Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1911-09-22 · Heft 38 (22.9.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651711-2651749--07983-2665189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 38 J U I•:'*:י f ° C H E 1 ו חm D S CII A U Seite 453 der Ansicht Ausdruck gegeben, daß man in früheren Jahren den nalionalcn Charakter der ziouislischcu Bewegung verheimlicht hatte. Man Ipt von jeher die nationale Idee empfohlen, indem man bewies, daII sie die einzig mögliche Kettung aus der Not 11ml dem Untergänge des jüdischen Volkes sei. Obwohl diese Argumentation nicht falsch und sogar notwendig ist!:taube ich doch, daß man in Deutschland echte'und innerliche Zionisten nur erziehen kann, wenn mau den jüdischen Nationalismus in letzter Begründung ans sich selbst heraus, aus der nationalen Idee als einem absoluten Werte entwickelt. Zionismus als i'crsönliclikcitsproblcm ist die Formel für diese Agi• tation. Wenn auch natürlich die Kenntnis dieser Auf• fassung schon früher bestanden bat, so konnte doch erst eine systematische, d. h. wiederholte und ein* heitliche Propaganda unter Nichtzkmisten, besonders aber auch unter Zionisten, die Idee des Nationalis• mus wahrhaft fördern. Es ist selbstverständlich, dalt früher aus äußeren Gründen eine systematische Pro• oaganda in der von mir auf dem Frankfurter Dcle• giertentag empfohlenen Art nicht hat staufinden können; aber es ist ebenso selbstverständlich richtige, daß diese Form einheitlicher Propaganda die Stirnnning der deutschen Landsmannschaft nationaler ge• macht hat, Die Auskunft, daß ich diese Gedankengänge in der zitierten Versammlung entwickelt habe, hätte inan jederzeit von mir erhalten können, wenn man mich um eine private oder öffentliche Interpretation ersucht hätte, anstatt mit freudiger Genugtuung einen diirf• tigen Zeitungsbericht nufzugreifen, um mich in der zionistischen ()Öffentlichkeit zu diskreditieren.1 Und ׳ ma11: h u t dicke''Auskunft ׳vo'rh*c׳r •v o n mirvrhaltertt Ich hä he 1'mehrere Tage vor der Veröffentlichung der Erklärung Herrn Dr. Witköwsky und anderen• Unterzeichnern gegenüber die Richtig• keit der Darstellung des ״Haolam“ bestritten! Jetzt bliebe also nur die Frage offen, welchem Zwecke letzten Endes die Erklärung dienen soll, denn Ich kann doch unmöglich von Parteigenossen an• nehmen, daß cs ihnen lediglich auf eine wirkungs volle Demonstration gegen einen Beamten der n c u e n Parteileitung angekommen wäre. Das Urteil über den Ton der Erklärung finden deutsche Zionisten am besten in dem Artikel ״Mehr Takt“ (Jüdische Rundschau 1910 Nr. 8) von Dr, G. Witköwsky. Kurt Btumcnfctd, Parteisekretär und Mitglied des CcntrahComites der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Wir unsererseits wollen zu dieser hoclmotpein• liehen Affäre — die nun hoffentlich abgeschlossen ist, denn sonst wäre über ihre Inszenierung usw. noch etwas zu sagen — nur das eine bemerken, daß uns ein in der ״Welt“ zu dieser Sache erschiene• ner Brief eines deutschen Zionisten 11 i c 111 zur Vor• öffcntliclumg zugegangen ist. Wir sehen jetzt von einer Wiedergabe des Briefes in der ״J, R,“ ab, weil wir nicht den Anschein erwecken möchten, als wollten wir den Briefschreiber — ohne dazu autorisiert ־zu .sein — in weiteren Kreisen kompromittieren, als er selbst oder seine Freunde wünschen. Denn das Schrei• ben, das Herrn Blumenfctd lächerlich machen soll, trägt nichts zur Charakteristik unseres Partcisekre• tärs sondern nur einiges zur Kennzeichnung seines» Ver• fassers bei. Herrn Blumenfeld, unserem so rührigen und euer• gischen Freunde aber wünschen wir, daß er solche kleinen Parteifreuden mit dem ihm eigenen Humor mul durch seine tiefe Liebe zur Saciic rasch verwinden möge, damit er in der neuen Stellung, die ihm einen noch weiter reichenden Einfluß gewälirt, mit frischen ,Krüflcn ׳dcilt Zionismus zu immer neuen Siegen vor• helfen kann. liehen Warm eines Au .:!r: würden die! Waffe in der Drohuugeu, die vun ernst genommen werden, beamten und die I looligaus gut und wissen seit jeher, ,;ppi'tic ankh'bcn v.m lixzes'■ .u!den die I: :1 vo!y!