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Jüdische Rundschau · 1911-10-06 · Heft 40 (6.10.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I Nr. 40 JUEDlSCin- RUNDSCHAU Seite 475 |)cr Prämie kennt mich nichl und kann mein Schick• M| nicht verstehe». Ich aber weiß mich unschuldig untl ilaiiim stelle ich die Präge au Ciott: ״Warum leide jfl|V<■ . Hätte Hiob dem Volkscmpfiiukm wider• jpnuhen, so hätte man ihn ausgemer/t aus der Reihe 11er heiligen Schriften. Und auch ferner in der finstern Nacht des Golus crlisvlit der eine Stern nicht: Gott wird uns zurück• (nhn ii in sein Land und dann wird die Gerechtigkeit licrochen, nicht mehr die Willkür, nicht mehr die W'el■ Könnte der Jude anders als die Gojim vor* achien? Was gilt ihm Rittertum und Poesie, wenn sie nicht am Maße der Gerechtigkeit gemessen wor• den waren? Was war ihm die höhere Kultur der Renaissance? Sein Wcrtmnllstah zeigte noch immer an! einen negativen Stand in der Kultur der Völker. Am diesem mit dem Juden verbundenen Gerechtig• kc!• •gefüllt entsprang die Tragik der Assimilation. AI•־ mm endlich die jüdischen Ideen der Gerechtigkeit g! .,וו alle, auf dem Umwege über Christentum und A •klärnng in die Seelen der Besten cingedrnngen eit mul sich die engen Mauern öffneten, da glaubte 111׳ Jude, daß die Gerechtigkeit gesiegt hätte. Und verlor er seinen Stolz, gegen die Völker und ״! ,de Schüler um die Güter, die er verschmäht hatte, ,t,.« der Hand der Minderwertigen entgegen zu »eh• 1a.m, aus der Hand derer, die in ihrem ethischen V ,Heu ihr Recht hatten. Und noch immer ist der Jude in dem Wahn he• i mgen, die Gerechtigkeit habe schon gesiegt, nur cm paar Antisemiten gilt cs noch zu überzeugen, Noch hat die Mehrzahl der Juden nichl eingesehen, d.dl noch immer unter den Völkern zum großen Teil die Gewalt herrscht, und die Liebe,־ daß aber derjenige, der nicht durch seine äußercMacht oder durch Gnade, d. h. Protektion sein volles Recht erlangt, es .mell niemals erreichen wird. Noch hat das Judentum seine Mission zu erfüllen. Noch hat es nicht nötig, sieh seihst aufzugehen, um in der allgemeinen Menschheit wiedergeboren zu werden; denn: nocli ist die Mensch• iieit nicht reif fiir die Gerechtigkeit. Es ist kein Zufall, daß alle die Herolde, die auf einem neuen Gebiet des Lehens der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wollen, Juden sind, oder durch jüdische Ideen stark' beeinflußt sind. Ja, das Judentum hat noch seine Mission. Aber nicht die Mission, einen einzigen Gott zu verkünden. Denn dazu müßten wir die andere» Religionen zu Pro• selytcn machen, und gerade das ist uns verboten. Längst hätte das Judentum seine Mission an andere ah• getreten, an den Islam und das Christentum, und die richtige Konsequenz aus dieser Atission wäre tat• sächlich die Assimilation an andere Rcügioucn, die an einen einzigen Gott glauben, aber die Mission des Judentums ist keine religiöse. Denn die Religion ist nicht so wesentlich jüdisch als die andere Idee: die Idee der Gerechtigkeit. Der Jude kann noch so sehr an allen Grundlagen der Ethik zweifeln, er kann die Gerechtigkeit für Unsinn erklären: in den Mo• menten, wo er sich nicht seiner Theorien bewußt ist, handelt er mit Naturnotwendigkeit nach der Cie reebtigkeit, wenn er ein Jude ist und nicht ein Manschet, und wenn er nicht zu sehr beeinflußt ist durcli die Umgebung. Diese Mission ist nicht gedacht als ein aus der Geschichte gelesener Zweck des jiidi sehen Volkes, sondern als Naturnotwendigkeit seines Volkskörpcrs. Einen unbedingten Zweck hat kein Volk oder kann ihn wenigstens nicht erkennen. Aber ein Naturgesetz kann in ihm walten, dem es Hindernisse eine Göttin des Lebens, und die heißt Eironcia —• Ironie, sagt irgendwo Börne. Und wenn ich ein Künstler wäre, der seinen Ideen mit Meißel oder Farben Leben verleiht, so würde ich das Leben darstellen, als ein