,׳ herscltiitz.ung des nachschalfcmleii Künstlers auf Kosten des Urschöpfcrs nicht mehr• weit entfernt ist. S'lien wir uns nun auf diesem für das musikalische. Iihen der Gegenwart so bedeutsamen (iebiet um, s״ finden wir, genau so wie bei der Verbreitung d׳ s literarischen Kunstwerks, eine sehr starke und iriolgreiche Beteiligung des Judentums. Nur einige "‘■nige Namen: In der dahingcgniigenen Generation gi'ilicr Dirigenten darf der Name Hermann l. e v i näht vergessen werden, da er mit der Verbreitung W.iguerschcr Kunst untrennbar verbunden ist. 111 den Vereinigten Staaten setzt beute Wilhelm Hertz, sein Werk mit all dem Idealismus, wie er sieh im L.'nule des Dollars nur bewahren l;'illt, fori. Von Mahler sprachen wir schon; liier in Berlin würde die ()irigentenkunst Oskar Frieds und Siegfried O c h s ׳ nur schwer entbehrt werden können, und auch der Leiter der Königlichen Oper wulile wohl, \vas er seinerzeit in Leo Blech für sein Institut aus Prag heranholtc. Dali Blech sich auch produktiv mit sehr schönem Erfolg betätigt hat, sei nur nebenbei erwähnt. Von der groben Zahl jüdischer M u s i k s c 11 r i f t ־ *tcllcr und Kritiker soll ebensowenig die Rede J Uli Dl SCH «i RUNDSCHAU Seite 477 *ein, wie von de 11 .01 ׳ßu 1 leu Musikern jüdischer Ahstaumuiiig; jeder einigen 1aDen!leidige Kon/.vt• hi Micher weil!, dal! die Judtii linier iiumtii Klavier- und (ii'igciikünsllcrn ein grolles Kontingent stellen, das lur den an ».ich boel1mnsik.disvln־u Sinn der jüdischen Kasse /engt. Wenn schließlich auch hier ein Name genannt werden •;oll, so genügt es, auf den Namen Joseph Joachim hinzmviäsen. Sollte sich tiir die Musikgeschichte etwa einmal ein zweiter Bartels nullmi, so könnte er sehr wahrscheinlich noch viel mehr Zusammenhänge zwischen dem Judentum und der Musik auUleekeii, von denen sich aber vielleicht herausstellcn dürfte, dall sie die (Qualität des he* treffenden Künstlers nicht gerade in ungünstigem Sinne bcciullusscn. Zur ziomciisefcca iraienfraf'e o Von Berta SchirnUUi-ITankhirt a. M. Der seit einiger Zeit stärker auftreicnile Wunsch, die jüdische Frau in größeren Massen für den Zionismus zu gewinnen, ferner die überall aufgeworlene Frage, wie die Gleichgültigkeit der vielen Frauen zu verstehen, und wie sie am wirkungsvollsten zu bekämpfen sei, drängen mir die folgenden Cie• danken über dieses Thema auf: l's stellt ganz, außer Zweifel, daß die Be• wegung viel gewinnen, ich möchte fast behaupten, sich die Zukiuilt sichern würde, wenn die zionistische Idee in die Köpfe und ller/en der jüdischen Frauen und Mädchen des Mittelstandes eimhingen würde. Dal! dies bisher noch nicht geschehen ist, liegt keines• lalls an der Gleichgültigkeit dieser Frauen, Wer sich einmal danach tungesehen hat, von wem die sozialdemokratischen Versammlungen besucht werden, wer sich einmal die eifrigen Kämpferinnen in der Frauenbewegung betrachtet bat, ist vollauf davon über• zeugt, dal! unsere Frauen und Mädchen begeisteiiingslähig sind, dall sie!;ruße Opfer an Zeit und Arbeit für ilire Ideale bringen. Fs sind Tausende von jungen Jüdinnen, die sich in unseren Tagen dem Sozialismus in die Anne werfen und dabei den letzten Rest jüdischer (iesinntmg mit ungehemmter Konse• ipienz ersticken. Es sind dies nicht unsere Schlechte* steil, im Gegenteil, sic stellen den aufrichtigsten, tätig• sten uml entwickeltsten Teil der weiblichen Jugend dar. Und dies trifft nicht nur für Deutschland zu, sondern gerade in Rußland, wo wir unsere Haupt• K1 alt erwarten dioftcii, wo die meisten jungen Mail• e'aeu durch höheres Studium politische Keife und Fähigkeit im hohen (iratle