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Jüdische Rundschau · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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0»id- Nr. 39 J ü E t) 1 S C S: 1( U N DSC I I A U Seite 405 seine Regier unj׳'scpo ehe als die trau• rigstc Katastrophe Rußlands hetraelitcn wird. Denn in einer Welt von FinstcrnÄ hat es inner Stolvpin nicht einen einzigen lichten Moment ge* geben. Schon als Gouverneur hat es Stolvpin verstanden, den Gegensatz /.wischen seinen Worten mul seinen Taten zu dokumentieren. Auch im Jahre l'JOj wies er trotz seiner liberalen Redensarten berüchtigte reak* iioiiare Leistungen auf. So wiril den Saralowcru das Gemetzel von Balaschow unvergeßlich bleiben, hei dem in seiner Gegenwart die Kosaken eine Anzahl gemäßigter Semstwovcrtreter (darunter den bekannten friedlichen Erneurer N. Lwow) mit ihren Nagaikas verhauen durften. Ebenso war sein Benehmen beim Oktoberpogrom ein zweideutiges. Sah er doch am /weiten Pogromtage den Ausschreitungen in höchst* 1 igetier Person ruhig zu. Seine politischen Leistungen beginnen jedoch mit dem Momente seiner Ernennung zum Minister des Innern. Die wichtigsten seien als historisches Merkblatt in knappen Worten registriert; Die Ausnahmezustände (verstärkter Schulz, außerordentlicher Schutz, Kriegszustand), mit denen er fast das ganze Land beglückt hat. Die Feldgerichte, eine Spezialität, die Sto• typin selbst zwecks schleuniger Massenhinrichtungen ins Leben gerufen hat. Die Kriegsgerichte, deren weitgehendste Ausbildung in Stolypins Zeit fällt. Etwa dreitausend 11 i n r i c h t u ״ g e 11 (da* her das Roditschewsche Wort von den ״Stolypiu* scheu I laisbändern"). Massenhafte Deportationen und Vor* doppelung der G e f ange 11 e n za h I (von ‘)5 (MN) im Jahre 191H) bis 180 000 im Jahre 1010, daher Ueberfüllnng der Gefängnisse, epidemische Massen* erkranknngen in den Gefängnissen au Typhus, Cho* lern, Skorbut usw.) Ausbildung der I* o 11 e r k n m in e r n (iusbeson* dere die Schrecken von Riga) mul des Systems der Verprügelungen politischer Verbrecher (namentlich die Tragödie von Zcrentui!) Ausbildung des L o c k s p i t z e 11 u m s Aseff, Scluitschcuko usw.) und Verfolgung der Gegner des Lockvpitzeltums (Prozeß Lopuüiiu!) . Auflösung der ersten Duma — ohne gosetz• mäßigen Akt, sondern durch brutale Schließung des Taurischen Palastes und trotz einer unmittelbar zuvor für den Auflösungstag angekündigten großen Rede Stolypins zur Pogrominterpellation. Auflösung der zweiten Duma und Verurteilung sämtlicher sozialdemokratischen Abgeordneten zur Ka torga. Umänderung des Du ina w a h 1111ml 11 s durch!einen einfachen Staatsstreich; Auslieferung des Paria meuts in die Hände von 130IKItl Großgrundbesitzern. Zerrüttung des Hochschulwesens durch Stolypins Helfershelfer Schwarz, und Kasso. Zu diesem Zweck Vernichtung der I lochscliulauto* nomie, grausame Bestrafung von Tausenden Stmien* len, so allein im letzten Jahre von siebentausend, mul Maßregelung von Professoren (Odessa, Moskau, wo die Universität mit dem Austritt von HO Professoren und Dozenten dem Untergänge nahe ist, Kiewer Poly* tcchnikmn usw.). Aufhebung der Religionsfreiheit, insbesondere Verfolgung der Sektierer und seihst der Millionen Altgläubigen, Entrechtung Finnlands: Permanente Auflösung der finnischen Landtage, Unterordnung Finnlands unter die russische Legislative, willkürliche Unterdrückung des fiunläiulischeu Vcreinsrechts, He* Setzung der Gouverueurpasten mit antifiniiischen Reak• tionären, Zerstücklung Finnlands durch Lostreiimmg ganzer Gebiete und ihre AnglieJerimg an das Gouvcr• nement Petersburg. Unterdrückung Polens: Abschaffung des 80 000 Mitglieder umfassenden Sclmlvereiiis