Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seife 425 Herrschaft des Notahchitiuiis zerstört, *י leider in der niclil/ionislisclicn Welt das Judentum repräsentiert; es herrschen die jüdischen N״t;,bel11, und zwar nicht die geistigen Notaliclu, sondern die uiflscha Blichen. Wie weit das führt, das sehen wir יי *ran, dal) ein Notabler seine Gemeinde zwingen kann, eines der heiligsten jüdischen Clesctze, das der Gast’ ז eiindschaft Juden gegenüber, zn verletzen. (Starker ׳eifall)• Wir sehen, dal) die -'tiitung eines der grollten;,״lischen Männer von einigen wenigen verwaltet wird 1 einem Geiste, der dem Willen des Stifters direkt ■•ulerspricht. Wir wollen die Verantwortung des Zio- •:;snuis auf müglichst breite Schultern legen; denn;׳ur die Verantwortung erhöht das Interesse. Wir haben im Statut das grolle A. C. als oberste •־ehorde des Zionismus erklärt. Aber wir haben dabei ■ach versucht, die Möglichkeit zu schaffen, dal) es eine Funktionen auch wirklich erfüllen kann; das epräsentative Prinzip, das Prinzip der Verantwortlicheit, die Wahl durch den Kongreil, das war auch der ■׳•rspriingliche Gedanke; er wurde aber verwässert *':׳durch, dal) die Lamlcsorgnnisationen ihre Vertrauens- -iMiiuer hineiusetzen sollten. Man bat zwei nicht .״׳sammengebörige Elemente zvisaimnengebracht und •!•׳durch das Actionscomite aktionsun- ’ ä h i g gemacht. Darum haben wir eine Teilung vor- :׳enommen: das Actionscomite, und daneben ein Z c n t r a 1 c o nt i t e, welches Delegierte der l.an- ׳!esorgauisationen nach der Stärke ihrer Verbände '"»fallt und somit den laudsinaunsehaftliehen Gedanl.eu zum Ausdruck bringen soll, Wir haben einige Aeiidcrungcu an der bisherigen Kegel vorgeuommen, um folgendem Gesichtspunkt geleitet: wir müssen den demokratischen Gedanken durchsetzen: dal! zwar jede hervorragende Persönlichkeit die Möglichkeit hat, sieh in der Organisation eben kraft der Persönlichkeit die Macht und den Eiiiflull zu verschaffen, die die Persöuliehkeit gewährt; aber wir glaubten das nicht dadurch fördern zu sollen, dal) wir ihr schon von vornherein diese Position gaben; sondern wir dachten, dal) wir dann am besten erkennen, ob die Persönlichkeil wirklich so überragend ist, wenn die Bedingungen, unter denen sie arbeitet, die gleichen sind, wie die der linieren. Nur der, der sieh aus gleichen Verhültoisscn eine FUhrcrrolle schaffen kann, soll diese Position auch wirklich bekommen. (Beifall.) Denn sonst würden wir das ziisaristische Prinzip in der Verfassung nicdcrlcgcn. Mißverstehen Sie mich nicht: unsere Verfassung hat auch Platz, fiir ziisaristische .Persönlichkeiten, aber diese sollen nicht einen unabänderlichen Bestandteil unserer Verfasstmg bilden. Wir haben ein Kollegium eingesetzt von 5 bis 7 Personen, von denen mindestens die Hälfte, also 3 bis •I, am selben Orte wohnen mul). Aber diese Bestimmung ist nur das Minimum dessen, was die Organisationskommission für notwendig angc-chen hat. Wir׳ glauben, dal) Zionisten, Wenn sie so beieinander wolmen, daß si.e alle Arbeit kollegial erledigen, sofort alle auftauchemlen Fragen miteinander besprechen, eine geschlossene einheitliche Korporation darstellen. Einen anderen Gesichtspunkt haben wir in der Organisationskommissiou nur flüchtig besprochen und fixiert, aber cs ist ein neues Moment. Wir haben uns entschlossen, den L a n d e s u r g a 11 i s a t i o u e 11 und S 0 n d e r v e r b ä n d c n K 0 r p o r a t i o u s r e c h t c zu geben, die sie bis jetzt im Statut nicht besessen Prof. Senator und das Wesen des Judentums Aus einem Briefwechsel nt i t d e m j ü n g s t verstorbenen Professor Senator teilt Dr. Durdinski in der ״Voss. Ztg.