Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sprediitunden l)i׳n«l»? und Donneratag 5 — 6 Uhr naüimitlagi. L.J l XV!. Jahrgang Nummer 40 Berlin, den 6. G Kriegsgesclirei Uebor Nacht ist die Türkei in einen Krieg verwickelt worden, den sic so wenig voraus* gesehen hat, dall die Konstantinopeler Regierung ihren römischen Botschafter Hussein Kiazzin Pascha vor ein Kriegsgericht stellen will, weil tr eine sträfliche Unwissenheit über die Sima* lion gezeigt habe. Aber man braucht um das Schicksal des Diplomaten kaum Besorgnis zu liegen. Er dürfte nachwcisen können, dall die Uebcrzeugung von der ״Unerträglichkeit der Lage" auch dem Ministerium Giolitli erst vor gar nicht langer Zeit und ganz plötzlich gekommen ist. Vielleicht weih Hussein Kiazzin sogar mitzuteileu, woher Italien diese rasche Uebcrzeugung gewann. Aus der Richtung von Tripolis, um das angeblich dieser Krieg ge* führt wird, ganz sicher nicht. Also, um es kurz und undiplomatisch zu sagen — da die Welt ja jetzt mit diplomatischen Schriftstücken überfüttert ist — es handelt sich im letzten Grunde bei diesem italienisch-türki• sehen Kriege aller Wahrscheinlichkeit nach weder um Italien noch um die Türkei noch um Tripolis, das eine türkische Provinz, ist und nach dem ^Zillen der Drahtzieher nun eine italienische werden soll, damit Italien sich doch nicht ganz, um* sonst in Unkosten gestürzt habe. Dieser Krieg, der Italien fast e b e 11 s o u n v o r b e r c i t c t traf, nur zur Sec stärker gerüstet, wie die Türkei, ist das Ergebnis eines diplomatischen Riinkespiels, das eines nicht zu fernen Tages aufgehellt werden wird, und das seine Spitze ziemlich zweifelsfrei ausschließlich gegen Deutschland richtet. Das ist in den interessierten Kreisen auch kein Geheimnis, und wenn man es nicht ausspricht, so hat man dafür gute Gründe. Wir unsererseits haben dagegen alles Inter* esse daran, das aufzuzeigen. Gewiß freuen auch wir uns darüber, daß in diesem Konflikt sich ein* mal gezeigt hat, daß so etwas wie ein primitiver Instinkt eines ״europäischen G e w i s - sens" doch existiert, freilich nur einer selber relativ schwachen Macht wie Italien gegenüber. Immerhin ist es erfreulich, daß fast die gesamte öffentliche Meinung der zivilisierten Welt ein* mutig ist in der Verurteilung des brutalen Vor* gchens gegen die eben in der Regeneration begriffenc Türkei, der mail allenthalben die regsten Sympathien entgegenbringt, teils weil es das eigene Interesse so verlangt, teils, weil man genau weiß, wie eng die A u f r c e 11 t.c r 11 a 1111»»g des Friedens dieser Welt mit der Existenz, einer starkcnTürkci verknüpft ist. Nicht umsonst haben die Diplomaten hundert Jahre lang den zeitweiste wirklich recht krank gewesenen Mann am Goldenen Horn ängstlich konserviert. Wenn Hobbes den Krieg aller gegen alle für das Grundgesetz der Welt erklären durfte, so kann man mit mehr Recht die Angst aller v o r a 11 e 11 als die sichere Basis der Existenz der Türkei — zumindest in Europa ־־ proklamieren. Wieso also durfte Italien, die jüngste uml schwächste unter den Großmächten Europas, diu Türkei angreifen, was ein im Ausgang niemals ganz gewisses Spiel mit dem Feuer eines Weltbrandes bedeutet? Wollen wir von der auf ein* mal so ״moralischen" Entrüstung Europas ab« sehen und nach’ den wahren Gründen fragen, so bleibt die eine Antwort; weil die Türkei noch schwach ist, zu schwach jedenfalls zur See, um ihre überseeische Besitzung Tripolis ernsthaft ver* ״Ror i'ionlt!