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Jüdische Rundschau · 1911-09-22 · Heft 38 (22.9.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 38 Seite 450 Willen. Und wenn wir an tlcn! Kantisehen MnII* stab gemessen werden sollen! ״handle so, dal! die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung «eben Minne", nun ja, wir glauben, daß jedes, aliei• ״lieh jedes ludivi• dinini in der Besinnung auf seine nalionale Gemein• Schaft au ethisch-menschlichen Werten gewinnt. Wohl verstanden nicht das He wollt sein nationalen Willens ist /,׳eineint, so wenig wie etwa die ethische Forderung der Treue des Bewußtseins bedarf, scbliclit diese es doch beinahe aus! ־ wohl aber das nationale Verwachsensein, zu dem jenes Hewulit• sein uns hellen soll. Dali dadurch politische Kon• flikte erwachsen können, Konflikte in der Welt uatiir• liehen Geschehens, das wissen wir, noch gibt cs keine reine Ethik, die etwas anderes wäre als Aufgabe. Aber freilich, wir Juden sollen ja als Erbe der Propheten eine andere Aufgabe halten. ״Das Juden• tum," heillt es, ״kann 'nur dann den Werl eines Kulturmotivs beanspruchen, wenn es in der Ver• brcitimg der Allhcitsethik au seinem Teile die Ein• heit des Menschen konstituieren hilft/‘ Verbreitung? Das ist, mit Verlaub, ein logisches Ersehleielmis, uns freilich von unsern Missionsgegnern her mir zu bc* kannt. Keinerlei Ethik beansprucht, dal) der ihr Lebende mm Prediger, Schulmeister, Journalist oder sonst ein pädagogisches Gewächse wird: die Ethik verlangt gelebt, nicht ״verbreitet" zu werden. Vielleicht habe Ich hier das Wort zu eng gepreßt, cs ist am Ende nur das ■ Beispiel gehende — Leben in der Idee gemeint. Aber eben diesem Leben in der Idee soll jedes parlikiilaristisehe Gesetz, wider• strebe». Es ist schwerlich zu leugnen, »lall der natio• nalc Wille manche parlikiilaristisehe Folgen hat, und die psychologische Ueberlegung soll ergeben, daß ״dem sittlichen Arbeitsprozesse Willenskräfte entzogen werden, wenn die endliche Willenskraft des Men• sehen durch einen weiteren Geseizcskumplex belastet wird.“ Eine neue, nicht eben überzeugende Art psychologischer Arithmetik I Da taten die Griechen ihrer Aufgabe, der Entfaltung von Wissenschaft, Staatsbewußtscin und Kunst freilich bitter Abbruch, als sic ihre Arbeit im Stiche ließen und erst einmal den Perser aus dem Lande jagten. Sie hätten sich auf die reine Entwicklung ihrer Aufgabe beschränken sollen, nur schade, daß sie dann untergegangen wären und mit ihnen die Verwirklichung ihrer Aufgabe. II. Mein Beispiel — eines von tausenden — war vielleicht schlecht gewählt. Die Griechen haben ja ihren Staat gerettet, und der Einzelstant ist für Keller• mann, wie für Cohen, ethisches Bedürfnis. Es scheint vielleicht, auf den ersten Blick seltsam, wie Cohen, der den Staat fast in den Mittelpunkt seiner Ethik stellt, der Nation zweifelnd gegeniibersteht. ,,Recht und Staat sind Gebilde des Geistes, das Volk dagegen ist ein Produkt der Natur“ (Cohen, Ethik). So schließt Cohen den Volksbegriff — mit Recht — aus einer meth.uiischcn Grundlegung der Ethik aus, aber er ist Viel zu weitsichtig, um nicht den Wert dieses pnrtikularistischcn Nationalismus für die Poesie, die Kunst, die vaterländische Gesinnung, wenn auch zögernd, anzuerkennen. Audi Kellermaun weiß, als Schüler Platons, daß die Idee reich und voller Leben ist, er weiß es, aber in seiner Behandlung wird sic so starr und kalt und unbeweglich, wie ein Gesetzeskodex es nur sein könnte. Hat er wirklich ohne Zucken den Satz von den ״kulturwidrigen Folgen Rassenproblem und Judenfrage Eine Erwiderung von Cr. Ignaz Zollschan. Von befreundeter Seite wurde ich heute auf den Waldcnburgschcn Artikel in