Matiza, Durch* führung des Scmstwo in den Westgouvcrnemeiits unter antipolnischen ,Klauseln, lelzlercs durch künstliche dreitägige Unterbrechung der Parlamentsarheiten und gleichzeitige ,Anwendung des Notparagraphen $7. Verfolgungen der Juden: Pogrom Bialy* stok, Pogrom Sjedletz, Begnadigung sämtlicher Po* gromstifter (von weit über tausend Verurteilten), Aus* Weisungen von Zclmtauseiuleii aus den verschieden* sten Orten, fast gänzlicher Ausschluß aus den I loch* schulen und außerordentliche ,Beschränkung in den mittleren und höheren Schulen, zahlreiche Sehikanic* rungen, projektierte Beschränkungen im Kreditwesen, Verfolgung und Schließung aller jüdischen Gesell• schäften, zuletzt der jüdisch-literarischen Gesellschaft mit ihren 08 Filialen usw, Unterdrückung des Deutsch tu ms: Ge* setzentwurf betreffs Verbots von Landkauf und Land* pacht in einzelnen südwestlichen Gouvernements, Auf* lösung deutscher tKulturgcscllschaften. Verfolgung der Letten (Schließung der lettischen Lehrerschaft), der Klcinrusscn, soweit ihre Sprache ln Betracht kommt, der Armenier, insbesondere ihrer Intellektuellen, Grumt hinter : Fürdci 1:1!; Grundlage tli! tlors und ihre! die /u 11111111!•!len ohne irgendwelchen!׳!!!. •li und!•'1.״ ׳I sitzen, utw, alkr Nslioii.'.llt.1ß(ci1dc11/1‘11, auf deren l'ui ׳*,ehI;r\vi!,11׳, Markows, ja die 11:0•!״׳ichen;;roß werden. Welche anderen, welche positive» Leistungen sie• heu den atifgc/.äldtcu gegenüber? Etwa die viel• gepriesene ScualorcurcviMorint, die so klägliche Re* sühnte erzielt haben? Welche Versprechungen Sto• die während der ersten zwei Dumas durch den Taurisehen Palast erklangen, sin׳.l wahr gewor* den? Ist das Land regeneriert? Ist das Land he* ruliigt? י׳י־׳*״.״זזי!זןי׳יז *' IIyj Li1׳l :.11 v ^־•0^0^׳־*^nisation? Von Lcvl Bcnnnthnn-Hamhtirg. Wenn die Gegner des Zusammenschlusses der zio* nistischeu Fratieinereine weiterer Argumente bedurft hätten für das fehlende Bedürfnis zur Schaffung einer Frauen-Orgnnisation, kein anderer Umstand hätte ihnen mit schwerwiegenderer Beweiskraft an die Hand gegeben als die in diesen Blättern neu eiiisctzcudc Diskussion, nachdem doch in Basel die Frauen frage ״gelöst" war. Man muß sich doch sagen, daß cs dort, wo wirklich ein dringendes Ile* dürfnis für die Schaffung irgend einer Organisation vorliegt, umgekehrt ist, wie im vorliegenden I alle der Frage der Frauenoigaiiisation; dort harren bereits unerfüllte Aufgaben in Menge der Erfüllung, hier ■ iu unserem Falle wird in spaltenlaiigen Artikeln versucht, nacliztiweiseit, daß es wirklich Soiidcraufgaben für •zionistische Frauen gibt, die den Zusammen* sehhiß, nicht etwa nur der Trauen in! sicherlich existenz* berechtigten lokalen Fratieiivereineu, sondern dieser Vereine seihst zu einem Verbände zur Notwendigkeit machen. Ist ein solcher Beweis erbracht? Doch nur sehr mangelhaft! Es mag zugegeben werden, daß kleinere Provinz* frauenvereine der Anregung von außen eiier bedürfen, weil ein fortwährender Gedankenaustausch in einem verhältnismäßig kleinen Kreise gar bald keine neuen Werte mehr zeitigen dürfte, und es ist zu verstehen, daß solche Frauenvereine den ״Stoff" gern von einer Zentrale beziehen möchten. Zweifellos liegt auch das Bedürfnis nach W a n d e r r e d n e r i n 11 e n vor. Fragt sich mir, reichen diese Wimsehe dazu aus, um das Ingangsetzen eines neuen kostspieligen Apparates zu rechtfertigen? Genügt nicht vielmehr für das ganze bisher bekannt gewordene Programm der Fraueiiorga nisation ein Gedankenaustausch in den Parlcihlältcru? Alle als Argumente ins Feld geführten Programm punkte (die Erzichungsfrage und ״das jüdische 1 Inns' vorläufig aus/uuehmcii) decken sich mit jenen des Zionismus im Allgemeinen und mit den Arbeilsme