״;t'!n.׳n, Fs lassen. Im Falle heißt es darin •- x/etleu!en mit der ■sind die bekannten itril ,1, >־!;uoiamassen nicht gar zu Die russischen Polizei• kennen einander mir zu daß sie im Grunde ge• nominell die gleichen Sympathien lugen und am!eichen Strange ziehen. Allerdings enthält die Znrilzyner Pogromarheit eine Note, die den örtlichen Behörden nicht angenehm ist. Der Pogromprediger, der Mönch! 1 i d o r, geht seine eigenen Wege und führt manchmal eine auf• riihrerisehe Sprache. Im Namen der. Zaren beschimpft er oft von der Kanzel herab oder au Koustigcn öffentlichen Steilen anerkannte Säulen der Polizei• Ordnung, Geistliche, Gouverneure, ja selbst Minister. Unter dem Mantel der Zarcutreue will er ein Gebieter sein und läßt cs auf Schritt und Tritt die Ortsverwal* tung fühlen, daß ׳•er oben persona grata ist, daß seine persönliche Unantastbarkeit vom Zaren seihst gedeckt wird. Niemand dürfe ihm etwas .intim, niemand dürfe seinen Wühlarbeiten im Wege sein, denn er könne und werde jeden Widersacher zerschmettern und z.er• malmen. Mit allen seinen Anspielungen und geheimnisvollen Andeutungen terrorisiert er in der Tat die Polizei, so daß sic sielt verkriecht vor seinem Zorn lind ihn nach Herzenslust schalten und walten läßt. Wie hatte es sonst passieren dürfen, daß er trotz der Pogrompanik noch gestern in der Kathedrale eine von Beleidigungen gegen Juden, Intellektuelle und die Obrigkeit strotzende Kninpfprcdigt hat halten dürfen? ln dieser Hetzrede erklärte ilidor allen den Krieg. Er; drohte den Kapitalisten, der Polizei, den Gerichten,' der'Intelligenz und den Juden mit allen möglichen Strafen, er gebrauchte dabei die u n f I ii t i g s t e n Schimpf w ö r t c r, er schrie wie ein Tobsüchtiger und klopfte fortwährend auf einen Stock, er rief aus, daß cr zwar keinen Pogrom in Zaritzyn inszenieren, daß aber ein Po• gr0m viollciclit doch stattflndcn würde. Der Verband der Jugendvercine und die zionistische Jugend Die Pogrompanik in Zaritzyn Aus dein kommerziellen Woigazentrtim Zaritzyn kommen jetzt nacheinander recht beunruhigende Nachrichten. Die Juden und die Intellcktucllvn erleben dort ähnliche Tage, wie man sie im Winter 1Q05—1900, insbesondere aber unmittei• bar nach dem Oktohermanifest allenthalben kannte: das Gespenst des Pogroms steht drohend vor ihnen, und Tausende sind des morgigen Tages nicht sicher. Der durch eine lange Serie von Brandreden aufgewühlte Pöbel vermag an Worten und _ kleineren Exzessen allein sich nicht mehr zu berauschen und ist jeden Augenblick willens, die Mord• und Zerstörungsgelüste durch einen energischen Ausbruch in die Tat umzu* setzen. Die Gefahr ist so groß, daß zahlreiche an• gesehene Bürger sich veranlaßt gesellen haben, den Gouverneur von Saratosv, den Staatsanwalt der Saratower Ocrichtskammcr und den Premier telegraphisch um schleunige A b w c h r m a ß n a!1 m e n zu er• suchen, während andererseits auch der Saratowcr Dumaabgeordnete Rosanow die untergeordnete Polizei zum Eingreifen drängte. Infolge dieser flehentlichen Gesuche hat der lokale Polizcimcistcr bereits die üb• Die gegenwärtige Situation in der jüdisch inter• cssierten Jugend Deutschlands gestaltet sich immer interessanter. Wir haben einen Verband der jüdischen Jugendvercine Deutschlands, der Anspruch darauf erhebt, als legitimierte Interessenvertretung unserer J11• gend angesehen zu werden, wir haben eine Reihe zionistischer Jugendvcreiiic und neuerdings bestellt, — wie genugsam bekannt sein dürfte, auch ciuq liberale