Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I I I I I «i* ן 1 ״ I I I V .J «׳ U Will n*(IHU!llBgS. ^Jj nryr^r'^ •י־ r ou u j c Nummer 38 r * n ר". יי n 3 u ÜA.J ר/ 7~ u י' Berlin, den 22. Saplesukr 1911 — 29. Elul 5671 XVI. Jahrgang Rosch-Haschanali Hs kohlte einst im Winter, so tierielitet ein /.*..trehen, ein wackerer Geigenspieler nächtlich v.nn späten Gelage nach Hause zurück. Da Hur/tc er in der Finsternis in eine Wolfsgrube, nie der Jäger angelegt hatte. Wer beschreibt sein Entsetzen, als ihm aus dem Dunkel heraus neilicr Atem entgegenschliigt, und ihn ein paar glühende Augen anstarren. Schon hält sich der Aermste für verloren, da gibt ihm die Ver/.weif* hing ein absonderliches Mittel in die Hand: Er ergreift die Geige und spielt sämtliche Tänze, die ihm einfallen. Das Raubtier wird gebändigt durch die Macht der Töne, und in einem langgezogenen Heulen alliiert es seine Zufriedenheit. Da, o Schrecken, reilh die eine Saite der Geige, und der wackere Künstler hat nur noch drei Saiten zur Verfügung. Nach einer kleinen Weile reibt die zweite Saite, kalter Schweif) tritt auf die Stirne des Musikanten, aber unverzagt mul) er weiterspielen auf den beiden übrigen, denn es gilt das Leben. Umsonst ist seine Sorgfalt, er kann es nicht verhindern, dal) auch die dritte Saite reibt. Ein einziger Faden trennt ihn buchstäblich vom Tode, und fieberhaft tanzen die feuchten Finger die lfctzte Saite auf. und ab. Die■ Töne wimmern in schmerzlichem ׳Gestöhn, schon wird auch die letzte Saite mürbe, schon verspürt der Elende das Schnappen des Untiers, da endlich glänzt der Morgen auf, der Jäger erscheint und tötet den Wolf. Wer denkt nicht, wenn er diese Geschichte liest, an Israel? Einst war das Judentum ein volltönendes Saitenspiel, und dank diesem Saitenspiel konnten unsere Almen dem Rachen des Wolfes Trotz, bieten. Da erlebten wir im vorigen Jahrhundert die Auflösung unseres VolksbewuDtseins, damit rili die erste Saite des Instrumentes. Hand in Hand mit der nationalen Zersetzung ging die zu* nehmende Unkenntnis der hebräischen Sprache und Literatur, — es eil) die zweite Saite. -- Kalter Schweib trat auf die Stirn unserer Edlen. Aber noch hatten wir ja Sabbat und Ritual-Gesetze. Fieberhaft waren die Führer bemüht, diese Güter wenigstens festzuluilten, aber umsonst; in weitesten Kreisen ist auch die dritte Saite ge* rissen. Was heute in Israel von dem volltönen* den Judentum übrig ist, das ist die allerletzte Saite, nämlich der Besuch der Synagoge am Neujahr und Versühmmgstage. Wenn auch diese Saite reibt, was dann? Nun rufen die Anhänger der Assimilation in ehrlicher Ueberzeugung: Ethik, Ethik, mul abermals Ethik, das ist das ganze Judentum. Mit der Virtuosität eines Paganini spielen die hervorragendsten Vertreter des Liberalismus, —־ wir denken an den ausgezeichneten Marburger Professor, —- diese eine Saite und täuschen ein ganzes Saitenspic) vor. Sie betonen den Charakter des Neujahrsfestes, welches jeder nationalen Einschränkung Feind sei und nur den Menschheitsgedanken in erhabener Sprache predige. Diese einseitige Auffassung des Jahresfestes entspricht weder dem Inhalt unserer Gebete, noch der Anschauung der Weisen Israels. Die groben Gelehrten unseres Volkes lenken unsere Aufmerksamkeit auf die beiden Hörner des Widder s unseres Vaters Abraham, den er statt seines •Sohnes zum Opfer brachte. ״Der Slonbr.iuo cratrobt für das jüdlacbo Voll! Uia Cclir.ifung einer iiffeut- Hch-rech׳"lea;;calehcrion Ilehnotülto in Pnh.r.ttaa.4* Dr.!*;׳:!or Progrnrara» Das linke Horn, welches später als Schofar am Sinai ertönte, ist ihnen ein Symbol der ethischen Aufgabe unseres Volkes. Durch dieses l lorn wird Israel jede Schuld vergeben, und es empfängt aufs neue seine heilige Berufung, Lehrer und Berater der Menschheit zu sein. Aber der Widder hatte auch ein zweites Horn, und dieses rechte l lorn beziehen unsere Weisen nicht auf die ethische Wirksamkeit, sondern auf das Glück u n d d i e W i e tl e r gehurt I s r a e I s. Wie dieses I lorn verwickelt ist im Dickicht, so ruft im Midrasch Gott dem Abraham zu, so wird einst Israel hin und her gestoben ,zwischen den Nationen, von Babel nach Persien, von Persien nach Griechenland, von Griechenland nach Rom, aber schlieblicl» wird Gott in das grobe Schofar stoben, zu welchem dieses Widderhorn sich wandelt, und das Joch der Nationeii von seinem Volke nehmen. Es ist erfreulich, dal) wir alle die Lehre des linken I lorncs beherzigen, und stolz sind auf die Verdienste Israels um die Menschheit. Aber vergessen wir auch nicht, dal) der Widder ein zweites Horn hatte. Und wenn es Brüder gibt, die von diesem rechten Horn nichts Am 25. September verlegen wir unsere Bureaus nach »ד ד ^**׳■*״A ר■-* , '®־י• ץ■“*/ 44 »•* *• A*׳*י*' יי- \f ר *r"»־״, <■ ר■« ץ.