Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 474 JUEDISCHE RUNDSCHAU freuten sich im Laufe der Zeit einer vollständigen Autonomie; politisch verteidigten sic die Sache der Ptolemäer gegen die ()riechen der Pentapolis {so genannt nach den fünf wichtigsten Städten des Landes), ju religiöser Hinsicht unterstanden sie dem Onias• tcmpcl in Aegypten. Zu jener Zeit wandten sieh auch grolle Kolonien jüdischer Handwerker und Kaufleute nach den Städten der Pentapolis, und zur Zeit der Verfolgungen unter Antiochus wandten sich viele Pharisäer ebenfalls von Palästina nach Cyrene. Pin dortiger Autor, Jason von Cyrene, schrieb ein grobes Werk über den Aufstand der Makkabäer. Das zweite Atakkabäcrbueli ist nur ein A 11 s z u g aus diesem Werke. Strabo, der Cappodicier, ein Autor, der vor der christlichen Acra lebte, sagt, daü in Cyrene die Juden eine besondere Hevolkerungsschicht bildeten, und dal) in Aegypten sowohl wie in Cyrenaika die anderen Nationalitäten vielfach die Sitten und (Jebräuche der Juden annahmen. Im Jahre 74 vor unserer Zeitrechnung fühlten sich die Juden von Cyrenaika stark genug, tun mit bewaff• neter Hand der Besetzung des Landes durch die Römer zu widerstehen. Seit der Zeit Philos bildeten die Juden in Cyrenaika die Mehrheit der Bevölkerung. Zur Zeit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Titus finden wir den Hohepriester Ismael auf der Flucht nach Cyrenaika, Cyrenische Juden nahmen auch an der Verteidigung Jerusalems teil. Ueberhatipt waren die Juden damals in diesen Ländern vom kriegerischsten Geist beseelt. — Nun aber wandten sich Griechen und Römer gegen die jüdische Bo. vülkcriuig, und als Rabbi Akiba auf stand, um die ganze jüdische Welt gegen Rom in Aufruhr zu bringen, waren die cyrcnisclten Juden mit die ersten, die sich anschlossen. Nach Dio Cnssius wurden damals von den Juden 220 OOÜ Griechen niedergemadit. Gleichzeitig freilich wurden in Alexandria die Juden von den Griechen fast ausgerottet. Der Jmlcnaufstnnd in Cyrenaika wurde von den Römern blutig unterdrückt, und die ganze jüdische Bevölkerung wurde vernichtet. Seit jener Zeit ist das Land so gut wie unbevölkert geblieben, da nach der Ausrottung der Griechen durch die Juden und der der Juden durch die Römer kein neues BevöL kerungsekmmt von nennenswerter Zahl ins Land kam. Aber ein Teil des jüdischen Heeres entkam und rückte unter dem Befehl Bar-Deromas nach Palästina, ergriff dort Besitz von Ländereien im Gebiet von Ephraim und hielt sieh in den dortigen Bergfesten bis zur Zeit B11 r K o c h b a s. Auf diese Weise nahmen die Juden von Cyrene mit an der Befreiung des pa• lästinensischen Mutterlandes teil. Zahlreiche Flüchtlinge wandten sich ins Innere des Landes zu ihren berbcrischen Nachbarn. Und sie waren es, die die Berberstämme des Innern in ihrem Jahrhunderte langen Widerstand gegen Rom bestärkten. Uebrigens haben auch in den von den Römern wieder aufgebauten Küstcnstädten jüdische Gemeinden sich in der Folge wieder niedergelassen, und der Bischof Syncsius erwähnt ums Jahr 320 jüdische Schiffsführer und Seeleute von Cyrene. Noch heule findet man überall im Laude Spuren dieser alten jüdischen Militärlager und Kolonien: jüdische Bcgräbnisplätze, Ruinen von Städten, griechische und hebräische Inschriften. Die vom Küstengebiet vertriebenen jüdischen Krieger spielten im Innern Lybicns die Rolle von Er• oberem. Ihre Führer sammelten Juden und Berber ו■—■-—— .■■■— .