“ folgendes mit: ״Senator war eine tiefinneriiehe, ernste Natur, und er hielt streng fest am Glauben seiner Väter, nicht darum, weil er zufällig hineingeboren war, sondern weil er ihn tatsächlich f ü r d c n h ö c h s t s t c h c n d c n unter allen Religionen der Welt hielt. Er sah in ihm die reinste und konsequenteste Ausdrucksform des Monotheismus und fand in ihm auch die hüchststchcndc Ethik, die der Nächstenliebe, vor Christus ausgesprochen. Senator hatte sich gri'mdlieh und eingehend mit theologischen Studien, bcsonders mit dein Quellenstudium der Schriften des Alten wie des Neuen Testaments 'beschäftigt und besaß Textkenntnisse auf diesem Gebiete, die manchen Theologen von Beruf in den Schatten stellen. Senator bedauert, •daß über das Wesen des ludcntumsundscin er Religion in weitesten Kreisen Unkenntnis herrsche; , , . daß man von ihm sich ein Bild mache . . was seit mehr als änderthalb Jahrtausenden die Kirche geflissentlich vorbreitet . . .. wonach cs im Gegensatz zum Christentum die Religion der Rache (das,Auge um Auge usw. aus dem mosaischen Strafgesetzbuch gilt als Piinzip der Jüdischen Religion) und als in Dogmen und Zeremonien erstarrt hingcstelit wird. Für das Christentum, die christlichen!Dogmen usw. wird eine Entwicklung zugegeben, das Judentum soll die rückständige Religion, von den Zeiten der Erzhaben. Aber wir lar.r.en dabei die Freiheit für die vorhandene Entwicklungstendenz, für die Bildimg von Parteigruppen ohne Rücksicht auf die Landsmannschäften im Kongreß. In den allerletzten Tagen haben wir noch eine kleine Aemlerimg im Statut vorgeuommen: das grolle Aclimiscomile soll nicht aus 23, wie wir cs ursprünglich vorstelligen, sondern aus 25 Mitgliedern bestehen, leb hoffe, daß über diese Acmlcrung keine Diskussion entstehen wird. Eine weitere kleine Aemlerimg: für die Orgauisationshildung soll nicht die Summe der Schekel in einem Jahre, sondern in zwei Jahren maßgebend sein. Das Organisationsstatut soll auch dazu dienen, die Differenz, die zwischen der Weltanschauung der Zionisten und der anderen Juden besieht, nicht zu verflachen, sondern zu vergrößern. Denn wir müssen uns dessen bewußt sein, daß uns von den anderen eine tiefe Kluft trennt und dal) ein zio* tt i hlis c 11 er Verein nicht einem der anderen jüdischen Vereine gleich z u achten ist. Ich will nicht darüber streiten, ob wir eine Partei sind oder eine Bewegung im jüdischen yolkc; alles ist richtig, aber nur zum Teil richtig. Aber eins wollen wir im Gedächtnis behalten, daß wir nicht ein Statut geschaffen haben, wie es sich die anderen philanthropischen, von Notabeln geleiteten jüdischen Organisationen geschaffen haben, sondern den Rahmen für alle diejenigen, die sieb radikal unterscheiden von der Weltanschauung aller anderen jüdischen Orgauisationeii. Wir können uns gelegentlich mit ihnen treffen In gemeinsamer Arbeit, aber eine An- 11 ä 11 e r u 11 g a 11 die I d e e der n n deren C) r g a n i sa t i o 11 c 11 k a 1111 cs f ü r uns nicht g e be 11, es sei denn, da ß d i e a 1t d crcn z u uns ko ni men. Wenn der Zeitpunkt kommt, wo wir das Gefühl haben, daß wir uns den Anschauungen der anderen Organisationen genähert haben, dann müssen wir uns sagen: cs besteht eine Gefahr für den Zionismus und seinen Gedanken, mul wir müssen uns dann sagen, daß wir einen Schritt vorwärts zu machen haben. Dazu müssen wir das abstrakte und langweilige Instruineut der Organisation mit wirklichen Gedanken erfüllen. Wir begraben den Zionismus, wenn wir die Organisation als eine Zusammenfassung von Vereinen und nicht als eine Zusammenfassung von Persönlichkeilen mit wirklicher Weltanschauung erfassen. (Lebliafter Beifall.) Vorsitzender Dr. Bodcnhclmcr gibt zunächst eine Erklärung ab: Sie erinnern siel», daß ich in der Debatte über den N. F. die Erklärung abgegeben habe, daß Behauptungen, die von misrachistischer