tliodeu der Männer; folglich dürfen sich die Frauen hierin nicht von ihnen trennen. Und die Erzichungsfrage? Frau Lachmanu schreibt darüber sehr schön; ״Es ist eine der wichtigsten Aut* gaben des Zionismus, für zionistischen Nachwuchs zu sorgen. Dazu gebrauchen wir organisierte, zioiii'dische Frauen und Mütter." Die folgenden Zeilen jedoch, iu denen gesagt ist, daß schon dem Kind e die Liehe zum Judentume und zu Palästina anzuerziehen sei und daß es liicrzu im Jugemlverein schon zu spät wäre, bringen doch nur die unbestrittene Notwendig* keit einer zionistischen Erziehung in der Kinderstube zum Ausdruck, beweisen aber doch nicht, wie offenbar beabsichtigt war, inwiefern eine F raue 11 o r g a 11 i s u ti o u irgend welchen Einfluß auf die Schaffung des Nachwuchses und dessen zionistische Erziehung aus* üben konnte. Ueberliaupt scheint die Möglichkeit eines solchen Einflusses von seiten einer Organisation nach allen Referaten, die anläßlich des Kongresses zu hören waren, ein.seht, dem Referat des Frl. Prof. Schach verneint werden zu müssen. Ein die zionistische Gesamtheit befriedigendes Rezept für jüdische Er* Ziehung und die Schaffung eines ״jüdischen I Luises" wurde nicht bekannt gegeben, und so hörte man denn auch schon in Basel Zweifel äußern, daß die l'raueu* Organisation nach dieser Richtung hin Ersprießliches würde schaffen können. Die schöne Redensart vom ״Jüdischen Haus" mit Sahhathliehlern und Fcsltags• schmaus ist ein Schlagwort, aber auch wirklich nur ein Wort. Es wird leider immer dabei vergessen, daß ein solches jüdisches Haus, zu dem der allerbeste Wille da sein mag, zumindest elementare Kenntnisse der jüdischen Gebräuche, und die Beobachtung des jüdischen Rcligionsgesctzes bedingt. Man kann sich wohl vorstellen, daß eine Frau, die cs ״noch so vor sich gesehen hat", selbst wenn sie selbst heule rcli״ giös-freier denkt, ihrem Kinde eine jüdische Erziehung angedeihen zu lassen vermag; sie kann wißbegierige Kinder,fragen nach dem Sinne jüdischer Gebräuche, die das Kind im Hause oder im Frcundcshnusc beobachtet, beantworten und erklären. Wie aber sieht ein ״jüdischcs Haus" einer schon in der zweiten Generation rcligionigesetzeuiiwissenden Zionistin aus? Sie mag eine sehr gute Natiouuljüdin sein, das Entzünden der Sahluthlichlcr ohne Kenntnis oder Verständnis für die Bedeutung der Handlung würde hei ihr zur Komödie vor den Kindern und keiner wild bestreiten wollen, daß ein jeder solcher Betrug sieh früher oder später bitlcr rächen muß. Das von I rl. Prof. Schach mit Redit verlangte ״jüdische Haus" hat somit wenig Aussicht, da es ohne einen gewissen Grad Gesetzestreue nicht gehl, Allgemeingut zu werden. Und die Vorstellung eines n a t i o u a l jüdischen Hauses ist sehr schwer. Da ist es nicht getan mit ein paar jiidi* sehen Radierungen «nler einer allen Scliahhcslampe, Was bleibt also? Die hebräische Sprache und die jüdische Geschichte! Reichen diese beiden Faktoren ms, um Haus und Erziehung zu juduisicrcii? Werden damit die Konflikte aus der Well geschafft, die sich ergehen, sobald das Kind beobachten kann und sein religionsloses Haus mit dem vielleicht religiösen jüdisclicii Haus seines Freundes oder noch eher vielleicht naher Verwandler vergleicht? Gibt das Programm der l'rauciiorgauisation Ratschläge für den Fall (der tausendfach vorliegt), daß das Großelternbaus religiös und das Elternhaus religionslos ist? N c i n? Und das sind P r o b I e m e , über welche sich Tausende Eltern* paare diu Köpfe zermartern, weil sie sich fürchten und scheuen, bei Ausübung der heiligen Erziehungspflieht mit Unaufrichtigkeiten zu operieren. Somit gibt es kein U ui v. e r s a 1 E r /. i e 111111 g s * P r o gram m, mit welchem eine Frauciiorgauisntio» die