Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38 Seite 452 Misraclii ständig beteiligt sind, ist nicht nur ein Qebot der Gerechtigkeit, sondern vom Standpunkte der Parteileitung freudig zu begrüben. Nur so wird die Möglichkeit gewonnen, über alle EinMfrageu zur Ver• ständigung zu gelangen und das gegenseitige Ver• trauen, ohne welches der Friede nicht von Dauer sein kamt, zu erhalten mul zu befestigen. Wenn heule schon die Ansicht besteht, daß das E. A. C sich mit dein Misraclii über die beiden soeben erörterten Hauptfragen einigt, so können alle andern etwa noch auflauchemlett Sonderwünsche keine ernst• hafte Differenz bilden. Es ist unter anderm der Wunsch geäußert worden, Ausgaben für Kulturzwecke nicht aus Schekelgeldern zu bestreiten. Einem solchen Beschluß würden schwerwiegende Bedenken ent• gegenstehen, doch erübrigt sich die Diskussion hier• über, da die Schekelgelder in den nächsten Jahren leider noch nicht so angewachsen sein werden, daß sic für andere /,wecke ats zur Deckung der laufenden Ausgaben der Organisation verwendet werden könnten. Die Situation ist heute weit klarer als früher, und cs ist zu!;offen, daß die Verhandlungen zwischen dem 0. A. C. und dem Misraclii alle Differenzen so weit beseitigen werden, daß das Große A. C. mit seinen Beschlüssen den dauernden Frieden in der Organisation ]!erstellt. Der außerordentliche Delegiertentag des ״Misraclii“*) Die Ereignisse am Kongreß, soweit sie die Kultur• frage betrafen, waren Anlaß, daß am 10. September in Berlin die I )elegierten der Misraelii-Eörderatioi» zu außerordentlicher Tagung zusammeiitraten. Welche Bedeutung ihr in allen niisracliislisclicn Kreisen hei• gelegt wurde, erwies einmal die Frequenz der Tagung; trotzdem sie so bald nach dem KongrcD, kurz vor dem Fest und in aller Eile einherufen wurde, waren an •10 Delegierte aus allen Teilen Deutschlands, aus Belgien, Ungarn, Galizien, Rußland und der Schweiz erschienen, unter ihnen auch der greise Elireupräsi• dcut der Fürderalioii, Rabb. Reines aus Lida. Aber das fieberhafte Interesse an dem Gegenstand der Beratung äußerte sich auch in einer Unzahl von telegraphischen und brieflichen Meinungsäußerungen, die au das MisracItMUircau und an die Konferenz selbst gelangten. In Galizien hatte unter Vorsitz von Rabb. bchwclkcs eine Vorkonferenz stattgefuiulcn und ein ausführliches Promcmoria gesandt, ln Ungarn war eine Umfrage an alle Ortsgruppen ergangen und von allen beantwortet worden. Kein Wunder, daß auch die Beratungen, die um 10 Uhr im Atlasliotcl begannen, von tiefstem Ernst getragen waren. Man sali es allen Teilnehmern an, daß sie die schwere Verantwortung des Gegenstandes fühlten, daß cs ihnen um die heiligsten Dinge des Herzens und Gewissens ging. Der bisherige Vor* sitzende Dr. Fcuelitwanger-Frankfurt unterbreitete dem Delegicrlcntag ein gedruckt vorliegendes Expose, das mit reichhaltigem AKtcnmatcrial ausgestattet war. ״Der Rut der Sammlung, den Her/I ergehen ließ, klingt noch laut vernehmbar in unserem Ohr. Der Zionis• mus als Ausdruck und Organ der Einheit und Größe unseres Volkes hat auch jetzt noch nicht autgehört seinen Zauber auf uns auszuüben. Wir wissen, daß der Zionismus den zur Erde gebeugten jüdischen Natioualstolz emporgerichtet, daß er manchem unserer *j Der Bericht stammt von einem unserer ntisra• chistischen Gesinnungsgenossen, weshalb wir uns selbstverständlich nicht ohne weiteres mit ihm identifizieren können. — Red. d. J. R. Der Roman ist lebendig geschrieben, und der temperamentvolle, glitzernde Stil — der oft die Vor• Stellung von preußischer Militürmusik erweckt — gibt dem Buche fast einen frischen Rhythmus. Die niclitjüdischcn