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Jüdische Rundschau · 1911-09-08 · Heft 36 (8.9.1911) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 432 JUED1SCHE RUNDSCHAU des X, Kongresses bestätigt wurde). Wo es lichterloh brennt, brauchen wir kein Feuer z.u/.ufügeii, und wo alle Herzen erwärmt sind, kamen wir zu spät mit weiteren kleine» Funken." So weit l)r, Oaster. Das sind Stimmen, die vor der Entscheidung des Misrnchi sicher eine Würdigung verdienen. Und was gewinnt der Misrnchi bei einem Austritt? Glaubt man denn wirklich an einem grollen Xuzug aus dem orthodoxen Lager? im Jahre PKW wurde in Altona von einwandfreier orthodoxer Seile die l)r* gnnisntion ״Moria", welche in richtiger Weise für Pnliistinas Entwicklung arbeiten wollte, ins Lehen gerufen. Welche Unterstützung fand die Gesellschaft, die nichts mit dem Zionismus zu tun hat, bei der Orthodoxie? Man lese diesbezüglich den Artikel des Herrn l)r. med, J. Möller in Nr. 33 dieses Jahres im ״Israelit"•, hier kann man sehen, was der Misrnchi erwarten kann. Einzelne Sätze in dem Möllcrschen Artikel sind sicher wert, hier wiedergegeben zu werden. M. schreibt u. a.: ״Die Gründung der Moria erfolgte aus der Erkenntnis, daß die Orthodoxie trotz ihrer erheblichen Leistungen für das heilige Land und trotz der Fortschritte der letzten Jahre doeli zur wirt• schafUichcn und religiösen Hebung Palästinas nicht genug tut und für die Linderung der gewaltigen Schädigung, welche die Auswanderung nach Amerika der Jiidenhcit bringt, nicht genug gerüstet ist. Schon höre ich die Fragen aufwerfen: Mull denn die Orllio• doxie als solche etwas leisten? Leisten nicht viele Orthodoxe Bedeutendes in den Organisationen, welche für das Wohl unserer ideell und materiell schlecht ge* stellten Brüder arbeiten? Ja leisten sie nicht auch hier viel für die Erhaltung der Keligimisgesct/u? Wenn sie nicht in den Organisationen wären, würde daun nicht die l/ntcrdriickung der Traditionen des Judentums dort dauernd an der Tagesordnung sein? . . . Wo leisten die Orthodoxen in diesen Organisa* linnen wirklich Bedeutendes? Wo sind die erklärten Führer? Da lautet die Antwort: Nirgends! In der All. J. Univ. un|J in der Jca ist der Einfluß der Orlh((Joxic gleich Null. Und diese Verbände sind bisher die stärksten Mächte im Orient. Daß gegen das rein nationale Prinzip des Kultur* Zionismus der Misrnchi einen schweren Kampf führt, ist eine Tatsache. Auch hier sind die Orthodoxen nur geduldet und nus politischen Gründen vielfach ent* gegenkommemt behandelt worden. (Diese Bemerkung I Möllers entspricht nicht den Tatsachen. Der Verl.) I Atis meist taktischen und politischen Gründen arbeitet | die Orthodoxie mit dem Zionismus in Deutschland oft I Hand in Hand. Im ״Hilfsverein‘‘ und ״Esra" liegen I die Verhältnisse aus mannigfachen Gründen etwas I günstiger. Aber wo ist <J i c ״Tanroh" sou* I veriine Herrscherin? In welcher «ler genannten I Organisationen geschieht nicht mit Hilfe des Geldes I des orthodoxen Mitgliedes oft oder manchmal ein 1 schwerer Verstoß gegen die Tauroh? — O Tauroh, I unsere einzige Krone in dieser schweren Zeit, in 1 welchem dieser Verbände strahlst du sieghaft in deiner angestammten Majestät? Die Frage stellen heißt sie beantworten. Ohne Skrupel k a n n d a 11 e r k c i n gesetzestreuer Jude in eincrdicscrOr* ganisationen sein.