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Jüdische Rundschau · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 Seite 463 von Herrn ßhimcnlcld In KatUnvi»/ ״!)gehaltene Ver- ,mmmhmg. der meine Ausführungen in dvr Diskussion mit dem lapidaren Salze wiedergab: ״Fritz C:<1lm greift von «einem streng-ortlmdoxeit Standpunkte weniger den Zionismus als die nicht religiösen Zionisten an.'■ — weder als erschöpfend, noch als klar im Sinne einer objektiven Darstellung von mir hingcnoinmeii werden konnte. IVcmentsprccheitd habe ich Ihnen gegenüber entschiedene, jedoch nicht beleidigende Vorstclhmgen erhoben. Sie wünschen — und das dürfte der Kern Ihres Briefes sein ~ mir zu beweisen, dafl mein Urteil über den Zionismus durch eine heillose Verwirrung ,!,r grundlegenden Begriffsvorstollungcn getrübt sei’, mul Sie führen Ihre Deduktionen in einem Tone der Solhstsichcrhei», der eine Entgegnung nahezu »11• möglich zu machen scheint. Und doch gehen Sie vorüber an der fundamentalen Unterschiedlichkeit uu• sc rer beiderseitigen Auffassungen vom Judentum mul seinem Idecninludl und au deren Unvereinbarkeit. Sic stieben die Wertgrumllagc dessen, was Sie als .,Judentum1' anerkennen, in dem nationalen Momente, während ich nie Zweifel darüber gelassen habe, daß «eh den Schwerpunkt des Wertinhaltcs des Juden• »uns in die Religion verlege. Gegen eine solche Miffassung leimen Sic sich auf und verwahren sieb dagegen, daß einer Nation ein religiöses Bekenntnis förmlich aiifgezwungen werden solle. Vor allem gilt es, den Begriff der Nation einmal feslzitstellen oder /um wenigsten gegen den der Nationalität abzugfen. /en. Diese scheint mir der Ausdruck für die geo• graphische Und politische Einheit einer durch einen gemeinsamen Staatsgcdankfcn verbundenen Bevöikc• rimg zu sein, jene stellt sieh mir als eine niithro. polngiscltc Gemeinschaft dar, deren Zusammenhalt auf der Gleichartigkeit der Abstammung beruht. Bei der Nation ist das sie charakterisierende die envorbene politische Stellung und der subjektive Wille, sie zu erhalten, die Nationalität kennzeichnet «ich zu• nächst .11s eine objektive Naiurtats.uhi׳, aus der dann freilich auch subjektive Regungen hervorgehen können. In diesem Sinne sind die Juden.zwar einmal eine Nation gewesen, sind aber heute nur noch eine Nationalität, Nun mag der Zionismus aufrichtcit wollen, Was verloren ist. Aber sein Ziel ist unstreitig von dem Ausgangspunkte verrückt; denn es ist nun einmal unleugbar, daß der jüdische Staat aufgehaut war auf einer allgemeinen Slaatsrcligion, daß diese das gesamte l.cben regelte, die Grundlage der Kulturwerte und literarische Schöpfungen bildete, mul daß diese Religion als unantastbares, teures Gut gewahrt wurde und im Mittelpunkte vieler schwerer Kämpfe stand, die unsere Vorfahren geführt haben. Und cs heißt Jahrtausende jüdischer Entwicklung streichen, will man das Judentum von der Basis der Religion abdrängen, um cs auf der veränderten der Nation wieder aufzuhauen. Es heißt verkennen, daß das, was unsere Väter in Zeiten schwersten Druckes und ärgster Verfolgungen aufrecht erhalten hat, das Vertrauen zu einem flotte war und die Zuversicht, die sic aus dem Glauben schöpften, Träger des mono• thcistischcn Gottcsgcdankens zu sein. Was wäre heute das Judentum ohne diese einende Grundlage der Religion? Was hätte zu hindern vermocht, daß damals, als nach dem Verluste der nationalen Selb• ständigkclt die Juden nach aller Herren Länder ver• schlagen wurden, sic restlos unter ihre Gastvölker auf• demokratle und Ihre Tätigkeit in der Arheiterhcwcgung, indem cs mit unvergleichlicher bildnerischer Kraft das innere Leben der