Figuren sind zumeist plastisch gestaltet, aber die Juden in diesem Romani Das sind, Zerrgehildc, keine Mensche 11. Darf mau sich darüber wundern? Es ist zu bedauern, daß die Verfasserin ’ ihre rciJtcn dichterischen Fälligkeiten dieses Mal an einen Stoff vergeudet hat, dessen Behandlung ihr miß• glücken mußt c. Louis Lcwin. Volksgenossen das einzige Band gegeben hat, das iim noch au uns bindet, mul wir erkennen dankbarst an. daß unsere eigene jüdische Auflassung und unser jüdisches Empfinden manche Bereicherung und Ver• tictimg durch den Zionismus crlalireu I1atf und daß der Zionismus in weitesten jüdischen Kreisen werktätiges Interesse für Palästina geweckt hat*‘ — mit diesem schönen Bekenntnis wird der Bericht ein* geleitet. Aber daun kommt das traurige Kapitel, in dem ein leider nicht gar kurzes Sündenregister der zionistischen Behörden und Institutionen gegen den Geist der I )er Verteid Wahrung relig genötigt war, sei völlig restillatlos geblichen, Von der Abstellungder nach außen allzu sehr kompromittieren• den Sahhatcntwcihung in zionistischen Bureaus ab• gesehen, sei cs niemals gelungen, eine Gesetzes- Verletzung rückgängig zu machen oder zu hindern. Vorstellungen und Beschwerden seien mit Ableugnun• gen und Verunglimpfungen oder mit Bcschwichltgim• gen und leeren Versprechungen beantwortet worden. Vollends die Annahme der Kulturresolutioncn stelle die Misrachistcn vor die Gewissensfrage, ob sic mit• wirken wollen und können an einer mehr oder weniger nreligiöse», wenn nicht gar antireligiösen Erzielnmgs• arheit, wie sic inoffiziell jetzt schon in Palästina be• trieben und in den Kreisen der Kulturzionistcu hoch gerühmt werde. Der Misraclii habe sein Vertrauen so oft getäuscht gesehen und müsse den jetzt maßgeben• den Persönliclikeiten und Parteigruppen so berechtigtes Mißtrauen cntgcgcnbriiigcn, daß er die Verantwortung für ein offizielles Schulwerk der Gesamtorganisation nicht miltragen dürfe. Die Organisation habe den Rahmen der Probleme verlassen, die unter gewissen Umständen von Juden aller Glnubeiisrichtungen gelöst weiden konnten, und ein Gebiet tiefer, noch unüber•' briickbarel• Gegensätze betreten. Da üittsse die bittere, letzte Konsequenz gezogen werden: Austritt und Neu• Organisation auf unveränderter Basis außerhalb der Bewegung! Es war heraus, das schicksalsschwere Wort, und mm begann ein heftiger Kampf der Meinungen, der volle 18 Stunden die Oeister durchdrang. Denn liier entschied sich nicht nur eine Herzens•, eine Lebens• frage des Einzelnen, nicht nur die Existenzfrage des Misraclii; vielleicht knüpften sich an die Entscheidung tolgensehwere Entwicklungen im Zionismus, ja im Gesanitjudeutum. Und gegenüber der erschütternden Wucht des Aktenmatcrials, das in seinem ganzen Um• fang bisher nur wenigen bekannt war, hatte wohl jeder /tünchst mit sicii selbst zu ringen, ehe er zu klarer Stellungnahme gelangte. Ucbcr allen aber lag der dumpfe Druck eines Gefühls grollender Enttäuschung über Vergangenes und flügellahmer Skepsis für die Zukunft 1111 Zionismus — das zu sagen, fordert die Wahrheit. Trotzdem gelang cs im Verlauf der Dis* kussion, die Stimmung der großen Majorität gegen den Austritt zu sichern. Es siegte noch einmal die zähe Verknüpfung der Seelen mit dein zionistischen Ideal, cs siegte ein Rest von Vertrauen in die Logik der Dinge: daß eine uationai-jüdisclic Bewegung von dem ältesten und kostbarsten Natioualgut wollt ab• irren, aber nimmer Abfallen könne. Es siegte die Zuversicht, durch eine groß angelegte Propaganda dem Misraclii eine große Anhängerschaft und damit die Stoßkraft zuzuführen, die ihm, mehr als schöne Versprechungen, Respekt sichern