hesilzen, gibt es verhält• iiismäßig tiberltaup; keine Z.ioaisti inen, aber umso mehr So/ialistiniieii. Die meisten von ihnen Italien von der zionistischen Bewegung gehört, ballen sie jedoch, vom kosmopolitischen Standpunkte des SoVialismus aus betrachtet tür einen Widerspruch mit höchster idealer Gesinnung mul sagen sich, daß das zionistische Ideal durch die Hcstrebuiigcn des Sozialismus gegen• slamlslos gemacht ,winde. Gelänge es, ihrem Ver- ‘.tamhiisse iiahc/ubriiigen, wie unendlich viel näher uns heule die Judenfrage liegt als der Sozialismus, um uns vor allem den Namen eines;׳leichwertigen und gleichberechtigten Kämpfers unter den Nationen nach höchsten Zielen zu verschaffen• würde mau sie hierüber anfkläreii können, ohne Zweifel, viele würden sich ihres Judentums besinnen und in unsere Bahnen einlenkeii. Leicht allerdings werden sie nicht zu gewinnen sein! Hs gehören berufene Redner dazu, solche, die den ganzen Schatz historischen und zeitgenössischen Tatsachenmaterials mithringeii, mir die Besten ,unserer Besten, die durch ihre Berciltsainkeil jüdisches Natio• nalgefiihl und Rassestol/ zu erwecken und ein klares Bild über unsere Stellung unter den Völkern zu gehen, fähig sind. In allen größeren StiidUn müßten zu diesem /.wecke Propagnmlaversammlungeii größten Stils abgehahcit und in deren Folge Ni׳־ »soll hielt;1111klärenden und werbenden Inhalts hcrausgcgchcn werden. Dann erst konnte ein lebendes Wachstum des zionistischen Frntieiihiiiulcs zu erwarten stellen. Uni das Interesse zu verstärken, müßte ein Organ dieses Frauenbundes gegründet werden, das die Hage der jüdischen Frau, besonders der arbeitenden, aller l.ämler bespräche, indem es neben guten Aufsätzen einen mir von!•'rauen zu diesem Zwecke geführten Korrcspoiulcii/austmiscli veröffentlichte, dem sich ein literarischer Teil;mscblielieii könnte, und das durch das ständige Führen einer inlernatioualen, umfassen• den Vnkanzciiliste gewiß schnell populär und sehr verdienstvoll werden dürfte. Kurz, auch diese Frage müßte durchaus von der praktischen Seite angefalH werden, und diese Zeitung, von Frauen lierausgcgoben, müßte alle Interessen der jüdischen F'ratt im breitesten Rahmen zu Worte kommen lassen. Daß sich reichlich Mitarbeiterinnen für ein solches Unternehmen fänden, steht nicht zu bezweifeln. Solange nämlich nicht die Tausende der Frauen, die arbeitenden des Mittelstandes, gewonnen sind, hat der Zionismus keine hinreichende Expansion*• kraft und keine Zukunft. Nur auf eins muß konseipicnt gehalten werden: Keine aiisHihließciule Tendenz, darf die Harmonie des (iaii/en stöien, alle Elemente müssen in der Ver• oüiigtmg Platz linden, und die Interessen jeder eilt• /einen Richtung müssen in der gleichen Weise ver• treten werden. Denn ieli hoffe zuversichtlich, daß es dem Frauen• blinde gelingen winde, die gefürchtete Spaltung in• folge der icligiösen t rage im Innern des Zionismus zu verhüten oder eventuell allmählich wieder ZU heilen. Ich weil! es gewiß, jede jüdische Frau hat sich trotz aller äußeren Entfremdung tief innerlich eine holte Achtung vor jüdischer Ethik und der gemütvollen Schönheit des jüdischen Familienlebens bewahrt. Bei unzählig vielen unserer Frauen und Mädchen wird es nicht mehr als der obenerwähnten Mallnahmen bedürfen, um auch bei ihnen Solidaritäts• gelühl, Sclbstbcwußtscin und Begeisterung für die jüdische Renaissance zu erwecken, um sie in unsre Reihen zu traben uml zu glühenden Trägerinnen uml Verfechterinnen unseres Ideals zu machen. Sara Wechsler Gestorben am 25. Eltil '>071 (IS. Sepl. Pili). Wir lesen in den ״Sprüchen der Väter״: R. Inchanan heu