Partei in plnsiischcr Anschaulichkeit gestaltet. Vertraut und eng verknüpft nicht nur mit der deutschen, sondern auch mit der ausländischen Bewegung, entwirft die Vcrlasscrin ein farbenreiches Bild der äußeren Entwicklung wie der geistigen Kämpfe der Sozialdemokratie. In sprühen* der Lebendigkeit aus persönlichem Umgang heraus, treten eine Fülle• von Charakterköpfen: Liebknecht, Auer, Bebel, Vollmar, Bernstein, Jaurcs, Anntote France, Bernard Shaw, John Bums, Sidncy und Beatricc Wcbb und viele andere interessante Männer und Frauen vor das Auge des Lesers. Ebenso anschaulich werden neben den Führern die Arbeiter als Masse und in einzelnen Typen geschildert. Die wichtigsten Ereignisse der letzten Dezennien, die Kämpfe im Reichstag und bei den Reichstagswahlen, die deutschen und die intcrnalionalcn Parteikongressc der Sozialdemokratie, die Arbeiterinnen• und die Dicnstbotcnbcwcgung, die politische und die gewerkschaftlichc Organisation der Partei, — der ganze Reichtum ihres öffentlichen Lehens zieht vorüber, aber nicht wie wechselnde Bilder im Kaleidoskop, sondern wie unmittelbare Erlebnisse, deren Atem vom Schicksal der Heldin des Buches auf den Leser überströmt. Auch die künstlerische Fähigkeit der Milieu- Schilderung, die die Verfasserin schon früher hcwiesen hat, tritt wieder hervor, und von Londons reichen Quartieren wie von den Schauern seines _HE D I S CH U IUJ N D S C HA Ü gegangen wärm, wenn nkht!* ׳•; Bewußtsein für eine < ieislesrcligiu.1 rill׳):!׳,!״!; zu mit Gut und Blut. Wer <li. er sich nicht verschließt, der muß zugi'heii, daß er tlci.i I’ ׳:;liife des Judentums nicht gerecht wird, wenn er ihn als polUisch-uatio* nalcn fallt, und daß eine In'i.UiiiscIi getreue Auffassuug als das kousiiiulive Element im Begriffe des Judentumes das religiöse Moment erkennen muH. Die Strebungen der Judenlieit können sonach nicht in gleicher Richtung liegen, wie die politischer Staaten• gehllde. Nicht umsonst sprechen wir täglich unseren Dank zu Oott ׳םלא עענונטיי 1.אר1#א, daß er uns nicht geschaffen hat wie die anderen Völker der Erde, שלא שם חלקנו נוזם, und daß er uns nicht eine Bc- Stimmung gesetzt hat gleich ihnen. Hier spiegelt sich unverkennbar die Auffassung wieder, daß das Judentum nicht .11« politische und Kulturfrage verstanden sein will, sondern als Weltanschaumig; Nim wird ciiigcwaiiclt! der Zionismus als solcher wolle ja der Religion keinen Abbruch tun, ja, weit entfernt von solcher Tendenz, steuere er vielmehr zu deren Erhaltung bei und gewinne ihr viele sonst womöglich verlorene Anhänger wieder. Solche Beliaiiptung, obsclion statistisch schwerlich erhärtbar, mag glaubhaft erscheinen, was aber besagt sic gegen• über der tief einschneidenden Scheidegrenze, die das begriffsreinc, streng grundsätzlich gefaßte Dogma des Zionismus gegen das grundlegende Postulat der Religion zieht? Und wird nicht der nicht zu leugnende Gewinn aufgewogen durch Scharen derer, die. eben weil sic Zionisten sind, mul als Träger der nationalen Idee dem Judentum Genüge getan zu haben vermeinen, feriigehalten, wem! nicht abwendig gemacht werden von religiösem Lebenswandel? Entsprechend der llelauglosigkeif, die die Religinn für den Zionismus prinzipiell hat, ist die Hattung seiner Bekenner zu ihr eine recht schwankende. Nimmermehr aber kann der gesetzestreUc Jude sich mit der vdd Ihnen belichten Auslegung bescheiden, die duldsam der Religion c'iit Plätzchen unter den deckenden Eitticlien tler nationalen Idee belassen, mir sie mit sanftem Zwange in die ihr gebührenden Schranken ziirückvlTwclsc» will. -- Vollends befremden muß aber hu Hinblick' aitf den von Ihnen — hei anderen Aeußenmgen noch