-.יי *• ׳ י״"* \V 7 «mV \6w d Strai; ס ö Da unser Bureau in Zukunft räumlich mit dem Zcntralburcau der Zionistischen Gesamtorganisation verbunden sein wird, bitten wir olle unsere Freunde und Korrespondenten im Interesse einer raschen und korrekten Erledigung der für uns be• stimmten Zuschriften dringend darum, bei Briefen an uns nicht mehr die Adresse ״Zionistisches Zcntralburcau“ oder ״Zen* tralburcau der Z. V. f. D.“ zu verwenden, sondern sich im Verkehr mit uns aus• schließlich folgender Adresse zu bedienen: Zionistische Vereinigung :: für Deutschland,_v, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8 Gleichzeitig werden auch die Bureaus der Expedition und Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ sowie das deutsche Bureau des Jüdischen Nationalfonds verlegt, deren Adresse vom 25. September ab ebenfalls lautet: rr:״׳) «׳7 ןץ־ י ’(;*־״י«*׳■^ V:׳) \4 ' 7. 15, (X *•*» -r-M׳/ •־׳■»Tך <*•4• hL* I» ü *j *4 w h ׳ 0וז:ן*-/י־׳י'י׳~;ן״׳.י־׳*■*־' 1)1« Nmiimorii f.'lr toWmiUi'ln״׳ An* rut' wnrtiitn nooli buhnnnt ««macht Ziom.vthchc Vereinigung für Deutschland wissen wollen, -- wir können nur immer wieder das Wort der Weisen zitieren: — Kein Schofarklang ohne Freiheit, kein Schotarklang ohne Zion! Mit dem Herzen die ganze Menschheit umfangend, wollen wir fcsthaltcn an unseren nationalen Hoffnungen und den uralten Weissagungen vertrauen. Erst dann wird der Bedetitung von Roscli Haschanah Genüge getan, erst dann wird die Bosheit geschwunden sein von der Erde und jeglichem Ucbermut ein Ende gemacht, wenn die Acrmsten der Annen gcborgen sind, und sich zurufen können, ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenhamn. Dann werden auf heiligem Boden die zerrissenen Saiten der Davidsharfe wieder gcknüpft, und volltönend wird in die Welt hinausklingen das jüdische Lied, um Tiere der Wildnis durch Melodie zu händigen, und die Völker zum Berge zu rufen. Eli zur. Partikularismus Von M. Catvary. 1. Ich war sehr gespannt, als ich einen Aufsatz Dr, Kfllcrm.iiins in der grünen Zeitung bekam, bc* titelt: ״Universalistisches mul partikularistisches Judentum", l>r, Kellcrmaun bemüht sich seit Jahren, als Schuldirigciit, als Leiter eines Jugciidvcrcins, als Mit* glied des berliner ״Liberalen Vereins״, den religiösen Liberalismus auf eine philosophische Basis zu stellen. Das kann uns sehr recht sein. Wir ziehen jede Welt* anschauung einem konzilianten, tagespolitischen Misch* tnaselt vor. Und ״parliknlaristisches Judentum", — das konnte doch nur gegen den bösen Zionismus gelien! Ich hatte mich geirrt. Kellcrmatm zieht in seinem Aufsatz, gegen die ״Oesctzlichkeit der Riten" zu Felde. Wir wissen, dal) diese Gesetzlichkeit mit der Weltanschauung des Zionismus nichts zu tun hat. Und wenn auch die Zionisten gerade Herlins oft mit den Orthodoxen Schulter an Schulter gckämpft haben, Kellermann betont, dal) cs sich für ihn nicht mit die Politik des Tages handelt, sondern um eine ethische Grundlegung, Insofern also bc* rührt uns die Tendenz, seines Aufsatzes nicht im geringsten. Aber dennoch scheint die Ueherschrift nicht ohne Absicht gewählt, Denn die Gründe des Verfassers sind zum Teil geeignet, einen jeden Partikularismus, den Geist der Sonderung überhaupt, zu bekämpfen. Da der Kern des Aufsatzes sich aber nicht mit dem Zionismus direkt befallt, bin ich i» der üblen Lage, aus einer geschlossenen Beweisführung einzelne Punkte herausgreifen zu müssen. Die wissenschaftliche Ethik verlangt, dal) im Individuum der Geist der Allheit herrsche! nicht ein Geist der Mehrheit, ־— das ist das Leitmotiv der im Anscblull au Hermann Cohen formulierten Gedanken, alles andere ist nur der Kommentar dazu. Kellermann ist einer der Deduktiven, und, wie alle diese Deduktiven, freut es sich an dem mathematischen Zwang, der Beweiskraft des Schlusses. Er zimmert ein Kreuz aus Begriffen und Folgerungen, und entdeckt dann, wie trefflich der lebendige Leih zur Strafe! — daran pabt. Es genügte vielleicht, dem universalistisch gcrich* leien Ethikcr kurz, und gut zu antworten: wir müssen doch 1 c l> e n , ein Recht, leben zu wollen, hat jede Gemeinschaft. Aber c« ist ganz richtig, dieser Wille zum Lehen ist kein moralisches Motiv, keine Erhaltung im Kampfe ums Dasein bedeutet ein Werturteil. Den Naturalismus in der Ethik weist Keller* manu zurück, mul niemand wird cs ihm verwehren, Es ist auch nicht so, dal) wir uns hintcr.diesen Lebens* willen als letzte unserer Rechtfertigungen zurückziehen niübtcn. Wir empfinden das nationale Dasein durchaus als individuelles Soll, nicht als bloßen