•י .. ■ ■״— Herbstmelodien Zum Sukkoth feste von A. Coralnik. Es war eine klare, mondhelle Nacht. Blau und durchsichtig die warme, feuchte Luft. Ein stiller Wind streichelte zivrtlich und leise die Bäume und diese schütteln ihr Laub froh und munter; ßalsnmdüftc zogen von den Bäumen in die weite Ferne himmelan. Es war Herbst, ein ihilder, ruhiger Herbst der warmen Länder. Die Erde ruhte, die Menschen ruhten und auch die Sonne war müde von ilircr angestrengten Sommerarbeit und ruhte milde und sanft . . . Weiß gekleidete, festlich geputzte Menschen zogen die Land• Straße heran von ihren Dörfern und Feldern nach der heiligen Stadt Jerusalem. Die Menschen feierten das Ende der Arbeit und den Anfang der Ruhe, sic feierten ihr Erntefest, Weintaubkränze auf den Häuptern, zogen Jünglinge und Jungfrauen voran und sangen mit der strotzenden Kraft ihrer Jugend das Lied der Lieder, das Lied der Arbeit und des Lebens. Die schwieligen Hände, die die Sense führten, erhoben sich kräftig und flink, die gikrümmten Rücken, die von der Sonne gesengt, Von der Arbeit niedergedrückt waren, richteten sich auf - der Mensch, der freudige, starke, sinnutann1cl1ul«, erwachte — der dionysische. Und cs erklang weil und breit durch Tal und Berg Judäas, das Evoc, und es ertönte der Boden von den Schritten der Starken und Schönen, und fernhin hallte der Klang ihres Liedes, ihres rasenden Ringclrcigen• gegen die Römer, und ihre Priester wurden auch von der eingeborenen Bevölkerung verehrt. Ihr jüdische Einfluß breitete sich überall im AUasgehict, in Acthiopien und im Sudan aus, wo die Abkömmlinge der eyrcuiseheii Jiiden grolle Reiche gründeten, die 1 in• geborenen judaisierten und dem Lande Zivilisation brachten. Zur Zeit der Vandalen wandten sich die Juden wieder der Secküstc zu, um jenen gegen die Byzantiner beizustehen; damals hielten die her• bcrisclteu Juden mehrere Hafenplätze besetzt. ־— Die א e f o u s s a, ein jüdischer Stamm, beherrschten lange Zeit hiiulurch den Süden Cyrenaikas, die Med i u na , ein anderer jüdischer Stamm, besetzten ()ran und den Osten Marokkos. Die Riata dominierten im Rif• gebiet. Bis in das Mittelalter hinein war Ptolemais, das heutige Tolmetta, eine jüdische Stadt. Die große a ra b i s c h e *Invasion fand die Juden als Herren eines großen Teiles von Nordafrika. Die Kämpfe zwischen den Juden und judaisierten Berbern mit den eindriugenden Moslems dauerten Generationen hindurch, und seit der Vernichtung oder dem Vcr• schwinden der ersteren sind die bereits vorher fast entvölkerten Gebiete ganz und gar heruntergekommen. Der Bericht, dem wir hier im großen und ganzen gefolgt sind, schließt mit den Worten: Es ist, als ob das Land auf die Nach k0in men des Volkes wartete, dem es seine letzte Blütezeit verdankt hat, ״Die Gerechten sollen es sehen“ Von D. Tachaucr. ״Die Gerechten sollen cs sehen“ wie das Böse verschwindet auf der Erde. In dem Mussaf.Gebct ist dieser Satz enthalten, der das Geschick des jüdischen Volkes in seiner ganzen Tragik und seinem großen Optimismus enthält. Was hat uns erhalten in dem großen Elend des Seins, in uiiscrm namenlosen Un• glück! Was hat uns nicht verzweifeln lassen an uns selbst, wenn wir sahen, wie die Macht vor Recht ging, wie der Starke über den Gerechten siegt, wie der Redliche und Ehrliche verspottet wird? Die unsichtbare Hoffnung auf den Sieg unserer Idee der Gerechtigkeit in der Welt! Und an dein Tage der Erinnerung, au dem die Leiden des ganzen Jahres an unserm Auge vorbeiziehen, wenden wir uns ab von den Leiden der Vergangenheit und schauen in die Zukunft: Laß deinen Namen o Herr, herrschen auf der Erde, laß alle zu einem Volke werden und das Unrecht verschwinden von der Erde!" Höret es, ihr, die ihr im Innersten eures Herzens euch des Juden• ttuus schämt, und es bewußt oder unbewußt ans• gleichen