״.■»»tr» £i!r das jn«IIacI;o Vc״.’.‘ .’.'׳••j Cc!u;C?an~chier Cfieat- JlchTecl-.gr.clj ';sieSt-iceüea Iüchr.ctiilto ln Ffv.»ujLs:a.״ P~r.ätcr Programm• •־**יי» »TT4UM1 ■ tr •x*t *mm rmmmmmmmm wmmmmmmmrn leidigen zu können. Weil die Türkei unter den Mächten die Rolle spielt, die seit Jahrhunderten in der ganzen Welt die Juden zu spielen gezwun* gen sind, den Prügelknaben lür alle möglichen Fälle uml Zwischenfälle abzugeben, was natürlich seinen Grund wieder in der sozialen und Öko* nomischen Struktur des Volkes hat — ganz wie bei den Juden auch. Aber das ist bekanntlich nicht die einzige Beziehung der Juden zu der Türkei und auch nicht zu diesem gegenwärtigen Kriege. Die ״Italiener", auf deren Interessen in Tripolis sieh Italien stützt, sind größtenteils Juden, und Juden sind viele Tausende der Italiener in der europäischen Türkei und in Kleinasien, die von den in Aussicht ge* nononimeneii wirtschaftlichen Kampf maßregeln der Türkei betroffen wurden würden. Jetzt dürften die maßgebenden türkischen Kreise einschen lernen — wenn sie es bisher nicht gewußt haben sollten — wie sehr im o11o 111 anischen Interesse wir Zionisten handeln, wenn wir den Grundsatz, aufstcllen, daß die in 41er Türkei ansässigen Juden auch die ottomanisehe Staatsangehörigkeit erwerben müssen, im Hinblick darauf, daß die Türkei, als die Herrin Palästinas, unseres Zukunftsbildes, ein ganz besonderes Anrecht auf die Unterstützung der Juden hat. Von dem großen, ja ungeheuren Wert, den in solchen Fällen ein blühendes j ii d i s c 11 e s fי a I ä s t i 11 a von El Arisli bis zu den Jordnnquellen für die Türkei hätte, braucht hier nicht einmal aiideu* tungsweise gesprochen zu werden. Die türkischen Staatsmänner bähen im Augen* blick drängende Sorgen der unmittelbaren Gegen* wart, von denen wir ihnen aufrichtigen Herzens wünschen, sie möchten ihrer bald und zum Wohle der Türkei ledig werden. Aber wenn das bedaucr* liehe Spiel aus sein wird, dem die Türkei mir darum zum Opfer fiel, weil sie gerade schwach genug schien, um es ertragen zu müssen, dann wird vielleicht die Zeit gekommen sein, tun der Pforte zu beweisen, wie wertvoll ihr das, was uns ein ideales Ziel ist, für ihre praktische Politik sein könnte. Sie hat die Gefahren, die ihr zweifellos immer drohten — wenn man auch nicht annehmen konnte, daß es der Clique jetzt gerade gefallen wird, die Mine springen zu lassen —, bedenklich unterschätzt. Hoffentlich lernt sic, neben anderen Mitteln zur Besserung ihrer Situation auch dasjenige richtig schätzen, das wir ihr seit langem Vorschlägen: die planmäßige Be* Siedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden. Dann wir man ihr, mich' unter der heuchle* rischsten Maske, nicht vorwerfen können, sie vornachläliige ihre •Besitzungen am Mittelmccr. Und der wohltuende Einfluß, den dieses jüdische Paliistina weithin aur,üben müßte, wird der Türkei auch auf;'unlereu, ganz,’ fcrnliegeiuieu Gebieten zugute kommen. _ : Diese Ausführungen sind natürlich’ nicht, wie liebevolle jüdische Gegner uns sicher unterstellen werden, eine ad hoc produzierte Anbiederung, denn das, was hier gesagt wtude, predigt der Zianismus ja seit vielen Jahren. Und das 14*1 rk i scI»e Argn m ent, das für ihn spricht, liegt s o klar zu Tage, daß — wenn wir Voltaire vari« ieren dürfen — die Türkei, wenn es keinen