Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 462 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 39 Die Revision des bayerischen ludencdiktcs von .1813 Von Dr. Ludwig Waascrmanii-Münchcn. Die Verhältnisse der jüdischen Rcligionsgesell• üchaft in Bayern sind geregelt durch das Edikt vom 10. Juni 1813 und eine Reihe von später hierzu er• Insscncii Ministerinlverordmmgen, sowie durch he• sondere Verordnungen, welche nur für die Khcinpfalz Geltung haben. Das Edikt von 1813 ist im Laufe der Zeit naturgemäß reformbedürftig geworden. Ein• mal entwickelte sich der jetzige Reehtszustand in verschiedenen sehr wesentlichen Punkten im offenen Widerspruch zum Edikt und dann hat die heutige baye* * rische Gesetzgebung gerade zu Fragen von gruml• legender Bedeutung überhaupt nicht Stellung ge• nommeri. Außerdem macht eine vollkommene Um• Wandlung der Verhältnisse der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern im Laufe der letzten 100 Jahre, wie wir später sehen werden, grundlegende Acnde• rungen nach zwei Richtungen notwendig. Den Stand der heutigen Verhältnisse zeigt eine amtliche Statistik, die auf Grund einer Entschließung des bayerischen Kultusministeriums 191)7 angeordnet und 1909 vom K. Statistischen Lniuiesamt hergestellt wurde. Einen Vorgänger hat diese Statistik in Er• Hebungen, die vor Erlall des bayerischen Judenedikts von 1813 über die ״Verhältnisse «ler israelitischen Bevölkerung in Bayern״ vorgeiiommcn wurden. Leider hat aber damals eine statistische Hcarhciumg nicht stattgduudeu,1) Wer sich weiter für die Verhält• nissc in Bayern interessiert, wird auf die in der amtliehen Bearbeitung zitierten Abhandlungen von Thon über die jüdischen Gemeinden in Deutschland und Rudolf Wassermann*) (vergl. auch dessen Aufsatz In Nr. 225 II. Morgbl. d. Frankfurter Zeitung vom 10, August 1910) zu verweisen sein.! Wir beobachten im 19. Jahrhundert in ganz Süd• dcutschlaud — für Baden habe ich es in meinem Aufsatz über den Aufbau der jüdischen Bevölkerung in Baden wahrend der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gezeigt3) — eine starke Abwanderung der jüdischen Bevölkerung vom Land nach der Stadt, die mit der Entwicklung der modernen Großstädte, der Zentralisierung von Handel und Verkehr in denselben, Immer mehr zunimmt. Die Folge dieser Erscheinung für die jüdische Bevölkerung in Bayern ist׳ das Vor• hnndcnscin sehr großer Gemeinden i)1 einzelnen weni* gen Städten (München, Nürnberg), das Vorhandensein weniger Gemeinden mittlerer Größe uiid zahlreicher ganz kleiner Gemeinden. 1907 gab es: 1-50 50-1ÜO 1 (Kl-150 150-300 300-500 500-1000 über 1000 125 109 38 18 8 . 7 <3 Gemeinden mit öemeimlcmitglicdern 91 II 19 99 I» 91 91 9» 9» »9 99 99 II 99 99 >) Die jetzigen Erhebungen finden sich in Heft 3, Jahrgang 1910, der Zeitschrift des K. Bayer. Sta• tistischcn Landesamtes, Einen Auszug aus dem• selben hat die Zeitsclir. f.D. ».Statistik d. J. gebracht *) Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Bayern im 19. Jahrhundert, Z. f. D. u. St. d. J, Heft 11, 1905. ף Z. f. a u. St. d. J. Heft 2, 190(1. •47יי«, aller jüdischen Einwohner Bayerns wohnen in den sechs üroß.stndtgcuicindcn: München, Nürn* »erg, t’inih, Bamberg, Wür/hiirg uml Augsburg. Als das Edikt von 1813 erlassen wurde, lebten die bayerischen Juden noch in ihrer Gesamtheit auf dem Lande. Damals war es zeitgemäß, wenn die Anzahl von 5t) Familien zur Ocmciiidebildung erfnr* derlich erachtet wurde. Heide können von 311 Ge• meimlcit mir 30 das sind <),<>״,!