Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 464 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 39 oh er es midi geklärt hat, das werden crs» die neuerliehen Berichte erhellen. Für den gesct/estreiic״ Juden gibt* es eine andere Klärung nicht, als dal) im I*r0|»r.11111n des Zionismus den religiösen Poslulateii der gebührende Platz, zuerkannt wird. Mögen die Auguren «ler Bewegung Oie Zeichen der Zeit sehen und den Zuruf aus eigenem Lager hören: Diseite moniti! Kalt ס witz, im August P)ll. Fritz Lohn. Ein historisches Dokument Aufruf des Konstantmopeier Mcdschliß dschismnni. In der Qeineinde der türkischen Hauptstadt sehreitel die im letzten Frühjahr inaugurierte günsti* gere Entwicklung langsam, aber stetig fort. Es ist zwar von einer lebendigen sehöpleriseheii Regsam* keil noch immer nichts zu bemerken; immer zwar noch beschränkt sieh der größte Teil der Tätigkeit der (icmcimlclcitcr auf die Bildung von Kommissionen, die durchaus nicht immer arbeiten, aber es ist doch im ganze» Zuge der Geschäftsführung ein anderer und besserer Geist fühlbar. Mau beschränkt sich, wie der Korrespondent der ״Welt“ berichtet, vor allen Dingen nicht mehr so wie linier den ״Alten" auf eine (ieineindepolilik, die wohl am besten mit dem Worte lutrigiienpolitik bezeichnet wird, sondern man versucht schöpferische Wege zu wandeln. Der M e d sciiMII dscliismani will tatsächlich Neues. Fr will es in der Fiiiaiizordmmg und im Schulwesen in erster Reihe. Fr ist siel» aber bewußt, daß sich dieses Neue, das größere Opfer fordert, nicht mit den alten Mitteln und Millelchen erreichen läßt, sondern mir durch eine U m w ä I z 1111 g der Geiste r. Fr hat endlich klar erkannt, in welchen Sumpf der Lethargie die Gemüter geraten waren und daß eine radikale Ncuerweekiiiig nötig ist. Cr scheint die Einsicht erlangt zu haben, dal) d i e s e E r w e c k 11 n g d u r c h n i c h t s anderes erreicht w e r d e 11 k a n 11, als d u r c 11 d c n n a t i o 11 a I c 11 G e d a 11 k e n. Das wäre ein außerordentlicher Fortschritt, dessen wir, die Erwecker des universellen Judentums, uns ehrlich zu freuen b itten. Lassen wir, um das deutlich zu machen, den Aufruf sprechen, den der Mcdschliß dscliismani jüngst in allen jüdischen Blättern veröffentlichte. ,,Liehe Glaubensgenossen! Der prekäre Zustand, in «lein sich unsere große Gemeinde seit langer Zeit hefindet, der Verfall, zu dem die spärlichen jüdischen Wohltätigkcits- und Hiklungsinsiitute verdammt sind, sowie die R e g euer a t i o ״ des o 11 o m a 11 i ־ sehen J u d e » I u 111:1 a 11 f 11 a t i o!1 a I e r Basis, für die bis heute nichts Praktisches mul Wirksames unternonmieu wurde, bilden den Oegeiistaiul der dauernden Sorge des Medsehliß dscliismani. I f111l doch, cs ist Zeit, daß unsere Gemeinde sieh ein wenig aufrafft aus dieser Apathie, die das Ge• wissen verurteilt. Alle ihre Mitglieder müssen sieh die Zukunft der Nation zu Herzen nehme״. Die Aera der Freiheit, die wir genießen, gibt uns alle Mittel in .die Hand zu unserer Hebung, auf daß wir in wirksamer Weise aus dieser Freiheit Nutzen ziehen und danach slrcben, daß unsere N a t i o 11 i n 111 i 11 e n der andern Nationalitäten d e s Rciches d c 11 Rang ei nn e 11 m e, dessen sie w ü r d i g i s t. Um zu diesem Ende zu gelangen, das sicherlich alle unsere Brüder herbeiwimsclien, hat der Med sclilib dscliismani ein Programm der Refor 111 e n mul der Neuscliopftingen ausgearbeitet, das er von ganzem Herzen ersehnt, angewendet zu sehen Nur um den Preis großer, sehr großer Opfer kann dieses Programm verwirklicht werden. Die Fr• Ziehung der jungen