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Jüdische Rundschau · 1911-09-22 · Heft 38 (22.9.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 j u l in:: c, 1 ,UHDSCII AU Seite 45t Vornahmen, wie Sie ihn sonst so hätifi^ als plüio.so• pliisclic Unmöglichkeit bekämpfen ‘*!IU-’ii? Die AU• gemeine Zeitung des J tuUiitnms wird ilmcu da/״ viel bereitwilliger ihre Spalten öffnen, als zu diesen! Auf• sat/, der sich ja, seien wir ehrlich, gegen seinen eige• neu in Halbheit und Verwaschenheit versunkenen Leserkreis wendet. Versuchen Sie cs nur, ich ver• spreche Ihnen, wir werden zur Stelle sein. Das Attentat auf Stolypin Am M. September abends hat in Kiew der iiHlisehe Rechtsanwalt■־,gehilfe (Assessor), Bagrow im Theater während des zweiten Zwischenaktes der Korsakowscheu Oper ״Zar und Sultan“ auf den russischen Ministerpräsidenten Peter Arkadjewitsch Stolypin zwei Revolverschüsse abgegeben, die den Ministerpräsidenten so schwer verwundeten, dali er am letzten Montag seinen Verletzungen erlag, Oer Zar, der mit seinen Töchtern der Pest• Vorstellung beiwohnte, befand sieh zur Zeit des Alten• tats gerade im Poyer des Theaters. Die Tatsache, dall nun auch Stolypin einen! revo• lutionüren Anschlag zum Opfer fiel, hat einer grollen Reibe liberaler Blätter den Anlall gegeben, in weich• lich-sentlmcntalen Betrachtungen den uitu verstürbe• nett russischen Ministerpräsidenten als Menschen und Politiker zii ״würdigen“. Wäre er eines natürlichen Todes gestorben, oder wäre er gar vor seinen! Tode gestürzt worden — was ihm ja nahe bevorslaiul — so hätte das Urteil der sogenannten ״öffentlichen Meinung“ sicher wesentlich anders gelautet. So aber bat die plumpe Tat Bagrows die Geschichte gefälscht und aus einem unfähigen, rohen Bureaukraten einen Märtyrer gemacht, der jetzt als der ״große Staatsmann Rußlands“, als der ״llezwin• ger der Revolution“ verherrlicht wird. Wie wenig Stolypin beides gewesen, beweist sein trauriges Ende am besten. Er hielt, wie zu .•!llen Zeiten die ratlosen Machthaber, Gewalt für Staats• kunst und den Galgen für ein politisches Beruhi• guiigsmittel. Tausende hat er kalten Blutes!norden lassen, denen nicht der leiseste Schatten einer Blut• schuld nnehgewiesen war. Die Gefängnisse und die Kasematten der Festungen waren lange nicht so voll wie während der fünf Jahre seiner Schreckens• h e r r s c I! a f t. Und geprügelt und gefoltert wurde in Rußlands Gefängnissen selten so ungeniert wie unter Pjotr Arkadjewitsch, des Zaren aliertrcucstem Diener. Die Juden ließ er humlcrtwcisc zu Paaren treiben, und auf Recht und Gesetz kam cs ihm auch dabei wenig «an. Er brachte sieb in den Ruf des rechtlichen Mannes, indem’er seinen Schwager Ncidt• Hardt ־ den er nebst gut anderthalb Dutzend seiner anderen Verwandten in profitable Stellungen lanzicrt batte - strenge Revisionen allenthalben vornehmen lieh, den Beamten Angst eiujagtc und damit den Bürgern des Lehen noch mehr erschwerte, Wenn dann aber der Zar die ganz hochgestellten Gauner rasch begnadigte oder ihre Verfolgung gar nicht zu ließ, so sagte Pjotr Arkadjewitsch auch dazu gerne Amen, denn er wollte nicht nur ein Ehrenmann, sondern auch —• und das vielleicht noch lieber -־- Premier minister bleiben. Das wäre er aber dank der überragenden lln fäliigkeit und der politischen Wankelmütigkeit, die ,.diesen Halbbarbaren auszcichuctc, der alles andere eher als ein fester Charakter war, ohnehin nicht mehr lange •>״!׳־!ich;weil rr 1׳;;!ligrmncJi mit einer *arlei nach;, 1, vc!<!.,!