der Nummer dieses Blattes vom 8. September, aufmerksam gemacht. Der 511• halt dieses Artikels, der mich ganz unverhohlen des Plagiats nicht mir etwa dieses oder jenes Details, sondern der ganzen Grundideen meines ״Rassen• Problems“ überhaupt, beschuldigt, bestimmt mich zu folgender Erklärung: Es kam mir zwar bei der Herausgabe meines Buches nur auf die ״U nterbreitung von M a tcrinlicn“ und auf die ״Entfaltung eventueller politischer Wirkungen“ an und nicht, wie ich in der Vorrede ausdrücklich hervorhob, auf Prioritiitshaschcrci und literarischen Ruhm. Aber nicht etwa deshalb, weil die ״Trauben, die ich pflückte", eigentlich das geistige Gut des Herrn Dr. Waldenburg waren und ich eigentlich nur — poetisch ausgedrückt — der ,,Gehirnmagen“ seiner Ideen gewesen bin. Durch die Ausschaltung aller persönlichen Ambitionen glaubte Ich vielmehr hoffen zu dürfen, daß das Interesse aller umsomehr auf die Sache selbst konzentriert werden tmd die Objektivität der Tatsachen umso kraftvoller wirken müsse. Einzig aus diesem Qrunüc scheute ich — J IJ E DISC HE RUN DSC 11 A U _ der Romantik“ nivderschrcibcn können? Er meint natürlich die Reaktion und einiges Dimkeliuäuuertum, ״her da gibt es doch noch einen Robert Schumann, Jakob Grimm, Hit; P.iulskirehe, viel Ernst und Tapfer• keil und Glut, mul, iu der Ferne, Bismarek und die Einheit des Staates. Was schiert das den Philo• sopheu, wenn mir ״die der Ethik sich üherorduende Aeslhetik“ methodisch korrekt widerlegt ist. Wenn mir in der ganzen scheinbaren Folge• ricldigkcit nicht »loch ein methodischer Fehler steckte! Georg Simmel hat einmal die Farblosigkeit im Kantischeii Begriffe des Individuums aus dem Geiste des achtzehnten Jahrhunderts heraus erklärt, «las in. dem einzelnen das Allgemeine, das Gleiche suchte, uml ihm das ganz andere, einzigartige, nicht wieder• holte, ganz persönliche Individuum des neunzehnten Jahrhunderts gegenübergestellt. Man muH sich hüten, iu dieser historischen Zui'iickführung etwa eine Wider• legmig sehen zu wollen. Kants Individuum, sein überempirisdies Ich, ist genau so notwendig für die ethische Grundlegung, wie jenes andere Ich cs ist für die kausal-historische Betrachtung. Das ist ja unser Reichtum und unsere Qual, daß wir dem Flusse des natürlichen Wachstums genau so lungegeben sind, wie in der Welt des geistigen Daseins verankert. Und so ist das geschichtliche Lehen in Ursache und Wirkung verkettet, wie in Mittel und Zweck, Nur soll man die Grenzen nicht verwischen! Kcllermann bekämpft die naturalistische Begründung der Ethik, so mußte er sich auch vor einer ethischen Betrach• Hing des geschichtlichen Nalurgcschehens hüten. Wohl durfte er, und dahin zielt ja sein Aufsatz, die ge• s e t z I i c 11 e n Ansprüche der Religion an den G c setzen der ethischen Aufgabe prüfen (auch liier ist er Von Trugschlüssen nicht frei), — aber den Reichtum geschichtlichen Daseins können seine Grund• sätze nicht bewältigen. Hier scheint er zu ver• gessen, daß die Sphäre der Philmtnphic und die der historischen Betrachtung nicht etwa konzentrische Kreise sind, diese in jener enthalten, sondern auf ewig zwei ganz verschiedene Betrachtungsweisen, uu• fähig, einander zu bestärken oder zu verwirren. Wenn Cohen die philosophische Begründung des Rechts und der Ethik aus dem nationalen Urgründe mit den Worten methodisch ableimt: ״alle Gefahren und alle Zweideutigkeiten der Relativität sind mit dem Be• griffe des Volkes behaftet“, — so kann er damit wahr• lieh nicht bestreiten wollen, daß am Begriffe des Volkes auch alle die Schönheit, die Spannung der Relativität hängt, alle Farbigkeit, die dem Abglanz des Absoluten, nicht dem Absoluten selbst anhaftet. Kellerimmu freilich dekretiert: ״Wenn die Sittlich* keit für ihre Verwirklichung bei außersittlichen Mo• tiven eine Anleihe aufnimmt, so hat sic sich ihres souveränen Primatcharakters begeben.