> den nach dem Edikt erforderlichen Bestand von 50 Familien atifweisen, so daß es bereits 1803 einer Ministerialentschließung bedurfte um zu erklären, daß unter bestimmten Vor* aussetziiugeu schon die Minjali (10 männliche jüdische Oemeindemitgliedcr) für den Fortbestand einer Ge• meimle ausreichend sei, Aber auch dieses bcschci• dcuc Erfordernis wird heute von öl Kultusgemeinden nicht erfüllt, also von fast */:, sämtlicher bayerischer Kultusgemeinden. Wie das grundlegende Werk von Hcimbcrgcr*) hervorliebt, setzt das Judeuedikt voraus, daß in jeder israelitischen Kulttisgeiminde ein Rabbiner vorhanden sei. Für die zahlreichen kleinen Gemeinden welche unter einer entgegenkommenden Praxis des Mini• steriums errichtet wurden, wter die durch Abwan• dertiug ihrer Mitglieder sich hcrausbildetc» ist die Anstellung eines Rabbiners finanziell unmöglich. So hatten von 311 Gemeinden im Jahre 1907 nur 17 einen Rabbiners!'(/, während es nach den Erhebungen des Bureaus für Statistik der Juden 1905 in Bayern 23 Rabbiner (einschließlich der Rnhhiuatsuh.stitiitcn) gegeben hat. Die Leistungen der kleinen Gemeinden stellten trotzdem an die einzelnen Gemeindemitgliedcr enorme Anforderungen. Wer die von Dingfehler bearbeitete Denkschrift über die soziale Lage der israelitischen Lehrer in Bayern studiert'׳) wird Gemeinden finden wo 230, 3(lt) ja 00!) Prozent (!) Zuschläge zu den Stantsstcucrn als Kultusiimlagen gefordert werden müssen. Trotz, des Vorhandenseins solch hoher gemeindlicher Belastung der einzelnen Zen• siteu mul trotz des Bestehens eines allerdings mit völlig unzureichenden Mitteln ausgestatteten Landes• Vereins'׳) für israelitische Kiiltusgemeiiidcn in'Bayern sind die Verhältnisse der Kultusbeamtcn und zwar speziell der jüdischen Religionslehrcr teilweise direkt kläglich, 82 ( 70",b) von den 119 jüdischen Reli• gioiisleliiern des rechtsrheinischen Bayerns sind mit einem Jahreseinkommen von weniger als 1000, 15 davon mit einem solchen von unter 500 Mk. augcstellt! Soll darum dem (iiiaiiziellen Ruin der Klcingcmeimlcn durch die Abwanderung in die Städte gesteuert werden, so kann »lies 11 i c 111 anders g e s c 11 c h e n a I s d u r c h d i e G r ii ml u n g c i ti e r Z c n t r a 1 k a s s c. Dies ist die eine Hauptforderung derer, welche eine Reform des Ediktes von 1813 austrehen, Die Leistlingen der Zentralkasse sollen natürlich in keiner Weise den Charakter wohltätiger Zuwendungen haben. Als selbstverständliche Leistung des wirtschaftlich Stärkeren (Groligemeimleii) die ja nur durch die Ab- Wanderung aus den *Landgemeinden die Stärkeren Gras ist das Volk . . . Von Cb. N. Bialik») Mot toi ״Demi (•0Ü<»1 Hauch w<ht (Iber Ihm — Doch Ural 11( da» Volk." Jciain c, 40, 7, Wahrheit! Gras ist das Volk und ward so dürr wie Holz, Verwundet ist das Volk, verwundet ohne I teil. Und wenn der Gottesrnf von hier und dort ertönt, Nicht regt, bewegt cs sich, kein Zittern faßt das Volk. Nicht liebt es sich mit des Löwen Macht, Nicht bebt vor dem Rufe ein Mann der Stadt. Nicht jubelt das Volk: ein einziges Herz, Von rechts zu links, von Meer zu Meer — Und haben sich echte Kinder bekannt, ׳׳ Die fernher folgten dem Rufe des Herrn, Nicht grüßt •es sic, streckt nicht entgegen die Hand All jenen, die treu noch und wahrhaft sind — Nein: goldene Götzen umjohtchd Geschrei Verschlingt den mächtigen Donner des Herrn. geworden schwachen d zw ' '*) Wir entnehmen dieses Poem dem soeben vom J>.?.