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Jüdische Rundschau · 1911-09-15 · Heft 37 (15.9.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 438 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37 Leute sri bt es heute kein cn politischem Zionismus 111 c h r. Heute muß man sich, wenn man ehrlich sein will, auf die Kleinarbeit in 4»n- Uistina beschränken, wo man diesem nicht ztigebon will, da irrt man umher uiul «reift zu allen möglichen Mitteln, die nicht nur tuiecht, soiulern direkt schad• ־ Herr Schach empfiehlt dann weiter Kolomsations- und Kulturarbeit. Wie der Kongreß gezeigt hat, sind wir schon vorher so klug gewesen, che wir Herrn Schachs wertvolle Ratschläge besaßen. E i n Gehcimnis aber soll \m% Herr Schach doch verraten: cs ist doch zu merkwürdig, daß wir cs ihm n i c recht machen. Wenn wir begeistert sind, nennt er es ״Hurrastimmung״ und verlangt nüchterne Arbeit von uns — arbeiten wir ruhig und ohne Lärm, so wirft er uns vor, daß uns das ״grolle, gewaltige Wollen" fehlt, das der erste Kongreß den Juden gab. Wie könnten wir es denn richtiger treffen? Das wüßten wir gar zu gern. Aber vielleicht liegt cs nur an der Pcrspcktive, in der uns Herr Schach sieht? Als er noch bei uns war, da war im Zionismus noch ״echter Schwung“, ״echter Glaube“, ״wahre jüdische Poesie". Und jetzt — ist Herr Schach nicht mehr bei uns, und da ist nun das alles verloren gegangen! Merkwürdig — sollte cs nicht vielleicht nur Herrn Schach so verloren gegangen sein, daß er es auch bei anderen gar nicht mehr glauben kann? Eine sehr treffende Rechtfertigung hat unser Kö!• ncr Gesinnungsgenosse Max Gold reich Herrn Schach im gleichen Blatte zuteil werden lassen, aus dem wir folgende Sätze wiedergeben wollen: Herr Schach kann sich in dein modernen Zionismus nicht mehr zurechtfinden. Seil dem '1. Kongreß, seitdem also Herr Schach nicht mehr zu den Zionisten sich zählt, hat Herr Schach die Zeit 1111scheinend verschlafen mul nnn gebraucht er heule nach 11 Jahren d i e s e 11» e n R e d e 11 s a r t e 11 u n d dieselben I e i e r I i c h e n R c d e w c n d u 11 g e n, wie sie damals die Feinde Mer/Is ״א gtnut im Munde führten. Herr Schach spricht von ״der künstlichen Schaffung eines jüdischen Staatswesens", er wünscht eine .,großzügige jüdische ZionisatUmsorgauisatUm ohne jede andere Ambition als die, ein neues I leim für jüdische Arbeiter zu schaffen“, spricht ferner von ״diplomatischen Mätzchen" und daß man ״durch die diplomatischen Torheiten alle kopfscheu gemacht hatte“. Ja, um des Himmels willen, ist denn Herr Schach mit Blindheit geschlagen? Wo hat er in den letzten acht Jahren diese Dinge gehört? Diese ״Anschuldigungen“ wagen ja nicht einmal die grimmigsteil Gegner dem Zionismus ״ins Antlitz, zu seiden• dern“. Oder meiiil Herr Schnell, daß man die tiir* kisehc Regierung über das Wollen des Zionismus nicht aufklärcu soll? Meint Herr Schuch, daß man für keinerlei Garantien und Sicherheiten für die Kolonisatiun Palästinas Vorsorge treffe und ruhig alles so gelten läßt wie cs gelle? Wäre dann in seinen Augen der Zionismus berechtigt? Man soll Kolonien gründen, ״ohne jede andere Ambition“. Ja, was für Ambitionen haben wir denn eigentlich, als die, dem jüdischen Volke eine Heimstätte in Palästina zu gründen? Herr Schach hat ja an der Festsetzung des Programmtextes aktiven Anteil genominen. Wenn es freilich damals nach ihm gegangen und seine A11sichten durchgcdrungcn wären, dann h ä 11 e e s beute so ausgesehen, als ob wir irgendwelche geheime Ambitionen verfolgten. Aber G. s. d. hat man auf seinen Rat nicht