Jugendorganisation. In zionistischen Kreisen ist nun in letzter Zeit häufig die Frage ventiliert worden, ob es nicht zweckmäßig sei, die schon bestehenden zionistischen Jugendvcreiiic weiter auszuhauen, neue Vereine ins Lehen zu rufen, und gegebenfalls zur Gründung einer alle diese Gruppen umfassenden Organisation zu schreiten. Zwar ist diese Frage in unserer zionistischen Presse letzthin schon mehrfach diskutiert worden, doch ist sic von einem außerordentlich wichtigen Standpunkt aus bisher noch nicht behandelt worden, nämlich von dein unserer Stellung zu den neutralen Jtigcndverciiicn. Die bisherigen Kritiker des Projekts haben sich lediglich darauf he• schränkt, es auf seine Opportunität für die zionistische Bewegung zu prüfen und hier ihre Aufgabe in mehr oder minder glücklicher Weise gelöst. — In• letzter Zeit ist mm jedoelt vielfach von leitender Stelle des Verbandes in voller Oeffentlichfccit deutlich zu ver* stellen gegeben worden, wie man dort ein derartiges Vorgehen der jungen Zionisten aufuelmien würde und wie man voraussichtlich zu reagieren gedenke. Ohwohl der von jener leitenden Vcrbandsstelle aus ge• üblem ״ElnscWichtcningsjioHtlk“ wenig Bedeutung hei• zumessen sein dürfte, halte ich cs auch aus prinzipiellen Gründen für durchaus angebracht, nunmehr ebenfalls vor der vollen Ocffcntlichkelt unseren Stand• punkt klar/nlegeu. Bereits vor mehreren Jahren trat ich tu lungeren Ausführungen für die Begründung einer zionistischen Jugendorganisation ein, als deren Hauptaufgabe ich neben der Außenarbeit die ״Durchbildung der Mitglicder zu vollen, ganzen, aufrechten und sittlich ernsten Nationaijudeii“ bezeichnet(-* (Jüd. Rundschau v. 19. VI. 1908). Für diese Organisation hatte icli Kurse in zionistischer Apologetik, Hebräischer Sprache, Jüdischer Geschichte und Geographie Palästinas vorgesehen. ich bekenne mich auch heute noch als einen unentwegten Anhänger dieses Projekts und habe in den 3>/ן Jahren, die seit Erscheinen dieses Artikels verstrichen sind, keine Veranlassung gehabt, auch nur eine der darin aiifgcstelltcn Thesen zu revidieren. Nun hnlien sich aber die Verhältnisse in der Zwischen* zeit wesentlich insofern geändert, als •eine allgemein jüdische Jugendbewegung, von deren ersten im Rheiniand und in Siiddcutsclilaud liegenden Anfängen da• inuls in Berlin noch nichts zu verspüren war, entstanden ist. Eine grolle Anzahl junger Zionisten sind dieser Bewegung, in die man allüberall auch in ance• reu positiv jüdischen Kreisen grolle Erwartungen setzte, lu'igcticleii - ob diese Erwartungen sich auch mir zum Teil erfüllt haben, das!gehört auf ein andeies Blatt. Die Mitarbeit au der neutralen Jugendbewegung, der diere unleugbar viel Impulse mul zahlreiche mora• lischc, wie auch numerische Erfolge verdankt, hat die* junge;, Zionisten aller niemals gehindert, au dem Aushau ihrer eigenen, bereits bestellenden, Jugcndgriippcn zu arbeiten. Wenn nunmehr innerlulb der zionistischen Jugend der Wunsch laut wird, diese Gruppen, die beispielsweise in Berlin, neuerdings eine* außerordentlich befriedigende Entwickelung genom• men haben, kräftiger zu unterstützen und durch einen Zusammenschluß aller in Frage kommenden Vereine zu stärken, so wird uns von Verbandsscite zugerufen, daß man eine solche Handlungsweise als einen ״Ver• traucnsbrueh“ ansehen würde* und droht mit dem schwersten Bannflüche. Begründet wird diese objektiv unlogische und dem Außenstehenden gänzlich mtverstündliche Haltung damit, daß man auch anläßlich der Sezession der ״Liberalen“ eine ähnlich cntschic• deiic* Haltung eingenommen habe und in völliger U11• Parteilichkeit nur alles tue, um die Stellung des Verbandes als der Sammelpunkt der zentralisierten und organisierten jüdischen Jugend Deutschlands gebüh• rend zu bewahren. Es kostet Mühe, angesichts