‘«chen Verlage herausgegebenen lind vor• 7rÄU »״*««?‘®‘teten Werke ..Gedichte״ von Ch. N. ni■ 4\־z^1rU«c\ von! ^rns* Müller. Eine Besprechung nevuuTsrh-w.־& ׳d!cn w«t«uropäiscl1cn Juden einen macht, folgt;Vf ■ ■ ■■ sind, an die wirtschaftlich leislun« .amlgcimindcn wird sie vielmehr die Soli’ nrität der jüdischen Religionsgemeinschaft in Bnvcrii weifclsoline zu fördern und zu liehen geeignet sein “ie Abwanderung vom Land nach tlcr siaJt!»eh andere Erscheinungen gezeitigt. Au St«|!e über allein herrschenden Orthodoxie sim| |,c״te Richtungen getreten. Beiden Richtungen, den Neologen, wie den Orthodoxen muß die nach heutigem (icset/ nur zulässige E i 11!1 c i t s gemeinde demnach ungenügend erscheinen, denn sie ■miß uaturuolwemlig zur Gewissensbedrängnis der Minderheit führen. Au» diesem Gruml ist z. B. auch der Plan eine ״K״״y. storialverfassimg״ cinzidühreu zu verwerfen. Die Hc. Strebungen auf die Einführung einer sulchen Vor• fassimg hatten seit den 20er Jahren des 19. Jahrhundert immer wieder innerhalb der jüdischen Rcligionsgc• Seilschaft Bayerns, vor dem Landlag und bei den Ministerialhcliorden zur Erörterung gestanden. Sie sind anfangs der 00er Jahre endgültig daran gc• scheitert, daß siel: eine Zusammenfassung der weit nuseuiandergchcndcu Richtungen innerhalb der hay«. rischen Judenheit unter einer religiösen Oberbitmrdc als unmöglich erwies. Eine religiöse Oberlicht •*de, die sieh der Anerkennung aller jüdischen Glauben*, genossen in Bayern erfreuen könnte• ist aber nicht denkbar. Ohne eine solche allgemeine Anerkennung würde eine Ohcrhcliörde «ler erforderlichen Autoritiit entbehren. Aus ähnlichen (iriindeii sind auch die in: Auftrag des Verbandes der deutschen Juden und des Deutsch-israelitischen Gcincindelnmdcs aus• gearbeiteten Entwürfe eines Gesetzes ״helr. die Vcr• fassimg der jüdischen Religionsgesellscliafl in Prcuße»1״ in den Beratungen der Gemciudetagc auf ent• selüedenen Widerspruch gestoßen und nicht angc* nominell worden (vgl. Strauß a. a. O.). So lautet denn die z weite II .111 p t f ord e r 11 ng, die bei der Revision des Ediktes zu stellen ist: Bildung*, m ö g I i c h k c i t mehrerer K u 11 u s g c m c i n . den verschiedener religiöser Rieh tun• gen in ein e m po 1 i t i s ch e n B e zi rk. Man darf die Hoffnung aussprechen, daß die Regierung,' welche nach einer Erklärung des Mini• sters vom 20. Januar 1910 die Revisionsbcdiirfligkcit des Ediktes unumwunden z.ugibt, bäht Veranlassung nimmt entscheidende Schritte zu Um. ') Die staatsrechtliche Stellung der Israeliten in Bayern, ein Beitrag zur Lehre von den Privatkirchengesellsehafteu von l)r. jur. Joseph Heimberger, Freibürg i. B. und Leipzig 1893. '0 München 1908 bei Heller. *׳) Vergl. hierzu Dr. Elias Strauß, München: Grundsätze für eine neue gesetzliehe