Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 430 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 36 Del, Dr. Frlcdcmann beantragt in Ocrncin• schaft mit Struck, dieser im Aufträge der Misrächt, in eine Verhandlung über die Resolutionen auf diesem Kongreß nicht cintjutrctcn, sondern sic dem A. C, zur Prüfung zu Überweisen. Del. Struck! Die Anhänger des Misrnchi haben sielt jederzeit bereit gefunden, auf p o I i t i s c 11 e m Gebiete mit Zionisten aller Richtungen gemeinsam zu arbeiten. Aut dem Gebiete der Kultur aber, welche inner• halb des Judentums aufs engste mit der Religion Zusammenhang^ und wo sich Weltanschauungen gegcnüberstelien, ist aus Gründen des Gewissens eine gemeinsame Arbeit mit a n d e r s g c s i n 11 tun .Freunden aussichtslos. Aus diesem Grunde fordert der Misrachi im Nanten der Einheit und Einigkeit unserer Organisation, um eine gedeihliche und friedliche Zusammenarbeit auch in Ankunft zu ermöglichen, daß der Kongreß die Ausführung der Kulturaiifgaben den einzelnen Parteien und Fürderationen überläßt. Der Misracln legt atodriicklich die Förderung der Kulturaiifgaben allen Gesinnungsgenossen dringend ans Herz und verpflichtet sich, das von ihm in Palästina begonnene SchuHvirk und die Arbeit der neubegründeten Jüdisehen Kuhurgesellschaft aufs eifrigste forlzusctzcn. Im Falle der Ablehnung unseres Antrages müssen wir uns weitere Schritte Vorbehalten und lehnen jede Verantwortung für die daraus entstehenden Konse• quenzen ab. Wir Idingen mit allen Fasern unseres Herzens an der von unserm unvergeßlichen Führer Herzt geschaffenen zionistischen Organisation und wünschen nichts sehnlicher, als innerhalb derselben Schulter an Schulter und mit Euch allen für die Erreichung unseres großen Zieles zu kämpfen! Und cs gibt noch viel zu kämpfen, viele gemeinsame Feinde sind noch zu besiegen! Ich beschwöre Euch alle, meine Gesinnungsgenossen: Verlasset nicht den gemeinsamen HodenI Laßt uns gemeinsam kämpfen und gemeinsam siegen! (Lebhafter Beifall.) Es findet eine lebhafte Oesebäftsordnungsdebatte über die Behandlung der Resolutionen statt. Del. Kaplansky*Kaplan gibt für die Poale Zion eine Erklärung ab: Die zionistische Organisation darf das kulturelle und Er• zicliungswcrk nicht aus der Hand lassen. Deshalb haben wir dem ersten Teil der Resolution in der Kommission zugestimmt. Wir waren bereit, uns mit einer Erklärung gegenüber der Fraktion der Misrachi zufrieden zu gehen, daß der Zionismus und die zio* nistisclic Organisation in Rciigiousfragen völlig neu• tral sind. Religion ist Privatsadic. Auf wcitergeiieiule Erklärungen konnten wir in der Kommission nicht cingehcn. Der zweite Teil der Resolution ist eine Ocberraschutig nach den Mitteilungen, die die Dele• gierten aus Palästina in der Kommission machten. Alle Erziehung!• und Kuituraiistalten, die wirkliche Kultur verbreiten, müssen gefördert werden. Redner beantragt getrennte Abstimmung über die Resolution. Del. Dr. Holpern verlangt dcbattcnlosc Annahme der Resolutionen. Sie sind ein Minimum dessen, wofür man überhaupt vom Standpunkt der Kultur cintrctcn muß. Die Ueber• Weisung an den A. C. bedeutet nichts als eine glatte Ablehnung unserer gesamten Kulturarbeit. II;!;•; . Del. Rabbiner Rainct-Lidat Elic feil Misrachi war, dachte ich, der Zionismus kann dfc Richtungen vereinigen. Nun sehe ich, die Kulturarbeit spaltet das Volk. Der Redner appelliert an die Misracliisten, der Organisation treu zu bleiben. Andererseits ersucht er aber um die Ausschaltung der Kulturfragc, da sic die innere Einheit stören müsse. Die Debatte wird geschlossen. Mitgl. des A.