Z i o n i s m 11 s gäbe, ihn c r f i 11« d e n m ü ß t e! — Glücklicherweise werden dieselben Kombi* nalionen, die diesen von aller Welt mit Kopf* schütteln betrachteten italienisch-türkischen Krieg licraufbcschworen haben, auch die Ursache sein, daß Italiens Machtgelüste nicht in den Himmel wachsen dürfen, und daß der Krieg tatsächlich mit der Besetzung der Stadt Tripolis wohl zu Ende sein oder langsam zu Ende gehen wird. Denn es war — wie gesagt — ein abgekartetes Spiel. Bald wird man auch die Namen de; Spieler nennen ... Ob sie wegen ihres Falschspiels einstmals werden zu büßen haben, wird in der Hauptsache von der inneren Stärke der Türkei abhängen. Und die wird bedingt sein von der kulturellen Höhe ihrer einzelnen Na« tionen. ib. Cyrenaika in der jüdischen Geschidite Angesichts des italicnisch.türkischcn Konfliktes, bei dein es sich j.1 nicht mir um das eigentliche ‘ T r i ן) o I i t .1 n i e 11, sondern auch um die türkische Naclibarprovinz Cyrenaika (auch Benghasi oder Bark.1 gemnmt) handelt, ist es von höchstem Inter« esse, welche außerordentliche Rolle jenes Land in der alten jüdischen Geschichte gespielt hat. Auch das ist merkwürdig genug, daß wir eine schöne Zusammensteihiiig der alten historischen Fakten einer ganz, neuen auf die Kolonisation von Cyrenaika gerichteten Bestrebung verdanken, nämlich dem vor einigen Jahren nufgelauclitc Projekt Mr. Zangwills. Fs ist nicht zu verstellen, wenn man den vorzüglichen Bericht, der seitens der von der llo ent« sandten Forsciiungskommissioii erstattet wurde, liest, weshalb aus der geplanten Kolonisation nichts ge« worden ist. Und noch heute wäre cs ein durchaus wünschenswertes Ziel, solche jüdischen Kreise und Organisationen, die für eine direktere Pnlästiiinnrbcit nicht zu haben sind, für eine großzügige Ansiedlungs« tätigkeit in diesem türkischen Ocbict zu ge« winucn, dessen natürliche Verhältnisse und nahe Er« reichbarkeit außerordentlich günstig sind. Wir lassen den folgenden Geschichtsabriß folgen, den Professor Slousch dem Ito-Bcrichte beigefügt hat, Cyrenaika, das Josephus als eine ״Verlängerung Palästinas jenseits des Nils" bezeichnet, hat zu allen Zeiten den Juden als ein Kolonisationszentrum ge• dient. Kein Land der Diaspora, vielleicht mit der einen Ausnahme Mesopotamiens, hat in der Geschichte des Volkes Israels eine solch führende Rolle gespielt. Man kann geradezu sagen, daß in keinem Lande außerhalb Judäas das Judentum in sozialer und politischer Hinsicht einen so dominierenden Einfluß hatte wie in Cyrenaika. Dieser jü* dischc Einfluß hat auch dazu beigetragen, in unserer Zeit wieder diesem Lande Aufmerksamkeit zuzuwen• den, insofern als schon zur Zeit des jüdischen Staates cs den Juden gelungen war, in Cyrenaika eine der blühendsten und loyalsten Kolonien der Diaspora zu schaffen.• Die jüdische Kolonisation dieses Landes beginnt zur phönizischcn Epoche. In der Bibel ist das Lind meist mit Libyen bezeichnet, und cs ist das Qebiet, das der Prophet Obadja Scpharad (von der Grlcehcnsiadt Hesperis) bezeichnet, so daß die allgemeine Bezeichnung der ״scphardischen" Juden auf diese größte Kolonie im Westen zurückgeht. Im Jahre 320 vor unserer Zeitrechnung errichtete Ptoleinäus I. an strategisch wichtigen Punkten von Cyrenaika Militärstützpunkte, deren Mann« pchnft aus den von Pnliistlna gebrachten jüdischen Oe« fahgenen bestand. Diese jüdischen Oarnisonen er«