Regelung der Verhältnisse der jüdischen Religiunsgesellschatt in Bayern (als Manuskript gedruckt). Mit niedrigen Herzen und trachtender Schmach Verachten und höhnen sie Gottes •Wort, O elendes Volk, voll Brand und Gift, Vom Haupt bis zur Sohle faulig und morschl Nicht ersteht ihm am Tage der Not ein Mann, Mit pochendem Herzen, ein Schöpfer der Tat, Dem im Herzen cs sprüht mul das Blut sich entfacht, Dem im Haupte strahlt seines Volkes Licht, Dem teurer sein Volk, dem teurer sein Gott, Als Schätze und Gold, als die Götzen des Lugs'*^■ Den, ohne Trugselmsucht, der Wahrheit Glut In Halt der Knechtschaft Tage zu zählen hieß, Und dessen Milde doch weit wie das Meer Und groß wie das Joch des' unglücklichen Volks. Droh wogte sein Herz, wie brausende Sec, Dies brennt in ihm wie Glut und entfachte sein Blut, Dies dröhnt ihm Tage uml Nächte ins Ohr: ״Zum Dienste! Zur Tat! Denn mit uns Ist Gott!“ * * , » Ja, das Volk, es sank! Und sein Streben ward die Schmach t Ohne Bestand seine Tat, ohne Gesetz sein Werkt Jahrtausende wandern! Unerträglicher Bannt Da irrte sein Herz! Da schwand sein Rat! Und fühlt es, erzogen an Geißel und Stab, Den Rücken geschunden, auch der Seele Schmach? Sorgt cs noch außer den Sorgen dca Tags, Wenn cs sich windet in Schluchten der Qolusnacht? Sendschreiben an einen Kulturzionisten Eine Erwiderung. Ihr kürzlich erschienenes offenes Scndschmbcn ״an einen Traditionell Gesctzcstrcucu Juden״ scheint bestimmt, mir «las Verständnis der Grundlagen Ihres Zionismus zu vermitteln: es soll gewissermaßen »ler Niederschlag der Gedankciizusainmcnhängc sein, die in Ihrem Vorstellungskreis unbewußte Entwicklung, Wille uml — seien wir offen — Zweckmäßigkeit;• rficksichlen im besten Sinne des Wortes haben *״׳(• stehen lassen. Wenngleich cs in Ihrem Vermögen stand,• diese Darlegung unter Beiseitcschiebung Bier־ persönlichen Rcibcflachvn zu gehen, ohne der Voll• ständigkeit und der Wirkung des Ganzen Eintrag zu tun, streifen Sic doch «las persönliche Gebiet uml machen es mir schwer, in der Antwort daran vorüberzugehen. Ich beschränke mich indes auf die knappe Feststellung, daß Ihr erster Bericht über die kt, Daß es höbe die Seele, sehend, zum Tag, In die Zeit zu werfen des Ziels ein Wort? Erwacht cs denn noch, wo es die Geißel nicht w Erhebt cs sich, wenn nicht ein Unheil es hebt Ein Blatt, gewelkt vom Baum, Moos, das die Welle schwemmt. Die Traube, dürr, /erpreßt, kann sie der Tau bclu « ״? Und wird die Posaune dröhnen, und neue Faimen welu'A Wird cs den Toten wecken? Wird sich der erheben ute Bücher und Zeitschriften Memoiren einer Sozialistin, von Lily Brau«, Kampfjahrc, Roman. Geheftet 6 Mark, gebunden in, Leinen 7,50 Mark, in Halbfranz 9 Mark. Verlag von Albert Langen, München. Mit der Frage: ״Und der steile Weg, den ich gehen will, wohin führt er?“ — schlossen die ״lehrjahre44, die der erste Band der Memoiren einer Sozia- Iistin darstellt. Das neue Werk der Verfasserin gibt auf diese Frage die Antwort. Aufwärts führt der Steg und in noch heftigere und leidenschaftlichere Kämpfe. Mit Recht heißt darum das an die Lehr* jahre siel: anschließende, aber nach Form und Inhalt völlig selbständige Buch; ״Kampfjahrc״. Es schildert den Eintritt der ״Heldin des Romans״ in die Sozial*