-C. Dr. Tschlcnow stellt aus dem Protokoll des zweiten Kongresses fest, daß damals der Kongreß einen den jetzigen Resolutionen ganz ähnlichen Beschluß ge• faßt hat, der noch jetzt gilt. Er richtet an die Mis• rachistcu den Appell, sielt, wenn diese Beschlüsse jetzt von neuem gefaßt werden, nicht von der zio• nistischen Organisation Joszureißen. Del. Rabbiner Rablnowltschi Wenn der Misrachi aus der Organisation aus• ^ten sollte, ieh werde bleiben (stürmischer Befall). Weshalb soll ich gehen? Glaubt man denn, daß ich im Lager der Antizio ״'*ten bessere Juden finden werde? (Heiterer Beifall.) Wünschenswert ist, daß die Kultur frage mit dem Kongreß nicht behandelt wird, denn sie bringt Mißverständnisse. Sollte aber der Kon* grell den Resolutionen zustiiiiincn, dann werde ich n.1 c e d u g ege n sein. Nur die eine Bedingung: BeRaU)* *°* uns geschlossen ■ein! (Lebhafter #1®. Resolutionen der Kulturkommission werden fast einstimmig angenommen. Die Frauenorganisation Von Sara Knssrlcl. Vor mir liegen drei Arlikel über Frauenarbeit in Palästina. Der erste ist von Frau Wagner• Tauber. Ich habe den darin ausgesprochenen Ideen lebhaft beigestinunt und begrüße cs, daß jetzt ernsthafte Anstalten gemacht weiden, um die von Köln aus an die Frauen ergangene Anregung in die Tat umzusetzen. Ich begrüße cs mit Freuden, daß es sich unter den Frauen regt, und daß sie sich zu ernster Arbeit rüsten. Der zweite Artikel ist von Fräulein Helene II an 11 ah Cohn, Es erscheint mir fast überflüssig, auf diesen Artikel näher einzugehen. Kann man wirk• lieh in einer vcrslarktcn Regung der Kräfte, in einem Erwecken aus apathischer Selbstzufriedenheit, in einem Verlangen nach größerer Leistung ein Zeichen von ״Altersschwäche" erblicken? Fräulein Cohn steht uns offenbar recht fremd gegenüber. Wem der Zionismus 'nichts ist, als ein Verschönerungsmittel der eigenen Persönlichkeit, wer sich daran genügen läßt, den Zionismus ״so tief wie möglich in sich selbst zu erleben" und glaubt ״der Sache damit am besten zu dienen" — der mag zwar auch im Zionismus Existenzberechtigung haben, — der Zionismus bietet ja Raum für die mannigfachsten Erscheinungen, — aber mit uns arbeitenden Frauen, mit uns, denen die gegenwärtige Qencration als eine Generation der Pfadbereitenden, der Dienenden, Opfer• freudigen erscheint, mit uns hat Fräulein Helene H.iiinah Cohn nichts zu tun. Ueber der Persönlichkeit stellt uns die Sache, denn das Kommende ist das Lebendige. Von dem Kommenden erwarten wir das Leben des Judentums. Wir sind diejenigen, die den Boden pflegen und he* arbeiten müssen. Können wir es alsdann tatenlos mit mischen, daß es in Palästina kranke Säuglinge und hungrige Kinder, daß cs Frauen ohne irgend welche Kenntnisse und viele andere Ucbclständc gibt, ohne den Wunsch, zu helfen? Müssen wir nicht wünschen, dazu beizutragen, daß ein schönes, an Körper mul Geist gesundes Geschlecht in Palästina hcranwachc? Können wir uns damit begnügen, den Zionismus ״so tief wie möglich in 1ms selbst zu erleben", und glauben, ״daß die Frau der Sache dadurch am meisten dient"? Gewiß ist cs auch wertvoll und wichtig, unsere eigene Persönlichkeit zu bilden und zu ver• vollkommnen. Aus je höher