Sakkai fragte seine Jünger nach dem Ilcilswcg des Hebens. Da erwiderte einer: leb tob, d. h. ein gutes Herz, eine edle Gesinnung. Und der Meister war einverstanden. Das Wort sollte mau der Freundin, die von uns ging, auf den Grabstein setzen. Heb tob: hier liegt der Schlüssel zmn Verständnis ihres Wesens. Wem ein leb tob gegeben ist, dem wurde zu• gleich die ״(iahe des Schmerzes" verliehen. Er bc• sitzt eine tiefe Empfänglichkeit für das Leid und die Nm, lur das Unrecht und die Bedrückung, welche sieh auf Erden finden. Dergleichen findet sich aber so unendlich \icl auf Erden. Deshalb gibt es so miciiillich viel zu hoffen, zu lindern, zu verbessern für den, welchem ein Ich tob iuncwnlmt. So kam es, dal! die Entschlafene überall dort anzutreffeii war, wo man in gemeinsamer Arbeit helfen, lindern, bessern will; auch manchmal dort, wo sie derlei Arbeit allein auf sich genommen hatte. Sie sah die Welt der Massen; mul ihr leb tob trieb sic zum Anschluß an jene weltumspannende Partei, welche der leidenden Menschheit durch Acmle• riing ihrer gesellschaftlichen Grundlagen Erlösung bringen zu können glaubt. Sie sali, wie die Gesamtheit ihrer Geschlechtsgenossinueii unter mancherlei Unrecht und Vorurteil zu leiden )tat; und ihr Ich loh machte sie zur tätigen Mitarbeiterin innerhalb der Bewegung, welche durch Selbsthilfe Befreiung erstrebt. Und sie sah die Not ihres Volkes: wie es liier bedruckt mul entrechtet, dort mißtrauisch geduldet und heimlich angclciuilcl, dabei im Innern zerfallen und erniedrigt, uiedlos durch das (ialut wandert. Da trieb sic ihr Ich lob, mit/iisehaffcn am Werke der nationalen Nciihclclmng. Als eifrige Zionistiu betätigte sie sich: in den letzten Jahren fast ganz allein am hiesigen Platze. Ihr allem ist es zu verdanken, daß wenigstens dem Namen nach die ״Zio• iiistischc Vereinigung Wiir/biirg" erhalten blieb und gelegentlich ein Zeichen ihres Daseins gehen konnte. Noch einen Wirkungskreis erwählte sie sich. Auch in unsere Stadt wurden durch fremdländische Brutalität vereinzelte Glieder des schutzlosen Volkes aus fernem Osten versprengt. Beraubt ihres einstigen Besitztums samt ihrer Gesundheit kamen sie: arm, elend, verlassen. Da fanden die Verzweifelnden Hilfe und tröstenden Zuspruch bei Einer, welche von ihren! leb tob getrieben wurde also zu hui. Wie sich im engen Familien• und Freundes• kreise iiir Ich lob bewährte; durch geistige Anregung und teilnehmende Eriiimiterimg, durch Treue unu Wahrhaftigkeit dies bleibe in der dankbaren Er* iniiermig derer verschlossen, welche es erleben durften. Licht und Glück verbreitern), ermangelte die Eni• schläfern• des eigenen Glücks. Denn sie besaß die ״Gabe des Schmerzes"; auch ihr persönlich war viel Schmerz gegeben. Wo sie mit Kleinlichkeit und engem Vorurteil ziisamiueutraf, fand sie Verkeimung, bisweilen Verketzerung. Kaller Selbstsucht und listiger Beredt• ming gegenüber war die ursprünglich kindlich Gläubige, hochherzig Vertrauende, eine wehrlose Beute. Auch kleinere Mißhelligkeiten blieben ihr, wie jedem, nicht erspart: wir Naben sprechen uns gleichfalls nicht frei von Schuld und Feld. Dergestalt am Leben leidend, viel verkannt und viel enttäuscht, schritt sic dennoch des Weges forV welchen ihr leb tob sie gehen hieß. Als;!her noHj{ körperliche Beschwerden sich immer stärker RU! Alu1 machten, da erwuchs ihr allmählich eine seit» Lrz. liehe Sehnsucht nach Ruhe, nach großem Fyieüen, letzt ist der Friede gekommen. Im Geis♦ /!!״־ס■ wclcltc der Lebenden nahe standen, wird /Wi, .ן:" im Frieden Ruhende unvergessen weiierl^ A-.... Würzburg, 27. Elul 5071. Abraham Sch */1CS! ngcr> tat.