entschiedener — hervorgehaltenen Wunsch zur Erhaltung der Religion, daß mit vielen Zionisten gerade Sie daran tätig sind, ihre Wdrzeln zu mifci'wOlilei!, Demi, was bedeutet es anderes, der Schuljugend den Religionsunterricht auf Grund der hypothetischen Ergebnisse der Bibelkritik unter Nichtachtung des Glaubenssatzes der Göttlichkeit der Bibel und des Gesetzes zu erteilen, als ein Rütteln an den Grundpfeilern der jüdischen Religion! Es verschlägt hiergegen nichts, wenn man versucht, dem Begriffe Religion eine zweckmäßige, gewollle Interpretation zu geben, so etwa, daß mir das au ihr von Wesen sei, was als spezifisch jüdisehen Geistes anerkannt werden könne. Unser Religionsgesetz ist keine Rüstkammer, der mau nach Ge. fallen entnehmen darf, was dem Gedankenkreise angenehm diinkt, sondern ein zu strengen, unverhriiehliehen Formen verdichteter Ideen• und Lchrinhalt. Und als solcher müßte cs vom Standpunkte der Kultur/Iomstcn — als grandiose nationale Schöpfung anerkannt und respektiert werden. Es unterzuordnen unter den Oberbegriff der Nationalität lehne ich ab; ich habe lediglich einen Fall gesetzt vom Standpunkte der Zionisten. — Ostcnds, von Paris, von Wien, von Berlin, von den Ebenen der Mark Brandenburg wie von der Gchirgaweit Bayerns und Tirols entwirft sie unvergeßliche Bilder. Aber das alles, so fesselnd es ist und so sehr es den Leser dauernd in Spannung hält, hezeichnet nicht das Charakteristische dieses merkssürdigen Werkes. Das ruht in der unlöslichen Verhindung und der vollkommenen Einheit ihres persönlichcn mit dem allgemeinen Geschick und in der rückhaltlosen Wahrhaftigkeit der Verfasserin gegen sich seihst und andere. Mehrere Kritiker haben die Memoiren einer Sozialist!» wegen dieser Offenheit mit Rousseaus Bekenntnissen verglichen, und andere haben geäußert, daß kaum ein Buch so tiefe Blicke in die Seele der Frau und zugleich ins Leben unserer Zeit gewährt. In erhöhtem Maße gilt das von diesem neuen Werk, Das Versprechen, das seine Heldin in den ״Lehrjahren" einmal mit den Worten gibt: ״Da ich einsehc, daß die geistige Nacktheit das große Opfer ist, das die Menschheit von denen verlangt, die sicli in ihre Dienste stellen, so will ich versuchen, mich dazu zu erziehen", — dieses Versprechen erfüllt sic in vollem Maß, und sic scheut vor dem Opfer nicht zurück. Ihre Liehe und ihr Leid läßt sie den Leser mitcrleben, und der leidenschaftliche Kampf um die Lösung der Probleme ihres individuellen und des gesellschaftlichen Daseins ist mit ihrem Herzblut getränkt. Die!•'ragen der Ehe und der Liebe, der Vereinigung der Mutlcrpflicht mit denen des Berufs und der Teilnahme am öffentlichen Leben, die sozialen Aber der Zionismus läßt seine Bekenner In diesen Grundfragen eben aiiscinamlergehcn. Sie wünschen die Bilidkritik Renan« und Wellhausens in den Religionsunterricht verpflanzt zu sehen; Herr Rcclitsanwalt l)r. Klee hat dagegen in vielen Gcmeimlevcr- Sammlungen im Vorjahre bittere Klage darüber geführt, daß die Berliner Gemeinde nichts getan habe, um die schulentwachsene Jugend gegen das Anstürmen der wissenschaftlichen Tagesaiisichten zu festigen, ihr einen Halt zu gehen, daß sie nicht voramsctzungslos von den Ideen des Monismus und den Wellhauscnschen Lehren gefangen genommen werde. Ich meine, cs wäre Anlaß, daß so tiefgehende Meinungsverschieden, beiten erst einmal innerhalb des Zionismus ausgeglichen werden. Das habe ich geglaubt darlegen zu sollen in Begriimlung des Standpunktes, daß das strenggläubige Judentum sich mit dem Zionismus vielleicht in gewissen Fragen, sei es' auch aus verschiedenen Beweggründen, zusammcnfiiulcii kann, daß aber eine solche