‘‘ Soweit ein wirklich orthodoxer, es ehrlich meinen* der Jude, der sich nicht scheut, seinen Gesinnungs* genossen die richtigen Verhältnisse zu schildern. Was | Herr M. über den Zionismus sagt, ist falsch. Wenn j auch ein oder das andere Mai eine Entgleisung vor* kam (und wo passiert das nicht), so hat doeli im großen 11ml ganzen die zionistische Leitung als solche das Religionsgesetz stets respektiert und den Wim* sehen des Misraclii wurde stets gebührend Rech* mmg getragen, wenn auch die Zahl der Mitglieder dieser Föderation nicht allzu groß war. Ich kann tncinen Appell an die Mitglieder der Misraclii nicht besser schließen als mit den Worten unseres verehrten Hermann Struck am Schlüsse der Kulturdcbnttc. Struck hat zwar in energischen Worten um Ablehnung der Kulturresolution ersucht, allein seine letzten Sätze' sind doch so, daß sic geeignet sind als Friedensworte zu gelten. Er sagte: ״Die Anhänger des Misraclii haben sich jederzeit bereit gefunden, auf politischem Gebiete mit Zio• nisten aller Richtungen gemeinsam zu arbeiten. Auf dem Gcb’etc der Kultur aber, welche innerhalb des Judentums nufs engste mit der Religion zusammen• hängt, und wo sich Weltnns'.hUnngcn gegenüberstehen, ist nus Gründen des Gewissens eine;gemeinsame Arbeit mit andersgesinnten Freunden aussichtslos. Aus diesem Grunde fordert der Misraclii im Namen der Einheit und Einigkeit unserer Organisation, um eine gedeihliche und friedliche Zusammenarbeit auch in Zukunft zu ermöglichen, daß der Kongreß die Ausführung 'der Kulturaufgaben den einzelnen Parteien und Föderationen überläßt. * Der Misraclii legt ausdrücklich die Förderung der Kulturaufgaben aßen Gesinnungsgenossen dringend ans Herz und verpflichtet sich, das von ihm in Palästina begonnene Scludwerk und die Arbeit der neubegriindefen Jüdi* im n Kulturgesellschaft aufs eifrigste fortziisetzen, im rolle der Ablehnung unsere» Antrages müssen wir uns weitere Schritte Vorbehalten und lehnen jede Verantwortung für die daraus entstellenden Kouse* ipienzen ab. Wir hängen mit allen Fasern unseres Herzens an der von iniserm unvergeßlichen Führer llerzl ge* schnffeiien zionistischen Organisation und wünschen nichts sehnlicher, als innerhalb derselben Schüller an Schulter und mit Euch allen für die Erreichung unseres großen Zieles zu kämpfenI Und es gibt noch viel zu kämpfen, viele gemeinsame Feinde sind noch zu besiegen! Ich beschwöre Euch alle, meine Gesinnungsgenossen: Verlasset nicht den gemeinsamen Hoden! Laßt uns gemeinsam kämpfen und gemeinsam siegen! (Lebhafter Beifall.)" Möge er im Sinne des Friedens im Misraclii* kreise wirken und so dazu beitragen, daß die Einheit im Interesse der großen mul heiligen Aufgabe, die dein Zionismus gestellt ist, gewahrt bleibe. Möchten aber auch die Mitglieder des Misraclii recht sehr mit sich zu Rate gehen, bevor sie das Tuch zerschneiden und sieli die Worte vor Augen halten, mit denen Rahhi Kntischer sei. A. sein Huch ״Dri* schallt Zion" schloß*. ״So lasset uns durch euer* gische Tatkraft dafür sorgen, daß unser heiliges Land, das verheert ist, wie ein Lustgarten werde und an den öden Plätzen neue feslgehaute Städte voll von unsren Glaubensgenossen sich erheben mögen, auf daß dann sich bewähre des Herrn Wort: ,Ich werde | Euch ans allen Ländern versammeln und wieder in Euer Land führen‘.