Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1 1 » 1 H 1׳ ו Seite 440 JUEDISCHE RUNDSCHAU es klänge fast wie ein Spall, wenn die Sache für die Bedrohten nicht bitter ernst wäre. Auf Ürund von Angaben dieser Demagogen, lic.ik* tionäre und beruflichen Judciihctzcr läßt der Premier die unbegründeten Anschuldigungen aiteinaiulerreihen und darauf ein konsequentes System errichten, aus dem eine unerhörte Entrechtung der Juden resultieren muH. Es dreht sich zwar nur um den Gctrcidehandel und um die Vorsichtsmaßregeln, welche zur Abwendung des darin zutage tretenden jüdischen Einflusses erforderlich wären, aber dieselbe Sprache können und werden bald die Offiziellen mit gleicher Methode gegen die angebliche jüdische Herr* schaft im Holzhandel, in der Zuekerindustrie u. a, führen, in welchem Wirtschaftszweig auch immer die von den meisten Berufen zurückgedrängten russi* sehen Juden sieh noch hervortuen, gegen jedes Gebiet im einzelnen kann die russische Regierung in gleicher Weise Sturm laufen und die Juden für alle bösartigen Erscheinungen verantwortlich machen, die im Wirt* schaftslcbcn sich breit machen. Uebcr den Gctrcidehandel behauptet der Hand* langer Stolypins folgendes: Die Juden hätten mit Hilfe jüdischer Hanken den ganzen üctreidchandel im Süden Rußlands an sich gerissen, sie seien dann weitergegangen, so wären die in die sogenannte Kalnschnikowbörsc in Petersburg und in das Getreide* geschah längs der Wolga eingedrimgen, woran( sie ihre Fangarmc nach anderen Zentren, nach dem äußersten Norden und nach dem Kaukasus, ausge* streckt hätten. Ja, es werde behauptet, daß die Juden im Begriffe seien, ein allgemeines Exportsyndikat zu bilden, mit dem sie die russische Konkurrenz ver• nichten und dem russischen Gctreidccrzcuger die Schlinge um den Hals zuziehen würden. Alle Ucbel* stände, die im russischen Gctrcidehandel hervorträten, seien nur auf das Konto der Juden zu setzen, sie er* niedrigten künstlich die Getreidepreise, sie riefen eine verhängnisvolle Spekulation hervor usw. Einzig und allein die Juden! Besonders schlimm sei es, daß die Juden es verstünden, mit den kleinsten Kapitalien große üctrcidcmassc» cinztikaufcn und zu exportieren, ihnen sei es auch zuzuschreibeu, wenn der Ruf des russischen Getreides im Ausland schlecht sei, kurzum, für alle negativen Erscheinungen, die auf diesem Gebiet zu verzeichnen sind, ist ein Sündenbock ge* funden. Und dieser Si'mdenhoek wird mit den schimpf* liebsten Bezeichnungen traktiert, Der Verfasser der offiziellen antisemitischen Bro* schüre scheint selbst die Empfindung gehabt zu haben, daß die grobe Tendenz gar zu grell in die Augen fallt. Denn er sieht sich immer wieder voran* laßt, sein Erzeugnis mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen zu versehen. Es wimmelt darin von Zitaten unter genauer Angabe der Quellen, ganz nach dem Beispiel hoehgolnhrter Werke. Aber die über* zeugenden Quellen sind, wie gesagt, Zeitungsmimmern der ״Rußkoje Snamja“, der Rußkaja Rjctsch“ und Genossinnen, Und ein solches U a g o u t g e n i c r t sich S t o I y p i 11 nicht, den höchst c 11 Staatsmännern als Material zu überreichen. Es ist symptomatisch ebenso für den sittlichen Niedergang des Premiers wie für den antisemitischen Geist, der oben a 11 e 1 n h e r r s c 11 c 1ul geworden Ist. Erklärung Der liaolam bringt in der Nr. 31 vom 22. Ab einen Bericht über eine nach dem Kongreß statt* gefundene Versammlung der russischen Delegierten, in dem es in wörtlicher Uebersetzung heißt: ״Kurt BI u m e n f c I d , der Sekretär des deutschen