Generation durch die Eröff- 1111 n g neuer P r i m a r s c 11 u I e n, deren Programm den Erfordernissen der Zeit entspricht sowie die R e Organisation des S c in i 11 n r s In einer Form, die allen den Nutzen geben kann, den wir mit Recht von ihm erwarte» dürfen, sind die beiden Haupt• punkte dieses Programms. Mit der Pflege der t ü r k i s c h v n S p r a e h c, die wir tuiscrn Kindern ei1mfianz.cn werden, werden wir iiiiserm Vaterland den Westen Beweis unserer Liebe und Ergebenheit liefern, werden wir aus Ihnen niitz• liehe Patrioten machen, die durch ihre gute Erziehung zugleich das Prestige Israels liehen werden. Parallel mit diesem Unterrichte ist es uns eine heilige Pflicht, die Pflege unserer Mutterspräche, der hebräischen Sprache, zu reformieren und zu entwickeln. Wir leiden buelisläb• lieh Not an hebräischen Lehrern, die auf der Höhe ihrer Aufgabe. ständen. Der Mcdschliß dscliismani will, daß das Seminar, einmal reformiert, nicht mir gebildete Rabbiner liefere, die an die Spitzen der zahlreichen Reichsgemeinden zu stellen wären, sondern v, djirch die Ausbildung von Lehrern in einer Normalklassc die Lücke ausfüllc, Wir brauchen wohl nicht hinzuzufügen, liebe Brüder, daß alles, was zu tun ist, damit nichts für die purcmimrutig unserer Regeneration zu wünschen übrig Weihe, in diesem unserni weiten Programm vorgesehen wurde." 1 Weiter spricht der Aufruf von der Notwendigkeit H JÄ'11k11״״־ י״";"׳ ״״״׳■ iitucruitg der Reformen und apclliert bei Anrufung der nationalen Ehre an alle Juden, sich au der Reorganl• siertmg der Gemeindesteuer ״Kieba“ durch pünkt• liehe Zahlung der ihnen aiiferleglen Quote zu be• teiligen. , ״Der Mcdschliß dschismaiti“, so schließt das historische Dokument, ,,auf das Vertrauen zählend, das das Volk ihm bewies, indem es ihn mit seinem Mandate bekleidete, hofft auf ein Echo dieses Appells in den Herzen all unserer Brüder; er hofft, daß dank ihnen er eines Tages alle seine Pläne verwirklicht sehen werde, die die moralische, intellektuelle und materielle Hebung der großen jüdischen Familie des otlomanischen Reiches zur Folge haben sollen, zur vollen Genugtuung aller unserer Volksgenossen ln der Hauptstadt,'* K o n s t a 111 i 11 o p e I, '21, August 1911. Der Medsehliß dscliismani, ge/.. Nissiin Russo. Mau dar( wohl mit vollem Recht dieses Dokument, das immer ein FhrenblaU für seine Verfasser bleiben wird, ein historisches nennen. Es stellt zum erstenmal das oUoiuauisehe Judentum dahin, wo wir es immer haben wollten,;111( nationalen Grund, und bezeichnet mit Energie als die dringendsten Auf• gaben diejenigen, die wir immer als solche bezeichnet haben. Audi die Proklatuieruug des Hebräischen als unsere nationale Muttersprache im Namen der otlomanischen Judenheit Ist als ein Akt von historischer Tragweite nn/iiseheii. Alle jüdischen Blätter des Landes mit mehr oder weniger nationaler Färbung kommentieren dieses Do* kumeiit wohlwollend oder mit begeisterter Zu• siiumumgl Der Medsehliß hat mm mit Rücksicht auf die Fragen vieler Einzelner in der Gemeinde, die noch klarer über das Programm des Oroßrabbinats in• formiert sein wollten, ein zweites Bulletin ver• öffentlich!, in dem folgende Richtlinien seiner zu• künftigen Wirksamkeit festgelegt sind: 1. Entwicklung des Gefühls, der jüdischen Solidarilät und der Vaterlandsliebe. 2. Reorganisierung der Gemeinden aul moderner und gleichartiger Grundlage. 