‘‘ Ivri. f: AUS ALL6R PIT ״ Deutschland I >ic M ii n c 11 e 11 e r Polizei hat einige seit vielen Jahren dort ansässige, aus Galizien und Rufi• latul eiiigcwnndertc jüdische l iatisiererfamilieu plötz* lieh a 11 s g e wies e 11. Weitere Ausweisungen ost• europäischer Juden sieben bevor. Vor kurzem ver* anstaltcie die Polizei eine förmliche Razzia in dem von ausländischen Juden bewohnten Stadtteile und notierte’sämtliche Familien, die keinen Gewerbeschein vorzeigen oder nicht nachweiseil konnten, woher sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Mehrzahl dieser Familien soll ausgewiesen w erde n. England Dem B. T. wird unter dem 6. September aus L 0 n d 011 telegraphiert: S e c 11 s u 11 d v i e r z i g A n g e k I a g t c , die sich wegen der P I ii 11 d e r u 11 g jüdischer Ge• schäfte in Trcdcgnr in Südwales zu verant* Worten halten, sind jetzt zu Gefängnisstrafen v 011 11 r e i Wochen bis zu drei Mo n a t c n verurteilt worden. Die Leute, die die Plünderungen begingen, standen mit dem Eise n b a h n 81 r e i k in keinerlei Zusammenhang. Es waren vielmehr zumeist Bergarbeiter mit ihren Frauen, Was sie bei den Plünderungen erbeuteten, war •zumeist nicht für den persönlichen Gebrauch zu verwenden. Auch aus dieser Meldung gellt also wieder hervor, daß es sich um einen richtigen antisemitische n P 0 g r 0 m handelte, der 11 u r a 11 s Jude 1111 a fl und aus gar keinen anderen Motiven zu erklären ist. ftalir.n Der Antisemitismus Ist bisher in Italien weder von Politikern noen von Pseudogelchrtcnöffcnt• lieh vertreten werden. Im staatlichen Leben herrscht eine Toleranz, die höchstens in England ihresgleichen hat. In den niedersten Volksschichten freilich ist der Jahrhunderte lang künstlich genährte vcrachtungs* volle Haß gegen das Ghetto noch nicht ganz aus• gerottet und in denjenigen Städten, wo auch heute noch die Juden in bestimmten Quartieren, wenn auch freiwillig, heisammenwohnen, kommt cs gelegentlich zu Reibereien. In Rom hat ein solcher Auftritt dieser Tage sogar ein Menschenleben gefordert, da nach einem Wortgefecht zwischen christlichen und jüdischen Straßenjungen einer von diesen erstochen wurde. Man würde gewiß zu weit gehen, wenn man die Verantwortlichkeit für diese Tat, die sich nicht viel von gewöhnlichen Roheitsverbrechen unter* scheidet, der Religion des mcsscrstcchcndcn Jungen aufbürden wollte. Daß aber der Klerus auch in Italien die Feindschaft gegen die Juden schürt, geht (aus einer Veröffentlichung des römischen ״Mcssaggero" hervor, wie wir bereits kurz meldeten, der einem von Pius X. genehmigten und in klerikalen Schuten ein* geführten Lesebuch des Jesuiten Rinaldi eine er* bauliche Ocschichte entnimmt, die von der Bekehrung einer .ludcufamilic handelt. Zacharias und Rachel, so erzählt diese Geschichte, haben ein einziges Kind' den neunjährigen Tobias, den der Vater gelehrt hat Jesus zu verachten und das Kruzifix anzuspeien (I)! Rachel aber neigt zum Katholizismus, und auf einer Reise «ach Frankreich, wo sic von Tobias und ihrem bereits übergetretenen Bruder begleitet ist, läßt sie Nr. 36 sich taufen. Dem kleinen Jungen wird sori'licl! «• geschärft, dem Vater von all dem ja nichts Ai Nach der Rückkehr in die Heimat bemerkt Zacharias, daß auch sein Sohn ־/.um (;hristeuiuni nevf die volle Wahrheit aber entdeckt er nicht. Tobias w! sich nun auch taufen lassen. Anfänglich rät der ()!a wegen der Jugend des Ncophyleii da von ab, 8ן,ןז? lieh alter gibt er nach, mul der neue CI11i׳a ‘ mm dem Vater den ganzen Hergang. Zacharias vt! reist zunächst in blinder Wut auf eini!