wollt dem Christentum, da euch das Juden• tum nicht mehr hoch genug zu sein scheint! Lernt erst das Judentum kennen und verstehen! Wie ein roter Faden zieht sich durch die ganze Geschichte des jüdischen Volkes der Kampf um die Gerechtigkeit, Und die Idee der Gerechtigkeit ist das ureigenste Gut des jüdischen Oenitis. Der feinge* bildete Athener empfand cs nicht als Ungerechtigkeit die edelsten Männer aus dem Vaterlandc zu vertreiben. Hätte im jüdischen Lande ein solches Gesetz existic• reu können, ohne daß die Propheten den flammenden Protest dagegen ins Land geschleudert hätten? Die Griechen aber priesen den Vater dieses Gesetzes als den Wicdcrhcrstcllcr der Republik. Wo hören wir tauzes. Und der Mond lächelte sanft und freund• lieh und die Bäume schüttelten wollustschaucrnd ihre Kronen, und rote, goldene Blätter fielen auf die Erde hinunter und bedeckten wie ein Teppich den Boden vor den stolzen und starken Menschenkindern, die den Herbst feierten. Und sie hatten ein Recht sich zu freuen, denn sic hatten geeggt \md gesitet um) geerntet, denn sie hatten den Frühling luul den Sommer genossen, sie hatten vom Kelch des Lebens, des ge• suiulen Arbciierlcbens, in langen Zügen getrunken und lebten mitten in der Natur stark und froh. Das war einst deine Herbstfeier, oh, du mein altes, armes, du mein geliebtes Volkt Rauhe, nordische Herbstnacht. Bleierner Himmel, schwere, schwarze, gespensterartig sieh auftürmeiule, selueckeneiiiflönende Wolken über den Häuptern; schwere Tropfen fallen auf die Erde. ‘ Es heult der Wind tun! die dürren Bäume schütteln ihre Wipfel, und gelbes, welkes, totes Laub fällt auf die feuchte Erde, stürzt 1» die Pfützen. Es ist eine einsame Land• strallo, Nur irgendwo in der Ferne vernimmt inan ein Bellen, sieht man, wie ein schwindendes Leuchten, ein Flämmchcn, vielleicht ein Irrwisch, vielleicht das einsame Licht eines Bauernhauses oder einer Wüch. terstube. Und Gestalten, junge und alte, alle schwarz und gebeugt, schleichen des Weges, lauschen furchtsam auf jeden Laut, beben und erschrecken bei jedem Rascheln des Laubes» ein nervöses Zucken und eine namenlose Pein schüttelt Ihre Glieder bei dem bloßen Laute Ihrer eigenen hastigen Schritte in der schauerliehen Stille. Und plötzlich ertönt in der Ferne ein Nr. 4q die Stimme der Gerechtigkeit bei den alten . oder Babylonern? kpurn Oder war wohl die Idee der Oercclitigkeii den Römern zu Hause? Wo die Soldaten, du: durch den Krieg ihr Feld uieh' bestellen konnten, weg. gejagt wurden von 11• . mul Hol, ohne daß nun bei den Schriftstellern allzu heftige Proteste dagegen fände! Was wußten die Germanen von Gervdiiigkcit? Sie hatten wohl eine ähnliche edle Eigenschaft, <|je der Treue, aber sie stellten sie über die Gerechtigkeit Sie!)lieben treu auch im Unrecht. W» wir auch suchen in der Geschichte: Die Gerechtigkeit (|l( dominierende Stellung der Gerechtigkeit — hat ihren Boden bei den Juden. Und daß das der Fall ist mag wohl in ihrer eigentümlichen Geschichte be'. gritmiet sein; cs mag darin begründet sein, daß seit Urhcginn der Geschichte der Mansche! mit dein Juden innig verbunden war, daß also niemand das Un. glück der Ungerechtigkeit schlimmer empfunden hat als der Jude. Als Israel aus Aegypten zog mit hoch erhöbe• nein Haupte, da schlich Manschet ihm nach. ״Und viel Gesindel folgte ihnen." Es war wohl in dieser ersten Begeisterung noch nicht viel zu hoffen für Mausdicl. Aber Mansche! war geduldig. Er wußte, seine Zeit kommt noch. Und da, als die überragende Gestalt Moses im Nebel des Sinai verschwunden war, die Gestalt des Mannes den Matiscliel mehr fürchtete als alle andern, da