gehört. Und nun inacht Herr Schach (ausgerechnet Herr Schach) dem Zionismus diesen Vorwurf . . . In einem Punkte hat Herr Schach recht, das muß anerkannt werden, nämlich, daß der letzte Kongrell einer der wichtigsten und bedeutendsten war. Der Kongreß zeigte, daß der Wille zum Judentum auf seiten des Zionismus sich befindet, daß die Nationalisierung des jüdischen Volkes gewaltige Fortschritte macht, daß es ein ewiges unsterbliches Verdienst des Zionismus sein wird, das Judentum aus der Letargie aufgcriittelt zu haben. Wissen Sic, Herr Redakteur, was das bedeutet, daß an' einem Nachmiltage, bei der Kulturfragc, alle Verhandlungen, alle Debatten, alle Zwischenrufe in hebräischer Sprache erfolgten? Und 70׳,״« der Kongreßteilnehmer verstanden die cwig.junge Sprache und waren glücklicli solch en Tag erlebt zu haben. Und der Kongrell bewies, daß ihm nichts jüdisches fremd ist. Die Emigrationsfrage und die rrauentrage standen auf der Tagesordnung und die Verhandlungen hewiesen, daß auch da der Zionismus seinen Mann stellt. Warum erwähnte l־lr. Sch. nichts von den positiven Leistungen? Vom NationaHonds, der schon etwa •-׳seines Vermögens 111 Palästina investiert hat, von den gedeihlichen Fortschritten aller zionistischen InsliliilioiK'11, vom Bezalel, vom jiid, Gymnasium, vom neuen jiid. Stadtviertel in Jafta und von vielen, vielen anderen Dingen, die der Zionismus geschaffen. Anstatt dessen schreibt er, etwas pathetisch freilich: ״für ehrliche Leute gibt es keinen politischen Zionismus mdir“. Und läßt diese Worte schön gesperrt drucken. ... ‘ Geehrter Herr Redakteur! Ich glaube cs meinem Gewissen schuldig zu sein, Ihnen das Fazit des 10. Ziouistcnkoiifircsscs, anders, wahrheitsgetreuer, inittcilcii zu müssen und so bitte ich Sie sehr mir noch einige Worte zu gestatten, als Zionist und als Kongreßteilnehmer, ״Wir werden siegen in dieser oder jener (icstall, so wahr es ist, daß das jüdische Volk lebte und leben wird. Wir werden siegen, nicht weil wir so prächtige Kerle sind, sondern weil die sozialen und historischen Gesetze nach Zion drängen. Nicht die Personen haben die Bewegung begonnen und nicht sie werden das Werk zu Ende führen. Die Verhältnisse werden sich von seihst entwickeln und wir können den Prozeß nur fördern oder hemmen, aber nimmer beseitigen. Die Dampfwalze geht ihren Weg. Niemand vermag sic'aulzuli,1־!teil. Der Einsichtige sucht sie zii lenken, der Vorsichtige geht ihr wenigstens aus dem Wege. Nur der S t a r r s i 1111 i g e s t e m 1111 s i c 11 «' I! reut g egen וו n d sie s a u s t über i 1111 11 i n w c g. In diesem Sinuc laßt der moderne Mensch den Zionismus aut. Er ist ihm eine neue notwendige Kultur, eine nalional-soziak• Bewegung, eine neue Weltanschauung, zusammengestellt .׳ms den Triim• lnern alter und neuer Kulturen und angepaßt der Individualität der jüdischen Nation, Der Zionismus ist uns die Idee des jüdischen Volkes par excellence." Sie wundern sieh natürlich wie ich zu so schönen, salbungsvollen Deklamationen komme. 1111 Vertrauen will ich es Ihnen verraten. Ich bin zwar kein Jour• nalist, aber das Handwerk des Abschreiber ist mir ziemlich geläufig. (Oder ist das nur Schriftstellern gestattet?) Diese schönen Sätze, denen ich nichts hinzuzutügen habe, können Sie in einer Rede, die Herr Fahius Schach am 19. März 1899 hier in Köln hielt, nachlesen.׳ Abgesehen davon, daß wir die Sätze nicht so schön finden, tut Herr Goldreich recht daran, sic Herrn Schach entgegen zu halten. Die Dampfwalze wird auch über ihn bald ״hinwegsausen'1. . , , Eindrücke vom Zionisten-Kongreß "Von Johanna Fried borg (Heidelberg).