ö. Und deshalb war es Hieraus töricht, geiaue jetzt einen Märtyrer aus ihm zu machen. Der Revolver wird ja leider in Rußland voraus• sichtlich so bald nicht aufböreii, als politisches Ar• »uiiieut zu dienen, was eigentlich abseits seiner Be• Stimmung liegt ־ aber Stolypin damit zu bekämpfen, war nicht nur, wie das in der Natur der Sache liegt, roh und brutal, sondern auch überflüssig und mehr noch׳ unzweckmäßig, dem! nun hat die Reaktion wieder Gründe fiir i 11 r e ״Argumente“. Die beißen hekanntiieh Pogrome .... 1 *14 WS (UCkll Der X. Kongreß bat den! Engeren Aktionskomitee den Auftrag erteilt ״die Kulturarbeit in Palästina und dem Orient zu organisieren und zu zentralisieren“. Mit diesem Beschluß, der eine überwältigende Mehrheit fand, hat der Kongreß deutlich gezeigt, daß er sich seiner hohen Aufgabe bewußt war, die ge• eigneten Mittel und Wege ausfindig zu machen, die Sache des Zionismus wirksam zu fördern. In der Tat ist die Präge der kulturellen Entwicklung des orientalischen Juden- 111 in s für uns von so eminenter Bedeutung, daß es kurzsichtig, ja vciblendet wäre, ihr auf die Dauer aus Gründen innerer Parteitaktik aiiswciebcn zu wollen. Das Beispiel der philanthropischen Gesellschaften, die siel! vorwiegend mit kulturellen Aufgaben, mit der Er• zielning der jüdischen Jugend befassen, lehrt deutlich, welche Macht über die Gemüter uns aus solcher Tätig• keit erwachsen könnte, und wenn auch die zionistische Organisation angesichts der Größe ihrer Aufgabe und der Vielfältigkeit ihrer Arbeitsgebiete nicht in der Lage ist, sich nach Art der ״Alliance“ oder des ״Hilfsvcteins“ für das Schulwesen zu spezialisieren, so muß sie doch mit größter Aufmerksamkeit die geistige und kulturelle Entwicklung der orientalischen Judculicit verfolgen und auf diese Entwicklung Einfluß zu nehmen suchen. Wenn cs der Leitung der zionisti• sehen Organisation gelingt, auf diesem bisher vernacl!• liissigten Gebiet auch nur Anfänge einer planvollen Tätigkeit zu entfalten, so wird sie sich den Dank künf• tiger Generationen verdienen, Ist doch der Zionismus, wie wir ihn verstehen, kein toter Mechanismus, stm• dem lebendiger Geist, ist doch seine Verwirklichung keine Präge iiußcrlichcr Organisierung, wie wir sie hundertfach im jüdischen Vereinswesen der Gegenwart wahrnehmeii, sondern innerer Be• Ic billig. Nur als geistige Macht kann der Zionis Hins siegen, und deshalb muß er in den Herzen und Köpfet! der Juden des Orients Eingang finden, mit denen wir bei der Ausführung unserer Pläne in allererster Linie zu rechnen haben. Insbesondere gilt dies natürlich für Palästina selbst, dessen Jugend uns, d, h, dem nationalen Ideal des Zionismus gehören muß, wenn unser Werk von Dauer sein soll. Es war voraus- Zusehen, daß die Annahme der Anträge des Kulturaussehusses für das Verhältnis der Misraehi-Föderation zur Gesamtpartei von Bedeutung sein Würde, denn bislang hatte der Misrachi den Standpunkt vertreten, daß die Kulturarbeit völlig von der Parteiarbeit losgelöst und der Initiative von privaten oder besonderen Gesellschaften überlassen bleiben müsse. Diesem Standpunkt hat sich der Kongreß nur insofern nngc schlossen, als er die Kulturarbeit in den einzelnen Ländern für eine Aufgabe der Landesorganisationen 111)11 Föderalj!,neu erklärte. Damit ist die Möglich• keit gegeben, den jeweiligen Laudesverhällnisseu Reell* innig zu (ragen, ״ml auch der Misrachi kann siel! auf der ganzen Welt in seinem Sinne kulturell betätigen, In! Grient aber und insbesondere in Palästina muß die zionistische Organisation als solche zu wirken suchen, denn es hieße ein Kartenhaus errichten, wenn wir dort, wo das Zentrum unseres Volkstums sich bilden soll, an dein geistigen Lehen der jüdischen Bevölkcrung achtlos voiübergehen oder gleichgültig zuschen sollten, wie die Feinde unserer Idee die Herzen der Jugend zu