Seite von der Kongrcßtriliüne erfolgt sind, eine frivole Unwahrheit darstellen. Ich habe mich nach Durchsicht der Akten davon überzeugt, daß die Misrachi-Delegierlcn allem Anschein nach in gutem Glauben gebandelt haben. Selbstverständlich lag es mir vollkommen fern, irgendwie die Ehrenhaftigkeit eines Delegierten hier auzuzweifeln und ihn kränken oder beleidigen zu wollen. Ich nehme aus diesem Grunde, und da die Herren subjektiv ־־• infolge eines Mißverständnisses - ihre Mittei• hingen liier gemacht haben, die jene Herren kriinken de Erklärung zurück. (Beifall) Wir fahren nunmehr in der Beratung des Organisationsstatuls fort. väter und Moses her geblieben sein. Aber wir Juden von heute — ich spreche nicht von den Juden in H a I b a s i e n, so wenig ich bei dem fortgeschrittenen Christentum an dasjenige der Armenier oder Slovakcn denke —■ wir stehen nicht auf mosaischem oder talmudischcm Boden, sondern auf dem Standpunkt des prophetischen Judentums, wir sagen mit Jesajas: ״Was sollen mir Eure Opfer, Euer Fasten ,usw., wir haben kein Dogma, denn das ״Zoim Israel" ,(das Glaubens- Bekenntnis, das auch Jesus als das *einige abgelegt hat, s. Mark,. Kap. XII, Matth. XXII), daß es nur einen Gott gibt, der alles geschaffen, ist kein Dogma, sondern eine Forderung der Vernunft, und die Ethik des Judentums ist in dem Gebot der Nächstenliebe (auch des Fremdlings) von Moses nicht von Jesus, und den zehn Geboten (auch von Moses) enthalten, Welche nichts National-Spezifisches gc■* bieten und die Grundlage aller Kultur sind, wir räumen deshalb nicht mit dem Alten Testament auf, weil es eben diese ewige Grundlage aller Kultur enthält neben historischen, juristischen, hygienischen Angaben, die vom Standpunkte der daniifigcn Zeit aufgefaßt werden müssen, geradeso wie. der lalmud oder die Kirchenväter neben vielem noch heute Mustergültigen allerhand Streitfragen, Abhandlungen, Spitzfindigkeiten enthalten mögen, die heute nur historisches Interesse haben. Ucbcr die jüdische Religion aufzuklären, daran lag mir, und wenn mir das gelungen, so werden Sic vielleicht erkennen, daß diese hinter keiner anderen zurückstcht. Und das die Juden die Mcssianischc Zeit noch nicht für gekommen halten, sondern glauben,.״ daß diese erst Kommen wird, und daß jeder durch Befolgung der Jüdischen Ethik dazu beitragen soll, sie einst herbeizuführen, dürfte der geschichtlichen Wahrheit wohl entsprechen. Dr. Bodeulieimer legt zunächst dar, wie das Prä• Sillium die'Sache zu behandeln gedenkt. Natürlich ist eine E i 11 z e I b e r .11 u 11 g des St a 1111 s in gleicher Weise, wie sie in der Kommission erfolgt ist, unmöglich, da müßte der Kongreß noch acht Tage sit/en. Gemeldet sind zur Generaldebatte bereits 33 Redner, diese Damen und Herren wollen doch irgend welche positiven Abänderungsvorschläge vor• bringen. Er werde daher mir das Wort erteilen zur Stellung von Anträgen mul zu ihrer ganz kurzen He• grümhmg. Diese Anträge wird der Organisationsausselmß, der bisher wegen der Tätigkeit des Perinanen/ausscliusses noch nicht zusammentreten konnte, noch heute prüfen und dann e i n h c i n 11 i c 11 c - V o r s c 111 ii g e dem Kongreß unterbreiten.' Bei einer anderen Behandlung der, Sache bestellt die Gefahr, ilah durch die Annahme irgend eines S o n d c r w u n s c 11 e 8 an einer S t c 11 c d a s ganze Fundament des Organisations- Statuts zerstört wird. Redner halte z, B. nach wie vor die Regeiimg der Frage der Sondervcrbümlc für nicht richtig; aber es würde ein Fehler sein, diese Frage noch in diesem Moment zu einer Kanipffragc zu machen. Der Vorsitzende richtet arj die Dolegierten die Aufforderung, seinem Beispiel zu folgen und Soiiderwiinselic, wenn sie nicht au die Existenz der Bewegung rühren, zuriiekzustcllcn. Del. Gronemann erbebt Einspruch gegen dieses Verfahret, das eine Präjudizierung des Kongresses bedeute; denn cs setze von vornherein voraus, daß er mit dem Statut im Ganzen sich einverstanden erkläre und nur event. einige Punkte ändern wolle. Nun ist eine Durch- Beratung durch den Kongreß, Paragraph für Paragrapli, ja nicht möglich, denn wer kennt überhaupt die Statuten? Es geht ihnen wie Klonstoeks Oden: ״Wer wird nicht die Statuten loben? l>och wird sie jeder lesen? Nein! Wir wollen weniger gelobet, doch desto mehr gelesen sein.