dieser Unlogik und dieser — unbewußten? — Verkeimung der Tatsachen nicht ebenfalls den jüdischen Aphoristnenscliatz mit einigen ähnlich geschmackvollen ״iro• nisclicn“ Randbemerkungen zu bereichern, wie dies der Vcrbandslcitcr in seinem stets auch aut die hutno• rislische Unterhaltung seiner Leser besorgten Sinne in den wohltuend objektiven Vcrbandsmitteilungcn tut. Der Verband identifiziert anscheinend — und völlig mit Unrecht — die Wünsche, die den Ausbau und die Erweiterung der zionistischen Jugcndgruppcu betreffen, mit Bestrebungen, die* auf den Austritt der Zionisten aus der ״offiziellen“ Jugendbewegung und auf Gründung einer eigenen Organisation liinziclcn. Anders ist die Redewendung von dem ״groben Vcrtraucnsbruch“ nicht gut denkbar und verständlich, oder sollte man etwa an leitender Vcrbandsstelle derart naiv sem, anztmehinen, daß wir Zionisten aus hier wahrlich übel angebrachter Courtoisic freiwillig unsere bereits I ä n g c r als der ״Verband der jüdischen Jugendvercine Deutschlands“ bestehenden und gut funktionierenden Jugendgruppen lahmlcgcn würden? Wenn das Verhalten der Liberalen, die aus der neutralen Jugendbewegung ausgetreten sind und einen Separat-Vcrein mit deutlicher Spitze gegen den Verband begründet haben, in derart scharfer Weise vom Verband aus kritisiert wird, so haben wir nichts dagegen cinzuweiiden; unsere Meinung geht — vom rein zionistischen Standpunkt aus — dahin, daß die Begründung dieses Vereins schon deshalb bedauerlich ist, weil ihm das positive Ideal fehlt und für das Judentum wertvolle Resultate kaum gezeitigt werden dürften. Daß indes der Verbaiidsstandpmikt, den auch der Schreiber dieser Zeilen auf dem Delegiertcntage vertrat, nicht unberechtigt ist, daran ändert auch die Tat- Sache nichts, daß Herr Philippsborn im ״libc* raien Judentum“ ganz glücklich über die von ihm entdeckte Weisheit mir vorwarf, daß ich wissentlich den schon bei Begründung der Vereinigung für das liberale Judentum gefaßten Beschluß, eine Jugend- Organisation zu begründen, verschwiegen habe und deshalb meine gegen den nach Begründung des Verhamlcs gegründeten liberalen Verein gerichteten Worte unhaltbar seien. Diese Beweisführung ist indes nicht stichhaltig, Die jpolilischc oder religiöse Partei möchte icli sehen, die nicht die Propagierung ihrer Ideen unter der Jugend durch hierzu geeignete selbständige Organisationen in ihr Programm aufgenommen hätte. Wenn Herr Philippsborn also diese gewiß nicht neue Tatsache, die mir natürlich wohlbekannt war, trium• pblvrcml anhibrt «ml hiermit glaubt, den Nagel nid den Kopf getroffen zu haben, so irrt er, denn wesentlich ist zur Beurteilung der strittigen Frage der Umstand, daß die* Liberalen aus dem Berliner Verein ausgetreten sind, weil sic* hartnäckig ihren Kopf durchsetzen wollten mul ein Zusammenarbeiten mit andersdeu• kemlcn Elementen durch Unnaeligiehigkeit selbst in unwesentlichen Fragen und bis zur Lächerlichkeit ge• steigertes Mißtrauen, besonders gegen Zionisten, direkt zur Unmöglichkeit machten. Der Beweis der Friedensstörung ist erbracht und nicht in gehorsamer Ausführung des längst vergessenen Organisatioiisbeschltissc's, sondern in bewußter Absicht, dem Verband der Jugendvercine und — wie man meinte — damit auch den bösen Zionisten zu schaden, ging der Austritt vor sich. Hätten die Libcraien sich f r ii 11 e r zusammengcschlossen, kein den* kcitder Mensclt hätte ihnen eine so selbstverständliche Handlung verdacht, niemand hätte ihnen die schwer• wiegenden Vorwürfe machen können, .die man nun• mehr mit vollem Recht gegen sic erheben konnte. — Anders liegt indes die Sache bei den zionistischen Verbandsmitgliedern. Wir haben so viele allgemein jüdische Interessen, daß wir an einen solidarischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.