erobern trachten. Für ilen Misrachi handelte es sich nach der An• nähme der erwähnten Beschlüsse darum, sein Verhnltiiis zur zionistischen Organisation zu bestimmen, und diesem Zwecke diente eine Konferenz, die am 10. September in Berlin stattfand. Das vorläufige Ergebnis dieser Konferenz war, daß eine Anzahl Misraeliisten ihren Austritt aus der zionistischen Orgauisation erklärte. Die Majorität aber beschloß, vorläufig in der Organisation zu verbleiben imil mit, dem Aktions• komitcc in Verhandlungen einzutreten. Diese Verhandhmgen, mit «lenen eine K«nnmission des Misrachi beauftragt wurde, nahmen am nächsten Tage ihren Anfang, Es fand eine ausführliche Besprechung zwischen ein/elmu Mitgliedern des E. A. C. und der Misrarlii-Konnnission stal*, 11ml wenn auch das E, A, C. noch nicht zu formellen Beschlüssen gelangen konnte, wenn auch die sehließlichc Entscheidung dem Großen A. C, Vorbehalten bleiben muß, so kann doch als Resnltal der Uulerrediing festgcstcllt werden, daß nicht nur der Wille zur Einigung auf beiden Seiten u>r• hamlcn ist, sondern daß die sichere Aussicht besteht, daß das E. A. G, in der Lage sein wird, dem Großen A. C. Beschlüsse zur Annahme zu empfehlen, die es dem Misrachi ermöglichen werden, in der zio• nistischen Organisation nicht nur zu verbleiben, sondem auch gemeinhin mit ihr tatkräftig zu arbeiten. Dieses erfreuliche Resultat der bisherigen Unterredimgen kann insofern nicht überraschen, als ja längst feststeht und in den Beschlüssen des Kongresses zur Kulturfrage wiederum betont wurde, daß die zionisti• sehe Organisation nichts unternehmen darf, was dem Rvligionsgeselz widerspricht. Es wird mit Strenge darauf geachtet, daß die Bureaus der Organisation uiul ihrer Institutionen am Sabbat geschlossen bleiben, und ebenso wird hei allen zukünftigen Gründungen der zionistischen Organisation, auch auf kulturellem Gebiet, insbesondere im Sehulwesen, darauf geachtet werden müssen, daß keine Verstöße gegen «las Gesetz vor* kommen. Wenn gegenwärtig der Misrachi die Forderung erhebt, daß zur Sicherung dieser Bestimmung geeignete Maßnahmen getroffen werden, so läßt sich dagegen durchaus niel ts cinwcndcn, und es ist zu hoffen, daß sieh über die Form, in der diese Sicherung erfolgen soll, eine Einigung erzielen lassen wird. Das weitere Verlangen des Misrachi, bei der Vorb e r e i t u n g der kulturellen Arbeiten ge• hört mul berücksichtigt zu werden, kann ebenfalls nicht zu irgendwelchen Differenzen Anlaß gehen. Es muß freilich der Grundsatz festgehalten werden, daß die vorbereitenden Instanzen, d. h. etwa vom A. C. cin/usctzciidc Kommissionen fachmännischen, nicht aber parteipolitischen Charakter tragen. Die Ent• Scheidung kann immer nur heim A. C. liegen. Auf• gäbe der vorbereitenden Kommission ist cs, «las Ma* terial zu sammeln und zu bearbeiten, um das A. C. zu entlasten und mit fachmännischem Rat zu versehen. Daß bei «fieser vorbereitenden Arbeit Vertreter des wohl richtig, daß ich auf dem Rassenkongreß I lerrn Waldenburg ' ״bekannt" habe, ich hätte seine lößl geschriebenen und 1007 in der ״Vossischcn Zeitung“ gedruckten Aufsatz, über den ״Schädclfimd zu Herford“ gelesen. Aber es ist nicht richtig, daß ich diesen Aufsatz in mein 1900 (erschienenes Buch ״hinein• projiziert“ habe. Das.ist seUou deshalb nicht m ö g lieh, weil ich diesen Aufsatz erst in diesem laufenden Jahre 1011 z.iun ersten Male las, als er mir vor einigen Monaten von W. befreundeter Seite (Dr. Friedemann-Wicu) auf meine Bitte ztige• sendet wurde. - Und diese beiden Dinge sind Wahlen• hurgs Beweismateri.il. Bemerkt sei übrigens, daß ich diesen Aufsatz auchbci rcctitzciti g e r K e ח n t nis ebensowenig wie den mir