Gemeinschaft einer scharfen grundsätzlichen Erfassuug der beiderseitigen Begriffsfundamente nicht standlialten kann, ganz zu schweigen von der gc- Icgciitlichen tatsächlichen Gegnerschaft und Kampf* hcrcitscbaft, die dem Religioiisjudcnlum im Lager des Zionismus erstellt. Und daß die Zionisten, die cs in dieser Hinsicht am weitesten treiben, in der Bewegung unbeanstandet an hervorragender Stelle der lokalen Organisationen, ja der Gesamtorganisation stehen können, das wird im letzten Grunde immer auf den Zionismus selbst zurückfnllcn müssen. ~ Der Fall Goldmami-Joscph, den ich übrigens nur einmal im hiesigen jüdischen Jugeudbuiidc zitiert habe, als Sie auf Lord Hcaroiisfictd, den Konvertiten, einen Loheshymnus wegen seiner nationaljüdisclicn Gesinnung anstimmten, entbehrt unter diesem (lesichtswinkcl einer grundsätzlichen Bedeutung nicht. Zwar hat die ״Jüdische Rundschau" durch parteioffiziöse Erklärung Dr. Josephs Einräumung, cs könne ein guter Nation,iljude zugleich überzeugter Christ sein, desavouiert, mul ohne Zweifel wird hier vom Fragesteller sowohl wie von Dr. Joseph ein Fall gesetzt, wie er praktisch sich nicht ereignen diirlle; aber eine fest fundierte Anschauung muß auch rein begrifflich gedachten Annahmen stniulhalten, und die innere Unmöglichkeit der gedachten Kombination ist mit den der unverfälschten zionistischen Anschauung entnommenen Gründen nicht leicht beweisbar. Bezeichnend bleibt es für alle Fälle, daß man dem zweiten Teile des Josephschen Zugeständnisses, wonach jeiii.hkI sehr wohl Atheist und guter Nalionnljudc sein könne, entgegenzutreten, gar nicht für notwendig befiinden hat. — Sie haben mir früher wiederholt und nachdrücklich erklärt, daß Sie es wohl begreifen könnten, wenn der strenggläubige Jude im Zionismus eine Abscliwä* chung, wo nicht Aufgabe dessen erblicke, was für ihn das Leitende im Charakter des Judentums ist und sein muß, daß er aus dieser Erwägung heraus der Bewegung fcrnbleibe. Wenn Sie jetzt in solcher Gegensätzlichkeit eine Begriffsverwirrung erblicken, so wirrt das an mir kaum liegen. Die verborgenen Gegensätze zwischen den entschieden gcsetzeslrcu gerichteten Elementen Im Zionismus und der Gesamtorganisation sind in der jüngsten Zeit durch das Auftreten des Herrn Dr. Mossinsohn neu angefncht worden, und der Kongreß dürfte das Problem der Kuiturlragen erschöpfend erörtert haben; Probleme im allgemeinen und die der Sozialdemokratie im besonderen treten an die Verfasserin nicht bloß von außen heran: ihre zunächst mit schmerzhaften Erfahrungen verbundene, zuletzt befriedigende Lösung sind das Ergebnis innersten Erlebens und qualvollen. Ringens. Darum wird dieses Buch wie ein tragisches Kunstwerk wirken: erschütternd und erhebend. Davis Trfctsch, Bilder aus Palästina. Orient- Verlag, Berlin. ־־■ (H Bogen. Text mit U6 lllustrn* tianen.) Preis (kartoniert) •I,-־ Mk. Inhalt: Ein- Icitimg, Der immer gleiche Orient, Die Juden des Orients, Jerusalem (Arabische Legenden und Erzählungen), Palästina als Mittelpunkt der jüdischen Welt, Am Grabe Davids, Das Observatorium, Die Klagemauer, Der Oelbaum, Kornliaudel, Kameircise, Die Wiege Abrahams, Hebräisch in Palästina, Die Eiemente Palästinas, Das .Heiligengrab, ,,Allah Ist groß", Die Juden von Damaskus, Der Wanderer und der Baum in der Wüste, Ein Tag in B’ne Jehuda, Don Joseph Nasi, Abrahams Weinberg, Madian! Die Anderen, Die Missionsbcstrcbungcn, Die Europäisierung Palästinas, Das Wachstum des jüdischen Elements. Das sehr schön ausgestattete Buch eignet sich her* vorragend zu Ocschenkzwcckcn. — (Eine Besprechung des Werkes folgt.) v G;•

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