Zentralkomitees ist erschienen, um ■der Versammhing der russischen Delegierten im Namen der deutschen Delegierten einige Worte zu Überbringern Wenn Sie gesehen haben, daß die Vertreter der deutschen Delegierten im Pcrmunenzausscliuß dies• mal zu der Opposition gehörten, so hätten Sie viel* leicht denken können, daß dies zufällig sei, daß in Wirklichkeit iu Deutschland alles beim alten geblieben ist. Demgegenüber bin ich erschienen, um Ihnen milzuteilen, daß in den letzten Jahren eine große Veränderung zum Guten sich im deutschen Zionis* ums vollzogen hat. A111 A n f n n g war hier der Zionismus nur eine logische Forde* r u n g a 11 f (1 r u n d d e r S o I i d a r i t ä t mit d e 11 b c d r ä n g t c n j u d e n , und tiefere Wurzeln hatte er i 11t Seel c 111 e b c n nie h t. Deswegen war auch die übliche Methode der zionistischen Pro* pagamla die Forderung, den bedrängten Brüdern zu helfen. Jetzt haben sich die Verhältnisse geändert. Int Zionismus ist ein neues Geschlecht aiifgctrcteu, daß in sich den Geist der Renaissance und ihre Forderungen eingesogen hat. Der Zionismus wird nicht mehr auf die Judennot gestützt, sondern er ist uns ein tiefes seelisches Bedürfnis. Die Methode Achad.llaain’s ist. jetzt die iu der Agitation Itcrr* sehende und die theoretische Sprache des Zionis* ums. Es tut sich eine große Bewegung kund, die hebräische Sprache und Literatur zu lernen. Wir nähern uns Ihnen immer mehr, und seien Sie ver* sichert, daß wir zusammen mit Ihnen in Ihrem Geiste arbeiten und zusammen zum Ziel gelangen werden.״ Diese Anschauungen hat — wir wissen nicht von wem ermächtigt — der Parteisekretär der zio* nistischeit Vereinigung für Deutschland ausge* sproclien. Ausschließlich dieser Umstand gibt ihnen allgemeine Bedeutung. Sie sind gesprochen, ohne daß eine Richtigstellung erfolgen konnte, dazu in einem Kreise, in dem sie leider bestehende Ver* kcmuiiig nur mehren müssen. In leichtfertigster Weise wird hier unsere zionistische Gesinnung her* abgcsct/t, wird jahrzehntelange, treu geleistete zio. uisliselie Arbeit mit einem völligen Mangel an Ver* aiitwortnngsgefnhl verdächtigt. Herr Bhimcnfeld b<J* liauptct, aller bisheriger deutscher Zionismus sei — sagen wir es einmal offen — Rachmones-Zionismus gewesen, habe tiefere seelische Wurzeln nicht ge* habt, und jetzt erst sei ein feineres Verständnis für die Probleme unserer Bewegung aufgetaucht. Diese Behauptung ist geradezu grotesk, wenn man be* denkt, daß das im Gegensatz, zur rein pltilantltro* pisclten Methode stellende iialionaljüdische Ideen, gebäude, für das der Herr Parteisekretär schützend einlrelcii zu müssen glaubt, gerade von den Männern errichtet worden ist, von denen er jetzt iu veracht, lieber Beurteilung ab rückt, ist doch auch die Pro* pagamla fiir die hebräische Sprache, die stolz als ein Symptom der neuen Acra hingestellt wird, nusschließ, lieh inaugurierl worden von denselben alten deutschen Zionisten. Wir hatten wahrlich nicht nötig, auf das Erscheinen des Herrn Parteisekretärs zu warten, uni uns in die ״Mysterien‘1 der zionisliscticn י gedrungen und stiernackig. Er ist blauäugig und seine Augen, wie sein rundes, energisches Gesicht können wie von Stahl werden. Man möchte ihn für einen Bauern oder Arbeiterführer halten. — Wenn er spricht, durchbricht die gesammelte Energie die scheinbar nüchterne Ruhe. Er ist ein eiserner Präsident. Redet hebräisch, in 1kurzen, markanten Perioden, mit wenigen, aber sehr eindrucksvollen Gesten. Man genießt seilte Kratt, seine Art und Rede, noch eite man den Inhalt durch