stehenden Individuen die Bewegung sich zusammeiisetzt, um so wertvoller wird die Art des Ganzen sein. Daß der Zionismus die seelisch Adligsten unter den Juden zu seinen Dienern gemacht hat. kennzeichnet seine Wesensart. Aber die Beschäftigung mit der eigenen Persön• iichkeit kann nicht all unsere Kräfte absorbieren. Im Gegenteil, die Steigerung unserer Persönlichkeit mag auch neue Kräfte in uns mislösen. Um Fräulein Helene i taunaii Cohn Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, — sic gibt außerdem noch eine zionistische Tätigkeit der Frau in der Familie, unter der Jugend uud innerhalb der Ortsgruppen zu. Aber, wie gesagt, cs gibt Frauen, die nach größeren Arbeitsgebieten, nach Arbeitsgebieten, die brach liegen, verlangen, und Fräulein Cohn sollte doch vielleicht ihre Hände davon lassen, diejenigen, die sich zu ernster Arbeit zusammen tun, davon ab• hallen zu wollen und Verwirrung zu tragen in die Reihen derjenigen, die andere Wege gehen. Die verworrenen Ausführungen des Colin’schcn Artikels einzeln durchzusicbcn, muß ich mir versaoen, da ich damit lange Spalten zwecklos füllen müßte. Nur kurz bemerken möchte ich, daß ich per• sftnlicli und, ich vermute, auch Frau Wagner, durch• nus nicht die Frauenarbeit den Ortsgruppen entzogen sehen möchte. Meiner Meinung nach sollten die Frauen außer ihrem Ortsgruppenbeitrag an die Fraiicnorganisation extra etwa einen Monats• beitrag von 50 pfg, oder I M k. abfflhrcn, was gewiß kein großes Opfer bedeuten, der Frauen• Organisation aber Mittel geben würde für ihre Wirk• samkeit. Außerdem müssen zugunsten der cinzu• ziehenden Institutionen Snemlcn zulässig sein, deren Ausweis in der Rundschau erfolgt, also etwa für Hauslialtunesscliulen, Säuglingsheime usw., in der Art, wie gegenwärtig für den Bezalcl, das hebräische OynniaHiiiii usw, gesammelt wird. Fine Zcrsnlitternnrr würde hierdurch nicht hervor• gerufen, sondern lediglich ein Ausbau, eine Erweite• rung der gcge11w?<rti״cn Tätigkeit, Der dritte Artikel ist von Frau Sonja Orone• mann. Ich habe den Artikel mit viel Interesse gelesen aber ich war enttäuscht am Schluß. Ich wartete auf etwas, was nicht kam. Ich glaubte, Frau Oronemann würde uns zci״cn, welche Schnffonsmflglichkcitcn die geeinte Kraft zeitigt, und die zionistische Frauen• Vereinigung zur Nacheiferung anregen. Nichtzionistische Frauen sind et die dn« Krankcniiaiis subventionieren, nicl1tzianistisUlc p" ז sind cs, die Arbeitcrinnenlidmc und Landwirt schulen planen und, der Anregung des Herrn ו Trictsch folgend, Spitzenscluilcn errichtet |1.!|>Cn ü sich ,außerordentlich gut bewähren, — der ZI־ 1!!״״ f war bekanntlich dafür nicht zu haben. ,י*'־"״, Was haben wir zionistischen Frauen in p,1״, \ geschaffen? Worauf werden wir einst voll Sw ) zurückblicken können, wenn jeder vo'l Stolz aut d; Werk seiner Hände schauen wird? 0.1 •* Gewiß, wir haben unser Sclurßciit 7״m! wachsen des Nation,•ilfomls beigetr.igcn, wir |UjT | Oclbäumc gestiftet, wir Iiaben Feste voran ,hltet zum Gedenken der Großen unseres jüdisch׳^ VolL״ I und wir haben in der heranwaclisemien Ju1׳cnd A ׳t ־ Liebe zu unserem Volkstum zu stärken versuch1•; ׳ alles Dinge, die nicht zu unterschätzen sind. ',W Aber was haben wir für das Wold ^lästig״ getan? Was haben wir für die Armen, die Krank״ die Hungrigen, die Lernbegierigen, die Wer is ndcn, was haben wir für diejenigen getan, die unser n künftiges Volkstum