stolzes, grausames, rücksichtsloses, spöttisches Weib — wie die Ironie. Wir sollen den Herbst feiern, so sagt uns die Natur, die Geschichte, die in der Trndition des Volkes sich eingewurzelt, in gewisse Formen sich verkörpert hat. Wir sollen das Erntefest be gehen! Wir, die nicht eggen, nicht säen durften und die nicht ernten, wir, die wir als Bettler, als Aus• gestoßene von der Nachlese, von den Brosamen anderer uns nähren! die wir das größte Unglück in der Welt tragen — nicht arbeiten, nicht leben zu dürfen. Und wir sollen die Ernte feiern! Ja, aber den Herbst, den können wir feiern, denn wir sind ein Volk des Herbstes. Es gibt Völker des Frühlings nnd des Winters, der Jugend und des Alters; es gibt Völker und Kulturen, die in der Fülle ihrer Kraft stehen, die in ihrer feurigen, brünstigen, zukunftschwangeren Jugend auf jauchzen, Titaneiijiingliiige — es gibt Völker, die den Höhepunkt des Lehens »her• schritten haben, die feurige Jugend, das slumigepeitschte und tatenreiche Mannesalter hinter sich haben, die ihr Lied gesungen, alles vollzogen, was sie konnten und nun dem Tode, dem Untergänge geweiht sind. Mächtig, unendlich ist das Gefühl und das Ahnen der ersteren, dumpf, aber entschlossen und der vollbrachten Taten stolz bewußt sind die zweiten. Aber es gibt noch ein Mittelding in der Natur und in dem VÖllecrlcbcn. Es gibt eine Zeit, aus dem Weg räumen oder dem es Hindernisse be• reiten kann. Und das jüdische Volk hat »len Dr.mg in stell, die Gereehtigkeit zur Herrschaft zu bringen, mul will die I lindeniisse aus dem Wege räumen. Je mehr sielt das jüdische Volk assimiliert, desto weniger intensiv wird diese Idee, desto mehr verflacht sie. Je reiner es sich erhält von fremden Einflüssen, desto mehr wird sie bestehen bleiben und wirken. Ein lehrreiches Beispiel dafür bieten die Schulen in Palästina und in »len Ländern des Westens. In Palästina, wo die jüdischen Schüler ihr Judentum in Reinkultur pflegen, gibt cs ein Mittel zur Disziplin: Das Prinzip der Gerechtigkeit. Nicht der Macht des Lehrers beugen sich die Schüler, sondern dem Schul• gesetz. Unterwirft sich der Lehrer dem Schulgesetz, so tun es auch die Schüler. Handelt der Lehrer nach Willkür, so trifft er auf Unordnung bei den Schülern. Und will er mit Strenge seinen Willen durchsetzen, so stößt er auf eilte eiserne Wand, Denn die Ge* reebtigkeit verlangt gegen Gewalt wieder Gewalt. Auch durch Güte erreicht er nichts; einzig und allein durch Gerechtigkeit, In den Schulen des Westens dagegen gibt es hauptsächlich ein Erziehungsmittel: die Autorität. Der Lehrer mag ungerecht und umvill* kürlich handeln: er wird auf Erbitterung, aber nicht auf Ungehorsam stoßen, wenn er sich den nötigen Re• spekt durch starke Persönlichkeit zu erzwingen weiß. Ist er aber mild und voll Verständnis für die Schiller, weiß sich aber nicht in den nötigen Resepektzu setzen, so dart er der pflichttreueste Mensch sein, er wird unüberwindbaren Widerstand finden, und um so mehr, je gerechter er ist und je mehr er sielt in acht nimmt, einen Unschuldigen zti strafen. Und hier machen auch die jüdischen Schüler mir selten eine Ausnahme; im Gegenteil, sic sind oft die schlimmsten; denn sie sind zu sehr beeinflußt von ihrem Milien. Und was folgt für 1ms aus allem? Wir müssen uns frei und rein erhalten von nichtjüdischen Eie• menten in unserem Denken und Fühlen. Wir müssen lernen von den anderen, ohne dabei unsere spezifische Dcnkungswcisv und unseren spezifischen Wertmaß• stab aufzugehen. Wir müssen den Einfluß des Juden• tums mul der jüdischen Vergangenheit in uns stärken und wir müssen suchen, einen Ort zu finden, wo wir unsere jüdischen Ideale wieder anfrichten können. Dann werden die Völker kommen, von uns zu lernen, und so wird unsere Mission erfüllt sein. — ״Und dann werden es sehen die Gerechten und sich freuenI״ Der neue Premier Aus Petersburg wird uns geschrieben: Allzu groß sind die Erwartungen nicht, welche die russische Gesellschaft an die Ernennung Ko■ kowzows zum Premier knüpft. Es gibt keine poli• tis'che Partei, die ilm zu sieh rechnet, und niemand vermag voratiszusageit, welchen Kurs Ko• kowzmv in seiner Politik einschlagen wird, Allge mein ist die Ansieht vorherrschend, daß Kokowzow keine Neuerungen vornehmen und auf gefährlich Experimente sich nicht cinlnssen wird. Wird er jedoch die Geister h,־innen können, die Stolypi» gerufen hat? Wird er sich ihrer erwehren können? Machen doch jetzt die Nationalisten alle ihre Kräfte mobil, um ihre zuletzt im politischen Lehen Rußlands eingenommen Position auch fürderhin zu behalten, und mit jedem Tag mehren sich die künstlich hervorgerufenen Kund gebuiigen für die nationalistischen Tendenzen. Der neue Premier müsse überzeugt werden, daß der russische Nationalismus keine Erfindung sei, — also lautet die Parole des unermüdlichen Hetzers M c 11• s c h i k ״ w , und bald niahiieiid, bald drohend wieder• hole» die iiiaiiiiigfattigeii nationalistischen Blättchen denselben Ucdaukcngaiig. Durch Resolutionen, Pc• titioiteit lind Frgcbenhcitsadresscn wollen diese Kreise K o k o w z o w zwingen, die n a t i o n a li s t i - sehe Politik Stolypi ns f or t zu s c t zc n, damit nicht, wie die Nowoje Wremja sich ausdrückt, die mir ..der Gesa mibe völkerung bildenden ״Ircm• den Nationen" in Kulllaud die Oberhand gewinnen mul den Bestand des Reiches gefährden. In der Tat wird Kokowzow nicht umhin können, schon recht bald Farbe zu bekennen. Eine Reihe von Gesetzentwürfen, welche Stolypinschcr Initia• ti vc entsprungen sind, harren noch ihrer Durchpeitschimg durch die gesetzgeberischen Körnerschallen oder ihrer praktischen Durchführung. Noch sind die Lostmmuug von zwei fimtläiidischcn Distrikten, die Bildung des Gouvernements Cholin aus Teilen von Russisch-Polen, die Einführung einer Prozentiiorm bei Gewährung von Krediten an Juden und ähnliche Umgestaltungen Projekte, und es ist kein Geheimnis, daß Kokowzow im Kabinett seines Vorgängers gegenüber allen diesen Bestrebungen eine ablehnende Haltung eingenommen bat. Der Premier Kokowzow wird also schon in den nächsten Monaten vor die Alternative gestellt werden, ent• weder sieb selbst zu verleugnen oder die g c 8 a m t e » reaktionären Hetzer i n hellste Wut zu versetzen. Die Position Ko* kowzows ist aber dadurch ganz besonders gefährdet, daß er ein Kabinett übernommen bat, in dem die meisten Minister ilu» Knüppel unter die Beine werfen werden. Als ihm zur /eit der letzten Krisis, in» »März dieses Jahres, der Preinierpostcn augetragen wurde, war er dazu nur unter der Bedingung der Entlassung von drei Ministern bereit, Die Minister der Justiz, des Verkehrs und des Unterrichts, die berüchtigten Stscbeglowitow, Ruehlow mul Kasso, erschienen Ihm damals ob ihrer ultrarcaktionären Gesinnung als Mit* arbciler unerträglich. Er glaubte nur mit einem rcorgamsierlen Ministcrkabinett Ersprießliches leisten zu können und wollte nur dann fiir die Staatsgeschälte die Verantwortung übernehme». Seitdem ist es zwischen ihm und dem I laiidclsminister Timaschow gleichfalls zu Reihungen gekommen. Und nun erhält er nicht nur alle diese Herren zu Mitarbeitern, sondern in der Person Maknrn w s ist ihm noch ein Minister des Innern aufgehalst, der wohl nicht minder nach der nationalistischen Pfeife zu tanzen bereit ist. Wie wird also Kokowzow überhaupt einen eigenen Willen durchsetzen können? Die stärkste Komplikation hat sich Kokowzow bei alledem vielleicht dadurch geschaffen, daß er das Ministerium des Innern einem anderen überlassen bat. In ruhigen Zeiten hätte diese Tatsache wenig zu sagen. Heutzutage ist jedoch dieses Ressort innerhalb der russischen Bureaukratic der bedeutendste Machtfaktor. Aus der Wittesclicn Epoche halte Kokowzosv diese Erfahrung sich zu eigen machen sollen. Wie oft