muß. Es siegte end• lieh die rücksichtsvolle Art, mit der das E. A. C. den Wünschen des Delegiertentagcs begegnete, die aut organisatorische Sicherungen der wiederholten Kongreßhcschlüsse betr. Wahrung des Religions• gesetzes hiiizielcu. Auch von der Minorität, die für den Austritt gc• stimmt hatte, schied nur ein feil seihst aus, im Wcscnt• liehen die süddeutschen und ungarischen Führer, denen wohl die betr. Gruppen größtenteils folgen dürften. Cypern *) 111 der im Verlage von Heinrich Keller (Frankfurt a. M.) erscheinenden, vorzüglichen Sarnmhing: Angewandte Geographie (Hefte zur yerbreitung geographischer Kenntnisse in ihrer Be• Ziehung zum Kultur• tmd Wirtschaftsleben) wird die soeben beginnende vierte Serie mit einer Arbeit über die Insel (; y p e r n von Davis T r i e 18 c h eröffnet. Der Verfasser, der durch seine früheren Publikntioncu als ein guter Kenner des vorderen Orients gilt und besonders mit den Verhältnissen der Insel «r2*1״״rJHnc *'5{y?,c],״nK seiner Landesvcrhältnissc be• sonder» in pohüseber und wirtschaftlicher Beziehung h?ldunr»cr1V •AhuJs 1C' 8S. V 10״'J Seiten mit 20• Ab• runc'der' K&l?‘Cn1Tabc.״cn״״nd cincr Verklebterung ucr Kitchcncrschcn Landkarte. Preis 4 Mk. Cypern durch langjährige Studien und mehrfache! Aufenthalt im Lande seihst wohl, vertraut ist, faßt ir dieser Schrift ׳außer seinen eigenen Forschungsergeb nissen die besten und letzten Angaben ,׳innerdeutsche Veröffentlichungen zusammen und bietet so reell eine allscitige Darstellung dieses dem deutsche! Publikum gerade in seinen gegenwärtigen Verhält uissen so gut wie unbekannten Landes. Di eigenartige Stellung dieser Insel, die inmitten de türkischen Gebietes gelegen, einen Teil des os manischen Reiches bildet, aber nicht unter türkische! sondern unter englischer Verwaltung steht und voi wesentlich anderer Zusammensetzung der Bevölkerun! ist, als die umliegenden Länder, läßt sic heute wie i vergangenen Jahrhunderten als einen Vorposten Eti ropas zwischen Vorderasien und Nordafrika crschci neu. Nicht viele Länder blicken auf eine gleic wecliselvolie Geschichte zurück (in der übrigens di Juden eine, bedeutende, dabei aber sehr wenig bc kannte Rolle spielen), und nicht viele können auc h e u t c ein gleiches Interesse in Anspruch nehmen Demi gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt, bei Bcgitu eines großen Erucuertuigswcrkcs in den türkische; Ländern, ist es von größter Bedeutung, die Ergeh nisse keimen zu lernen, die England, das hier ci; Beispiel der Reformen geben wollte, die dem gc samten türkischen Oriente not tun, durch ein mehr als dreißigjährige Verwaltung erreicht hat, wl auch besonders, was ihm zu erreichen versagt bileb. - Das Buch, verdient daher, die Beachtung weiteste Kreise zu finden. Ein spezielles jüdisches und zio Erschütternd waren die Worte, mit denen sie sich von einem Stück teurer Lebensarbeit losrissen. |)jc anderen sammelten alten ihnen verbliebenen Optimis• mus und gingen ans Werk, um den Misraclii zu Von. solidiereu und zu stärken. Ein neues Centratcomite mit dem Sitz, in Hamburg wurde gewählt, die Zeichnungen für einen Agitationsfonds eröffnet, eine Propaganda• zentrale in Berlin etabliert, der Plan für ein eigenes Preßorgan erörtert u. a. 111. Wieder einmal hat der Zionismus eine Belastung• probe Überständern Aber man muß dringend wun• sehen, daß weitere vermieden werden! Und schade um die Abgcfallonen, die mit bitterem, verkümmertem Herzen von uns gegangen sind! Konnte dieser Aderlaß nicht vermieden werden? Vidcant consuies, ne quid res pubtica detrimenti capiat! Erwiderung Auf die Angriffe der Herren Barth und Genossen in der letzten Nummer dieses Blattes