Unzahl verzweifelter Fragerinnen befriedigen könnte, und eine jede Ideihl darauf angewiesen, nach eignem Programm zu arbeiten. Man muß nach diesen Ausführungen zu dem Glauben kommen, es solle durch sie der Bedürfnis* mangel für die Schaffung einer Frauenorganisation bewiesen werden; das ist nur bedingt richtig, nur so lauge, wie jegliche Arbeit einer zu gründenden Frauen* Organisation sieh beschränkend auf die Länder der Zerstreuung festgelegt hat. So einfach sollte man sieh denn doch nicht mit (fein den Baseler Frauen* bespreeliungen oktroierten Prinzip ״P a I ii s t i 11 a d e m K 1111 u r v e r I» a 11 d , der F r a u e n o r g a n i s a tiou die D i a s ין o r a" ahspeiseu lassen. Es hat etwas Beschämendes für zionistische Frauen an sich, daß man ihnen das Recht streitig macht, offen Im zionistischen Sinne in Palästina arbeiten zu dürfen; man bedenke: Zionistische Frauenarbeit aus Pa• I ä s t i 11 a gebannt!! Wenn ein Umstand zionistische Frauen gegen solche Grundsätze zum Widerspruch und Widerstand hätte veranlassen müssen, so war es der ergreifende Vortrag der I ran G o 11 h e i I iu der Versammlung des Kulturverbandes über die haarsträubenden Zustände in den palästinensischen Waisenhäusern. I lier erstellt eine Aufgabe, die nicht dem Kultur* verband /»kommt, sondern den zionistischen Frauen der ganzen Welt! Was kann der Kultur׳verband in der palästineiisi* sehen Wagenpflege erreichen? Seine bisher Segensreieli arbeitenden Kräfte physisch und finanziell zer* .splitternd, wird er im günstigsten Talle ein Waisen* institut errichten, in welchem die Kinder in seiner tendenziösen Tendenz (denn die Tendenzlosigkeit ist er den seiner Mitglieder schuldig) erzogen wer* den. Es wird eine gezwungenermaßen nicht in uii* scrcm Sinne nationale Er/iclmug sein, die man den Kleinen angedeihen läßt und die zionistischen Frauen haben sich eines unschätzbaren Instrumentes begeben, den elternlosen palästinensische 11 Nachwuchs im zionistischen Sinne heraiizuhilden und unsere Po* silion in unserem Lande z.u festigen. Darf das sein? * Der Kultiirvcrhand empfing vom letzten Kongreß wertvolle Anregungen; die beifällige Aufnahme der sichtbaren Ergebnisse seiner bisherigen Arbeiten soll* teil ihn ermutigen, auf dem cingesdilageiicn Wege fortzufahren; die verlangte bessere Ausbildung palii* stincnsischer Frauen zur Land Wirtschaft und Klein* vieh/ucht stellt eine Forderung dar, deren Erfüllung dem KulUicverbaitd uumcUe Sorgen und noch viel mehr Geld kosten wird. Das ist Kulturarbeit für den n i c 111 zionistischen Kultiirvcrhand; dagegen Waisen* pflege tnul •Erziehung in Palästina soll in bewußt zionistischem Sinne und, worüber es wohl keine Meinungsverschiedenheit gehen kann, da es sich nicht um ein Schul werk, sondern um häusliche Er* Ziehung handelt, in jüdiselidraditionetleni Geiste er* folgen. Vor nicht ganz einem halben Jahre erschien in diesem Blatte eine Anregung, o»ler besser gesagt ein Hilferuf von Frau Hedwig Mayer-Ltihke aus Jeresa* lein, der mit klarem Blick der geplanten Frauenotga* nisation diese scharf durchdachte Aufgabe stellte. Von keiner Seite erfolgte leider ein Eingehen auf diese Aus• führimgen, denen zwischen den Zeilen zu entnehmen war, daß es im Laude unserer Sehnsucht seihst und v o 11 dort aus betrachtet doch andere zionistische Bedürfnisse zu befriedigen gibt, als im Goluth von längeren oder kürzeren grünen Tischen aus zuge* geben resp. erkannt wird. Schon dieser Umsland an und für sich muß palästinensischen Projekten eine erhöhte Beachtung sichern; wieviel mehr aber erst, wenn es sich um eine wirklich einleuchtende Idee handelt, die allein geeignet erscheint, einer ■ürganl*

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