bekannten Artikel in der ״Turnzeitung“ verwendet hätte, weil ich die in diesen Artikeln geübten kraniologischen Methoden ja, wie allen Lesern meines Buches wohl bekannt sein dürfte, prinzipiell ablchncn mußte. Auf das Mcritonische, ob wirklich mein Buch mit den W.schen Arbeiten inhaltsglcicb ist, will ich gar nicht eingehen. Das, was mir mit Herrn W. gemeinsam ist, ist einzig und allein der mit ganz, verschiedenen Instrumenten geführte Kampf gegen die These von der Inferiorität der jüdischen Rasse. Ich gebe Herrn W. gerne zu, daß er seit vielen Jahren sich und andere mit seinen Schiidclmcssungcn redlich plagte, ich.freue mich auch mit ihm darüber, wenn er die Ansicht hat, daß er ״zuerst die Supcrio• ,rltüt der jüdischen Rasse erstritten und daß er ״zuerst Chambcrlnin durchschaut*‘ habe, während cs ״eines Jahrzehntes bedurfte, bis die langsame I I erde ihm naclikommcu“ konnte. Aber ich muß nicht mir in sachlicher Hinsicht aus wissenschaftlichen Gründen die M c 111 o d c 11 d u r c h aus ablchncn, die ihn in den mir bekannt gewordenen Arbeiten zu seinen Schlüssen führten, ich muß jetzt nach diesem sonder• baren Artikel vor allem andern mit allem Nach• druck die, wie ich durch beweisbare Daten zeigen konnte, ganz grundlose Verdächtigung a u f das schärfste zu rii ck wei sc 11, daß ich ״offen“, ״ohne Ursprungshiiiweis“ ״geistiges Gut meines eige. neu Glaubensgenossen usurpierte“, ja daß ich ״u n t c r b c w u ß t oder o b c r h c w u 01“ eine ״Annektion“ an seinem geistigen Gute vornahm. Das geht denn doch wohl zu weit! Auf die mir am Schluß des Artikels gütig zuteil gewordenen mit• dernden Umstände Waldenburgs glaube ich wirklich verzichten zu können. Wien, 12. Septbr. 1911. »9 r.svera u Die belletristische Literatur der letzten Zeit weist eine Reihe von Werken aus der Feder von Nicht• Juden auf — ich nenne Hans Hart’s ״Das heilige Feuer“, Paul Langenschcidt's ״Graf Cohn“, Luise Algcnstiidl's ״Die große Sehnsucht“ — die bemüht sind, das Judentum von Orund auf zu erfassen. Man kann die crnslc Absicht, aus der heraus diese׳Werke• geschaffen wurden, ruhig anerkennen, ohne zu verschweigen, daß derlei Versuche nichtjüdischer Autoren ein fruchtloses Bemühen darstellt. Luise Algcusliidt schwebt als Ideal der ״National• jiulc christlicher Konfession in Palästina“ vor, und sic erzielt mit ihren Schilderungen oft ungewollt komiscUe Wirkungen. Haus Hart ersehnt die Ver• inischtmg jüdischen Blutes mit «lein adligen Blute anderer Völker; von dieser Edeimiscliuiig verspricht er sich Segen fiir beide Teile. Nun tritt eine Dichterin auf den Plan lind beweist das Gegenteil, 11 a n s v. K a h I e n b e r g (bekanntlich das Pscu• donym für Frau Helene Keßler geh. v. Monb.irt) schildert in ihrem Roman ״Ahasvern“ (Vita, Deutsches Vcrlagsbaus, Berlin-Ch.) in dunklen trüben Farben die verderblichen Folgen der Blutmischung. Unzweifelhaft denkt Frau v. Kahlenberg realer als Hans Hart. Nur hat die Verfasserin nicht bedacht, daß die deutsche Jiidenheit — Gott sei Dank — nicht lediglich von der reichen jüdischen Bourgeoisie repräsentiert wird. Die Juden dieser Kaste aber sind schon völlig degeneriert, wenn sie siet! zu einer Ver• hindung mit geltJhimgcrigen verkrachten Adeligen entschließen. Die Israelitentöchter aus Berlin W., die an der Seite eines ordengeschmiickten ״echten“ Grafen zum Traualtar schreiten, sind nicht von der Art der fcinncrvigeii zarten Adcline Goldstein, der Heldin des Romans; sie sind anderen G c b I ii t c i. Und diese Frauen erleben nicht das Aliasvergcschick, wenn ihr morscher Ehehund entzwei geht, sic schmieden sich ihr Schicksal selbst. ...

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