die Uebersetzung versteht. Erstaunlich ist die jährlich wachsende Zahl derer, die einer hebräischen Rede folgen, ja selbst fließend sprechen können. Die palästinensischen Arbeiter der sozialdcmo* kratiscltcn Fraktion — meist aus Rullland - reden hebräisch und jüdisch. Dieses, zur Hauptsache ein verdorbenes Mittelhochdeutsch, kann mau hie und da verstehen. Ucbrigens: Das ist fast Nebensache. Man muß sie sehen I Sic sind wie Raketen, jung und lodernd, und es ist schwer zu glauben, daß sie in erster Linie Juden sind: sie wirken wie reine Sozialrevolutionäre. Die Engländer: wohltuend kurz in ״der Rede, parlamentarisch gewandt. Unter ihnen ein Universitäts* Professor (Russe von Geburt), der mit verhaltener, dunkel gefärbter Stimme spricht. Er hat etwas Uebcr* - zeugte», Gcbändigt.Willcnsstarkcs, das wirkt. Auch er spricht ein auffallend gutes Deutsch. Man hörte um selten und man sah ihn selten auf dem Kongreß. Die Auscrwählten, darunter die besten Redner aller י,"'־*־ gewaltig in den Sitzungen des Permancnz-Aussebusscs zu arbeiten, der seinem Namen alle Ehre machte: er war permanent abwesend; sogar zwei Nächte hindurch ״tagte“ er, bis cs zu Tag ward .... Unter den Deutschen Persönlichkeiten wie der bisherige Präsident: Praktiker, vollendeter Redner und Volksmann, der eine suggestive Macht auf die große Masse ausübt.׳ Dana einer der Vizepräsidenten, der sich bis m den wildesten Lärm Uhicin mit seinem Beben Schwäbisch Ruhe zu verschaffen versteht. Unter den andern Deutschen allerlei Schattic* rungcii. Der feine, schöne Kopf des Berliner Ra* dierers, der mit so viel Wärme die Interessen der Gesetzestreuen vertrat, der schneidige Ton der ge* schulten Preußen, die unschätzbare, disziplinierte Ar* beiter sind. Dann wieder unter den Jungen, Korn* inenden, ein guter Redner in bestem Badisch, tem* peramcntvolt und liebenswürdig; ferner ein kluger Hamburger Journalist, die zu der ״westeuropäischen Gruppe“ der Russen gehören und die ein Wiener Schriftsteller ״gcmutlose Nictzschcancr“ nannte, weil sic kompromißlos sind und nur nüchtern, sachlich, anscheinend leidenschaftslos redeten. Doch hinter ihren einfachen, phrnseuloscn Worten bebten Herzen, die nicht mehr reden, sondern schaffen wollen. Der Liebling des Kongresses ist ein bekannter Pariser Naturwissenschaftler, der trotz Präsidenten* Hammer und seiner wundervoll leidenschaftlichen Energie doch allemal nur mit dem Charme und dem Witz des ״Wontiers“ siegte. Unvergeßlich rührend ist ein alter russischer Rnb* bitter, der• in England lebt und der die Orthodoxen Nr. 37 Welt eiiiweihcit zu lassen. Wenn es sich um den Wert der Gesinnung, um das seelische Erlassen des Zionismus handelt, so ist für uns deutsche Zionisten eine neue Epoche nicht an/uluechen. Wir deutschen Zionisten sind nicht aus ״Racluuones“, sondern aus der tiefen Erkenntnis unserer Seelennot, aus innerstem Bedürfnis, int Kampfe gegen eine Welt utilitaristischer Rücksichten Zionisten geworden. Das wolle sich der eben in die Partei getretene Sekretär gesagt sein lassen, auf daß er in Zukunft sich bescheidc und sich nicht in überhebender Weise ein ihm nicht zu. stellendes Richtcrnmt anmaße. Es tut uns leid, daß wir im Augenblick der Ver. sölmung zu solch scharfen Worten genötigt sind, aber wir hoffen von Ihnen, daß sie den deutschen Zionisten bei unseren russischen Gesinnungsgenossen eine gerechtere Beurteilung verschaffen werden, als es die Blumeitfeldscltett Worte tun konnten, und damit, glauben wir, ist dem Frieden in der Partei besser gedient. — L. B a n c 111, Berlin; M. B