*) I. Die drei Damen, die der Großlierzogin Luise jiut der Mainau von der Kulturarbeit der Juden in PaläsVma erzählen durften, hörten mit inniger Freude die klugen, wirkliches Interesse kündenden Fragen, die eine der arbeitstüchtigsten Fürstinnen unserer Zeit an sic richtete. Eingehend erkundigte sich die Großherzogin über viele Einzelheiten der palästiuensischen Arbeitsleistungen. Sie betonte, wie schön, wie edel sie es finde, daß gerade deutsche Jüdinnen, denen es doch recht gut gehe, sich für die armen und bedrängten!Juden Rußlands, Galiziens, Rumäniens cinsctztcn, Verwundert aber war sie zu hören, daß dieses Interesse kein so allgemeines sei, wie es der gütigen hohen Frau so selbstverständlich schien. Der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit In Palästina, von dessen Bestrebungen hierbei die Rede war, ist kein zionistischer Verein. Er ist aber von Zionisten gegründet und wird von Zionistiimeu geleitet. Das ist auch ganz, natürlich; denn nur sic haben dies glühende Interesse an Palästina. •) Wir ״Neuen , .. entnehmen der ״Neu geschätzt Gesinnungsgeii lieh veröltem!* das vorstehende Feuilleton L!:V;Cl>ulV״׳a,Ui8chc״ Eaiuics/eituiig" in der es die nossen Julius eilt hat. Siutoii'-Maitiiltcint kür/,- Von den Spitzenarbeitern die die Großlierzogin entzückten, wie auch von den kunstgewerblichen Arbeiteil des ״Bezalel“ soll ein andermal —• vielleicht anläßlich der großen Londoner Ausstellung — die Rede sein. Interessieren wird es, daß die Königin von Holland einen der Teppiche der Jerusalemer Kunstgewerbescliulc kaufte .und einen zweiten nachbestellte. An Farbenreichtum und Arbeit dürften diese Teppiche jetzt schon neben den beliebten Petmteppiclien bestehen. Die Leiterin der Spitzensehule in Jerusalem, Jaffa, Tibcrias, die aus Palästina zum Kongreß gekommen war, stand versunken und begeistert auf der Mainau. Sie sah die wundervollen Traucreschen, die licht- (iurchtränktcn Buchenzweige in die zart-blauschimmernilen Wellen des Bodensees nicdcrliängcn, und sic begriff die heiße Liebe der hier wurzelnden Juden für Deutschland ebenso, wie die Großlierzogin die Liehe und Arbeit für Palästina verstanden , . , II, Die i.age der Juden' in Uitßlniul ist schlimmer, als man ahnt. Die naeklen Tatsachen wirken noch einschneidender als )des alten Nordau anklagend, feurige Kougreßrede, Mau will die Massen mehr als probt,■irisieren, man will sie zu Parias machen. Die letzte Zuflucht aller national gesinnten russischen Juden waren die in den letzten Jahren gegründeten Vereine für die jüdische Geschichte. Dort hot (teil die Alten und Gereiften der Jugend Wissen, Trost, Hilfe einsclnmiggcln zu können. Kurz vor Das jüdische Auswanderungswesen Aus dem Jahresbericht der J. C. A. für 1910, Mitgctcilt von J, Turo f f•Berlin. Die jüdische Auswanderung, die im Jahre!003 infolge der ökonomischen Krisis in Nordamerika 5,t;!rk zurückgegangen war, hat bereits im folgenden Ja|,re ihre steigende Tendenz wieder aufgenoinmen. im Berichtsjahre waren es schon 105 791 Juden gegen 78 55(1 im Vorjahre, die allein nach Amerika atu ׳cwandert waren. Davon entfielen 91000 auf die Vereinigten Staaten, 5'2D auf Kanada und 65SI auf Argentinien. Da außer nach Amerika viele tarnende Juden alljährlich nach Südafrika, Australien und |׳a. Uistina wandern, da ferner große Scharen den um,len Schritt nach Frankreich, Deutschland und England lenken, so wird die Annahme, daß jahrein jahi.iu» 13000(1--150000 Juden ihre diversen östlichen ״Vater-!ander" verlassen, um sich andernwo eine neue Hei1n.1t zu suchen, nicht allzu übertrieben