erwidere ich folgendes: Die Darstellung des ״Haolnm“ über meine Rede ist in wesentlichen Punkten unrichtig. Ich habe nicht im Namen der deutschen Delegier• ten eine Erklärung gegeben, sondern In cincr etwa halbstündigen, Improvisierten persönlichen Ansprache die Anschauungen der Mehrheit der deutschen Lands, mannschaft auf Wunsch ihrer Führer und. der Führer der russischen Landsmannschaft zum Ausdruck gc• bracht. Aber selbst, wenn der Bericht des llaolam dem Inhalte,, meiner Rede, in allen Einzelheiten gc• recht würde, wäre, diq ־ Deutung unznlässig,״tlaß ich das ,, aufrichtige ,nationale, Empfinden verdienter, führender deutscher Zionisten in Zweifel gezogen hätte. Die nationalen Seetenbekcnntnissc der Herren sind daher ebenso abgeschmackt wie überflüssig. Das trostlose Bemühen, mich durch spitze Bemerkungen persönlich zu verletzen und in meiner Eigenschaft als Partcibcnmtcn zu bevormunden, empfinde ich ats durchaus ungehörig und unwürdig. Was aber habe icfi denn wirklich gesagt? Ich habe in cincr längeren rein theoretischen Rede über den deutschen Zionismus auscinnndcrgcsctzt, in wcl• eher Weise die Entwickelung unserer politischen An• scltauung (natürlich nicht ״Gesinnung**) sich voll• zogen hat. Der Kongreß hatte meiner Meinung nach den deutlichen Beweis erbracht, daß das politische Verständnis der deutschen Zionisten sich wesentlich erweitert batte. In der Untersuchung der lieferen Ursachen dieser Erscheinung hob ich hervor, daß eine Idee Ach ad Haatns, die Idee des jüdischen Zen• trunis in Palästina, dessen kulturelle Ausstrahlungen die Erhaltung des ganzen Volkes gewährleisten, unseren rein politischen Zionismus wertvoll beeinflußt hat. Jeder deutsche Zionist, der mich hat sprechen hören, weiß, wie häufig ich diesen Gedankengang in der Agitation verwendet habe. In diesem Zusammenhänge habe ich auch über deutsche Agitationsmcthoden gesprochen und dabei mit einigen kurzen Bemerkungen dasselbe gesagt, was ich auf dem Frankfurter Deutschen Delegiertcntage in einem längeren Referate ausgeführt habe. Meine Thesen wurden damals einstimmig angenommen. Ich habe behauptet — und halte die Behauptung aufrecht —, daß die Agitation in den letzten Ja!i!cn das rein nationale Moment mehr in den Vorderrad gestellt hat, während früher in der Propagierung der jüdischen Nationalitätsidee die Schilderung :.,er Judennot die Hauptrolle gespielt hat. Ich habe t'.iit nistischcs Interesse liegt darin, daß aus den L.a• dcsverhällnisscn Cyperns außerordentlich viel fiii lie Kenntnis Palästinas und seiner Möglichkeiten geschöpft werden kann, wie auch, daß die Insel Cypern (un ’ die Sinai-Halbinsel) jene nächsten Naehbargebicte 'i• stinas sind, um deren Aufnahme in das Landprogr. ••;m der zionistischen Bestrebungen eben der VcrLwer des vorliegenden Buches einen konsequenten und schließlich erfolgreichen Kampf geführt hat. Jüdischer Jugend-Kalender 5672. J ü d i s ce r Volksschriften*Vcrlag O. m. b. H., h־.mk• furt a. M. Preis 60 Pfg. broschiert. Der kleine Kalender verfolgt orthodoxe Tennen• zen. Er ist darauf aus, seinen kleinen Lesern (cs ist wohl an Kindern von etwa 8—12 Jahren gedacht) mit der Unterhaltung religiöse• Belehrung zu bieien. Aus der Reihe der echten, wirklich künstlerischen Jugendbücher scheidet er damit von vorherein .־ms; ein frisch und ursprünglich empfindendes Kind wird mit dem nicht viel anfaiigen können. Das kleine Märchen von Max Spei er wird in Ton und Inhalt der kindlichen Phantasie noch am ehesten Zusagen. Druckfehler-Berichtigung ln der in der vorigen Nummer gebrachten ״Er* klärung** soll der erste Name nicht Bancth heißen, wie ein Druckfehler meinte, sondern Lazarus Barth.