׳e Ta׳/' dann entführt er seinen Sohn und steckt ih״ jn 'A*'! Protest an tische Schule, wo er v« n seine* j christlichen Ideen abgclcnkt werden sott! Sein״ Muttc״! weiß nicht, wo er steckt, doch verliert sie tk•'״ nicht. Ein zweiter Bruder dieser Rachel, die minmchr Marianna, heißt, vermittelt zwischen den Galten und Tobias und wird dafür von diesem bekehrt. Ny. bleibt nur noch der störrische Vater übrig, t 'm diesen noch auf die vom Jesuiten vorgcz-ichncty Bahn zu lenken, greift die ״Hand Gottes‘‘ höchst, persönlich ein. Zacharias erleidet auf scin׳r al|% liehen Wagenfahrt einen Sturz, der ihn aufs Krankel lager wirft. Nach einem Monat erliegt er seinen V«. letzungcn; die Hinterbliebenen aber haben dm Trog Um zuletzt noch die Taufe und die letzte Oelunjj empfangen zu selten. ״Jesus und die Kinder“ heißt das erbauliche Buch des Jesuiten, der seine Leser glauben machen will, ein Jude halte eigens im tfau! ein Kruzifix, um es von seinem Jungen beschimpft!» zu lassen. Der italienische Klerus darf sich nach solchen Leistungen nicht wundern, wenn man ihn für die Ausbrüche wilden Fanatismus mitveraniwort• lieh macht, Russland ln Uralsk geschah das auch für Rußland merk• würdige Ereignis, daß der oberste Hüter der üffeni. liehen Ordnung, Pol izeie lief Liwkin, zwei Juden — die Kaufleute Beiijaminowiiseh und lljclo. sto/ky — e i g e 1111 ä 11 d i g e r s c 110 ß. Die Unglück, liehe» Opfer mußten es büßen, daß sie sieh erhtihn! hatten, gegen die unerträgliche Erpressiingssucht des Polizeieltefs, dem sie allmonatlich ihren ״Tribul״ ent• richten mußten und der den Tarif für diese ״Ab. gahen‘‘ immer höher schraubte, bei der Vorgesetzten Behörde Beschwerde zu führen. Nach voll/ugercr Tat erklärte der Mörder kaltblütig: ״Nun werden die Jüdlein keine Beschwerdcsclirifteii mehr schreiben I" Aus Petersburg wird der ״N. J. K." ge• schrieben: 1111 Justizministerium wird zurzeit eifrig an einem 1 Gesetzentwurf zur Reform des Advokaturwesens gc• 1' arbeitet, lieber die Natur der geplanten Reformen I wurde bis jetzt von seiten des Ministeriums nichts I: Bestimmtes verlautbart. Bei dem gegenv artigen 1' extrem-antisemitische» Kurs der russischen Regierungs• | Politik und insbesondere bei der bekannten erznaklio• I niiren und jdenfresserisehen (icsiiiniiiing der Icilemlcn 1 Beamten des Justizministeriums kann jedoch kaum I ein Zweifel darüber bestehen, daß diese Reformen in erster Reihe gegen die Juden gerichtet sein wer• den. In juristischen Kreisen zirkuliert denn auch das ganz bestimmte Gerücht, daß den jüdischen Rechts• amvälleit verboten werden soll, als Vertreter Christ• lieber Auftraggeber vor Gericht auf/utreten. PALfle5TIN’A־־RÜMDSCHAU Die sepliardischc Gemeinde in Safed '11 den gewesenen Grollrabhiner von Damaskus, A iimlari, zum Chachainbusctil gewählt. Dieser Tage .>:>f mm Rabbi Alfamlari liier ein, um sich nach seine. 1 neuen Amtsitze zu begehen. Er wurde hier von *.-:.u*r An• zahl Chachamim und Notabein aus Safed, 1e ihm ctttgcgc1!gm!s1 waren, nid das herzlichste begrüßt. Dieser Tage besuchte der neue Pa» ha von Jerusalem, Djaudat Hey, die Kolonie Ri schon• I e ■ Z i 0 n mul sprach sich sehr anerkennend über die Fortschritte der jüdischen Kolonisation in Pntü'üua aus. Aus Pelhach-Tikwali wird der ״N. J. K.“ Ecschrieben•. Der Chaehaitibaschi von Saloniki, K. Jakob Mcir, hat gelegentlich seiner jüngsten An• Wesenheit in unserer Kolonie ein mit verschieden«! Pflanzungen bestandenes ca. 60 Dimam große* Grundstück k ä u 11 i c 11 c r w o r b c n. יי in Jerusalem existiert jetzt unter dem Name״ Chadar-Thora ein n n c 11 m 0 d e r 11 e 11 p •i d 3 go* gischen Grundsätzen geleitetes CIm•‘* der.i in dem neben den jüdisch-traditionellen Unter* richtsgegenständen auch weltliche Elementarfächcr gc« lehrt werden. Zum Leiter dieser Anstalt ist vor kurzem Herr Dr. J. Marschak berufen worden, der früher an der Volksschule in Pethach-Tikwah tätig war.

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