“ Ach, aber solange die reine Sittlichkeit nur im Menschen und seinen Institutionen verwirklicht wird, und solange dieser Mensch, neben seinem geistigen Sein, in das Geliecht■ der Zeugung mul des Vergebens, in den Ablauf d es Werdens verstrickt ist, solange er eben auch ein kausal bedingtes Wesen ist, — solange hat ja die Sittlichkeit schon bei auliersiltliclien Motiven eine Anleihe gemacht, ohne, innerhalb ihrer Sphäre, ihren Priinatcharakter zu verlieren. Die Nation i s t ein Produkt der Natur, wie das empirische Jdividuum, Indem sie zur Formung, zur Organisation drängt, kann sie des übcrnaturalistischcn Charakters nicht entbehren. So wenig aber die All• heit der Ethik das Individuum auslöschcn will, ja \ .—........ . .... .1 I mm schon damals unter dem Protest meiner Freunde, die die, wie ich ejtzt wohl sagen, kann selbständige Art meines Arbcitcns kannten — sogar davor nicht zurück, meine eigenen Ideen ohne Namenszeichmmg im Anschluß an die Meinungen anderer zu veröffentlichen, so daß ich notwendig den Laien unter den Lesern vielfach nur als Kompilatoi־ der wissenschaftlichen Ideen anderer Gelehrter erscheinen mußte. Nach diesem Artikel Waldenburgs aber sehe ich mich zu der Erklärung bemüßigt, daß alle diej c nig c n anthropologischen, bio I o gi sehen, historischen und soziologischen Forsch u n g s c r g c b n i s s c — und cs sind vielfach gerade die integrierenden Bestandteile meines Systems - in denen nicht ausdrücklich bei dem betreffenden Absatz, der Name des Autors angegeben ist, die R c s u 11 a t e meiner eigenen langjährigen Arb eiten auf diesen Gebieten sind. Daß sich unter allen diesen vielen zitierten Au• toren aber nirgends der Name Waldenburg findet, mag, wenn man mir nur eine Spur von Ehrlichkeit zumutet, zeigen, wie wenig ich ״durch seine Ideen befruchtet“ war. Obwohl mir jede persönliche Debatte geradezu widerlich ist, sei mir trotzdem deshalb —־ dem Worte des ״principiis obsta“ Folge leistend — gestattet, gegen den schweren Vorwurf, den Waldenburg sehr leicht• sinnig gegen mich erhebt und der bei den Nicht• kennern Waldenburgs Immerhin einen gewissen Ein• druck!Unterlassen könnte, mit einigen kurzen Erklärungen mich zu wehren. Denn hier handelt es sich aiislöschc» durfte, so wenig eihebl sie den Anspruch nationale Formen zu vernichten. Auch dureli sie sie lebendig werden: in Treue, in Gerechtigkeit, j. staatlich organisiertem I )״sein. ״Die Eiliik cntsibeidet über die Bedeutung einer geseliielillielien Erschcinii״״ für die fortschreitende Versittlielmng in Rcilu ״l״j Staatslebcn“. Wenn aber die geschichtliche?•l.iaUiche Gestaltung es sei dahingestellt, ob aus Willkür oder iu iiaturgesetzliehem Zwang ein gcistig.nat1f,n.,lc4 Leben herimterdriiekt auch zu sittlicher Mindeiwenig, keit, zu Halbheit, zu Geduckthcit, zu Frechheit, zu un• aufrichtigem Dasein: was bleibt da der Nation, diesem Produkte der Natur, dem Produkte des Lebens? Sie will sich vollenden: das ist ih re'ethische Aul. gäbe. Einer positiven wissenschaftlichen Ethik mutt es gelingen, dieses Problems Herr zu werden. Wenn sie vor ihm die Waffen streckt, ist sie Valoren nicht der nationale Wille, leb malle mir nicht m, ein schöpferischer Philosoph zu sein, aber wenn mm gerade beim Deduzieren hält, stellt auch der feuld der Systematik zur rechten Zeit sieh an, und weist ironisch darauf hin, daß vielleicht in Keller,nann! eigenen Ausführungen schon ein Mittel zur selbst• Korrektur gegeben sei. ״Kein Vertreter des Weltenstaats“, von den Propheten ist die Rede, ״(lachte bei der