wagte er sich hervor mul schuf das goldene Kalb. Und von da an vcr• folgte er den edlen Juden mul suchte da zu pro• filieren, wo der Jude von edler Begeisterung ent* flammt war. Wir sehen Mausdicl unterwegs in der Geschichte auftreten, aber durch den Mund der Pro• plielcn hört mau die Erbitterung über ihn heraus. Und dabei wußte Matiscliel stets die äußere Form des frommen, gottesfürehtigen Juden nnclizuäffcn, bis der Prophet mit Erbitterung licrvorstieß: ״Ich will nicht Eure Feste, ich verschmähe Eure Opfer. Wan• delt in den Wegen Gottes, in den Wegen des Lichts!" Sind diese Worte veralten? Oder sind sie nicht vielmehr noch immer nicht verstanden? Hat nicht mancher unter uns schon so gedacht? Vom Juden• tum strömte die Idee der Gerechtigkeit auf die Volker über. Aber sie wurde verunreinigt durch die egoistischen Instinkte der Völker. Der bedrückte Sklave empfand es als ungerecht wenn der Glückliche auf Erden im Himmel auch glücklich sein soll. Er war erst zufrieden, wenn er hörte, daß nur die Armen in den Himmel kommen sollten. Er war unfähig für' den Gedanken einer höheren Gerechtigkeit. Der Herrenmensch, der seiner Willkür keinen Zwang auf• erlegen mochte, machte aus der Gerechtigkeit die Liebe, die Gnade, also wieder Willkür. Nun konnte er seinen Launen und Leidenschaften freien Lauf lassen: Gott walte in seiner Gnade den, der an ihn glaubt und der der Kirche möglichst viel schenkt. Für den Juden ist die Gerechtigkeit absolut, unwamlcl* bar, unbeugsam. Daß man die Gerechtigkeit nicht zugunsten der Armen beugen darf, erscheint ihm seihst• verständlich. ״Aber auch nicht zugunsten des Armen beugt das Recht!" In diesen Worten liegt die alles überstrahlende Macht der Gerechtigkeit. Gott ist all• mächtig; aber er unterwirft sich dem Recht: ,.Ich will Recht sprechen lassen, zwischen mir und meinem Weinberg." Und Hiob streitet gegen Gott. Ei ist sielt keines Unrechts bewußt. Warum leidet er? Nach dem ursprünglichen jüdischen Empfinden sind in diesem Punkte die Wege Gottes nicht unberechenbar. gellender, rasender Schrei, ein furchtbarer Notruf, der Todcsschrci eines Gepfählten, der Angstschrei einer vergewaltigten Jungfrau. O, sie wissen, di.se einsamen, finsteren Gestalten, wem dieser Schrei gilt und wessen Brust er siel) entrang. Sie sind seihst Flüchtlinge, sie haben mit ihren eigenen Obren diesen Schrei in nächster Nähe gehört, sie sahen mit ihren eigenen Augen, wie die Liebsten, die sic hatten, grausam gefoltert, getötet wurden, wie ihre Kinder entzweigerissen, ihre Frauen, Töchter und Bräute gc* schändet und gemordet wurden. Oh, er ist ihnen bc• kannt, dieser Schrei der Verzweiflung, des Blutes, der zum Himmel nach Rache ruft. Sie kennen ihn. Ein anderes Kischiucw, ein neues Hornel — nute Opfer, neue Leichen, Verstümmelte, Mißhandelte, Gc• plünderte, liier und dort in den tarlarischen Steppen und am Pruth, in Galizien und in Irland. 11t allen Weltteilen haben ihn Himmel und Erde vernommen, diesen Angstschrei, dieses Todeslied — alle Völker haben das jüdische Blut gesehen und vergossen, alle haben es an ihren Händen und auf ihrem Gewissen — und das jüdische Volk zieht, wandert unstät, ohne Ruhe, aus finsteren, rauhen!,faden, einen bleiernen, grausamen, wolkcnschwcren Herbstbimmel über sich und eine hcrzerstarremle Ocdc vor und hinter sich. Und sein einziges Lied, das es noch singen kann, ist der rasende Schmerzton, das herzzerreißende Klage* lied — das ist deine Herbstfeier, und das ist dein Leben jetzt, oh du mein altes, armes, geliebtes Volk f Herbstfcierl Welche Ironie liegt in unserm Schick* sal, in unserm Leben. Es gibt eine große Macht,