erscheinen. Als Auswanderungsländer kommen bekanntlich fast ,i. schließlich Rußland, Galizien und Rumänien mit etwa 7 Millionen Juden in Betracht, so daß von je b;00 Juden dieser Länder alljährlich 15 die Heimat verlassen müssen. Es wiederholt sich eben in unseren Tagen die gleiche Erscheinung, wie sie das jüdische Volk vor zwölf Jahrhunderten in Babylonien und vor acht Jahrhunderten in Deutschland erleben mußte. Die Auswanderung nahm damals einen immer wach• senden Umfang an und führte schließlich das last völlige Verschwinden der damals so zahlreichen und hocli/ivilisierleu jüdischen Bevölkerung jener Länder herbei. Auf dem weiten Weg von dem Hcimatstädtchcn in Rußland oder Galizien bis zur Niederlassungs• Stätte im fernen Nordamerika haben die jüdischen Wanderer fast ebenso viele Entbehrungen zu erdulden, wie ihre Väter einst auf dem Wege von Acgtptcn nach Palästina, Nur haben die heutigen Emigranten keinen Moses zum Führer . . . Mit knappen Geld* mitteln versehen, ohne alle Sprachkenntnisse und Führung sind sie mitten in einer fremden, ihnen feindlich gesinnten Bevölkerung jeder Ausbeutung schutzlos preisgegehen. Wie eine Schar Wandervögel von Krähen und Aasgeiern, so werden unsere müden Wanderer von einer schier utüiherschhareii Schar von Schiffsagenten, Geldwechslern und sonstigem Kaub־ zeug mnschwärmt, bei jeder Gelegenheit ühervuf* teilt iiik! um den letzten Notgrosehen gebracht. L* erscheint daher unbegreiflich und muß als /eichen der politischen Desorganisation des j ü d i s c 11 e n Volkes angesehen werden, daß bis vor Wenigen Jahren sieh niemand um die jüdische Emigration gekümmert hat. Auf vielfache Anregung aus Deutschland entschloß sich endlich die J, C. A. im Jahre 1905, den ersten Schritt zur Schaffung eher Organisation für die UÜberwachung des gesamten jüdischen Emigranten• wesens zu tun. Noch ist diese zukunftsreiche Schöpfung sehr jung und nicht über die ersten Stadien ihrer Entwicklung hinaus, dennoch hat sie tausende Juden bereits vor großem Schaden bewahrt und Weiteren zehntausenden direkten positiven Nutzen gebracht. An der Spitze der umfassenden Organisation stellt den Baseler Kongroütägon sind aucl» diese' Verein« verboten worden. Ich deute hier nur das ״Harmlosere“ an. Russen haben mich gebeten, nichts von Rußland zu schreibe .1; jeder Zeitungsbericht könne gefährlich werden. Die hundert russischen [)elegierten wRsen genau, was ihnen drohen kann, wenn sie zurückgekehrt -*;ml — und kamen doch. Die Führer der Bewcgtm1• ״> Rußland arbeiten vcrbotcncrwcisc; sie riskieren — und arbeiten doch. Einer davon, ein älterer Mann, Familienvater, wirtschaftlich absolut unabhängig, kehrt von B.“.:el zurück, um eine Gefängnisstrafe für seine zionistische Tätigkeit zu verbüßen. Theodor Herzl hatten einst — auf dem 6. Kon* greß — mehr als fünfhundert russische Delegierte zugejubelt. Sein Bild im Kongreßsaal grüßt (lies* mal eine kleine, aber tiefernste, entschlossene Schar. III. Die Physiognomiendes Kongresses zu betrachten, war der Mühe wert. Mim sah z. B. unter den russi• scheu Frauen, die wir ja am genauesten betrachten, viel elegante Erscheinungen. Die anderen Russinnen, die arbeitenden, waren übrigens, zum Erstaunen de!׳ sich dafür interessierenden Männer- und Frauenwelt, allerliebst anzusehcii. Alle einfach, chic und modisclt gekleidet. Der ״altbewährte“ Typ der schlampigen, schmuddeligen Russin ist im Aussterben. Friede seiner Asche. Uns gefielen die netten Dr. Dr. phil., mcd., jur., In ihrer sicheren Haltung und soignierten Toilette

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