war Witte im Winter lWS/FMK) machtlos, weil der damalige Minister des Innern Durtiowo die weitverzweigte Verwaltimgsbeaintcnscliaft in anlikonsti* tutioncllein Sinne inspirierte lind gegen seinen Vor• gesetzten unheimliche Aktionen zustandehringen ließ! Was Wille wiederholt passiert ist, dürfte unter Kokowzow nicht minder der Fall sein. Insbesondere dann, wenn die Zusammensetzung des Kabinetts nicht etwa schon in der nächsten Zukunft wesentliche Verände• rilligen aufweiseu sollte. Oder hat etwa Kokowzow dahingehende Zuskliertingcii vom Zaren erhalten? Ist dies nicht der Fall, so erlebt man jetzt in Ruß• land den größten politischen Widersinn: das Land soll ein neuer Premier verwalten, aber fast alle seine die weder die sengende Hitze des Sommers, noch die starre Kälte des Winters, weder den grünen Rasen, noch die weiße Schneedecke hat, das ist der kalte, nasse, schmutzig trübe und unendlich traurige Herbst. Und es gibt auch Herbstvölker, Völker, die nicht jung und nicht alt sind, die weder leben noch sterben können. Sie sind wie die Unglücklichen im ״Inferno" von Dante, die Aermsteii der Armen, die, vom Paradies nusgestoßen, nicht in die Hölle können. Ein solches Herbstvolk sind wir Juden, und das ist unsere größte Tragödie. Denn der Tod eines Menschen, wie auch eines Volkes, ist nicht das schwerste, ״das Leben ist der Güter Höchstes •nicht". Der schwerste, der ver/.wcifelitdstc Moment ist die Agonie, der Kampf zwischen Leben und Tod. Oh, das Röcheln, das Sichwiitdcn, das Sichkrümmcn in unsäglichen Schmerzen eines liebsten Menschen, von dem man nicht weiß, ob er noch der Sonne zurück• gegeben werden wird oder der Erde! Es ist die Dämmerung, die gespenstisch brütet, nicht die voll• kommene Finsternis, cs ist das unbestimmte, das ״faule" Herbstwetter, das die schreckliche, ver• beerende Krankheit fördert, die Schwindsucht heißt. Und wir Juden sind ein Volk der gespeiisterliaften Dämmerung, des kalten, trübe», krankheitserregenden Herbstes, der langsamen, röchelnden Agonie! Wie oft waren wir dem Untergänge nahe 1 Ein Bluthund nach dem anderen erstand, um uns zu zerreißen — ein Nero nach dem anderen setzte die Henkerarbeit fort, spannte unseren müden, ziilien Volkskörpcr auf die furchtbare Folterbank — und wir starben nicht. Rom hat uns mit seinen Trümmern bedeckt, ״der Vesuv verschlang uns in seinem Krater", aber wir wurden immer wieder emporgeschleudcrt, ausgcspiccn. Uns wollte nicht die Sonne noch die Erde! Und wie cs im Herbst immer Rückfälle, unerwartete, unerhoffte gibt, so windet sich und dreht sich unser geschichtliches Leben in unmöglichen, verwirrtesten Kreisen und bringt 1ms immer neue, immer traurigere V'ebmaschuuge». Uh erinnere mich aus meiner Kin• derzeit der Er/ähhiugen von den schrecklichen Er• lelmissen der Juden in ihren Wohnorten, ich erinnere mich an die furchtbaren, haarsträubenden Geschichten, die ich in meiner alten Vaterstadt, der Hetmanstadt Uman, hörte, vom grausamen Kosaken• lielman Gonla und seinen Grciieltaten. Man zeigte mir in der Mitte Her Stadt eine Grube, wo das Blut von Hunderten jüdischer Opfer der Kosakenwut geflössen ist, und ich hörte mit Schaudern die ״Mcgilath Gonta", die man a!n 20. Siwan voriiest, in der die unglaublichsten Schandtaten erzählt werden/ Es graute mir, und ich hielt cs für eine Legende, die von der Volksphaiitnsic übertrieben ist und das Pathos der Distanz erworben hat. Aber die/Oe• schichte wollte auch uns, de« Kindern׳ de» 20. Jahrhunderts, 1ms, die wir uns in einer'hyper• moralischen Atmosphäre dünken, für die scheinbar kein kategorischer Imperativ mehr nötig ist, die die alte, zwingende Moral überwunden zu haben meinen, da wir spontan, sclbstbestimmcnd moralisch sind, uns, den Anhängern und Bewunderern der Tolstoi, Einer• son, Wliitman und Nietzsche, wollte uns eines ihrer

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