darstcllen. Die Forderung der Frau Gioncmann, daß %!! zionistischen Frauen den Kulturverband durch un1«( Mittel unterstützen sollen, müssen wir ganz e״t, schieden nbtehnen. Nur wenn wir in Wahrheit di Schwächeren wären, könnten wir im Kulturverband untertauchen. Die Arbeit des Kuliiirverbandcs in Ehre!,. Hab״ sich dort Frauen, die sich unseren Ideen nicht «. schließen können, zu segensreicher Arbeit /usammcgetan, so wollen wir uns desser׳ freue!!. Ab« daran genügen lassen dürfen wir un! nicht. Wie sagt doch Jcltchen Gebert? Daß ttf, Tag kommt, wo einem für jegliche Leistung ei« Rechnung präsentiert wird. Es könnte ein Tag kommen, wo der Kulturverband uns zionistischen Frauen eine Aufstellung; seiner Leistungen in Palästina vor Augen hält und sieb das Recht nehmen würde, verächtlich auf um zu blicken, weil wir nicht mit einer gleichen leistun; quittieren können. Unser Parteisekretär Blumcnfcld sagte kürzlich: ״Was wir erstrebten, war friedliche Infiltration. W» nährten sie (die uns fernstehenden Org.111i>.a!ionc11) mit unserem Geist, aber dem Zionismus kam cs nick: zugute, denn aus ihren Leistungen schmiedeten sie sich Waffen gegen uns." Lernen wir noch immer nicht aus unseren Er• fnlmmgcn? Das Wohl des Ganzen ruft uns zionistisch« Frauen zum Zusammenschluß, um über den eng« Rahmen der Einzelleitung hinaus Aufgaben zu übe!• nehmen, die nach unserer Arbeit rufen. Das um allen gemeinsame palästinensische Ziel stellt sei« Forderungen vor uns auf, denen »vir geeemvärtij nicht gerecht werden und in der jetzigen Form unserer Organisation nicht gerecht werden können Kann cs alsdann unter uns noch Or!«::;ruppf״ gehen, die ihren Widerstand aufrecht erhallen? Wollen wir warten, bis das palästleensisib« Arbeitsgebiet ganz von nicht/ionistischcn Frauen bt־ arbeitet wird und uns nichts anderes übrig bleibt als die Scham, daß wir cs uns genug sr•! ließe«, uns an der Schönheit der zionistischen Idee zu be• rauschen, ohne an ihrer Verwirklichung mit/־׳ ,tbcilen’ Schließen wir uns zusammen zu gern Insamen! Schaffen, damit der Boden Palästinas unse'-f Hände Spur trage. ״Praktische Arbeit in Palästina!" P!s soll•* unsere Losung sein für die kommende Z׳:t. Vorstehenden Artikel batte ich bereits זי EföHnung des Kongresses cingesandt, er könnt ׳ aber vtf• mut’ich wegen Raummangels*) nicht früher :tgcdrucM werden. Ich konnte dem Kongreß leider nicht selbst bti• wohnen. Fs wird uns jedoch von den n.״|־gicriM berichtet, daß die Lösung der finanziellen ,'rage de» neuen Frauenvcrbaiidcs in der Weise gedae't ist. da" iccfc Ortsgruppe von den Beiträgen der F10 הסו.• ז"« an den Frauenverband abfülirt. Dem N.'.lianalf״״״* würde nur scheinbar dadurch ein Tr>; de» ®*'" trags entzogen werden, da ja die Eingän״c Fr Zw«« des heiligen Landes, also für den Boden, für dt» auch der Nafionatfonds bestimmt ist, verwendet wer• den würden. Wir erfuhren zu unserem Staunen, daß Bereits f>7 Frauengruppen sich dem Verband angcschlo»»*" hallen, wovon wir Berliner Frauen und wohl *ucn die Mehrzahl der anderen Frauen-Vcrcinc in DcuBe״* land nicht unterrichtet waren., ... Ein festes Programm ist bis’jetzt nicht anfgc»,t״ ln Anbetracht der Wich»i״kcjt der Verhandln"{־*" und des Umstandes, daß eine Beratung *wische" den Frauen in Nord, Süd, Ost und West gegenwärtig nicht stattfinden kann, wäre cs wünschenswert, <**״ . *) Die Vermutung der Verfasserin ist dur(h*u* richtig. Die Redaktion.