Etablierung des Weltenstaats an die Kas-ierung des Heimatstaats, Aber das eine dachten sie, daß ihr Heimatstaat die Gesetze des Weltenslants erfülle, auf das jeder Einzelstaat den Weltenstaat rvpräsen• tiere. Es schließen sich also EJnzelsla.it uml Wellen• Staat so wenig aus wie Menschheit und Individuum“, Damit ist das wichtige Motiv erschlossen, das Goethe als Polarität erkannte. Polarität freilich ist ein nalur• wissenschaftlicher Begriff, philosophisch sprechen wir von Korrelation. Aber der Begriff herrscht nicht nur innerhalb der Philosophie, für den Knltnrbctraclitrr und den Klilliirschöpfer bedarf die Philosophie selbst eines Korrelats, es geht nicht, sieh bei der Beurteilung und Weiterbildung des Geschehens hinter sie und ihre Prinzipien zu verschanzen. Und die Auffassung Kcllcrmamis von einer universalistischen Ethik des Judentums berechtigt, ja verteufelt nötig in ihren Grenzen, denn wer von uns wollte auf die ״anslan• digen“ Werte verzichten! wird sich mit Notwendig• keit ihr Korrelativ erzeugen. Idee der Allheit, Frei• heit vom Religionsgesetz, Reinheit der Gottesidee, — Kellermaun ist ja nicht der erste, der in solchen For• dcrimgcn das Wesen des Judentums erblickt, eauf sie beschränkt wissen will. Wenn .aber das Judentum ,sich erhalten will, und dieser Wille zur Erhaltung ist auch in Kellermanns Aufsatz, vorausgesetzt, so kann es nicht reine Idee werden, cs bleibt, wie auch immer zur Philosophie erhoben, eine geschichtliche Erscheinung. So erwächst aus der anscheinenden Sublimierung neue Hoffnung. Das gesetzlich fisicifc Judentum kann mit einigem Grunde auf die Nation verzichten ihm wären dann Gesetze und Allheit die Korrelative , das gescl/esfreic Judentum wird ohne sie sich nicht behaupten können. Um einen Satz Kellermanns mmleutcnd zu zitieren: ״liebt ihr dem Menschen, was des Menschen, so geht ihr Gott, was Gottes ist.“ Alles, was ich sagte, sind Fragmente; cs konnte nicht anders sein, da der bekämpfte Aufsatz sich gegen eine ganz andere Welt richtete und nur begrmdend auf die Nationalität hiniiberspieltc. Aber wie wärs, Herr Dr. Kellermaun, wem! Sie auch den nationalen!,aitikularismus einmal öffentlich gar nicht um Priorität oder Nicht-Priorität*) sondern um den ungeschminkt ausgesprochenen Vorwur dc$ literarischen 1 )ichstahls. Es ist richtig, daß ich Waldenburgs Arti> ■I in der ״Jüdischen Turnzeitung“ aus dem Jahre!003 kannte; aber es ist nicht richtig, daß mir ״dam.:!- die Rnsscnforscliuiig noch ein Buch mit 7 Siegeln“ war. Denn s c ho u 5 J a h r e v o c he r , w\ Jahreרי81\ ־■ wickelte ich als Hospitant der Wiener jüd.-aK. Ver* biiidung ״Unitas“ dortselbs( in einem offen'1 eben Vortrage die damals bereits in der Konzeption In: mir feststehenden Grundideen meines■ 11 Jahre später er• schicnencn Werkes. An Freunde gerichtete Bricic aus jener Zeit, in denen die Grumlzüge meines Systems in Entwurfform auch schriftlich fixiert sind, existieren heute noch. In den dazwischen liegenden Jahren hatte ich in aller Ruhe, ohne bei jeder neuen Wahrheit wie eine bei jedem Ei gackernde llenn« erst ein Geschrei zu erheben, die Materie bis in ihr« letzten Konsequenzen durchgcnrbeitet. Daß ich dabei in der Literatur so selten auf den Namen Waldenburg stieß, tut mir leid, aber es mag wohl seinen eigenen Worten nach darin seinen Grund haben, daß über seine anthropologischen Arbeiten ״offiziell wie offiziös jeder Bericht unterdrückt“ wurde. Soweit sic mir heute bekannt sind, hätte ich mich übrigens mit ihnen auch nur polemisch befassen können. Es ist ferner *) Priorität, eine Sache, die mich aus den oben an• gegebenen Gründen noch ziemlich glcicbgiltig lass«״ könnte.

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