“ (Heiterkeit.) Eine Aemlerung, von einer interessierten Gruppe bei der indifferenten Mehrheit des Kongresses durchgesetzt, kann das ganze Statut zertrümmern. Daher stelle ich den Antrag — er ist kein Pnrteiantrag, außer mir hat ihn auch Trictsch unterschrieben. (Heiterkeit.) 1. ״Der Kongreß beauftragt den Referenten des Organisationsausschusses, die Grundsätze des Organisntionsvntwurfs in einem Veriassungse n t w 11 r f e zu formulieren. 2. Der Kongreß entscheidet lediglich über diese neue Vorlage mul überläßt es dein A.-C., die Durchfülirungs seiner Beschlüsse durch Erlaß eines spezinlisiertcn Statuts zu sichern. '3. Der Organisalionscntwurf, sowie sämtliche zu diesem Punkt eingehenden Anträge werden dem A.-C. als Material überwiesen. Vorsitzender Dr. B o d c 1111 e i in e r: Der Antrag ist u 11 z 111 ä s s i g. $ 'JS unseres Organisations- Statuts bestimmt, dal) eine Abänderung des Organis.'itionsstatuls nur durch den Kongreß beschlossen werden kann, mul zwar ist dazu die Bestätigung eines solchen Beschlusses durch zwei aufeinanderfolgende Kongresse erforderlich. Der Antrag Gronemann würde zur Eolge haben, daß wir erst auf dem übernächsten Kongreß ein Organisationsstatut bekommen. Solange können wir nicht warten. Referent Dr. Margit lies ist der gleichen Mcimmg. Der Antrag Groneuumn wird abgeleimt. Es liegen drei Anträge auf Beschränkung der Redezeit vor: 10, 5 und 3־ Minuten. (Trictsch: teil habe einen weitergellenden Antrag: Null Minuten!) Unter lebhaftem Beifall wird die Beschränkung aut 3 Minuten beschlossen. Prof. Dr. Wcizntann: Ich habe!1 a m cns des P c r tu a n e 11 z aus- Schusses folgende Aenderungcn des Ihnen vor- Die Rasse 11 frage ist meiner Meinung nach nur durch konfuse oder unwissende oder in Rassenball verbohrte Menschen nufgcbauscht worden. Oewiß gibt es auch eine jüdische Rasse, aber nicht alle Juden sind von dieser oder überhaupt von einer Rasse. Das ist, abgesehen von körperlichen Verschiedenheiten schon aus der Tatsache zu entnehmen, daß in den letzten Jahrhunderten vor und in den ersten nach Christus das Judentum sich über die vcrschie» densteu Länder nach Westen ausgcbreilct hat.“ Mau sicht aus diesen Mitteilungen, daß jemand ein bedeutender Mann sein und über das Judentum trotz angeblich so genauer Studien recht schiefe und zum Teil verworrene Ansichten Italien kann. Der neue Alliance-Bericht Der deutsche Jahresbericht der Alliance Israelitc Universelle für 1010 ist in einem H Bogen starken Baude erschienen. Wie alle Jahresberichte der Alliance, so ist auch dieser Bericht eine Art Geschichte der Juden des verflossenen Jahres. In besonderen Abschnitten werden behandelt die Juden in Rußland, Rumänien, Marokko und Persien. Zugleich bietet der Bericht ein Bild von der Tätigkeit der Alliance, die sielt über drei Erdteile erstreckt. Er zeigt, auf welche Weise die Alliance ihre immer größer werdende Aufgaben erfüllt, wie in ihrem Schul- und Lehrlingswcrk ein Geschlecht herangezogen wird, das ein neues wirtschaftliches Leben beginnt. Von hervorragendem Interesse ist in dem vorliegenden Jahrbuch der Bericht über die Alliance-Expedition nach dem Y c m c n , den der Direktor der Allhnceschulcn in Bcyrut, Herr Jomtob Sentach erstattet hat,