3. Schaffung eines Schulwesens von zugleich otto• manischem und jüdischen Charakter, durch gleichzeitige (,(lege der Landessprache und -Geschichte und der jüdischen Sprache und Geschichte sowie unserer nationalen Literatur. ” •I. Aufwendung aller Kräfte zur materiellen Hc• Innig der ottomanischen Juden durch Reorganisierung des Wohltäligkeitssvesens in modernem Geiste und Schaffung von Werken der Hilfe und des gegenseitigen Beistandes, von Spar- und Lcihkasscn, Ko• opcrativgesellschaftcn usw. ״Aus diesem kurzen Expose", erklärt der Medschliß, ״wird inan sich leicht Rechenschaft abgeben können über den Geist, der uns bei dieser Arbeit leitet und über das, was wir sagen wollten, als wir die Mitglieder unserer Gemeinde einludcn, ״gemein• sam mit uns an der Regeneration des otttnmanischen Judentums auf nationaler Basis“ inilzunrbeitcn. Der Medsehliß dscliismani wird glücklich sein, wenn cs ihm gelingen sollte, einen Strom lebendigen Inter esses innerhalb der öffentlichen Meinung zugunsten eines so großen Problems zu schaffen, und wenn ihm die Möglichkeit gegeben sein sollte, seine Lösung zu beginnen." scliaft smvie mit der Sprache unserer Väter bekannt, /.umacheit, Aber damit wir auch feriiersteltemle Cie', meide zu uns herüberziehe״, müssen Vorarbeiten gv. leistet werden, (Krade in den neutralen Vereinen finden sich hunderte von jungen Leuten, die vom Judentum nichts Positives wissen, die aber noch v״״, Elternhaus 11er eine gewisse unbestimmte Anhänglich, keil an ihr Judentum iiütbriiigen. Meist haben sic aber auch eine instinktive Abneigung gegen /im nislische Bestrebungen mitererbl. Solche Elemente kommen schwerlich von selbst zu unseren Org.nii. salionen. Aber wenn sie in den neutralen Vereinen mehr gelernt haben, unsere Geschichte, unsere Litera• tur wiirdigeü können, dann werden sie zionistischen Einflüssen leicht zog,inglich sein, Ihren zjonistisdien Vereiushriidem wird es dann unschwer gelingen, sic zur Teilnahme an zionistischen Vorträgen und Ver• anstaltiingen z.n bewegen. Ich will natürlich nicht einer zionistischen Agitation in den neutralen Jugendvereinen das Wort reden. Dies würde ich, der ich selber am Berliner Jugcmlbiimi als Ausschußmitglicd mitarheile, niemals billigen. Wir Zionisten sollen nur dafür sorgen, daß die Kenntnis des Judentums in den Jugendvereinen systematisch verbreitet wird, daß die jungen Mitglieder auf wichtige Neuerscheinungen in der Literatur hingewiesen werden. Wenn der Boden so beackert ist, wird die zionistische Saat schnell Nalmrng finden. Denn für uns spricht die Vergangenheit, die Wahrheit der Tatsachen, die Logik! Jeder Zionist sollte deshalb, auch wenn er in den zionistischen Jugendvereinen arbeitet, den neutralen Vereinen, sein Interesse zu• *Wenden. Stolypins Glück Zionistische oder neutrale Jugendvereine Von Dr. Bruno I800c־Charlollenburg. In Nr. 3f> der ״Jüdischen Rundschau“ erklärt Herr 11 a IIe 11 stcin die Gründung besonderer zio• lüstischer Jugendvereine nicht für empfehlenswert. Ich meine aber, nachdem einmal der Baseler Ksmv• guß die Gründung rein zionistischer Jugendvereine empfohlen und die aus Vertretern verschiedener L־imh־r zusammengesetzte Jtigcudkommission sie für zweckmäßig befunden hat, sollte die Frage nach ihrer Existenzberechtigung als erledigt angesehen werden. Viel wichtiger ist es für jeden Zionisten, daß er sich die Frage stellt: Kann ich gleichzeitig in einem neu• tratet) und einem zionistischen Jugcndvcrein arbeiten? Ein schweres Gewisscnsproblem liegt hier verborgen: Vor wenigen Tagen hat ein guter Zionist sein Vorstandsaint im Berliner Jugendbund niedergelegt mit der Begründung, daß der Verband der neutralen Jugeiidverciiie nur zu dem Zweck gegründet sei, um gegen die fortschreitende Zionisieruiig der Jugend ein Gegengewicht zu schaffen. ich will nicht