a u m , Berlin; A. B i r a m, Berlin; Emil Cohn, Kiel; David, Hamburg; Pobrzy 11:5 k i, Beuthen; Gold re ich, Köln; Hecker, Olciwitz; H ti I d s c 11 i n c r, Hamburg; Jeremias, Posen; Kollcnsclter, Posen; Kal• iitus, Hamburg; Karoski, Posen; Klee, Berlin; La chm an 11, Königshiitte; Willi. Lcwy, Berlin; Moses, Mannheim; Rosenkranz, Berlin; Stal!1, Tarnowitz; Herrn. Struck, Berlin; Victor, 4Wandsbek;0. Weil, O. W i t k o w s k y, j. Z w i r n, Th. Zlocisti, Berlin, Herr Bhimcnfeld befindet sielt zurzeit auf einer Agitationsreise und war deshalb nicht in der Lage, auf die Erklärung zu antworten. Wir unsererseits haben dazu folgendes zu bemerken: Wir können die innere Berechtigung der vor. stehenden Erklärung nicht anerkennen. Einmal ist cs sehr mißlich, nach einem kurzen ' Zeitungsreferat — noch dazu einem fremdsprachigen eine längere Rede zu kritisieren. Weiter wird jeder aufmerksame Leser der vorstehenden Erklärung selbst zu dem Resultat kommen, daß sogar in den zitierten Ausführungen des ״liaolam“, von denen noch gar nicht sicher ist, 011 sie den Sinn der Bluntenfoldschen Rede getreu wiedergeben, nichts von dem ent halt eit ist, was in der Erklärung der Unterzeichneten Herren in die Ausführungen Btumenfelds 11 i 11 e i n i 111 e r p r e t i c r t wird. Der grundlegende Irrtum der Erklärung besteht vor allem darin, daß die Herren Unterzeichner auf die alten Agitatoren des Zionismus in Deutschland beziehen, was Blumenfekl ganz offenbar von den deutschen Zionisten i nt a 11 g e nt e inen und von der Möglichkeit der Propaganda unter den deutschen Juden sagt. Klammert matt sich aber nicht an einzelne Worte, nimmt man vielmehr den Sinn der gesamten Ausführungen Bliuneiifelds, wie sie der ״liaolam“ wiedergibt, so ergibt sich, daß Herr Bhimcnfeld in der betreffenden russischen Versamm* hing nach dem Kongreß seine Ansicht über die 1,111• Wicklung des deutschen Zionismus dahin ausge* sproclien hat, daß die zionistische Idee in Deuueii*!and immer tiefer, immer nationaler und immer jo* discher erfaßt werde. Diese Anschauung wird Weder von den Unterzeichnern obiger Erklärung besinnen. unter des Zionisten anflchtc, dem Zionismus treu zu bleiben, auch wenn er die Kulturbcstrelmngcn aller Richtungen fördere und zu Religionsfragen k׳.:nc Stellung nehme. Von der Heranwachsenden palästinensischen Ju* gern! (hunderttausend Juden leben bereits dort) er* zählte ein Lehrer des hebräischen Gymnasiums in Jaffa. Eine Erscheinung wie ein Mann, ein Suda* napal, ein König aus. einem orientalischen Märchen* Bilderbuch. Unter seinen Kindern aber wird er zunt Kind. Unter den Gästen des Kongresses ragt Ad..1d Ha'am hervor, ein neu hebräischer Denker und Führer der geistigen Strömungen im nationalen Judentum unserer Tage, von seinen Jüngern über alle Maßen geliebt und verehrt. Er war allen Kongressen, r,eit dem ersten, fern geblieben und wurde mit großer Freude wiedergesehen. Aclind Ha’am — auch ein russischer Jude — lebt in London und, charakteristisch genug, als tüchtiger, hocliangeseliencr Kaufmann. — Der merkwürdige Judaskopf des Mathias Aclier, tlcs ewig verneinenden Ahasvers tauchte wieder auf; nm’iclt andere sehnsüchtige׳ Judenherzen waren da, die das immer wieder große Schauspiel anzog, wie ein Wille und ein Ziel so viele verschiedenartige, widerspen* stige Gemüter und Köpfe einigte und stark machte. V. Wenige Worte noch über die Outsiders: oder, besser gesagt, über die besten Freunde der Zionisten, die da waren, uin mitzuarbeiten. Ich meine nicht allein die christlichen Frauen jüdischer Männer, die