untersuche», ob diese Ansicht richtig ist. Aus meiner persönlichen Kenntnis der Verhältnissc heraus halte ich sie für falsch. Aber gleichviel, berechtigt das einen Zionisten, seine Mitarbeit aufzugeben? Wenn wir alle so denken würden, wäre der Sache des Zionismus recht schlecht gedient. Zionistische Jugendorganisationen sind unentbehrlieh, um von bewußt nationalem Standpunkt aus unsere Jugend mit jüdischer Geschichte und Wissen- Aus Petersburg wird uns unter dem 20■ Scp. tendier geschrieben: Ein seltenes Glück ist Stolvpin beschieden worden. Er ist zum Märtyrer geworden in einem Moincnl, in dem er immer mehr in das Nichts versank. Die Kugel, mit der üagrow seinem Leben ein Ende gesetzt hat, war für seinen Ruhm eine rettende Tat. Stolypins Rolle war ausgespielt, und er vermochte nicht mit Glanz von der politischen Bildfläche zu verschwinden. Da hat ihm sein tragischer Tod eine Gloriole ver• liehen, wie sie nur wenigen russischen Staatsmännern zuteil geworden ist. Jetzt erinnert man sieh, daß er ein Talent war, und vergißt, daß er kein Charakter war. Jene, die an ihn eine Zeitlang geginnt)(, und nachher, biller enttäuscht, diesen Glauben atifgcgcben haben, sind zu ihm nach dem Tode z.iiriickgekelirt und stem• peln ihn zum nationalen I leiden. Weil er zwei Eigen• schäften besaß, die an sich sympathisch sind, die Beredsamkeit und persönlichen Mut, vergessen die Verehrer des toten Stolvpin, welch* große Sünde er auf sicli geladen hat. 111 den fünf Jahren, wahrend deren er das russische Staatsnulcr lenkte, ist Rull• iaiul das unglücklichste Land geworden. Nach Hc• katomben von Opfern ist das russische Reich n i c 111 um einen S c 11 r i 11 w c i t e r g e k o m m e n. Trotz der Milliarden, die Rußland in Form von Anleihen aufgesogen hat, steht der Hunger drohend vor der Tür, und jeden Tag können die gleichen Stürme, wie vor fünf Jahren, über das Land dahinbrausen. Stolypins System war es, auf Kosten der Allgemeinheit eine winzige Anzahl Starker zu schaffen, aber diese Starken haben sich nicht zu einem staatscrhaltcndeu Element nusgebildct. So hatte er nur den Lebensüberdruß, die Verzweiflung, die Ohnmacht gezüchtet, aber bald war er selbst isoliert und in seiner Machtposc kraftlos. Auch die objektivste Geschichte wird über Sto• lypin ein scharfes Urteil fällen. Wer an die Spitze eines so gewaltigen Staates in einer Zeit Intensiv schöpferischer Arbeit berufen ward, dem lagen schwere Verpflichtungen ob, der durfte am wenigsten am Amte kleben, der mußte einen Willen haben. Welchen Willen hat aber Stolypin.gehabt? Skrupel• los war er. Aber welches allgemeine Ziel verf*•tgte er? Was bedeutete seine ewige Phrase von der Beruhigung Rußlands, wenn daran keine weiteren Vorsätze sich knüpften? Wem! der ״Bcruhi• ger", um bleiben zu können, nur der schlimmste Zer• slörer aller Erneuerungsversuche wurde? Darum hat der entsetzliche Tod, der Stolypin in frühem Manncsnltcr dahinrafftc, ihn wenigstens in den Augen der ehemaligen Freunde rehabilitiert. Ist cs aucli nur ein vergänglicher Eindruck, der vor einer Analyse der verhängnisvollen fünfjährigen Stolypin* schon Politik nicht standhält, so wird doch durch den äußeren Pomp und durch eine exzeptionelle Be• statiiing für die abergläubischen Massen ein politischer Heiliger geschaffen. So ist er selbst für diese Elemente erst durch den Tod lebendig geworden. Insbesondere in der Kiewcr Atmosphäre von Weihrauch und Kcr/d!־ duft, von Heiligenniibchmg und Wunderglauben, von Pogromgelüsten und Menschenhaß wild der vor seinem Tode plötzlich fromm gewordene SlolyP'״ zum Heros werden, während die Ocschichte